Markus 10, 17-27 Kommen Reiche auch in den Himmel

mp3Predigt zum Anhören

Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg
Norbert Giebel, 25.08.2019

Markus 10, 17-27  Kommen Reiche auch in den Himmel?

17 Und als er (Jesus) hinausging auf den Weg, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe? 18 Aber Jesus sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als der eine Gott. 19 Du kennst die Gebote: »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.« 20 Er aber sprach zu ihm: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf. 21 Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach! 22 Er aber wurde betrübt über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter.
23 Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen! 24 Die Jünger aber entsetzten sich über seine Worte. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie schwer ist's, ins Reich Gottes zu kommen! 25 Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme. 26 Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: Wer kann dann selig werden? 27 Jesus sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist's unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.

Ein Mann will Jesus sprechen. Er hat es eilig. Er läuft zu ihm. Jesus will gerade aufbrechen. Entweder kommt der Mann auf den letzten Drücker oder er wollte Jesus alleine sprechen. Jetzt nutzt er die Gelegenheit. Er kommt und geht auf die Knie vor Jesus. Er hat eine Frage. Sie brennt ihm unter den Nägeln. Es ist ein junger Mann. Das kann man sehen. Maximal 40 Jahre alt. Ein Mann im besten Alter. In voller Kraft sozusagen. Nicht mehr grün hinter den Ohren und noch nicht grau auf dem Kopf.

Er ist ein frommer Mann. Das kann man nicht sehen, aber Jesus weiß es schon. Wir erfahren es erst später in diesem Bericht. Von Kind an wurde er in den heiligen Schriften unterrichtet. Auch seine Eltern haben es ernst gemeint mit dem Glauben. Von Kind an war er in der Synagoge. Er hat die Gebetszeiten eingehalten, gefastet, wie es sich gehörte. Ein wirklich vorbildlicher Jude. Ganze Teile der Mosebücher kannte er auswendig. Und er hat sich daran gehalten! Er hat sich mit ganzem Ernst Mühe gegeben, nach den Geboten zu leben. Und es ist ihm gut gelungen!

Er war ein frommer Mann und er war reich. Jesus weiß das. Wir bekommen auch diese Information erst später in diesem Bericht. Hätte er wertvolle Kleider getragen, teure Ringe oder wäre sonst etwas auffällig gewesen, wäre es wohl erwähnt worden. Dieser Mann protzt nicht mit seinem Reichtum, aber es ist eine ganz wichtige Sache in seinem Leben.

Hier kniet also ein Mann vor Jesus, dessen Leben wirklich gut läuft. Fromm, klug, erfolgreich. Sein Leben läuft sehr gut, aber er will ewig leben! Wie kann er sicher sein, dass, wenn er stirbt, Gott ihn aufnimmt? Wie kann er sicher sein, nicht verurteilt zu werden, sondern ewig zu leben? Das lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Also: Der kluge Mann baut vor. Hier seine Frage: „Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“

Die Frage ist ja wirklich nicht unerheblich. In den Psalmen heißt es einmal: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden.“ Damit wir klug, damit wir entsprechend leben, das ist gemeint. Unser Leben hier und das ewige Leben hängen zusammen. Und das Leben hier ist ziemlich kurz im Vergleich zur Ewigkeit. Neun Monate ist ein Baby im Bauch seiner Mutter. Das ist ziemlich kurz im Vergleich zu 90 Jahren, die es dann vielleicht lebt. 90 Jahre lebt der Mensch, vielleicht, und das ist ziemlich kurz im Vergleich zur Ewigkeit. Wenn dieses Leben sozusagen nur unsere Schwangerschaft ist und das Eigentliche noch kommt, dann ist die Frage ziemlich wichtig: Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben?

„Guter Lehrer“ spricht er Jesus an. Sicher hat er ihn predigen gehört. Vielleicht hat er gesehen, wie er Kranke geheilt hat. Er ist ein heimlicher „Fan“ von Jesus geworden. Er verehrt ihn. Keine Frage. Er anerkennt, dass Gott ihn gesandt hat. Kaum würde er sonst auf die Knie gehen. „Was nennst du mich gut?“, sagt Jesus. „Niemand ist gut als der eine Gott.“ Jesus wechselt die Ebene. Er bringt Gott selbst ins Spiel. „Was wir jetzt hier besprechen, das besprechen wir vor Gott!“ Das ist nicht eins der vielen Lehrgespräche wie die Lehrer damals es liebten.“ Jesus weist auf Gott hin: Wer das ewige Leben erbt, das entscheidet Gott.

Dann nennt Jesus einige der zehn Gebote. Gebote, die das Miteinander von Menschen betreffen: „Du kennst die Gebote: Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.“

„Habe ich alles getan“, sagt der Mann. „Diese Gebote habe ich alle gehalten. Ich achte das Leben anderer Menschen. Ich bin treu in der Ehe. Ich habe nichts gestohlen, niemanden betrogen, keine Rechnung zu hoch angesetzt. Ich bin niemandem etwas schuldig geblieben. Ich rede nicht schlecht über andere und ich versorge meine Eltern zuverlässig und großzügig.“ Dieser reiche Fromme im besten Alter ist wirklich ein Vorbild. Ein Vorzeigejude. Ein Vorzeigemensch. Ich weiß nicht, ob irgendjemand heute Morgen hier an ihn heranreicht. Ein hoch anständiger Mann mit hohen Ansprüchen an sich selbst.

Markus schreibt dann: „Da sah Jesus ihn an und gewann ihn lieb!“ Das ist Luthers Übersetzung. Manche Ausleger meinen, dass die griechische Redeweise hier auch bedeuten kann, dass Jesus ihm hier seine Liebe gezeigt hat. Vielleicht durch einen ganz besonderen Blick, wie er ihn angesehen hat. Vielleicht sogar durch einen Kuss oder dass er seinen Arm um ihn gelegt hat. Jedenfalls soll der andere jetzt erkennen, wie sehr Jesus ihn liebt.

Vielleicht hat Jesus dass große Potential in diesem Mann erkannt. Vielleicht hat er sich gefreut, wie ernst der Mann, der vielleicht in seinem Alter war, vielleicht etwas jünger, die Gebote genommen hat. Er liebt ihn von Herzen und sagt ihm dann: „Eins fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach!“

Der Blick verrät alles. Der junge Mann sieht auf den Boden. Er kann Jesus nicht mehr ansehen. Er kann diesem liebevollen Blick nicht mehr standhalten. Denn das, was Jesus jetzt fordert, ist ihm zu viel. Dazu reicht sein Glaube nicht. Dass er reich ist, dass er viel Geld und Besitztümer hat, das ist kein Attribut, keine Eigenschaft neben anderen. Das macht ihn aus! Das hat er sich verdient. Darauf hat er sein Leben gebaut. Das was er hat, ist er selbst.

Wer ist er denn, wenn er nichts mehr hat? Einer von Tausenden. Einer, den nichts mehr auszeichnet in der Gesellschaft. Nichts, auf das er stolz sein kann. Er würde seine ganze Macht, seinen Einfluss verlieren.

Der Mann weicht aus. Sieht weg. Geht weg, ohne auch nur noch ein Wort zu sagen. Er wäre bereit gewesen weitere Gebote zu beachten. Stille Zeit, persönliches Gebet, jeden Tag. Im Musikteam oder bei den Handwerkern am Tempel mit zu helfen. Irgendetwas. Aber hat eine große Reserve gegen Jesus, einen Vorbehalt. Da darf Jesus nicht ran. Der Mann verpasst die Chance seines Lebens: Einer zu werden, der Jesus nachfolgt. Er will ein Fan sein, ein Bewunderer, vielleicht stolz, dass er Jesus kennt, aber er kein Nachfolger. Er bleibt in seiner gesetzlichen und am Ende rein äußerlichen Frömmigkeit.

Paulus bietet einen guten Vergleich zu diesem reichen Frommen. Paulus hat die Gebote auch sehr ernst genommen. Er hat tadellos gelebt nach den Geboten. Paulus hätte auch sagen können „Das habe ich alles gehalten von Kindesbeinen an“. Aber Paulus kehrt um, als er Jesus begegnet. Und später schreibt er den Philippern, dass ihn diese ganze alte gesetzliche Frömmigkeit heute nur noch einen Dreck interessiert (Phil 3,8). Das sind harte Worte. Das ist ein hartes Urteil über sein altes Leben. Aber Paulus hat verstanden worauf es ankommt: Es kommt auf Jesus an. Ihm zu gehören. Seine Gnade anzunehmen. Jesus zu lieben und zu vertrauen; und wenn es alles kostet, was ich habe.

Gebote halten, das ist eine gute Sache! Das weiß auch Paulus. Aber Jesus will mehr als dass wir irgendwelche Gebote halten! Er will unsere Liebe. Zu sich, also zu Jesus, und zu unseren Nächsten. Und Liebe kann man nicht in Gebote fassen und sich dann selbstgerecht zurücklehnen. Die Liebe will mehr für Gott und für andere Menschen, als Gebote es fassen können. Jesus sucht keine Bewunderer. Er sucht Nachfolger. Menschen, die auf seinen Spuren leben. Die sich ihm anvertrauen.

Der reiche, fromme, junge Mann hat so viele Gebote gehalten. Aber hat gegen das erste Gebot verstoßen: Niemand soll mein Gott sein, als der eine Gott allein. Er hat sich an seinem Besitz, an seinem Stolz, an dem, was er geschafft hat, festgehalten. Und er war nicht bereit, es für Jesus loszulassen. Er hätte gar nicht mehr tun müssen, nur etwas für ihn aus seiner Sicht ganz Großes loslassen.

Jesus warnt oft davor: Reichtum ist eine große Versuchung. Eine Gefährdung. Etwas, das Macht über uns gewinnen kann. Jesus erzählt ein Gleichnis von einem Sämann, der Samen streut. Der Sämann ist Gott, oder Jesus selbst. Der Same ist Gottes Wort. Und dann sagt er: „Bei vielen aber fällt der Samen unter Dornen und da hat er keine Chance, Boden zu finden, zu wachsen, Frucht zu bringen. Und dann sagt er: „Die Dornen, das sind die Sorgen der Menschen und der betrügerische Reichtum!“ (vgl. Matth 13) Bei ihnen lässt der Reichtum Gottes Reich nicht wachsen!

In der Bergpredigt warnt Jesus seine Jünger: „Du kannst nicht Gott dienen und dem Mammon!“ (Matth 6,24) Mammon ist nicht einfach Geld. Mammon ist die Macht des Geldes. Die Sehnsucht, nach Erfolg. Der Wille oder die Sucht Anerkennung und Sicherheit über seinen Besitz zu bekommen.

Viel Geld haben bedeutet Macht und Wohlstand: Geld schießt Tore. Das kann man in der Bundesliga sehen. 150 Millionen EUR hat der BVB für neue Spieler ausgegeben. 200 Millionen würde Bayern München Leroy Sane von Manchester City kosten. Wer viel Geld hat spielt oben mit.

Wer reich ist, kann sich ein Haus kaufen, oder zwei, sein Traum-auto, Pferde, eine Motorjacht, Reisen in alle Welt, seine Kinder auf die besten Schulen schicken. Wer reich ist, ist frei und unabhängig. Er kann sich die besten Ärzte und Anwälte leisten. Man muss ja nicht gleich Millionär werden, aber „ein Stück vom großen Kuchen“ möchte doch jeder.

Die Banken sind schon lange die höchsten Gebäude in den Städten. Die Kirchen stehen in ihrem Schatten. Die Hauptsitze der Banken sind wie riesige Tempel: hell, lichtdurchflutet, kraftstrotzend. Und die Banker sind die Seelsorger. Sie wissen, worauf es wirklich ankommt. Haben wollen, das ist das Ziel der Menschen. Banken sind die Tempel  und Mammon heißt der Götze. Vielleicht übertreibe ich. Aber wo bleiben unsere Kraft und unsere Zeit? Was macht uns froh? Wann fühlen wir uns sicher? Was macht uns aus?  Worauf sind wir stolz? Die Warnung Jesu ist absolut aktuell: „Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in das Reich Gottes!“

Seinen Jüngern hat er gesagt: 31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? 32 Nach solchem allem trachten die Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr des alles braucht. 33 Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen.“ (Matth 6, 31-33)

Die ersten Christen in Jerusalem hatten alle Güter gemeinsam. Sie haben verstanden, dass der Umgang mit dem Geld im Reich Gottes anders aussieht als in der Welt.

24 Die Jünger entsetzten sich über seine Worte. Aber Jesus antwortete wieder und sagte: Liebe Kinder, wie schwer ist's, ins Reich Gottes zu kommen! 25 Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt. – Das Erschrecken der Jünger können wir gut nachvollziehen. Können Reiche auch das ewige Leben erben? Offensichtlich ja. Aber es ist nicht leicht. Sie sind gefährdet. Das wird eng.

Zuerst aber antwortet Jesus mit einem ganz allgemeinen Satz: „Wie schwer ist es, ins Reich Gottes zu kommen!“ Der Mann kommt mit seinem dicken Geldsack nicht durchs Nadelöhr. Jemand anderes vielleicht nicht mit seinem Fußball, weil sein Hobby, der Fußball, ihm alles geworden ist. Der Fußball war seine Reserve gegen Jesus. Jemand anders geht mit seinem Kochtopf und seiner Bratpfanne nicht durchs Nadelöhr, weil alle seine Kraft und Liebe Haushalt und Garten gehören. Bei jemand anderem ist es die Familie: Eltern, Kinder, Ehepartner stehen an der ersten Stelle im Leben. Das Glück der Familie ist der Sinn des Lebens. Die eigene Familie ist zu Dornen geworden, unter denen Gottes Wille sich nicht entfalten kann.

Alles, was Menschen festhalten oder woran sie sich festhalten, wenn sie vor Jesus knien, das geht nicht durch das Nadelöhr. Den Schatz im Himmel kann man nur haben, wenn man den Schatz auf der Erde loslässt. „Mit dem Himmelreich ist es wie bei einem Mann, der einen Schatz im Acker findet und der losgeht und alles verkauft, was er hat, um diesen Acker kaufen zu können!“ sagt Jesus (Matth 13,44-47).

Es gab Reiche in den Gemeinden. Reiche Frauen haben Jesus unterstützt, haben ihn und seine Jünger in ihr Haus aufgenommen. Petrus hatte sein Haus behalten. Jakobus schreibt in seinem Brief: „Wer von euch reich ist, der soll sich seiner Niedrigkeit rühmen, denn auch er wird wie eine Blume des Grases vergehen!“ (1,10)

Entscheidend ist, ob mein Reichtum Teil des Reiches Gottes ist. Dann ist das, was ich habe, nicht das ist, was ich bin. Dann lasse ich um Gottes Willen los, was ich habe. Und ich fühle mich nicht mächtiger oder größer, weil ich mehr habe. Ich habe nur mehr Verantwortung und eine größere Versuchung.

Die Jünger habe die radikale Forderung von Jesus verstanden: „26 Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: Wer kann dann gerettet werden? 27 Jesus sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist's unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.

Gott fädelt jeden Tag Kamele durch das Nadelöhr. Gott schenkt Gerechtigkeit, allen die Jesus vertrauen, allen, die alles loslassen, wenn sie vor ihm auf die Knie gehen. Der Himmel wird voll sein! Aber niemand wird es alleine durchs Nadelöhr geschafft haben.

Angenommen, wir sind zu Jesus gekommen. Angenommen, es ist auch unsere Wunsch: Ewig bei Gott zu leben. Angenommen, Jesus sieht uns in seiner ganzen Liebe an und es berührt uns tief, wie er uns liebt. Wenn er dann sagt: „Eins fehlt dir!“ Dann lasst uns das loslassen, was uns hindert, für ihn frei zu sein.

Amen.

Mit Gewinn gelesen habe ich die Predigten von:
Dipl.-Physiker Wolfgang Deiß (efk), 23.10.2011 in Tübingen; Pastor i.R. Dr. Albrecht Weber (ev.-luth.) 23.10.2011 in Habel und der Stadkirche Tann/Rhön; Pastorin Anne Oberkampf (EmK) Nov. 2015 in Wüstenrot.

 
Zum Anfang