Lukas 24, 1-35 Jünger auf dem Weg nach Emmaus

EFG Kassel Möncheberg – Sonntagsandacht – YouTube – in Corona Zeiten 24.5.2020
Norbert Giebel

Lukas 24, 1-35 Jünger Jesu auf dem Weg nach Emmaus

Herzlich willkommen zu unserer Andacht am Sonntag.

Es war uns als Gemeinde nicht möglich, für diesen Sonntag wieder so einen schönen Gottesdienst online zu stellen. Eine Andacht habe ich aber für den heutigen Sonntag vorbereitet.

Eigentlich kommt diese Andacht zu spät. Zum einen darum, weil hier nur zwei Menschen zusammen unterwegs sind. Das war ja bis vor wenigen Wochen bei uns auch die Regel: Mehr als zwei durften nicht zusammen spazieren gehen. Zum anderen kommt diese Andacht etwas spät, weil es eigentlich ein Ostertext ist, um den es heute geht. Nachlesen kann man die Geschichte im letzten Kapitel des Evangeliums von Lukas, Lukas 24.

Jesus war auferstanden und einigen Frauen war er bereits als der Auferstandene erschienen. Die Frauen waren zu den Jüngern gelaufen. Die glaubten ihnen nicht, liefen dann aber doch zum Grab und fanden es leer. Es gab aber noch mehr Jünger als die Zwölf, mehr Nachfolger von Jesu, Menschen, die ihm glaubten und verehrten. Zu diesen Nachfolgern gehörten zwei Männer, die aus Emmaus kamen. Ein kleiner Ort, 10 km von Jerusalem weg.

Diese beiden haben die Kreuzigung von Jesus miterlebt. Am nächsten Tag, am Sabbat, am Samstag, durfte man keine weiten Wege gehen. Darum waren sie in Jerusalem geblieben und machten sich dann am Sonntag, dem ersten Tag der Woche, auf den Weg. Jetzt waren sie unterwegs nach Hause. Besser gesagt: Sie waren unterwegs in ihr altes Leben. Sie wollten mit Jesus leben, wollten ihm dienen, seine Herrschaft mit ausbreiten. Sie waren nahe dran an ihm. Oft haben sie mit ihm zu Tisch gesessen und gegessen.

Mit Jesus war ihre Hoffnung gestorben. Mit Jesus war ein Licht in ihr Leben gekommen. Ein Sinn für ihr Leben. Ein Ziel, für das sie leben wollten. Sie hatten einen Halt gefunden, einen Herrn, eine Hoffnung, die ihr Leben veränderte. In Jesus, dachten sie, erfüllt Gott alle seine Verheißungen. Jetzt war wer tot. Verurteilt. Elend gestorben. Sie hatten sich geirrt! Jesus war nicht der Herr, für den sie ihn gehalten haben! Was für eine Enttäuschung!

Die beiden Männer, Kleopas hieß der eine, von dem anderen wissen wir den Namen nicht, sie waren in tiefer Trauer. Ihr Weg nach Emmaus war ein Trauerweg zurück in ihr altes Leben. Ohne Jesus.

Unterwegs unterhielten sie sich über das, was geschehen war. Was sie mit Jesus erlebt hatten. Vielleicht erinnerten sie sich an Worte von ihm. Im Mittepunkt aber stand ihre große Enttäuschung und Trauer.

Ich denke, diesen Weg der beiden können die meisten von uns nachvollziehen. Weil wir auch Zweifel kennen. Weil wir auch Enttäuschungen kennen. Auch Enttäuschungen von Gott, weil wir sein Handeln anders erwartet haben. Weil wir auch Trauer kennen, weil wir einen Menschen verloren haben, mit dem unser ganzes Leben verbunden war, oder weil Großes in unserem Leben wegbricht und wir unser Leben neu finden müssen. Ich glaube, dass die meisten von uns den Weg der beiden Männer nach Emmaus nachempfinden können, weil wir auch Zeiten kennen, wo wir den Kopf hängen lassen, wo wir uns in unserem Schmerz verlieren, wo Jesus uns weit weg erscheint.

Die beiden werden langsam gegangen sein. Wer trauert, der rennt nicht. Sie werden sich nicht gewundert haben, dass ein weiterer Mann sie einholte und zu ihnen aufschließt. Er ging schon eine ganze Weile mit ihnen, nahe hinter ihnen, dann an ihrer Seite. Er hörte, was sie sich erzählten. Er fühlte mit ihnen. Jesus war bei ihnen in ihrer Trauer, in ihrer Klage, in ihrer Verzweiflung. Und sie wussten es nicht. Auch als der Fremde die beiden anspricht, erkennen sie ihn nicht. Sie sind mit Blindheit geschlagen. Sie haben keine Augen für Jesus. Sie sehen nur ihre eigenen Schmerzen.

„Worüber redet ihr da so eifrig unterwegs?“ fragt Jesus. Das finde ich wirklich großartig. Sie sollen erzählen. Sie sollen sich ihre Gefühle, ihren Schmerz von der Seele reden. Sie sollen es noch einmal erzählen. Jesus hört zu und er fragt nach. Menschen, die trauern, brauchen jemanden, der zuhört, der Interesse hat, was gewesen ist und wie es ihnen damit geht. Und Menschen, die trauern, brauchen Menschen, denen sie es auch noch einmal erzählen können. Die noch einmal zuhören. Die Geduld mit ihnen haben.            

Kleopas bleibt traurig stehen, schreibt Lukas. Traurig sieht er Jesus an. „Du bist wohl der einzige in Jerusalem, der nicht weiß, was dort in den letzten Tagen geschehen ist?“ fragt er Jesus. „Was denn?“, fragt Jesus die beiden. Und dann können sie wieder erzählen: „Das von Jesus von Nazareth. Er war ein Prophet. Er hat mit seinen Reden und seinen Taten dem ganzen Volk Gottes Macht gezeigt, dass er von Gott kommt! Die obersten Priester und der Hoherat haben ihn verurteilt. Er ist gekreuzigt worden. Und wir haben ihn für den gehalten, der Israel befreiten würde! Heute Morgen haben einige Frauen das Grab leer gefunden und behauptet, ihn gesehen zu haben.

Was soll man da noch glauben? Wer kommt denn, wenn er ein leeres Grab sieht, darauf, dass der Tote auferstanden sei? Ein leeres Grab ist doch kein Beweis. Kleopas und der andere aus Emmaus konnten es nicht glauben.

Da sind Menschen zu zweit auf dem Weg von Jesus weg. Sie haben aufgegeben. Sie sind auf dem Weg in ihr altes Leben, ohne Jesus. Bloß nicht mehr zu viel erwarten vom Leben. Einfach weiterleben.

Das erste, was Jesus tut: Er geht ihnen nach! Er geht mit ihnen! Das zweite, was er tut: Er hört ihnen zu! Er nimmt ihren Schmerz und ihre Enttäuschung ernst. Er spielt es nicht herunter. Das dritte, was er tut: Er hält ihnen eine lange Bibelarbeit. Er argumentiert! Das ganze Alte Testament geht er durch. Zumindest viele Schriftstellen und Worte von Propheten, die von dem kommenden Messias, dem Erlöser, gesprochen haben. Darunter auch Worte, dass der Messias leiden wird, missachtet, geschlachtet wie ein Schaf,    dass er aber auch ewig leben wird.

Die beiden hören zu. Sie lassen es zu, dass Jesus argumentiert. Das ist nicht selbstverständlich. Es gibt auch Zweifler, Menschen, die sich von Jesus weg bewegen, die für kein Argument und keine Erinnerung mehr offen sind. Ihre Trauer und Enttäuschung, ihr Selbstmitleid, ihre Wut hat absolute Oberhand. Die beiden hören zu. Sie merken gar nicht, wie weit sie schon gegangen sind. Sie hängen Jesus an den Lippen. Eine zarte Hoffnung erwacht in ihnen. Ist Jesus doch der Messias, für den sie ihn gehalten haben?

Mittlerweile waren sie in Emmaus angekommen. Ihr altes Leben, ihr altes Dorf, lag vor ihnen. Und Jesus tut so, als wolle er weitergehen und sie verlassen. Er drängt sich nicht auf. Er lädt sich nicht selber ein. Oft steht Jesus direkt vor unserer Tür, vor unserem Arbeitszimmer, vor der Küche, vor dem Schlafzimmer, er steht vor unserem Auto und will mit einsteigen, er steht am Eingang zur Schule oder zur Uni und will uns begleiten. Er will mit uns am Morgen aufstehen. Aber er drängt sich nicht auf. Jesus tut so, als wolle er weitergehen. Er möchte, dass die Menschen seine Nähe wollen, ihn einladen.

„Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden!“ sagen sie beiden. Und Jesus kommt mit in ihr Haus. „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden!“ Millionen Menschen haben es nach den beiden Männern gebetet. In vielen Liturgien oder Abendgebeten gehört er dazu: „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden!“ Das ist nicht nur der Abend des einen Tages. Das ist auch der Abend der Hoffnung.
Das Ende der eigenen Kraft. Das Ende der eigenen Weisheit. „Herr, wir gehen gerade in unser Leben zurück. Bitte bleibe bei uns!“

Gibt es für dich auch so ein Emmaus? Einen Ort, an den du dich zurückziehst, ohne Gott? Gibt es für dich auch ein altes Leben, einen Alltag ohne Gott, in denen du fliehst, wenn dir etwas zu viel wird, wenn du Gott nicht verstehst, wenn du ihm nicht vertrauen magst? Was könnte dein Emmaus sein, dein altes Leben, ohne Jesus, in das du zurückgehst?

Als sie am Tisch sitzen, als sie Jesus eingeladen haben, wird er selber zum Gastgeber. Er nimmt das Brot vor der Mahlzeit und spricht das Tischgebet. Da erkennen sie ihn.

Sie denken, sie tun Jesus Gutes, indem sie ihn aufnehmen. Und er macht ihr Leben wieder hell!

Corona-Zeit. Covid 19. Wie erlebst du diese Wochen und Monate? Bist du alleine unterwegs in deinem Leben? Oder zu zweit? Geht da noch jemand neben dir? Oder sind es noch mehr, mit denen du auf dem Weg bist?

Was für Gefühle treiben dich, sind obenauf? „Mir geht es blendend“ sagte eine Frau, die ich vor kurzem zum 85. Geburtstag anrief. Welche drei oder vier Gefühle würdest du nennen, die in dieser Zeit stark bei dir sind?

Wir sind nicht alleine unterwegs! Vielleicht sind unsere Augen auch gebunden und wir sehen Jesus nicht. Aber er ist da. Er geht mit. Neben uns. Er hört zu. Er fühlt sich ein, er fühlt mit. Freut sich mit, trägt mit.

Und wenn unser Glaube gerade klein ist, wenn wir den Kopf hängen lassen, wenn wir Zweifel haben, Jesus schüttelt nicht den Kopf. Er gibt dem Raum, was unser Leben schwer macht, weil er es ernst nimmt. Wir dürfen das fühlen und davon erzählen.

Jesus zeigt sich dir. Er gibt dir Zeichen, dass er bei dir ist. Kleine Zeichen, die dein Vertrauen stärken, an denen du dich freust. Er drängt sich nicht auf. Du musst ihn nicht zu dir einladen. Aber wenn du es tust, dann deckt er dir den Tisch, dann bricht er dir das Brot, dann segnet er dir den Tag, und dann führt er dich in ein frohes und festes Leben mit ihm zurück.

Amen.

 
Zum Anfang