Johannes 5, 1-9 Heilung eines Gelähmten

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Kassel-Möncheberg
Norbert Giebel, 27.10.2019

Johannes 5, 1-9:   Heilung eines Gelähmten  

Heute geht es um Einsamkeit. Und um Krankheit. Krankheit kann einsam machen und Einsamkeit kann krank machen. Jesus sieht einen Menschen, der krank ist und einsam. Er spricht einen Mann an, der äußerlich und innerlich gelähmt ist. Und Jesus will ihn heilen. Auch indem er die eigenen inneren Kräfte dieses Gelähmten wieder aufweckt. Ich lese Joh. 5, 1-9:

Danach war das Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Es ist aber bei Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Bethesda. Dort sind fünf Hallen, in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.
             (in späterer Überlieferung werden V3+4 ergänzt: Sie warteten darauf, dass sich das Wasser  bewegte. Denn der Engel des Herrn fuhr von Zeit zu Zeit herab in den Teich und bewegte das Wasser. Wer nun zuerst hinein stieg, nachdem sich das Wasser bewegt hatte, der wurde  gesund, an welcher Krankheit er auch litt.)
Es war aber dort ein Mensch, der lag achtunddreißig Jahre krank. Als Jesus den liegen sah und vernahm, dass er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortet ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt. Wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein. Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! Und sogleich wurde der Mann gesund und nahm sein Bett und ging hin.

In Jerusalem wird gefeiert. Die ganze Stadt ist voller Menschen. Es ist ein großes Fest. Eines der großen Wallfahrtsfeste der Juden. Es sind gläubige Menschen, fromme Menschen, die von überall her gekommen sind. Vielleicht hat der Glaube sonst in im Alltag nicht bei jedem eine große Rolle gespielt. Aber bei so einem Fest muss man dabei sein. Da geht es fröhlich zu und man trifft viele Bekannte wieder. Sie kommen zum Beten, aber so ein Fest ist immer auch eine gute Gelegenheit, Beziehungen zu pflegen, entfernt wohnende Verwandte wiederzusehen. Die Stadt ist voller mehr oder weniger frommer Leute, die feiern wollen.

Die großen Feste der Juden kann man vergleichen mit Weihnachten oder Ostern oder Pfingsten bei uns Christen. Da sind die Kirchen voll, man lädt Verwandte ein oder besucht sie und hat eine gute Zeit. Jesus ist auch nach Jerusalem gekommen. Aber er ist nicht in der Menge zu finden. Natürlich ist er auch zum Beten gekommen. Auch er wird noch in den Tempel gehen um Gott anzubeten. Aber zuerst geht er in ein Krankenhaus.

Das Haus, in das Jesus geht, ist kein Krankenhaus, wie wir es kennen. Eher eine Siechenanstalt. Kein netter Herr am Eingang, den man nach Station und Zimmernummer fragen kann. Nicht sauber. Alles andere als hygienisch. Keine Toiletten und lange nicht jeder, der dort lag, hatte jemanden, der ihn auf die Toilette hätte bringen können. Bethesda, so hieß der Ort, Bethesda war ein Ort des Elends mitten im feiernden Jerusalem. „Haus der Barmherzigkeit“ heißt Bethesda übersetzt.

Um zwei Teiche herum standen fünf Hallen. Neben der St.-Annen-Kirche in Jerusalem kann man die Teiche und Grundmauern der Hallen heute noch sehen. Mindestens in der einen Halle, die die beiden Teiche verbunden hat, lagen die Kranken: Verkrüppelte, Blinde, Schwache, ausgebrannte Menschen wurden hier von ihren Familien oder Nachbarn abgelegt. Hier waren sie unter ihresgleichen. Hatten jemanden zum Reden. Sie aber konnten das große Fest nicht mitfeiern. Sie konnten auch nicht mit beten. Wer so krank war, durfte nicht in den Tempel.

Die meisten wurden morgens gebracht und abends abgeholt. Jeder hatte noch irgendwelche Menschen, die ihnen zu Essen brachten. Aber es kamen auch andere ins Haus der Barmherzigkeit und steckten ihnen etwas zu. Sie sollen ja nicht verhungern, diese armen Menschen. Man muss Mitleid mit ihnen haben.

Die Fromme feiern. Fröhlich begrüßen sie ihre Freunde und Verwandte, die sie lange nicht gesehen haben. Endlich mal ein Grund, fröhlich zu sein. Und Jesus ist bei denen, die nicht mitfeiern können. Vielleicht konnte sich Jesus das nicht vorstellen, zu feiern, Gott zu danken, dass er das Volk aus Ägypten befreit hat, dass er sein Volk durch die Wüste geführt hat, und dann die zu vergessen, die heute unfrei sind und in ihrer Wüste leben. Das wäre so, als würden wir ausgerechnet zu Weihnachten, wo wir feiern, dass Gott sich erniedrigt hat und Mensch geworden ist, die Menschen vergessen, die uns brauchen.

Jesus kannte die Propheten und ihre Kritik an den großen Festen in Jerusalem: Amos hatte gepredigt (vgl. 5 21ff): „Der Herr sagt: »Ich hasse eure Feste und kann eure Feiern nicht ausstehen. Eure Opfer sind mir zuwider. Hört auf mit dem Geplärr eurer Lieder! Sorgt lieber dafür, dass jeder zu seinem Recht kommt!“

Jesaja hat gepredigt, auch im 8. Jhdt. vor Jesu Geburt: (vgl. 1,11 ff) »Was soll ich mit euren Opfern?«, fragt der Herr. Ich kann euren Weihrauch nicht mehr riechen! Wenn ihr im Gebet eure Hände zu mir ausstreckt, blicke ich weg. Lernt Gutes zu tun, sorgt für Gerechtigkeit, helft Waisen und Witwen zu ihrem Recht

Jesus ist bei denen, die nicht mitfeiern können. Wer die Geschichte kennt, hat vielleicht zwei Sätze vermisst. In neueren Bibel fehlen die Verse 3 und 4. In der alten Lutherübersetzung standen sie noch. Aber man hat viele ältere Abschriften des Johannesevangeliums gefunden, in denen diese Verse fehlen:

„Sie (die Kranken) warteten darauf, dass sich das Wasser bewegte. Denn der Engel des Herrn fuhr von Zeit zu Zeit herab in den Teich und bewegte das Wasser. Wer nun zuerst hinein stieg, nachdem sich das Wasser bewegt hatte, der wurde gesund, an welcher Krankheit er auch litt.“

Den Teichen wurde ab und zu frisches Wasser zugeführt. Vielleicht gab es auch eine Quelle, die ab und zu Wasser in die Becken sprudelte. Viele Kranke waren nun der Meinung, dass dann ein Engel das Wasser bewegte und derjenige geheilt wird, der es als Erster ins Wasser schafft. Ob Jesus das auch glaubte, wissen wir nicht. Johannes hat es wohl ursprünglich auch nicht aufgeschrieben. Spätere Abschreiber aber fügten dann diese Sätze hinzu.

Wenn es aber so war, dann war es noch einmal viel unbarmherziger für Gelähmte oder Blinde, die nie eine Chance hatten, am Schnellsten im Wasser zu sein. So als gäbe es da Mittel und Wege, gesund zu werden, andere haben Zugang dazu, die Gelähmten aber müssen zusehen.

Vielleicht hat Jesus noch andere angesprochen. Von einem wissen wir es sicher. 38 Jahre lang war dieser Mann krank. Einige hier im Raum sind noch gar keine 38 Jahre alt. Wie alt warst du vor 38 Jahren? Ich war 21 Jahre alt. Stell dir vor, du hast damals eine Diagnose bekommen oder einen Unfall gehabt und jetzt liegst du 38 Jahre krank auf einer Matte neben anderen Kranken.

Der Mann war es gewohnt, dass Leute Mitleid mit ihm hatten. Bestimmt haben ihn viele bedauert. Jesus hat sicher auch sein schreckliches Leid gesehen, er aber begegnet ihm ganz anders. Er geht zu ihm und fragt ihn: „Willst Du gesund werden?“ – Jeder gesunde Kranke würde Ja sagen: „Ja, das will ich. Was glaubst Du denn? Meinst du es macht mir Spaß, hier zu sitzen? Willst Du mich auf den Arm nehmen? Das ist ja wohl das Letzte, mich zu fragen, ob ich gesund werden will! Keiner leidet so wie ich!“

Aber es ist genau die richtige Frage: „Willst Du gesund werden?“ Wie viele Menschen sitzen in ihrem Leiden und haben sich damit abgefunden. Warum kommt der Gelähmte überhaupt noch hierher? Dass er es einmal als Erster zum Wasser schafft, glaubt er doch schon lange nicht mehr.

Es gibt auch Menschen, die haben einen heimlichen Gewinn dabei, dass es ihnen schlecht geht. Sie klagen und jammern. Und sie brauchen das. Sie bekommen Aufmerksamkeit durch ihre Leiden. Manche, die schwach sind, binden andere dadurch an sich. Wenn es ihnen besser ginge, würden sich die Leute ja nicht mehr so um sie kümmern. „Mir geht es so schlecht. Wann kommt ihr mich endlich wieder besuchen.“ „Niemand kümmert sich um mich!“ „Willst du jetzt auch noch keine Zeit für mich haben?“ Krankheitsgewinn nennt man das, wenn Menschen vielleicht unbewusst ihre Krankheit dazu benutzen, damit andere sich ihnen zuwenden.

Klagen, vielleicht auch andere anzuklagen, das ist immer einfacher, als sich selbst aus seiner Situation heraus auf den Weg zu machen. Vor etwa 20 Jahren kannte ich einen alleinstehenden Mann. Ende 30, Anfang 40 war er vielleicht. Uwe hieß er. Er jammerte, dass er nie eingeladen würde, keine Freunde hätte, immer nur alleine zuhause herumsitzen würde. Dann hat ihm sein Arzt gesagt, er solle doch andere zu sich einladen. Uwe hatte einmal Bäcker gelernt. Backen konnte er. Und dann fing er an Leute aus der Gemeinde einzuladen. An jedem zweiten Sonntag. Ältere Leute, Jugendliche, eine kleine Familie. Und die Leute kamen! Anschließend haben sie noch etwas gespielt oder einen Spaziergang gemacht. Und dann wurde er auch bei ihnen mal eingeladen.

Uwe hat aus seiner inneren Lähmung herausgefunden. Es kostet Mut, neue Schritte zu wagen, einfach jemanden einzuladen. Aber als seine Idee ins Laufen kam, hatte er plötzlich neue nahe gute Beziehungen.

Der Gelähmte am Teich Bethesda ist äußerlich und innerlich gelähmt. „Willst du gesund werden?“ fragt Jesus ihn. „Oder hast du dich gewöhnt an dein Leben, mit den du eigentlich totunglücklich bist?“ Der Mann antwortet wie er schon hunderten vor Jesus geantwortet hat. Geht nicht, Jesus. Ich kann gar nicht gesund werden. Du kennst die Hintergründe nicht. Bei mir ist es gar nicht einfach, dass sich irgendetwas ändert:

„Ich habe keinen Menschen. Ich habe keinen, der mich hier zum Wasser bringt. Nicht einmal das schaffe ich alleine. Nicht einmal dazu nimmt sich jemand die Zeit.“ „Ich habe keinen Menschen!“ Das ist sein eigentlicher Hilferuf! Hätte es damals schon Telefon gegeben, hätte er vielleicht gesagt „Kein Schwein ruft mich an!“ wie Max Raabe es gesungen hat.

Vielleicht hatte er doch auch jemanden, der ihn morgens gebracht und abends wieder in seine Hütte zurückgebracht hat. Von seinem Gefühl aber hatte er niemanden. Keinen, der ihn noch als Mensch sah. Keinen, der ihn mochte. Niemanden, der wirklich an ihm Interesse hatte. Vielleicht gab es Leute, die wollten mal eine gute Tat an ihm tun. Ein Stück Kuchen, ein Schluck Wein im Haus der Barmherzigkeit. Aber niemand sah ihn. Keiner hielt es mit ihm aus.

Ich will es diesem Mann ja nicht unterstellen, aber vielleicht hatte er sogar seine Anteile daran. Weil er immer nur voller Klagen war. Alles negativ gesehen hat. Immer nur mehr gefordert hat, wenn sich ihm jemand zugewendet hat. Das gibt es ja alles auch: Menschen, die sich immer wieder an andere Menschen so sehr hängen, bis diese nicht mehr können. Und dann haben sie wieder ihr Ergebnis: „Ich habe keinen Menschen.“

Einsam sein zu können, nicht verstanden zu werden, äußerlich und innerlich auch mal allein zu sein: Ich glaube, das gehört auch zum Menschsein. Wer mit sich alleine nicht zurechtkommt, der ist sehr eingeschränkt für Beziehungen, für Freundschaften fähig.

Einsam können auch Menschen sein, die viele Menschen um sich haben, die im Rampenlicht stehen. Letzte Woche im Fernsehen wurde wieder an Robert Enke erinnert, den Torwart von Hannover 96. Tausende Fans um sich und zu Tode einsam. Depressiv.

Sehr berührt hat mich, als ich zufällig für meine Predigt gelesen habe, wie Marilyn Monroe ums Leben kam. Ein großer Filmstar des letzten Jahrhunderts. Sexsymbol. Ikone und Vorbild für viele Fans. Sie nahm eine Überdosis Schlaftabletten. Als Marilyn Monroe tot auf ihrem Bett gefunden wurde, hatte sie den Telefonhörer noch in ihrer Hand: “Kein Anschluss unter dieser Nummer“ tönte es aus dem Hörer. „Kein Anschluss unter dieser Nummer!“ Man weiß nicht, wen die Monroe noch versucht hatte anzurufen. „Kein Schwein nimmt ab“, hat sie vielleicht gedacht.

Die Gründe, weshalb sich Menschen wie Robert Enke, Marylin Monroe und andere das Leben nehmen, sind sehr vielschichtig. Aber sie zeigen, dass jemand scheinbar alles haben kann aber innerlich gelähmt ist.

„Ich habe keinen Menschen!“ hat der Gelähmte geantwortet. Jesus lässt sich nicht ein auf das Spiel des Gelähmten. Er steigt nicht ein auf seine Mitleidstour. Er leidet mit ihm aber er jammert nicht mit ihm. Weil er ihm helfen will! Jesus gibt ihm einen Befehl. Er setzt ihn in ganz neue Möglichkeiten. Er ermöglicht ihm die Freiheit.

„Willst Du gesund werden?“ „Ich habe keine Menschen!“ „Steh auf, nimm dein Bett, und geh!“ Eine komische Unterhaltung. Jesus gibt ihm die Kraft, aufzustehen. Jesus will ihn heilen. Aber er muss jetzt auch aufstehen. Er muss den Mut haben, sich aus seinem Leid herauszubewegen. Er muss sich selber überwinden.

Und er bewegt seine Hand an seine Matte. Er hebt den Kopf. Er zieht das linke Bein an. Er setzt sich in die Hocke. Er macht den Rücken gerade. Er steht auf. Er nimmt seine Matte. Und er geht. Er geht viele kleine Schritte des Glaubens. Für ihn sind es große Schritte. Er vertraut Jesus, dass er ihm jetzt die Kraft für diese Bewegungen gegeben hat. Er kann es, weil Jesus ihn dazu auffordert.Er kann es, weil Jesus ihn dazu aufgefordert hat. Offensichtlich verbindet er seine Heilung mit Gott. Obwohl er und Jesus nicht darüber redeten. Aber sein erster Weg führt ihn in den Tempel. Jetzt kann er das Fest mitfeiern!

Keiner hat so viel Einsamkeit ausgehalten wie Jesus. Seine Jünger haben ihn nicht verstanden. Viele im Volk haben ihn missverstanden, ihn für einen politischen Befreier gehalten oder wollten nur ihre Bitten erfüllt haben. Am Kreuz war Jesus einsam und verlassen. Nicht nur von Freunden, sondern von Gott verlassen. „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ betet Jesus am Kreuz.

Jesus weiß, was Einsamkeit ist. Oft waren viele Menschen um ihn, dennoch war er einsam. Und Jesus will nicht feiern ohne die, die traurig sind, einsam oder krank sind. In seinen Seligpreisungen preist er dir glücklich, die hungern und Durst haben nach Gerechtigkeit. Die jetzt traurig sind, sie sollen getröstet werden. Die „Mühseligen und Beladenen“, denen will er Freude schenken. Die Seligpreisungen von Jesus sind die Magna Charta, das Leitbild des Reiches Gottes. Menschen, die von anderen vergessen werden, die äußerlich oder innerlich gelähmt sind, sind bei ihm willkommen.

Wir können es ihm gleich tun und bei denen sein, die einsam sind. Und wenn ich es bin, der Gelähmte, dann darf ich wissen: Jesus sieht mich und er hört mich. Es gibt eine „Telefonnummer“, da geht immer einer ran. Das ist Gottes Telefonnummer. 5015 ist seine Nummer. In Psalm 50, Vers 15 steht: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten.“

Bestimmt ist heute auch jemand hier, der oder die schon lange gelähmt ist. Jemand, der sich abgefunden hat mit etwas in seinem Leben, das ihn krank macht. Und nichtselten glaube ich liegt es an uns selbst. Jesus hat uns die Kraft schon gegeben. Wir müssen aufstehen, die Matte nehmen und losgehen.

Amen.

Für meine Predigt habe ich besonders profitiert von den Predigen zu Joh. 5, 1-16 von Pastor Hartmut Merten in der Pauluskirche Lüneburg, www.predigtpreis.de und der SELK St. Mariengemeinde vom 14. OKTOBER 2007; www.lutherisch.de/Archiv/Predigten; Vf. nicht genannt.

 
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