Psalm 8 Was ist der Mensch?

Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg
(per Video wegen Corona)
Norbert Giebel, 26.4.2020

Psalm 8   Was ist der Mensch?    


„Was ist der Mensch?“, darum geht es heute. Was macht den Menschen zum Menschen? Ist er etwas Besonderes, Große, Schönes vielleicht oder nur ein Winzling im Universum, ein Staubkorn in der Geschichte? Mit einem Lied aus dem Alten Testament will ich mich dieser Frage nähern. Ich lese Psalm 8:

„Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen! Der du zeigst deine Hoheit am Himmel! Wenn Kinder dich anrufen, ja, wenn Neugeborene schreien, rühmen wir dein Werk und freuen uns deiner Macht. Da sind uns leeres Geschwätz die Reden der Mächtigen, die nichts wissen als das Gesetz des Hasses und der Rache.
Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott; mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.
Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan: Schafe und Rinder und die wilden Tiere überall, die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer und alles, was die Meere durchzieht.
Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!“

David lädt zu einem Abendgottesdienst ein. Zu einem Freiluftgottesdienst in der Nacht:   Man kann die Sterne sehen. Die ganze Breite des Himmels. Und der Chor singt den Refrain: „Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!“ Mit diesem Lob beginnt und endet Psalm 8.

David staunt über Gottes unendliche Schöpfung. Er fängt an beim Kleinsten, bei einem Säugling, der auf die Welt kommt. Was für ein Wunder! Sein Schreien klingt besser in unseren Ohren als das, was alle Mächtigen sagen können. Gott hat wieder einen Menschen auf die Welt gebracht. Er will ihn. Er ist kein Zufall. Und alles ist da und funktioniert. Die kleinen Händchen und Füßchen. Die kleine Nase. Die Zähne werden auch noch kommen. Laufen wird er auch noch lernen. Er hat alle Anlagen dazu in sich.

David fängt im Kleinen an und lobt Gott. Dann sieht er in den Himmel. Was für eine Weite! Was für eine Unzahl von Sternen. Was der Psalmbeter noch nicht wusste: Heute sagt man, es gäbe mehr Sterne in den Weiten des Alls als Sandkörner auf der Erde. Wer kann sich das vorstellen? Denkt an alle Sandkasten, alle Sandwege, alle Sandstrände der Welt: Sterne gibt es mehr als Sandkörner auf der Erde. Und es gibt riesige Sterne. In der Sonne könnten die Erde mit Mond und seiner ganzen Umlaufbahn sich zwei Mal bewegen und sie würden sich nicht berühren. Und es gibt Sterne, die vielfach so groß sind wie die Sonne.

Du zeigst deine Hoheit am Himmel!“ (V2b) schreibt David. Und als er diesen Himmel sieht kommt ihm die Frage: „Was ist der Mensch?“ Diese Frage beschäftigt die Menschen seit Menschen denken. Was ist Besonderes am Menschen? Was unterscheidet ihn? Wozu ist er da? Ein Physiker könnte feststellen, dass wir zu 70% aus Wasser bestehen. Das wird wohl stimmen. Biologen, Soziologen, Philosophen könnten ihre Aussagen machen, was der Mensch ist. Auch da wird viel Richtiges dabei sein. Ich will mich auf Psalm 8 begrenzen. Welche Antworten finden wir da?

1. Der Mensch muss von sich wegsehen, um zu erkennen, wer er ist.

Solange wir bei uns selber bleiben, uns aus der ganzen Welt herausnehmen, und vereinzeln und nur uns besehen, werden wir nie eine Antwort bekommen. Der Mensch bleibt sich selbst ein Geheimnis, wenn er nur bei sich bleibt. Er bleibt an der Oberfläche.

Der Beter oder Sänger von Psalm 8 findet seine Antwort nicht in den Sternen. Er bestaunt den Himmel, aber er verehrt ihn nicht. Die Sterne, die Natur, die Weite des Alls geben ihm keine Antwort. Der Beter von Psalm 8 sieht durch den Himmel durch, hinter den Himmel. Er durchschaut ihn. Er sieht den, der das alles erschaffen hat, der das alles erhält, der die Welt am Laufen hält. Er sieht von sich weg auf Gott. Bei Gott, findet er die Antwort, wer er ist.

Was ist der Mensch? Eine erste Antwort: Das findest du heraus, wenn du von dir wegsiehst, wenn du durch das hindurchsiehst, was Gott geschaffen hat, das Allerkleinste und das Allergrößte, und wenn du zu ihm hinsiehst.

2. Der Mensch ist ein Winzling.

Das ist nicht der Schwerpunkt, nicht die Hauptaussage des Psalms. Aber ich will es doch festhalten: Der Mensch ist ein Winzling, wenn man die Größe der Schöpfung betrachtet. Ein Geschöpf Gottes. Okay. Aber eines von Milliarden mal Milliarden. Neben Milliarden von Tieren, Pflanzen, den Meeren und den Mikroben.

Hiob, eine Figur aus dem Altentestament, ein Mensch, der gelitten hat, alles verloren. Hiob sagt zu Gott: „Was gibst du dich mit mir ab? Ich bin doch nur ein Stück Dreck!“ (Hi 7,17) In anderen Psalmen heißt es, dass die Zeit des Menschen dahinfliegt wie ein Schatten. Der Mensch sei wie das Gras, das heute blüht und morgen nicht mehr da ist! (Ps 144,3f + 103,15)

Der Mensch ist ein Staubkorn in der Geschichte. Wenn ich vor dem Schöpfer stehe, der größer ist alles, was er geschaffen hat, dann steht der Winzige dem Allesumfassenden gegenüber. Der Vergängliche dem Ewigen. Der aus Erde Geschaffene dem Schöpfer. Der Lieblose, Ungerechte, steht dem Heiligen gegenüber. – Was ist dann der Mensch, wenn er vor Gott steht?

3. Gott krönt den Menschen mit strahlender Schönheit und Würde.

Der Mensch ist nicht nichts. Er ist jemand. Kein Mensch ist niemand. Gott will ihn, sieht ihn, er sucht ihn, will Kontakt zu ihm. „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott; mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“

Gott gedenkt unser, hat Martin Luther übersetzt. Im Lateinischen steht das Wort visitare, besuchen. Wir haben keinen fernen Gott. Wir haben keinen Gott, der reglos, ohne Freude, ohne Sehnsucht, ohne Mitleid in irgendeinem Himmel sitzt. Wir haben einen Gott, der uns besucht. Der uns aufsucht. Der uns findet. Der nach uns schaut. Der weiß, wo wir wohnen.

„Was ist der Mensch und der einzelne Mensch, dass du dich seiner annimmst?“ Das Wort annehmen ist alles andere als oberflächlich hier. Wie ein Vater ein neugeborenes Kind annimmt, so nimmt Gott uns an. So nimmt er uns auf in sein Haus. So will er uns versorgen. Der große Gott, der größer ist als das All: Er nimmt uns an  sein Herz. Er macht uns groß! Er hat uns weniger niedriger gemacht als Gott. (V6) Der Vater spiegelt sich in seinen Kindern. Er gibt ihnen Freiheit, Vernunft, Verantwortung. Er vertraut ihnen seine Schöpfung an.

David hat dich gerade die Größe Gottes gepriesen. Was er geschaffen hat, ist unfassbar. Keiner kann seine Größe und Macht ermessen. Und jetzt sagt wer: Du hast den Menschen wenig niedriger gemacht als Gott. Gott ist kein Gott, der nicht Großes neben sich stehen lassen kann. Ein Diktator, ein Despot, ein Gewaltherrscher kann es schlecht ab, wenn jemand anderes neben ihm groß wird. Ganz anders Gott: Er freut sich, wenn wir groß werden, stark, verantwortlich, selbstbewusst, frei. Einen Despoten muss man fürchten, vor einem Gewaltherrscher muss man Angst haben.

Vor dem allmächtigen Gott, der der Höchste ist, dem aller Respekt und alle Ehre gebührt, von ihm braucht man keine Angst zu haben: Er macht niemand klein. Er hat sich verliebt in die Menschen. Er drückt niemanden in den Staub. Er holt ihn heraus. Er stellt ihn auf seine Füße. Er macht ihn groß. Er krönt ihn mit Ehre und Herrlichkeit.

Der Mensch ist zum Ebenbild Gottes geschaffen. Das heißt, wir haben etwas, was eigentlich ihn ausmacht, geschenkt bekommen, alle Menschen: Schönheit und Würde! Wir sind geschaffen, um in Kontakt, in Beziehung zu ihm zu leben. Wir sollen herrschen mit ihm in dieser Welt. Alles hat er unter unsere Füße getan, es zu bebauen, zu nutzen und es zu bewahren: „Schafe und Rinder und die wilden Tiere überall, die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer und alles, was die Meere durchzieht.“ (V8-9)

„Du hast den Menschen wenig niedriger gemacht als Gott; mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt!“ (V6) Kann man überschwänglicher, mit größeren Worten, herrlicher davon reden, zu was Gott den Menschen gemacht hat? Gott hat uns mit Herrlichkeit gekrönt. Herrlichkeit ist leuchtende Schönheit. Strahlende Vollkommenheit liegt auf uns unvollkommenen Menschen, auf jedem Menschen. Jeder Mensch trägt diese Krone Gottes. Jeder Mensch ist wertvoll, Gott hat sich in ihn verliebt, er hat ihn geadelt, egal wie alt er ist, wie klug, wie gesund, wie leistungsfähig, egal wo er herkommt.

Ich muss euch etwas beichten: Beim Schreiben der Predigt habe ich eine Pause gemacht. Auf der Straße sah ich eine Frau mit sehr bunt gefärbten Haaren. „Das würde mir ja nicht gefallen“, dachte ich so. Das war mir ein bisschen unheimlich. Und dann habe ich sie gesehen. Die Krone, Gottes Krone. Diese Frau hat Gottes Krone der Herrlichkeit getragen. – Was bin ich doch für ein konservativer Stinker, dass ich mir für einen Moment ein anderes Urteil über diese Frau geleistet habe. – In Gottes Augen sind alle Menschen Topmodels.

Es ist etwas anderes, ob wir als Menschen, ob ich dem gerecht werde, mit dieser geschenkten Schönheit zu leben, ob wir Menschen unserem Auftrag gerecht werden, diese Welt zu bebauen und zu bewahren. Der heilige Gott will, dass wir heilig leben. Und wir bleiben zurück dahinter. Wir scheitern. Wir sind lieblos, ungerecht. Der Mensch ist nicht nur winzig, er ist auch sehr fehlerhaft. Dennoch gilt was wir in Psalm 8 lesen, für jeden Menschen. Von der Windel bis zum Sterbebett: Gott hat ihn wenig niedriger gemacht als sich selbst, ihm als Gegenüber, und er hat ihn gekrönt mit Ehre und Herrlichkeit. Ob wir ein Baby sehen, einen Single, eine Mutter, jemand im Rollstuhl, einen weisen Alten oder einen Alten, der etwas wunderlich geworden ist: Sie alle tragen die Krone der Herrlichkeit!

Die Bibel macht den Menschen nicht klein! Zum Problem wird es nur, wenn der Mensch sich zum Gott macht. Wenn der Mensch sich zum Gott macht, sich selbst zum Maßstab macht, dann geht die Demut verloren, dann weiß er nicht mehr, wie klein er ohne Gott ist. Dann geht auch das Staunen verloren, weil der Mensch zum Mittelpunkt von allem geworden ist. Und dann geht auch das Vertrauen verloren, der Glaube, weil der Mensch meint alles allein in die Hand nehmen zu müssen und zu können.

Was ist der Mensch? Die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen können dazu Richtiges sagen. Was den Menschen zum Menschen macht aber wird er nur erkennen, wenn er von sich wegsieht. Er ist nicht der Nabel der Welt. Aber wir sind wunderbar, herrlich, geliebt von Gott, bevollmächtigt und beauftragt, seine Herrlichkeit in diese Welt zu bringen.

Nelson Mandela, der erste schwarze Präsident Südafrikas, hat in seiner Rede zu seiner Amtseinführung etwas gesagt, dem der Beter von Psalm 8 sicher zustimmen würde: „Wir fragen uns, wer bin ich denn, um von mir zu glauben, dass ich brillant, großartig, begabt und einzigartig bin? Genau darum geht es, warum solltest du es nicht sein? Du bist ein Kind Gottes. Dich klein zu machen nützt der Welt nicht. Wir alle wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes, die in uns liegt, auf die Welt zu bringen. Sie ist nicht in einigen von uns, sie ist in jedem.“

Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ Wir haben einen Gott, der uns besucht und der uns annimmt, wie ein Vater sein Kind annimmt. In Jesus Christus hat Gott uns besucht, und in Jesus har er ja gesagt zu allen Menschen. Nicht zu einem Ideal von uns Menschen, sondern zu den real existierenden Menschen. Wir haben einen Gott, der uns sieht und der uns liebt. Das macht uns zum Menschen.

Amen.

Zusatz oder alternativer Schluss:
Rene Descartes, Philosoph und Mathematiker aus dem 17. Jahrhundert, Descartes, hat den Menschen als ein denkendes Wesen hervorgehoben. „Cogito ergo sum“, hat er gesagt: Ich denke, also bin ich. Als Christen dürfen wir sagen: „Amor ergo sum!“ Ich bin von Gott geliebt. Dass macht mich zum Menschen.

Amen.

Sehr Profitiert für meine Predigt habe ich von dem Vortrag von Michael Herbst „Darf man Sterbehilfe leisten“ in ders.: Harte Fragen. Asslar 20082

 
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