Matthäus 6, 9-13 Vater unser

Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg
Online-Predigt in Corona-Zeit, Norbert Giebel, 17.5.2020

Matthäus 6, 9-13    Vater unser


Herzlich willkommen zu einer Sonntags-Andacht.

Unsere Gemeindeleitung hat entschieden, dass wir bis auf weiteres noch keine öffentlichen Gottesdienste in unserer Kirche haben. Mitglieder und Freunde unserer Gemeinde haben für heute wieder verschiedene Links zu verschiedenen live gestreamten Gottesdiensten anderer Kirchen bekommen. Ich möchte in der heutigen Andacht darum lediglich einen sehr bekannten Bibeltext in einer Predigt auslegen. Dann beten wir das Vaterunser zusammen und stellen uns unter Gottes Segen. Vor der Predigt möchte ich mit uns beten:

Herr, wir danken dir, dass wir bei dir immer willkommen sind. In Deinem Namen kommen wir zu dir. Es sind besondere und für manchen auch schwere Zeiten, in denen wir leben. Wir bitten dich: Gib uns dein lebendiges Wort. Sei ganz bei uns und lass uns ganz bei dir sein. Verbinde uns mit dir und untereinander auch auf diesem Weg. Gib uns deinen Heiligen Geist, darum bitten wir. Amen.

In der Predigt heute geht es ums Beten und damit um das Wichtigste, das Erste im Glauben überhaupt. Wer betet, der glaubt. Beten ist für den Glauben wie Atmen für den Körper. Da bekommt der Glaube Luft. Da wird er an seine Kraftquelle angeschlossen. Wer betet, setzt sich Gott aus oder setzt sich mit Gott zusammen. Wer betet, lässt Gott an sich heran.

Der für die Predigten an diesen Sonntag vorgesehene Bibeltext ist das Vaterunser nach dem Matthäusevangelium. Wir finden diesen Text in der Bergpredigt in Matthäus 6 und Jesus beginnt mit einigen Grundregeln für das Beten, dann folgt das Vaterunser. Ich lese uns ab Matthäus 5 Vers 5:  

5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden., ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.
6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.
7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.

9 Darum sollt ihr so beten:
Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt.
10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
11 Unser tägliches Brot gib uns heute.
12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
14 denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Zuerst also: Wer betet, der soll nicht beten, um bei Menschen Eindruck zu machen, um gesehen zu werden. Wir sollen das Gebet nicht missbrauchen, um gut dazustehen oder Einfluss auf Menschen zu nehmen. Das gilt für alles Beten. Es geht um Gott selbst und um mich oder in der Gemeinschaft um uns. Nie soll ein Gebet der eigenen Ehre dienen.

Zweitens: Wer betet, soll nicht viele Worte machen, er soll nicht plappern übersetzt Martin Luther. Gott sieht unser Herz an. Gott weiß, was wir sagen wollen. Und Gott ist immer schon barmherzig, liebevoll, ganz Ohr für uns, wenn wir beten. Wir müssen ihn nicht überreden. Wir müssen ihn nicht weichreden, laut und lange, bis er endlich hört. Er hört schon bei der ersten Silbe. Er weiß schon, etwas wir sagen wollen, bevor das erste Wort unseren Mund verlässt.

Gottes liebevolle und gnädige Haltung uns gegenüber dürfen wir voraussetzen. So treffen wir ihn schon an. Nie, weil wir es verdient haben, sondern immer, weil er es uns schenkt. Wir brauchen nichts leisten, wie die Heiden es denken, sagt Jesus, wir brauchen nichts leisten, damit er uns gut ist. Wir dürfen sofort anfangen und sagen:

„Vater! Unser Vater!“

Wer Gott als Vater anredet, macht sich bewusst, dass er willkommen ist. Er betritt den Raum Gottes und weiß, dass es ein Raum voller Güte und Gnade ist. Wenn wir Vater sagen, werden wir erinnert, dass wir seine Kinder sind. Und wir werden mit allen seinen anderen Kindern verbunden. Denn wir beten nicht „Mein Vater“, sondern „unser Vater“.

Geheiligt werde dein Name!

Das ist die erste Bitte. Das richtet mein Gebet aus. Das Lob Gottes steht am Anfang und nachher auch am Ende des Gebetes. Wer betet, macht sich eins mit dem Gebot, dass Gottes Name nicht missbraucht werden soll. Ich sage Vater zu ihm, aber es ist der heilige Gott. Das will ich nicht vergessen. Ich will in Ehrfurcht vor ihn treten. Es ist der Allmächtige, der diese Welt geschaffen hat und der sie einmal richten wird. Er soll Gott sein, wenn ich bete, nicht ich. Ich will Gott nicht einordnen in meinen Alltag, als einen Tagesordnungspunkt, ein Teil meines Lebens: Aufstehen, Kaffee trinken, beten, Zähne putzen, los geht es in den Tag. Wer seinen Namen heiligt, stellt Gott nicht neben alles andere in seinem Leben, sondern über alles andere.

Diese Bitte erhören wir selbst. Wir müssen das tun. Wir beten nicht „heilig ist dein Name“, sondern „geheiligt werde dein Name.“ Das ist etwas, was geschehen soll. Wir könnten auch beten: „Du, Herr, bist heilig! Lass uns das in allem, was wir sagen, beten, tun, nicht vergessen. Dazu hilf uns Herr. Geheiligt werde dein Name!“

Dein Reich komme, dein Wille geschehe!

Diese Bitten entsprechen der ersten, dass er über allem stehen soll. Wer betet „dein Reich komme, dein Wille geschehe“, der stellt sich auf Gottes Seite und geht auf Distanz zu sich selbst. Ich bitte nicht darum, dass geschieht, was ich will. Ich unterscheide meinen Willen von Gottes Willen. Ich zeige Gott die Bereitschaft, dass mir das, was er will, wichtiger ist als mein Wohl und mein Wille. Ich unterstelle mich ihm. Wie Jesus es im Garten Gethsemane getan hat als er betete: „Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe!“ Dass Gottes Herrschaft sich zeigt und durchsetzt, ist mir wichtiger als dass meine Wünsche und Sehnsüchte erhört werden. Es geht beim Beten wie Jesus es uns gelehrt hat, eindeutig zuerst um Gott selbst.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Ich telefonierte mit einer Schwester aus unserer Gemeinde, die ihren Mann über zwei Monate nicht sehen konnte. Er kam in ein Heim. Sie kam in ein Krankenhaus. Danach schloss sich eine Reha an. Dann kam Corona. Und sie sagte sinngemäß: Im Moment geht es mir immer noch so: Ich habe jeden Tag nur die Kraft, die ich für diesen Tag brauche. Viele von uns sind schon durch solche Lebensphasen gegangen. Da betet man diese Bitte des Vaterunsers sehr bewusst: Unser täglich Brot gib uns heute. Hier geht es nicht nur ums Brot. Hier geht es um das, was wir zum Leben brauchen. Gesundheit, Kraft, Hoffnung, Geduld, Weisheit, wo Entscheidungen zu treffen sind. Darum bitten wir!

Und wieder heißt es „Unser täglich Brot gib uns heute!“ Wir beten auch für das Brot, für die Hoffnung, den Trost, die warme Mahlzeit, sauberes Wasser, das andere brauchen, die ebenso dieses gebet sprechen. Die Bitte um „unser tägliches Brot“ hat auch eine diakonische Dimension. Wer bei Jesus beten lernt, kann nicht nur beten, dass er selber satt wird. Er betet darum und er setzt sich dafür ein, dass Menschen das bekommen, was sie zum Leben brauchen. Wer nur an sich denkt, an seinen Tage und seine Bedürfnisse, der sollte diese Bitte nicht mitsprechen. Es ist wie die anderen auch eine umfassende Plural-Bitte: Unser täglich Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Wer wie Martin Luther es vorgeschlagen hat das Vaterunser morgens und abends betet, wird zwei Mal am Tag erinnert: Ich werde schuldig. Ich bin heute schuldig geworden. Und
andere Menschen brauchen meine Vergebung, heute. – Führe uns nicht in Versuchung ist ja erst die nächste Bitte. Aber wie schnell können wir versucht sein, Negativbilder von anderen anzufertigen du zu konservieren. Was die getan haben, kann man nicht einfach vergeben und vergessen. Da müssen die erst einmal erkenne, was sie getan haben, Reue zeigen, ganz kleinlaut um Vergebung bitten. Sonst wird das nicht wieder gut. Wie schnell sind wir versucht, nachtragend zu sein, andere Menschen vielleicht monatelang, jahrelang von uns weg zu halten, auf Distanz u gehen, unsere Gemeinschaft ihnen zu versagen, weil sie uns verletzt haben.

Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Das ist die einzige Bitte im Vaterunser mit einer Bedingung (siehe auch Vers 14-15). Wenn wir ehrlich sind, müssten wir manchmal lieber beten: „Vergin uns unsere Schuld bitte gnädiger als wir anderen vergeben! – Das ist aber nicht die Formulierung und die Haltung, die wir bei Jesus lernen. Noch am Kreuz hat er gesagt: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! Da hat noch niemand um Vergebung gebeten. Da ist noch niemand zu Kreuze gekrochen. – Die bitte um Vergebung war schneller. So sollen wir bei Jesus vergeben lernen.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Gemeint ist die Versuchung, sich von Gott zu entfernen. Durch Ungehorsam. Dadurch, dass wir anderen Dingen, Mächten, Zielen im Leben den Raum geben, der ihm gehören sollte. Dadurch, dass wir uns von unseren Begierden treiben lassen, wo wir uns oder anderen schaden. Dadurch, dass wir ihm nicht mehr vertrauen.

Erlöse und von dem Bösen. Das Böse oder der Böse ist real. Beides ist von der Übersetzung aus dem griechischen Urtext möglich. Das Böse, das Üble im Leben kann gemeint sein, aber auch der Böse, der Teufel. Unser Leben als Christen ist umkämpft. Das ist kein Ponyhof. Wir haben nicht nur Gutes in uns! – Wer das von sich denkt, hat sich selbst noch nicht erkannt. – Wir haben nicht nur Gutes in uns du es gibt um uns herum nicht nur Gutes. Der Teufel freut sich über jeden Tag, über jede Stunde, über jede Tat, in der Jesus nicht unser Herr war.

Wir schließen das Vaterunser mit einem Lobpreis:
Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Diese letzte Zeile des Vaterunsers ist erst später hinzugekommen. Sie ist angelehnt an einen Lobspruch aus dem Alten Testament formuliert worden (1. Chronik 29, 10-11). In manchen Bibelübersetzungen fehlt deshalb dieser Lobspruch und er wird auch nicht in allen Kirchen gebetet. Wer das Vaterunser betet, wie wir es kennen, hat also das Gebet gesprochen, das Jesus uns gelehrt hat, und findet am Ende noch einmal zu einem Lob: Der, den ich am Anfang mit Unser Vater angesprochen habe: Sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen

 

Lasst uns aufstehen, stehen sie gerne auch zuhause dazu auf: Wir wollen das Unser Vater gemeinsam beten und uns unter Gottes Segen stellen.

Gebet des Vaterunsers

Segen

Es segne euch der heilige Gott
der durch Jesus Christus unser Vater ist.

Sein Name sei geheiligt,
sein Reich komme und sein Wille geschehe
in deinem Leben.

Er gebe dir jeden Tag, was du zum Leben brauchst.
Er vergibt dir deine Schuld, jeden Tag, wie du es brauchst.
Er stärke dich in allen Versuchungen,
Dass du treu verbunden mit ihm lebst.

Der allmächtige, herrliche Gott
Er lässt sein Angesicht über dir leuchten
und er gibt dir seinen Frieden.

Amen.

 
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