Lukas 13, 10-17 Heilung einer gekrümmten Frau

Norbert Giebel, Predigt Gemeindefreizeit Willingen, 1.9.2019
Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Kassel-Möncheberg

Lukas 13, 10-17 Heilung einer gekrümmten Frau

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10 Jesus lehrte an einem Sabbat in einer Synagoge. 11 Unter den Zuhörern war eine Frau, die seit achtzehn Jahren unter einem bösen Geist zu leiden hatte, der sie mit einer Krankheit plagte. Sie war verkrümmt und völlig unfähig, sich aufzurichten. 12 Jesus bemerkte sie und rief sie zu sich. »Liebe Frau«, sagte er, »du bist frei von deinem Leiden!«, 13 und er legte ihr die Hände auf. Im selben Augenblick konnte sie sich wieder aufrichten, und sie fing an, Gott zu preisen.
14 Doch der Synagogenvorsteher war empört darüber, dass Jesus die Frau am Sabbat geheilt hatte. Er sagte zu der versammelten Menge: »Es gibt sechs Tage, die zum Arbeiten da sind. An denen könnt ihr kommen und euch heilen lassen, aber nicht am Sabbat.« 15 Der Herr entgegnete ihm: »Ihr Heuchler! Bindet nicht jeder von euch auch am Sabbat seinen Ochsen oder seinen Esel vom Futterplatz los und führt ihn zur Tränke? 16 Und diese Frau hier, die der Satan volle achtzehn Jahre lang gebunden hielt und die doch eine Tochter Abrahams ist – die sollte man am Sabbat nicht von ihren Fesseln befreien dürfen?«
17 Diese Antwort Jesu brachte alle seine Gegner in größte Verlegenheit. Das ganze Volk jedoch freute sich über all die wunderbaren Dinge, die durch ihn geschahen.

Jesus ist wie gewohnt am Sabbat in einer Synagoge und er ergreift das Wort. Jeder jüdische Mann durfte in der Synagoge nach vorne gehen, aus einer der Schrift­rollen vorlesen und etwas dazu sagen. Männer und Frauen saßen getrennt. Die Frauen saßen hinten, an der Seite, oder auf einer Empore. Sie waren Zuschauerinnen, mussten schweigen, durften nie eine der heiligen Schriften auch nur anfassen.

Eine von den Frauen soll heute Großes erleben. Sie hat sich wieder zum Gottesdienst geschleppt. Sie geht gekrümmt. Seit 18 Jahren. Sie kann die Sonne, Mond oder Sterne nur im Liegen sehen. Selbst die Gesichter vieler Menschen kennt sie nicht. Sie kann ihnen nicht ins Gesicht sehen. Sie sieht auf den Boden. Sie wird gezwungen dazu. Hals, Nacken, der ganze Rücken, ist steif.  Die Wirbelsäule total verkrümmt. Den Kopf ein wenig nach links oder rechts, mehr ist nicht drin.

Nicht mehr aufrecht gehen zu können, nicht mehr zum Himmel sehen zu können, das zieht die Seele nach unten. Jeder kleine Wortwechsel ist ein Krampf. Sie sieht die Füße derer, mit denen sie redet, während der Gesprächspartner auf sie herab sieht. Es gibt keinen Augenkontakt, kein Lächeln, keine Mimik, die man lesen könnte. Diese Krankheit verwehrt ihr eine normale Kommunikation und schränkt dadurch alle Kontakte ein. Ich stelle mir diese Frau krank und einsam vor.

Auch in der Synagoge freuen sich einige gar nicht, sie zu sehen. Sie gehörte da nicht hin, nach ihrer Meinung. Kultische Reinheit zeigte sich in damaliger Vorstellung auch in körperlicher Gesundheit. Wer krank war, war unrein. Menschen mit auffälligen Behinderungen wurden nicht geduldet in den Synagogen. Die Frau war mindestens ein Grenzfall. Bestenfalls geduldet. Die meisten gingen an ihr vorbei, ohne sie zu begrüßen.

Warum geht sie denn so krumm? Was hat sie für eine Krankheit?

Vielleicht würde ein Arzt heute eine schlimme Skoliose feststellen: Eine Verkrümmung und Verdrehung der Wirbelsäule. Lukas schreibt, dass sie einen „Geist der Schwäche“ hatte.
Jesus sagt später, als er sie geheilt hat, dass Satan sie in dieser Krankheit 18 Jahre lang gefesselt hat. Der Teufel ist hier mit im Spiel. Der Teufel hat ihr Leben kaputt gemacht. – Vielleicht hätte Jesus das auch von anderen Krankheiten oder Belastungen gesagt. Von Gott kommen diese Krankheiten oder Bindungen nicht. Durch das was Menschen bewirken können, sind sie auch nicht zu erklären. Der Teufel will Leben zerstören.

„Der Teufel hat den Schnaps gemacht, um uns verderben!“ hat Udo Jürgens gesungen. Ich habe noch nie Udo Jürgens in einer Predigt zitiert, aber vielleicht ist da ja etwas dran: Dem Teufel fällt vieles ein, Menschen nach unten zu ziehen, dass sie den Blick nicht mehr hoch bekommen, dass sie Schaden nehmen an Leib und Seele, sozial behindert werden, keine echten Beziehungen zu anderen mehr leben können.

Besessen von einem bösen Geist war diese Frau nicht. Das gibt es auch, dass der Teufel durch einen bösen Geist Besitz ergreift von einem Menschen. Solche Dämonen oder bösen Geister aber haben Jesus immer angesprochen. Nie hat Jesus solche Menschen berührt oder ihnen die Hände aufgelegt. Nie wäre ein Besessener in eine Synagoge gegangen, wo gebetet wird. Es fährt auch kein Geist aus bei der Heilung. Und es ist eine gläubige Frau. Sie kommt zum Beten. Jesus nennt sie später im Text „Tochter Abrahams“, eine Tochter des Glaubens ist gemeint, eine Frau, die mit Gott unterwegs war.

Also: Es ist an irgendeinem Sabbat in irgendeiner Synagoge. Mehr wissen wir nicht. Und diese Frau sitzt dort, sieht gebückt auf das bisschen Boden vor ihr, und sie hört Jesus zu. Sie kann Jesus nicht sehen, aber er sieht sie. Das ist für mich das erste Wunder in diesem Text, die erste große Freude. Das berührt mich, das tröstet mich: Wie Jesus diese eine Frau gesehen hat und ihre ganze Situation dabei gesehen hat, so sieht er auch mich, so sieht er jede und jeden von uns.

Wir schaffen das in der Regel nicht, den Einzelnen zu sehen. Bei Manuel Schienke sind 100 Sänger im Chor. Wie kann er da jeden Einzelnen sehen? Und dann noch mit dem, was sein Leben ausmacht. Wie viele Menschen sehen wir jede Woche, vor und nach jedem Gottesdienst, im Studium, bei der Arbeit, und wir haben keinen einzigen gesehen so wie Jesus diese Frau da in der Synagoge sitzen sieht. – Ich finde es sehr gut, dass ihr nicht alles an mir seht. Ich möchte nicht vor jedem offenliegen, wo mein Leben schwer ist, wo ich mit mir selbst zu tun habe, wo „mein Rücken krumm“ ist. Aber ich finde es absolut tröstlich, dass Jesus mich sieht.

Wie vieles wissen wir nicht voneinander, wer wann aus welchem Grund in sein Kopfkissen weint, wer es nicht mehr schafft, den Himmel zu sehen, auch nicht wer innerlich einsam ist oder wer schon 18 Jahre an irgendetwas trägt, was seine Beziehung zu Gott, zu sich selbst zu anderen beschädigt. Vielleicht sind es Wunden, die 18 Jahre alt sind, oder älter, die immer wieder aufbrechen und wehtun. Ich habe eine erwachsene Frau erlebt, die es immer wieder verletzte, wie gleichgültig und uninteressiert sie ihre eigene Mutter erlebte. „Nie eine Frage, wie es mir geht. Nie ein Wort der Anerkennung.“ Ich habe einen erwachsenen Mann erlebt in so einem seelsorgerlichen Kurs, der mit den Tränen zu tun hatte, als er von seinem Vater erzählte. Nie saß er mal auf seinem Schoß. Nie eine Zärtlichkeit. Nie ein Interesse an ihm.

Und ich habe Christen erlebt, die dem Schnaps von Udo Jürgens auf den Leim gegangen sind. Lange haben sie ihr Alkoholproblem verstecken können. Und die ich da jetzt vor Augen habe, sind alle davon befreit worden.

Wir sehen so vieles nicht aneinander. Jesus sieht es. Und er will in Kontakt kommen mit dem, was unser Leben dunkel macht. Er will neues Leben schenken. Er will uns befreien, heilen, dass wir anderen wieder ins Gesicht sehen können. Jesus will uns helfen, dass wir wieder aufrecht gehen können. Ich finde, das ist das erste Wunder, der erste große Grund mich zu freuen: Jesus sieht mich. Er übersieht mich nicht. Er sieht, wo ich den Rücken nicht gerade bekomme.

Das zweite Wunder ist, dass diese Frau nach vorne kommt. Jesus ruft sie. Ich erinnere noch einmal: Frauen waren Zuschauerinnen. Frauen mussten auf ihren Plätzen bleiben. So ein krummes Weib war bestenfalls geduldet. Und dazu noch: ein Rabbi sprach öffentlich keine Frauen an.

Von Jesus überrascht es mich nicht, dass er sich wieder einmal nicht hält an das, was sich gehört. Wenn es um das Wohl eines Menschen geht, hält Jesus sich nicht daran, was sich gehört. Aber dass die Frau wirklich kommt, aufsteht, sich durch die Reihen drängt, an den Augen aller Frommen vorbei, Jesus noch nicht einmal sehen kann, nur seine Aufforderung gehört hat, das finde ich bemerkenswert.

Jesus ruft und sie kommt. Was meint ihr, wie oft Jesus das erlebt: Er ruft, und sie oder er, den er gerufen hat, kommt nicht. Diese Frau muss Jesus vertraut haben. Anders ist das nicht zu erklären. Sie hat es gewagt. Die Leute waren ihr egal. Es gibt Situationen, da sind alle Menschen drum herum egal. Da geht es um Gott und um mich. Egal, was andere denken, wie andere es beurteilen. Die Frau bewegt sich weg von ihrem angestammten Platz.Und dann steht sie vor Jesus und sieht seine Füße.

»Liebe Frau«, sagte Jesus, »du bist frei von deinem Leiden!«, und er legte ihr die Hände auf. Im selben Augenblick konnte sie sich wieder aufrichten, und sie fing an, Gott zu preisen. Das Schicksal dieser Frau geht Jesus an die Nieren. Ihm ist es auch egal, was die Leute denken. Er heilt durch sein Wort und legt ihr die Hände auf. So weist er auf Gott hin. Was hier passiert, das kommt von Gott.

Sofort ist sie gekommen. Ohne Bedenkzeit. Ohne zu zögern. Sofort ist die geheilt. Sie richtet sich auf. Sie macht ihren Rücken gerade. Und sie fängt an, Gott zu loben. Da wird auch etwas heil zwischen Gott und ihr. Sie lobt Gott. Sie weiß, wem sie ihr neues Leben zu verdanken hat. Ich stelle mir vor, dass sie nie wieder damit aufgehört, Gott zu loben.

Der Synagogenvorsteher kommt auch noch zu Wort. Er ärgert sich. Das gehört sich nicht. Die Gottesdienstordnung ist verletzt worden. Er freut sich nicht, dass Gott ein Wunder getan hat. Er freut sich nicht, dass die Frau wieder aufrecht gehen kann. Er freut sich nicht, dass sie Gott lobt. Um einen Notfall kann man sich auch am Sabbat kümmern. Aber das war kein Notfall. Was wäre denn ein Tag mehr für diese Frau, die doch ohnehin schon 18 Jahre gekrümmt durch ihr Leben gegangen ist?

Ich will diesem Mann nicht die Ehre geben, heute länger über ihn nachzudenken. Er hat die Ordnung im Sinn. Jesus stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Jesus sagt an anderer Stelle:
„Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat!“ (Markus 2,27) Ich will bei Jesus bleiben, bei der Frau und bei mir. Wenn du willst, kannst du das auch machen: Bleibe mal bei Jesus, bei der Frau und bei dir.

Ich glaube, Jesus ist hier, und er hat jeden gesehen, wie er diese Frau gesehen hat. Vielleicht hast du heute Morgen schon bei „Bauch, Beine und Po“ mitgemacht und hast es überhaupt nicht im Rücken. Und niemand sieht, was du zu tragen hast, wo du nicht frei bist, was dich wund macht. Jesus sieht es und er möchte in Kontakt mit dem kommen, was unser Leben dunkel macht. Jesus sieht jeden Einzelnen, und ich glaube, er hat auch heute Morgen Menschen angesprochen, sie zu sich gerufen.

Schluss:

Es war an irgendeinem Sabbat in irgendeiner Synagoge und die Frau hat überhaupt keine Ahnung gehabt, dass Jesus sie heute nach vorne ruft und wie er sie beschenken will. Wir sind nicht an irgendeinem Ort. Wir sind in Willingen. Und Jesus hat heute hier Menschen gesehen und zu sich gerufen. Ich bin nicht Jesus. Aber in seinem Namen möchte ich es heute anbieten. Gibt es etwas in deinem Leben, was du lange schon zu tragen hast? Gibt es etwas, wo du dir sein Heil wünschst? Gibt es etwas, wo du schon viele Jahre lang zu tragen hast und immer wieder wund bist? Wünschst du dir in irgendeinem Bereich deines Lebens sein Licht?

Dann lade ich dich heute ein, nach vorne zu kommen. Ich muss nicht wissen, niemand muss wissen, warum du nach vorne kommst. Jesus sieht dich. Mein Angebot sieht so aus. Ich werde jeder Frau und jedem Mann, der nach vorne kommt, die Hände auflegen und ihn segnen mit den Worten: „Der Herr sieht dich. Der Herr segnet dich!“

Wenn doch jemand etwas erzählen möchte etwas aussprechen, etwas beim Namen nennen, „ich möchte aufhören zu trinken“ oder was es auch ist, für den bin ich nachher auch gerne noch da. Auch beim Abendmahl, das wir gleich feiern werden, gibt es zwei Segnungsstationen. An der einen stehe ich, an der anderen Martina A. Wer mag, kann ein Stichwort, einen Satz sagen, wo er sich Gottes Heil wünscht.

Wer möchte nach vorne kommen und etwas, das sein Leben schwer macht, zu Jesus bringen?

Amen

 
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