Jeremia 1, 4-10 Gott beruft einen Propheten

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg
Norbert Giebel, 18.08.2019

Jeremia 1, 4-10 Gott beruft einen Propheten

4 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. 6 Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. 7 Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: Ich bin zu jung, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. 8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. 9 Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. 10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Liebe Gemeinde,

Gott will einen Propheten berufen. Falsch. Gott hat schon einen Propheten gerufen. Er teilt es Jeremia nur mit. Jeremia hat keine Wahl. Gott fragt ihn nicht. Gott verhandelt nicht. „Könntest du dir vielleicht vorstellen, mein Prophet zu sein? Überleg doch mal. Lass dir Zeit.“ Nichts davon. Gott beruft. Gott teilt seine Berufung mit. Souverän spricht er in das Leben von Jeremia hinein.

Niemand weiß, was Jeremia gerade gemacht hat. Hat er gebetet? Hat er die heiligen Schriften studiert? War er im Tempel? Oder zuhause? Vielleicht hat er Gott gerade geklagt, wie kaputt seine Welt ist. Jeremia lebt in einer düsteren Zeit. Er wird noch den Sturz und die Zerstörung von Jerusalem miterleben. Sein Volk hat alle Gottesfurcht verloren. Sie sind ein Staat wie jeder andere geworden. Sie gehen falsche Bündnisse ein.

Schon lange, seit fast 100 Jahren, ist das Nordreich Israel von den Assyrern besetzt. Nur das kleine Land Juda mit Jerusalem konnte dieser Weltmacht trotzen. Wir schreiben das Jahr 626 oder 627 vor Christus. Es war das 13. Jahr von König Josia. Jeremia selbst datiert seine Berufung (1,2). Nebukadnezar führt eine neue Weltmacht an, die Babylonier. Die Assyrer waren geschlagen. Jerusalem sucht ein Bündnis mit den Ägyptern. Kann das der richtige Weg sein?  Warum kehren sie nicht um? Zu Gott! Zu ihrem Gott! Warum beten sie nicht und suchen ihre Hilfe bei ihm?

Vielleicht war Jeremia sensibel für diese Fragen. Vielleicht hat er gerade gebetet, als Gott zu ihm sprach: „Dich will ich zu meinem Propheten machen!“ Das hat sein ganzes Leben verändert!

Erstens:      Gott beruft!
Zweitens:    Gott will jeden Menschen.

„Ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, sonderte ich dich aus, ehe du geboren wurdest, bestellte ich dich zum Propheten für die Völker!“

Gott sieht das ungeborene Leben. Das, was im Bauch einer Frau heranwächst, ist schon ein Mensch. Und Gott will diesen Menschen. Er bereitet ihn vor für sein Leben. Gott sieht nicht nur die kleinen Händchen und den großen Kopf des Ungeborenen. Gott sieht nicht nur, wie das kleine Herz schon schlägt. Gott sieht weiter. Er sieht schon, was aus diesem Menschen einmal werden soll. Er legt ihm eine Berufung ins Leben. – Keiner von uns ist einfach nur das Produkt seiner Eltern. Niemand nur ein Mix von bestimmten Genen. Keiner ist ein Zufallsprodukt. Jedem Menschen kann man sagen: Du bist gewollt! Du bist von Gott gewollt! Und Gott hatte oder hat eine Idee mit deinem Leben.

Allgemein kann man sagen: Gottes Plan ist, dass du leben kannst. Dass du dein Leben gestalten kannst. Dass du Jesus kennenlernst. Dass du ein Kind Gottes wirst. Dass du Gott zur Ehre lebst. Dass du lernst, was Liebe ist. Jedem Neugeborenen kann man es zusagen: Gott will dich. Gott ist dir gnädig Jesus ist für deine Sünden gestorben. Du sollst und du darfst als ein Kind Gottes leben!

Andere Kirchen taufen Säuglinge, um ihnen das zuzusagen. Wir und andere Kirchen meinen, dass die Taufe einen ganz anderen Platz im Leben hat. Wir sagen den Kindern dasselbe zu! Wir segnen Säuglinge und Kinder, wenn ihre Eltern sie bringen. Um aber Menschen zuzusagen, dass Gott sie will, dass Gott ihnen gnädig ist, dazu braucht es keine Taufe. Jede Mutter, jeder Vater kann seinem Neugeborenen zusagen: Gott will dich. Gott ist dir gnädig! Du musst nichts tun, nichts leisten, nichts beweisen: Gott liebt dich jetzt schon! Und er hat eine Berufung in dein Leben gelegt, dass du als sein Kind leben sollst. Gott hat schon alles für dich getan!

Und jeder von uns kann es sich selbst heute sagen. Oder seinem Sitznachbarn: Du bist von Gott beschenkt, begnadet. Du glaubst gar nicht, wie Gott sich gefreut hat, als er dich gesehen hat, schon im Mutterleib bevor du geboren wurdest.

Gott legt auch besondere Berufungen in das Leben von Menschen. Ich erzähle es nur, weil es hier gerade hin passt: Mein Vater hat für mich gebetet als ich noch ein Säugling war, dass ich einmal im Dienst Christi stehen solle, dass ich einmal Pastor werde. Ich weiß nicht, ob Gott für alle Menschen eine spezielle Berufung hat, einen Plan, was aus ihm werden soll, wo er ihn gebrauchen will. Vielleicht aber doch: Dass Gott eine Sehnsucht, eine Idee, einen Plan für das Leben von jedem von uns hat. Vielleicht gibt es viele Menschen, vielleicht sind viele heute Morgen hier, bei denen Gott, als sie noch in Windeln lagen, dachte: „Aus dir soll einmal ein Prophet werden, oder ein Lehrer, oder ein Tröster, oder ein Evangelist oder ein Polizist, oder einer, der in Gottes Reich Verantwortung übernimmt, ein Leiter, ein Gestalter.

Erstens:         Gott beruft
Zweitens:      Gott will jeden Menschen.
Drittens:       Der Berufene fühlt sich nicht berufen.

„Ach, Herr, ich tauge nicht zu predigen. Ich bin zu jung.“ Die Einwände sind verschieden. Sie wechseln auch im Laufe des Lebens. Irgendwann hat man zu viel im Beruf zu tun oder zu viele Kinder oder muss sein Eltern pflegen oder man ist dann eben irgendwann zu alt. „Ich tauge nicht zu dem, wozu du mich haben willst. Ich bin zu alt.“ Es gibt immer gute Gründe, Gottes Ruf nicht zu hören. Gottes Berufungen kommen oft nicht gelegen. Jeremia hat sich nicht beworben um das Amt. Er wird „Prophet wider Willen.“

Viele Berufene hatten zuerst Ausreden: Mose meinte auch, er könne nicht reden und er war 80 Jahre alt; als Gott ihn berufen hat. (2 Mo 4,10) Jesaja rief laut „Wehe mir, ich vergehe! Ich habe unreine Lippen!“ als Gott ihn rief. (Jes. 6,5) Jona haut ganz ab und flieht vor Gottes Auftrag. Gott ruft und die Berufenen sagen „Das kann ich nicht!“ Und vielleicht können sie sich selbst wirklich gut einschätzen! Aber die haben GOTT nicht in ihrer Rechnung! Sie schätzen nicht sich selbst falsch ein, aber sie schätzen Gott falsch ein.

Letzten Sonntag haben wir hier in der Predigt von Paulus gehört, wie er mit seinen Schwächen und Krankheiten zu kämpfen hatte. Und Gott gibt ihm das Wort: „Lass dir an meiner Gnade genügen! Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ (2. Kor 12,9) Ich sage es einmal überspitzt: Wenn Gott an eine Aufgabe ruft, dann ist die entscheidende Frage nicht, ob ich kann, sondern ob ich gehorche, ob ich es tue, ob er mich senden kann.

Abraham, das große Vorbild im Glauben, er ist losgegangen, allein mit Gottes Zusagen im Gepäck. Er wusste nicht wohin. Er hatte keine Ahnung, was ihn erwartete. Aber Gott hat gesagt, dass er ihm Land geben würde und ihn zu einem Volk machen werde. Glaube heißt Vertrauen und Losgehen. Das ist doch keine neue Botschaft. Und Gott sagt: Meine Gnade wird dir reichen! Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Gott beruft. Jeremia hat Einwände. Aber Gott zieht seine Berufung nicht zurück. Auch Jona hat er irgendwie nach Ninive gebracht, um seine Botschaft zu sagen. Ob wohl alle Berufenen ihre Berufung leben? Was denkt ihr? Habt ihr alle eure Berufung erkannt? Lebt ihr sie? Auch Berufungen wandeln sich. Manch berufener Redner wird im Alter vielleicht ein ganz berufener Zuhörer, Helfer und Tröster. Oder ein großer Beter wird zu einem großen Bekenner, durch den Menschen zum Glauben kommen.

Letzte Woche haben wir bei Galileo eine Reportage über einen Mann in Afrika gesehen. Als Kind lebte er auf der Straße, bettelte und stahl. Dann hat er eine Geschäftsidee. Bald hat er immer mehr Angestellte. Er wird Multimillionär! Dann überfallen ihn zwei Straßenjungen. Sie wollen Geld. Er rückt nichts raus. Sie demolieren sein Auto und hauen ab. Und am Abend weint dieser Mann. Er hätte einer dieser Jungen sein können! Warum hat er ihnen denn nichts gegeben? Dieser Moment wird zu seiner Berufung. Er verkauft seine Firma, allen Luxus, und kümmert sich um Straßenkinder. Die ersten 40 Kinder nimmt er zu seinen eigenen fünf Kindern ins eigene Haus auf. Inzwischen hat er 60.000 Kinder unterstützt, Kinderheime gebaut, unglaublich vielen Kindern Ausbildungen ermöglicht. Da hat einer seine Berufung gefunden. Und das hat sein Leben verändert.

Ich glaube, es gibt viele die ihre Berufungen nicht leben. Weil sie in ihren Einwänden steckenbleiben. Weil sie Gott zu wenig zutrauen. Weil sie kein Wagnis eingehen wollen. Oder sie geben Gott gar keinen Spielraum, dass er ihnen wirklich neues ins Leben legen kann.

Einige von uns kennen Krelingen. Ein großes Gelände in der Lüneburger Heide. Der Anfang und Kern des Ganzen war die Drogenarbeit. Gott hatte einem Pastor, Heinrich Kemner, die Not der Drogenabhängigen aufs Herz gelegt. Als er in den Ruhestand ging fand er einige großzügige Spender, kaufte einen Bauernhof, ließ Drogenabhängige bei sich wohnen, stellte einen Therapeuten ein und einen Landwirt, fing eine Landwirtschaft an. Die Drogenabhängigen konnten eine Lehre machen, als Landwirt, später als Tischler. Da hat jemand seine Berufung gefunden. Heinrich Kemner ist nicht in den Ruhestand gegangen und hat „etwas mehr Zeit“ für andere investiert. Seine Berufung hat sein Leben verändert! – Denke groß! Dein Herr ist der Größte!

Vor einem halben Jahr kam eine Jugendliche, keine 15 Jahre alt. Ich sollte für sie beten. Sie wünscht sich eine Aufgabe in der Gemeinde. Gott hat ihr ihren Platz geschenkt. Ab nächste Woche arbeitet sie im Gemeinunterricht mit.

Aber auch an die anderen will ich ein Wort richten: Christen, die sich nach einer Berufung sehnen. Die allgemeine Berufung, Jesus anzubeten, Gottes Liebe in der Welt zu zeigen, Jesus als ihren Herrn zu bekennen, diese allgemeine Berufung aller Christen haben sie. Aber sie wünschen sich eine konkrete Platzanweisung, eine Aufgabe, in der Gott sie haben will und wo sie gebraucht werden. Sie hätten gerne, dass Gott zu ihnen spricht und ihnen sagt, dass er sie schon im Mutterleib ausgesondert hat und folgende Aufgabe jetzt für sie hätte. – Ich habe keine Antwort. Keine Antwort, die tröstet. Bete mit anderen für deine Berufung. Fang an und tu schon das, von dem du heute weist, dass es Gottes Wille ist: Habe ein Herz für Menschen in Not. Bete für sie. Steh ihnen bei, wo es möglich ist. Bekenne deinen Glauben anderen Menschen.

Vielleicht möchtest du auch etwas ganz Besonderes tun. Etwas, was sonst niemand macht. Etwas ganz Originelles. Und vielleicht möchte Gott, dass du das Einfache tust. Vielleicht etwas, was auch andere tun, was nichts Besonders ist. Ich habe keine Antwort! Aber ich kennen Christen, die traurig darüber sind, die sich so sehnen nach einer Berufung. Ich wünsche diesen Schwestern und Brüdern von Herzen, dass Gott ihnen ihren Platz zeigt. (Steffi C. hat heute den Gebetsdienst übernommen. Sie wird nach dem Gottesdienst hier nebenan in dem Gebetsraum sein. Geht zu ihr hin, was für ein Anliegen ihr auch habt.)

Erstens:      Gott beruft
Zweitens:    Gott will jeden Menschen
Drittens:     Die Berufenen halten sich für nicht berufen.
Viertens:     Gott schützt und begabt die Berufenen.

7b Du sollst gehen, wohin ich dich sende, und alles predigen, was ich dir gebiete. 8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. 9 Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.

Jeremia soll Gott das Ruder übergeben, das Lenkrad in seinem Leben. Ohne Ausnahme soll er gehen, wo Gott ihn hinschickt. Das soll seine Lebenshaltung sein. Und er soll alles sagen, was Gott ihm aufträgt. Nichts zurückhalten. Nicht nur seine frommen Lieblingsthemen pflegen. Dazu muss man ganz offen sein, bereit zum Hören und zum Tun, auch Themen stellen, die einem nicht liegen, damit Gott uns seine Anliegen aufs Herz legen kann. Und Jeremia soll keine Angst haben. Er soll sich nicht vor Menschen fürchten. Der Herr ist bei ihm. Er wird ihn retten. Und er wird ihm die rechten Worte geben. Gott selbst wird sein Wort in Jeremias Worte legen! Das nennt man Inspiration. Gott gibt sein Wort in Menschenwort.

Das erinnert an den Missionsbefehl, den Jesus seinen Jüngern gegeben hat. Sie sollen in alle Welt gehen und Menschen zu Jüngern, zu Nachfolgern Jesu machen, und Jesus sagt: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“ Der Heilige Geist wird Gottes Wort in unsere Worte legen!

Jeremia soll Völker niederreißen und aufrichten. Gemeint ist, dass er auch an die Nachbarvölker Gottes Wort richtet. Das wird er auch tun. Das können wir in seinem Buch nachlesen. Wo sind solche Propheten heute?? Brauchen wir in unserer Welt nicht auch solche Propheten? Wo sollten sie auftreten? Wem sollten sie in Gottes Namen etwas sagen? Wer würde sie hören? Vielleicht gibt es solche Propheten heute. Aber wer hört sie?

Was sagt Gott zu Donald Trump? Nur als Beispiel. Ich hätte auch Putin oder Erdogan oder Salvini nennen können. Was sagt Gott zu dem erschreckend zunehmenden Nationalismus weltweit? Was sagt Gott über Länder, die keine Flüchtlinge aufnehmen? Was sagt er zu dem Egoismus und großer Unbarmherzigkeit westlicher Länder? Was sagt er zu Regierenden, die Oppositionelle unterdrücken, verbieten, einsperren? Was sagt Gott zu Ländern, in denen Menschrechte und Religionsfreiheit keinen Platz haben.

Ich bin kein Prophet und Politik ist nicht mein erstes Thema. Aber können wir es uns leisten, in dieser Welt zu leben und sie nicht vor Gott zu bringen? Dürfen wir es uns leisten, nicht zu fragen, wo wir unsere Stimme erheben müssen? Wo wartet Jesus auf uns heute nackt, verfolgt, hungrig, gefoltert, im Gefängnis? – Vielleicht bin ich ja doch ein Prophet: Ich wünschte mir einen Arbeitskreis Weltverantwortung in der Gemeinde, oder einen Micha-Arbeitskreis, die sich mit anderen Micha-Gruppen deutschlandweit vernetzten, die sich mit solchen Fragen beschäftigten.

Was ich heute sagen kann:

  1. Gott ruft Menschen.
  2. Jeder Mensch ist von Gott gewollt und hat die ganze Würde des Menschen von Gott verliehen bekommen.
  3. Berufene fühlen sich sehr oft nicht berufen. Die Einwände wechseln. Aber Gott hält fest an seiner Berufung.
  4. Gott schützt und begabt seine Berufenen.
  5. Diese Welt braucht Christen, die heute Salz und Licht in der Welt sind.

Amen.

 
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