2. Korinther 5, 14b - 21 Gott versöhnt die Welt mit sich

Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Mönchebergstraße,
Pastor Norbert Giebel, Karfreitag 10.4.2020

2. Korinther 5, 14b-21 „Lasst euch versöhnen mit Gott!“

14 Was uns in allem antreibt, das ist die Liebe von Christus. Wir sind nämlich überzeugt: Wenn einer für alle gestorben ist, dann sind alle gestorben. 15 Und er ist deshalb für alle gestorben, damit die, die leben, nicht länger für sich selbst leben, sondern für den, der für sie gestorben und zu neuem Leben auferweckt worden ist.

16 Daher beurteilen wir jetzt niemand mehr nach rein menschlichen Maßstäben. Früher haben wir sogar Christus so beurteilt – heute tun wir das nicht mehr. 17 Vielmehr wissen wir: Wenn jemand zu Christus gehört, ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen; etwas ganz Neues hat begonnen!

18 Alles das aber tut Gott allein. Er hat uns durch Christus mit sich selbst versöhnt und hat uns den Dienst der Versöhnung übertragen. 19 Ja, in der Person von Christus hat Gott die Welt mit sich versöhnt, sodass er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnet; und uns hat er die Aufgabe anvertraut, diese Botschaft von der Versöhnung weiterzusagen. 20 Deshalb treten wir im Auftrag von Christus als seine Gesandten (Apostel?) auf; Gott selbst ist es, der die Menschen durch uns zur Umkehr ruft. Wir bitten im Namen von Christus: Nehmt die Versöhnung an, die Gott euch anbietet! 21 Den, der ohne jede Sünde war, ihn hat Gott für uns zur Sünde gemacht, damit wir durch die Verbindung mit ihm die Gerechtigkeit bekommen, mit der wir vor Gott bestehen können.

Liebe Gemeinde,

Erstens: Jesus hat gelitten.

Nicht nur Karfreitag. Nicht nur am Kreuz. Das Kreuz war die letzte Konsequenz seines Lebens. Das Kreuz war der Gipfel. Jesus hat lange vorher gelitten in seinem Leben. Anders als Menschen normalerweise leiden. Wir leiden vielleicht, weil wir nicht alles bekommen im Leben, weil uns vieles nicht gelingt, weil unser Leben nicht nur leicht und frei und reich ist. Wir leiden unter Einschränkungen in unserem Leben. Jesus hatte ein anderes Leiden. Er hat gelitten, weil er wusste, dass die Menschen verloren gehen. Das konnte er nie ausblenden. Seine Trauer, sein Schmerz über die Verlorenheit der Menschen und seine Sehnsucht Menschen zu helfen, sie zu retten, das hat ihn immer erfüllt.

Jesus hatte kein schönes Leben, das dann ein schreckliches Ende nahm. Nein, das, was sein Leben lang sein tiefstes Herzblut ausgemacht hat, das kommt in seinem Tod zu seinem Höhepunkt. Da leidet er alles und da rettet er alle, die ihm glauben. Der Theologe Helmut Thielicke hat über Jesus gesagt:

Das ist sein Leiden: Wissend mit ansehen müssen, wie der, den man liebt, ahnungslos in sein Verderben rennt, wie er alle Warnungen überhört und das rettende Seil nicht ergreift.“ (Quelle: „Ich glaube“, S. 119)

Jesus hat sich gefreut an Gottes Schöpfung. Er konnte sich freuen an den Blumen, dem Zwitschern der Vögel, der Wärme der Sonne. Aber nichts kann ihm den Schrecken nehmen, dass Menschen, die er liebt, verloren gehen. „Jesus hat sich totgeliebt!“ (Thielicke). Jesus war so sehr für uns, er ist heute so sehr für uns, dass er in jedem Fall bei uns sein will. Auch in der Tiefe. Selbst in unserer Gottesferne. Wo wir gerichtet werden, da wollte er sein. Und da, wo wir ganz unten sind, da hat er es für uns ertragen.

Ganz wichtig, um Karfreitag zu verstehen, ist, dass da am Kreuz nicht irgendein Mensch leidet. Gott will kein Menschenopfer. Am Kreuz leidet Gott in Christus, weil er uns so sehr liebt und den Schmerz nicht aushält, das wir verloren gehen.

„Einer ist für alle gestorben“, schreibt Paulus. Das „für uns“ hat eine doppelte Bedeutung: Erstens: Er ist an unserer Stelle gestorben. Wir hätten den Tod verdient. Kein Mensch könnte vor Gott bestehen und am Leben bleiben. Er ist das Licht, wir sind finster, das Licht zerstört die Finsternis. Für uns, an unserer Stelle also ist er gestorben.
Und Zweitens: Uns zum Gewinn. Uns zum Vorteil. Er hat alles gegeben, damit wir alles haben. So ist er „für uns“ gestorben.

Gott war ihn Christus!“ Gott in Jesus Mensch geworden. Gott verlangt kein Opfer. Er ist kein zorniger Gott, der durch ein Opfer wieder wohl gestimmt werden müsste. Paulus schreibt nicht, dass Gott versöhnt werden musste. Gott verlangt kein Opfer. Er bringt das Opfer. Gott braucht es nicht, wohlgestimmt zu werden“. Er ist selbst das Subjekt, der Handelnde. Das Licht findet einen Weg, dass das Dunkel in ihm bestehen kann.

Zweitens: Gott versöhnt die Welt mit sich selbst.

Wenn Menschen gestritten haben, versöhnen sie sich wieder, wenn es gut geht. Dann möchten beide Seiten die Beziehung wieder auf gesunde Füße stellen. Man will wieder gut miteinander umgehen, Feindschaft beenden. Versöhnung braucht Mut und Demut. Das Gespräch anzufangen, ist nicht einfach. Offen sein, ehrlich sagen, wo man verletzt ist, und andererseits hören, wo man selbst den anderen verletzt hat. Versöhnung ist Arbeit. Harte Arbeit, wenn man ehrlich ist.

Meistens begegnet man sich selbst in zwei entgegengesetzten Rollen: Als Täter und als Opfer. Wir werden nicht nur gekränkt, wir kränken auch. Wir müssen nicht nur einstecken. Wir teilen auch aus. Versöhnung ist harte Arbeit, weil es an den eigenen Kern geht, weil man sich zur Disposition stellt. Keiner kommt da billig weg. Da werden Dinge offen angesprochen. Da gibt es kein Verstecken mehr. Schwächen und Schuld werden benannt. Versöhnung geht nicht, ohne eigene Schuld zu erkennen und sich nicht mehr selbst zu entschuldigen. Versöhnung geht nicht, ohne dem anderen zu vergeben, und, wo es möglich ist auch, Unrecht wieder gut zu machen. Wer gestohlen hat, muss es zurückgeben. Wer gelogen hat, muss jetzt die Wahrheit sagen.

Es gibt kein gesundes, kein gelingendes Leben ohne Versöhnung! Versöhnung auch mit der eigenen Vergangenheit. Mit den eigenen Eltern, die vielleicht nicht einmal mehr leben. Versöhnung kostet immer Mut und Demut. Beides kann man besonders an Karfreitag sehen. Karfreitag ist „der große Versöhnungstag Gottes“. Da zeigt Gott seinen ganzen Mut, wie entschlossen er die Menschen liebt, und geht den Weg der tiefsten Demut.

Auch Gott will die Beziehung klären, Schuld ansprechen, einen neuen Anfang schenken. Auch Gott will durch seine Versöhnung einen neuen Lebensstil bewirken, einen neuen Umgang miteinander. Aber sein Weg ist doch ein ganz anderer: „Gott hat die Welt mit sich selbst versöhnt!“ Die Welt hat gar nichts dazu getan. Die Welt war gar nicht beteiligt. Gott hat keine Gespräche gesucht und verhandelt. Gott hat keine Bedingungen gestellt. Er hat die Brücke über den Riss ganz allein von seiner Seite aus gebaut.

Gott hat es ganz mit sich selbst ausgemacht. Der Mensch war immer noch weit weg. Keine Umkehr, keine Erkenntnis, keine Einsicht. Da schon hat Gott begonnen, alles auszuräumen, wegzutun, abzulegen, was zwischen ihm und der Welt gestanden hat. Er hat sich selbst versöhnt. Gottes Versöhnung ist Arbeit an sich selbst. Er hat seinen berechtigten Zorn überwunden. Er ist den Menschen wieder gut geworden, ohne ihr Zutun.

Dass wäre so, als hätte dir jemand böses Unrecht getan, dich sehr verletzt, wiederholt, ... vor anderen vielleicht. Es tut dir weh. Du leidest darunter. Du bist wund, traurig, verzweifelt, wenn du an den anderen denkst. Du hast Rachegefühle in dir. Schlimme Gedanken. Der andere ist dein Feind! – Sich selber mit dem anderen versöhnen, das würde dann bedeuten, dass du in dir selbst wieder Frieden für den anderen schaffst. Dass du in dir den Weg frei machst, ihn wieder zu lieben. Dass du deinen Zorn und dein ganzes Waffenarsenal ablegst.

Wenn ich mich mit dem anderen versöhne, baue ich die Brücke zu ihm ganz fertig, von meiner Seite aus, alleine. Egal, ob der andere diese Brücke auch geht! Von mir aus ist der Weg frei und er wird keinen Feind mehr in mir finden. „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst und er rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.“ (V19)

Drittens: Wir sind Botschafter dieser Versöhnung

Karfreitag sterben auch wir. Seid ihr darauf vorbereitet? Wollt ihr heute auch sterben? Wir können seit Karfreitag nicht weiterleben wie vorher! Versöhnung hat einen neuen Anfang als Ziel, ein neues Miteinander, ein Leben in der Wahrheit, in neuer Treue. Wir werden zu Verkündigern der von Gott geschenkten Versöhnung. Wir werden seine Zeugen.

In den Worten, die er wählt, spielt Paulus auf die Taufe an, er erinnert an die Taufe, wenn er schreibt: „Wenn einer für alle gestorben ist, dann sind alle gestorben. Und er ist deshalb für alle gestorben, damit die, die leben, nicht länger für sich selbst leben, sondern für den, der für sie gestorben und zu neuem Leben erweckt worden ist!“

Ich habe schon zu Ostern getauft. Oft sogar. Ostern ist ein beliebter Termin für eine Taufe. Taufe als ein Fest der Auferstehung und der Hoffnung. Da feiern wir, dass ein Mensch Anteil an der Auferstehung Jesu bekommt. Ebenso gut könnte man Karfreitag taufen. Die Taufe als Lebensübergabe. Das eigene Leben wird mit in den Tod Jesu gegeben. „Das hast du für mich getan! Ich will nicht mehr leben wie vorher.“

Paulus hat es in seinem Brief an die Römer (Kapitel 6) so formuliert. In der Taufe geben wir unser Leben mit in den Tod Jesu. In der Taufe stirbt unser alter Mensch. Da hört das Leben auf, in dem ich der Mittelpunkt gewesen bin. Und in der Taufe bekomme ich Anteil an der Auferstehung Jesu. In der Taufe beginnt ein neues Leben unter der Herrschaft von dem Herrn, der sein Leben für mich gegeben hat. Auch in unsrem Predigttext erinnert Paulus daran: „Wenn jemand zu Christus gehört, ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen; etwas ganz Neues hat begonnen!“

Der zentrale Auftrag für alle, die auf seine Brücke gehen, die seine Versöhnung annehmen, ist, Botschafterin oder Botschafter der Versöhnung zu sein. „Botschafter an Christi statt“.

„Gott hat die Welt mit sich versöhnt, (...) und uns hat er die Aufgabe anvertraut, diese Versöhnungsbotschaft zu verkünden. Deshalb treten wir im Auftrag von Christus als seine Gesandten auf. (...) Wir bitten im Namen von Christus: Nehmt die Versöhnung an, die Gott euch anbietet!“

Vermutlich hat Paulus hier als Erstes die Apostel im Blick. Sie sind die ersten Gesandten von Christus. Sie hat er ausgesucht und bevollmächtigt, das Evangelium in die Welt zu bringen. Das „Wir“ aber, „wir“ haben den Auftrag, das bezieht sich auch auf die Christen in Rom, auf alle Christen und auf uns heute.

Wir sind bei Gottes Versöhnung mit uns nicht beteiligt. Aber jeder muss sie für sich selber annehmen. Jeder muss die Hand Gottes greifen, wer sie greifen will. Wer zu Gott will, der muss die Brücke betreten, die Christus heißt. Der Weg zu Gott ist dann ein ganz kurzer: Jesus vertrauen und sich taufen lassen.

  • Karfreitag erinnern wir uns, wie grausam Jesus getötet wurde.
  • Aber er hat sein ganzes Leben darunter gelitten, dass Menschen verloren gehen, weil sie von sich aus den Weg zu Gott, zum ewigen Gott, nicht finden würden, weil sie vor Gott vergehen würden wie das Dunkel, wenn es Licht wird.
  • Jesus ist nicht nur ein Vorbild, ein guter Mensch, der viel zu früh gestorben ist. Gott selbst war in Christus und hat die Welt mit sich versöhnt.
  • Und wir werden erinnert, dass ein altes Leben nach Karfreitag nicht mehr möglich ist. Wenn einer für alle gestorben ist, dann leben jetzt alle für diesen einen. Wir gehen vom Kreuz als Botschafter an Christi statt.

Amen

Profitiert habe ich für meine Predigt von der Predigt von Ruth Conrad zu 2. Korinther 5,19-21 vom 25.3.2016, predigten.evangelisch.de

 
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