Galater 5, 22-23 Die Frucht des Geistes

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg
Norbert Giebel   08.09.2019

Galater 5, 22-23 „Die Frucht des Geistes!“

Liebe Gemeinde,

wer oder was ist eigentlich der Heilige Geist? Als ich noch in Berlin war, hatte sich ein Mann zum Gespräch bei mir angemeldet. Wir haben uns irgendwie einmal kennengelernt und jetzt suchte er meinen Rat. Er kam aus der Gemeindeleitung einer anderen Gemeinde. „Was hältst du vom heiligen Geist?“ Das war seine Einstiegsfrage. Ich musste überlegen, zögerte, wusste nicht, wie ich die Frage verstehen sollte. Da setzte er schon fort: „Also mir ist das alles sehr suspekt! Das kann man auch sehr übertreiben. Das bringt doch nur Unruhe!“ In seiner Gemeinde hat die Frage, wie der Geist Gottes wirkt, zu Streit geführt und er meinte, man solle „die Sache mit dem Heiligen Geist“ lieber ruhen lassen.

Wer oder was ist der Heilige Geist? Was will er? Wie wirkt er? Bevor ich zum heutigen Predigttext komme, will ich uns darauf ein paar kurze Antworten geben.

  1. Der Heilige Geist ist Gottes unsichtbare Gegenwart. Er ist Gottes Kraft, Gottes Liebe, Gottes Nähe, die wir nicht sehen können, deren Auswirkungen wir aber sehen und spüren können. Vergleichbar mit dem Wind. Der Wind kann ganz seicht durch unsere Haare und Kleider streichen, er kann aber zu eine3m Sturm werden. – Den Wind sieht man nicht, die Auswirkungen aber sehr wohl. So ist es auch mit dem Geist Gottes.
    Das griechische Wort für Geist, Pneuma, kann man auch mit Wind oder Hauch oder Sturm übersetzen.

  2. Der Heilige Geist ist Gott selbst in einem Wind, der etwas bewegen will. Das ist auch ein Kennzeichen des Geistes: Er will immer etwas bewegen. Innerlich oder äußerlich. Manchmal zart, manchmal wie in einem Sturm.

  3. Der Heilige Geist ist Gottes Erscheinungsweise heute, in unserer Zeit. Der eine Gott ist nicht mehr als der Mensch Jesus unter uns, sondern in seinem Geist. Jesus sagt, dass er und der Vater in dem Geist kommen werden, den er senden wird. Der Heilige Geist, er ist der Auferstandene und der Vater mitten unter uns.

  4. Der Heilige Geist ist ein Christuslehrer. Der Heilige Geist ist „Christologe“ hat der Theologe Adolf Pohl einmal gesagt. Er erinnert uns an Christus. Er lehrt uns Christus. Er führt Gottes Offenbarung in Christus weiter. Er führt Gottes Gemeinde in alle Wahrheit (Joh 16,13). Der Heilige Geist macht Jesus groß und er hilft uns, so leben helfen, wie es Jesus entspricht.

  5. Der Heilige Geist schenkt uns den Glauben an Jesus Christus. Niemand kann ihn den Herrn nennen als durch den Heiligen Geist. Der Geist führt uns in Gottes Gnade, dass wir wissen, dass wir Gottes Kinder sind.

In meiner Berliner Zeit kam eine Frau zum Seniorenkreis und dann auch in den Gottesdienst. Als ich sie besuchte sagte sie, sie hätte in der Bibel gelesen. Das sei doch alles Quatsch. Wie kann man so was nur glauben. Sie wollte aber glauben können. Sie wollte das haben, was sie in der Gemeinde bei anderen erlebt hatte. Ich habe das nie wieder so erlebt. Aber ich habe mit Handauflegung für sie gebetet und aller Zweifel war weg. Ich weiß nicht mehr, ob das sofort ging. Aber Gottes Geist hat ihr den Glauben geschenkt. Er hat ihr die Augen geöffnet. Sie hat Gott gespürt, gehört, in der Bibel gelesen. – Bei der nächsten Taufe war sie mit im Wasser  und sie hat fröhlich ihren Glauben bekannt.

6.  Der Heilige Geist ist Gottes Übersetzer. In beide Richtungen! Er hilft uns Gott zu hören, sein Wort zu verstehen. Und er vertritt uns im Gebet, wenn wir keine oder nicht die richtigen Worte finden. Er erforscht uns und bringt unsere Anliegen vor Gott, wenn wir beten. Der Heilige Geist ist hochsensibel: Er versteht uns auch ohne Worte.

7. Der Heilige Geist ist unser Anwalt. Er steht auf unserer Seite. Er tröstet uns und ermahnt uns. Im Gottesdienst oder in einem Hauskreis sind wir schnell fromm. Gottes Geist hilft uns, im Alltag, jeden Tag als Christen zu leben.

8. Der Heilige Geist will Gemeinschaft. Er bindet Menschen, die mit Jesus leben, zu einem Ganzen zusammen. Sie sind wie ein Leib aus verschiedenen Körperteilen: Alle gehören zusammen und ergänzen sich. Jeder ist vom Geist begabt, mit zu tragen, verantwortlich für andere zu sein. Eine solche gelebte Gemeinschaft ist ein Zeichen Gottes in der Welt.

9. Der Heilige Geist macht uns zu Christen! Das ist die Zusammenfassung. Er schenkt uns Glauben, Verstehen, Gehorchen. Er ist Gottes Herrschaft mitten unter uns. Und zuletzt:

10. Gottes Geist schenkt uns ein neues Herz. Er verändert uns von innen. Er schenkt uns ein neues Sein. Und damit bin bei dem Schwerpunkt für die Predigt heute.

Das Ziel des Heiligen Geistes mit allen, die zum Glauben gekommen sind, ist, dass sie Christus ähnlicher werden. Er will uns in das Bild Jesu formen. Jesu Art, sein Wesen soll in uns Gestalt gewinnen. Als Kinder Gottes sollen wir nicht nur irgendetwas glauben oder erkennen oder tun, wir sollen etwas sein (!), wir sollen etwas Neues sein. „Wer in Christus ist, der ist eine neue Kreatur“, hat Paulus geschrieben. (2. Kor 5,17)

Die Liebe des Vaters soll an seinen Kindern erkennbar sein. An unserer Liebe sollen Menschen erkennen, dass wir Schüler von Jesus sind. (Joh 13,34) „Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott!“ (1. Joh 4,16). „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in eure Herzen durch den Heiligen Geist!“ schreibt Paulus (Römer 5,5). Woran man diese Liebe erkennt, was zur Liebe Gottes gehört, findet man an verschiedenen Stellen im Neuen Testament. Den Galatern scheibt Paulus Folgendes (Gal 5, 22-23)

Die Frucht des Heiligen Geistes aber ist Liebe:
Freude, Friede, Geduld,
Freundlichkeit, Güte, Treue,
Sanftmut und Selbstbeherrschung
.

Das will Gottes Geist in uns wachsen lassen. Wenn diese Dinge, diese Freiheiten in uns wachsen, werden wir Christus ähnlicher, dann werden wir in den Sohn Gottes hinein geprägt. Die Frucht ist ein Singular. Einzahl. Es geht um die Liebe. Die Liebe ist sozusagen die Apfelsine und diese Frucht besteht aus verschiedenen Fruchtstücken, die dann genannt werden.

Der erste große Unterschied zu unserer menschlichen Liebe ist, dass Gottes Liebe sich nicht am anderen entzündet. Er liebt mich nicht nur, wenn ich funktioniere, wenn ich ihm gerade gefalle, wenn ich ihm keinen Grund gebe, enttäuscht zu sein, sich abzuwenden. Gott liebt, weil er voller Liebe ist. Es kommt aus ihm heraus. Seine Liebe zu mir ist nicht abhängig von meinem aktuellen Verhalten. Seine Liebe wankt und wackelt nicht. Gott schmollt nicht. Er zieht sich nicht zurück. Er ist absolut treu, geduldig, barmherzig, gütig, sanftmütig, freundlich. Das ist die Liebe, die er auch bei seinen Kindern sucht. Diese Liebe will sein Geist bei uns wachsen lassen will.

„Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ (Römer 5,8). Jesus diente sein Leben lang Sündern. Für Sünder ist er gestorben. Das ist keine Liebe, die wir als Menschen von uns aus geben können. Unsere Liebe entzündet sich am anderen. Der andere ist unserer Liebe wert oder wir lieben ihn nicht. Unsere Liebe ist Belohnung. Wir lieben, weil der andere es sich verdient hat. Viele Menschen kennen nur diese Liebe und können darum nicht glauben, dass Gott sie liebt. Er aber liebt uns bedingungslos.

Das ist die Liebe, die Gottes Geist in unserer Herzen gegossen hat. Die Liebe die Freude kennt (am anderen), Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung. Sehen wir die einzelnen Fruchtstücke der Apfelsine noch einmal an:

Die Freude wird zuerst genannt. Der Philosoph Friedrich Nietzsche (V1900) soll gesagt haben: „Wenn ich an den Erlöser der Christen glauben soll, dann müssten sie erlöster aussehen!“ Auch viele Menschen heute würden mit Glauben oder Christsein nicht mit Freude in Verbindung bringen. Eher vermuten sie, dass an jeder Kirchentür ein unsichtbares Schild steht: „Hier hört der Spaß auf!“

Jesus sagt von sich selbst, dass er dazu gekommen ist, dass unsere Freude vollkommen sei. (Joh. 15,11) Menschen, die ihm begegnet sind oder ihn bei sich aufnehmen, tun das mit Freude oder ziehen ihre Wege weiter mit Freude. (Zachäus Lukas 19; Äthiopier Apg 8) Mit Freude hielten die ersten Christen ihre Mahlfeiern (Apg 2). Offensichtlich war Freude ein Kennzeichen der ersten Christen. Paulus schreibt den Philippern: „Freut euch! Ich sage es noch einmal: Freut euch in Christus auf allen euren Wegen!“ (Phil 4,4)

Ich glaube, diese Freude kommt aus dem Vertrauen. Auch daraus, sich fallen lassen zu können, aber das gehört ja zum Vertrauen. Sich selbst aber auch das, was einem so wichtig erscheint, in Gottes Armen zu wissen. Nicht wenige Menschen haben eher ein anderes Motto in sich: Sorgt euch auf allen euren Wegen. Seht immer das Negative. Schützt euch selbst auf allen euren Wegen. Das ist der unerlöste Mensch, der nicht vertrauen kann, der sich selber noch retten muss.

Die Freude, die der Heilige Geist schenkt, zeigt sich auch im Miteinander. Man freut sich über den anderen auch da, wo er enttäuscht und keinem Ideal entspricht. Vielleicht hat Nietzsche gar nicht so unrecht: Erlöste Christen sehen erlöster aus.

Der Friede ist das zweite Stück der Frucht. Friede mit sich selbst und mit anderen kann nur der haben, der Friede mit Gott hat. Gottes Friede aber ist ein geschenkter Friede. Seinen Frieden muss man nur annehmen, nur hineingehen. Er ist schon da. „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst und er rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu!“ (2. Kor 5,19) Wieder ein Zitat von Paulus. Das ist der Friede, den Gott auch bei uns sucht, den sein Geist in uns wachsen lassen will.

Der Friede, der in uns zu anderen Menschen hin wachsen will, das ist kein Friede, der ausgehandelt wird, wo der andere zuerst Bedingungen zu erfüllen hat. Kinder Gottes sind Menschen, die einseitig abrüsten. Sie bauen alles in sich selbst ab, was gegen den anderen steht. Ohne sein Zutun! An dieser Fähigkeit, Frieden zu verschenken, soll man die Kinder Gottes erkennen können.

Geduld ist das dritte Fruchtstück. Dass Wort, das Paulus im Griechischen verendet, bedeutet unter etwas zu bleiben, etwas lange aushalten. Ein Dauerläufer ist geduldig. Er hält es aus weiter zu laufen bis er am Ziel angekommen ist. Geduld ist nichts Passives. Geduld, Drunterbleiben, kann viel Kraft kosten. Bei den Griechen war Geduld eine der höchsten Tugenden!
Hier zeigt sich, wer stark ist, wer Charakter hat. Durch Geduld, treues Tragen oder sogar Ertragen, wachsen seelische Kräfte.

Freundlichkeit im Umgang mit anderen Menschen ist das Dritte. Güte ist das vierte Fruchtstück. Güte bedeutet, einem anderen Gutes zu tun, großzügig zu sein. Liebe ist großzügig. Liebe rechnet nicht auf. Gottes Liebe freut sich, wenn sie etwas geben kann, was den anderen glücklich macht.

Treue. Hier steht das Wort, das sonst mit Glauben übersetzte wird. Aber hier geht es um die Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit. Auf die Liebe Gottes kann man sich verlassen. Die Liebe Gottes hält, was sie verspricht. Bei Gott stimmen Wort und Tat überein. Das ist die Liebe, die der Heilige Geist in uns wachsen lässt.

Sanftmut: Sanftmut fehlt bei allen Aufzählungen alter griechischer Tugenden. Das Gegenteil wäre Streitsucht, Kampfbereitschaft, sich selber durchsetzen, auch gegen einen anderen. Jesus hat die Sanftmütigen seliggepriesen (Mat 5,5,). Er hat von sich selbst gesagt, dass er sanftmütig und von Herzen demütig sei (Matth. 11,19) Die Früchte des Geistes sind Wesenszüge von Jesus. Der Sanftmütige will nicht streiten gegen den anderen. Der Sanftmütige hat die Freiheit, sanft zu bleiben. Auch das hängt wohl mit Vertrauen zusammen und sich selber in Gottes Hand zu wissen.

Selbstbeherrschung ist das letzte Fruchtstückchen. Luther hat Keuschheit übersetzt. Aber es geht umfassen darum, sich selber im Griff zu haben. Das galt auch bei den alten Griechen als eine Tugend. Sich nicht von seinen Gefühlen oder seinen Begierden treiben zu lassen. Wer sich selbst beherrschen kann, der kann sich zurück nehmen, der verliert nicht die Kontrolle über sich selbst. Der lässt sich nicht gehen.

Der Heilige Geist will das Wesen Jesu, die Liebe Gottes, in uns wachsen lassen. Wo Gottes Liebe groß ist, da gibt es ehrliche Freude am anderen, Friede, weil man sich mit dem anderen versöhnt hat, Geduld, die tragende oder ertragende Liebe. Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung.        

Nein. Mit dem heiligen Geist kann man es nicht übertreiben, wie es der Bruder aus einer Nachbargemeinde in Berlin meinte. Genau so wenig, wie man es mit der Herrschaft Jesu übertreiben kann. Vielleicht aber hat man die Liebe vergessen. Die Liebe ist der Führerschein aller Begabungen habe ich mal gelesen. Es gibt hoch begabte Christen, Christen, die Großer erkannt haben, wenn sie aber keine Liebe haben, werden sie nichts Gutes bewirken. Dann kann es ganz begabte und fleißige Leute geben, die viel Gutes tun, aber mit ihrem Hintern alles wieder umstoßen, sie sind wie ein klapperndes Becken am Schlagzeug.

Früchte wachsen nicht von heute auf morgen. Früchte brauchen Zeit. Aber wir können uns danach ausstrecken, darum beten, um Vergebung bitten, wo wir anderen ohne Frieden und Freude begegnen.

Eine Gemeinde, eine Freundschaft, eine Beziehung, in der die Früchte des Geistes reif sind, geerntet werden können, das ist ein Stück Himmel auf Erden. Da kann man Menschen erleben, die etwas von Wesen Christi in sich tragen.

Da kann man den Vater an seinen Kindern erkennen. Denn Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott.

Amen.

 
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