Johannes 15, 1-8 In Christus bleiben

Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg
Norbert Giebel, Online-Predigt in Corona-Zeiten 14.6.2020

Johannes 15, 1-8    In Christus bleiben

Ich lese zur Predigt aus dem Johannesevangelium Kapitel 15 die Verse 1-8

(1) Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner. (2) Jede Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, die nimmt er weg; und jede, die Frucht bringt, die reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe.(3) Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.
(4) Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe nicht von sich selbst Frucht bringen kann, sie bleibe denn am Weinstock, so auch ihr nicht, ihr bleibt denn in mir. (5) Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun. (6) Wenn jemand nicht in mir bleibt, so wird er hinausgeworfen wie die Rebe und verdorrt; und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. (7) Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, so werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch geschehen.
(8) Hierin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und meine Jünger werdet.

Für die Predigt gehe ich heute zuerst einmal mit euch einkaufen. Wir gehen auf einen Markt. Buntes Treiben. Tolle Angebote. Wollt ihr mal probieren? Oliven zum Beispiel. Oder Käse.
Ein Stück Wurst oder einen kleinen Happen von dem guten Streuselkuchen? – Manchmal darf man probieren. Dann werden kleine Proben für die Kunden hingestellt. Auf dem Tresen. In kleinen Plastikgefäßen oder schön auf einem Teller zurecht gemacht: Probierhäppchen. Die Oliven- oder Käseverkäuferin, der Metzger oder der Bäcker verbinden die Hoffnung damit, dass es uns schmeckt und dass wir, wenn wir schon an seinem Stand stehen, mehr davon haben wollen.

Wir Christen sollen Probierhäppchen Gottes sein. Wir sollen den Menschen ein wenig den Himmel schmecken lassen. Durch sollen sie Appetit bekommen auf mehr von diesem Gott, der sich in Jesus gezeigt hat. Die Rede Jesu von sich selbst als dem wahren Weinstock ist Teil seiner Abschiedsreden. Jesus ist bald mal weg. Lange weg. Und er bereitet seine Jünger darauf vor.

In Kapitel 13 bei Johannes wäscht er seinen Jüngern die Füße. So zeigt er seine Liebe und er sagt: An eurer Liebe soll die Welt erkennen, dass ihr meine Jünger seid. (V34) – Kapitel 14 geht es dann um den Heiligen Geist. Jesus und der Vater werden ihn senden. Er ist unser Tröster, unser Begleiter, unsere Kraft. Durch den Heiligen Geist gießt Gott uns seine Liebe ins Herz. (Römer 5,5) – Kapitel 16 geht es noch weiter um den Heiligen Geist. Jesus geht, aber er kommt durch seinen Geist zu uns. Er wird uns helfen in dieser Zeit, in der Jesus nicht mehr sichtbar unter uns sein wird.

Seine Rede vom Weinstock steht genau dazwischen. Es geht darum, wie der Heilige Geist wirkt, wie Gott seine Früchte, seine Liebe, durch uns wirken wird: Das geht nur, wenn wir in Christus bleiben, in ihm verwurzelt sind, ein Teil von ihm sind. Der Heilige Geist wirkt nicht ohne dass wir uns an Christus binden. Gott wird seine Früchte dann durch uns wachsen lassen, wenn wir in Christus bleiben.

Die Frucht, die er bei uns wachsen lassen will, ist die Liebe. Paulus hat es in seinem Brief an die Galater geschrieben (5,19-22): „Die Frucht des Heiligen Geistes ist die Liebe!“ Und dann zählt er auf, was zur Liebe gehört, worin sie sich zeigt: „Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Glaube, Sanftmut, Keuschheit.“

Jeder wusste damals etwas vom Weinanbau. Davon können wir ausgehen. Schon Noah hat Wein angebaut. Als das Volk Israel vor dem verheißenen Land steht, senden sie Kundschafter in das Land und die kommen mit großen Weintrauben wieder. Große Appetithappen auf das Land, das Gott ihnen schenken will.

Im Alten Testament ist der Weinstock ein stehendes Bild für Israel. Gott hat das Volk erwählt, eingepflanzt, geschützt und gepflegt. Aber die Früchte sind ausgeblieben. Gottes Weinberg ist verwüstet. (Psalm 80, Jesaja 5, Hesekiel 15 und 17 u.ö.) Jesus nimmt das Bild auf und bezeichnet nun sich selbst als Gottes Weinstock. Wer in Jesus ist, also an ihn glaubt, mit ihm verbunden ist, der gehört zu Gottes Volk.

Die Metapher ist ganz einfach. Gott ist der Weingärtner. Jesus ist der Weinstock. Wir sind die Reben. Gott möchte Früchte sehen: Appetithappen für die Welt, damit die Menschen mehr von ihm wollen. Gott legt uns auf seine Theke, auf seinen Tresen.

Der Weingärtner pflegt seine Stöcke. Dazu gehört es, dass er sie beschneidet. Wilder Wein treibt aus. Die Blätter werden immer mehr und größer. Faule, schimmlige, von Schädlingen befallene Reben bleiben am Weinstock. Sie stecken andere an! Es gibt immer weniger und immer kleinere Trauben. – Den Hörern damals war das sofort einsichtig:     Wer gute Früchte will, der muss auch schneiden.

Ich war einmal in einem Gottesdienst, da nahm der Prediger eine große Kerze, die vorne stand. Man konnte kaum sehen, ob sie brannte oder nicht. Der Docht war fast erloschen. Zuerst goss der Prediger den Wachs aus, in dem der Docht fast erlischt wurde. Sofort flackerte das Licht auf. „Manchmal ertrinken wir in unseren Sorgen, in Arbeit, in unseren vielen Aktionen,“ hat er so etwa gesagt. „Dann muss Gott uns auf den Kopf stellen, reinigen und das Wachs ausgießen.“

Dann zog er ein Taschenmesser aus der Hose und begann den hohen Rand der Kerze abzuschneiden. „Manchmal muss Gott auch schneiden,“ sagte er. „Wenn er es nicht tut, läuft der Wachs sofort wieder nach und der Docht gibt wieder kein Licht. Das kann wehtun, das ist für niemanden schön, aber es ist nötig, damit unser Licht zu sehen ist.“ Wie der Prediger die Kerze so muss Gott manchmal schneiden, damit es gute Früchte gibt.

„Bleibt in mir und ich in euch!“ Das ist die Mitte, der Kernsatz, die Aussage Jesu, an der hier alles hängt. Das sagt er hier in seiner Abschiedsrede zu seinen Freunden. Zu seinen Jüngern. Zu Menschen, die ihn kennen. „Ihr seid schon rein um meines Wortes Willen!“ sagt er. Es sind Menschen, die die Grunderfahrung des Glaubens gemacht haben. Sie haben Jesus kennengelernt, ihn erlebt, haben sich bekehrt, sich mit ihrem ganzen Leben zu ihm hin gewendet, sie haben sein Wort von der Vergebung gehört und angenommen.

„Bleibt in mir und ich in euch!“ Das sagt er auch uns. Das ist es, was Paulus später Glauben nennt. Glaube ist mehr als ganz viel von Jesus zu wissen. Glaube bedeutet nicht, ab und zu mal seine Nähe suchen. Glaube heißt, mit Jesus auf dem Weg zu sein. Im Vertrauen ganz mit ihm verbunden zu sein.

In Kapitel 17 im Johannesevangelium, noch ein Kapitel weiter, da betet Jesus für seine Jünger und für alle, die nach ihnen an ihn zum Glauben kommen. Das sind die beiden Säulen, die Mitte, unser Halt und unser Motor in der Zeit, wo wir ihn nicht sehen: Erstens: Jesus betet für uns. Zweitens: Wir bleiben in Jesus.

„Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun“ sagt Jesus. Natürlich können wir ganz viel tun, ohne ihn. Aber das, was Gott von uns will, wozu Jesus uns in diese Welt gesandt hat, die Früchte, die Gott bei uns wachsen lassen will, die können wir nicht selber wirken. In Jesus sollen wir unseren Halt finden für unser Leben. Er ist unsere Hoffnung. Aus der Verbindung zu ihm soll die Richtung für unser Leben kommen.

Wie schnell können wir auch als Christen das Falsche tun, uns an der falschen Stelle engagieren, oder das was wir tun nicht in seinem Sinne tun. Für mich ist das ein ganz starkes Bild, eine Sehnsucht, eine Vision: Ich sitze bei Jesus. Jesus ist eine sprudelnde Quelle. Da bin ich zuhause. Da finde ich Vergebung, Frieden, Freude für mein Leben. Ich werde erfrischt. Täglich. In allen Lebenslagen. Und ich gebe weiter, was ich empfangen habe. Ich entferne mich nicht, WIR entfernen uns nicht von der Quelle. Alles, was von mir, was von UNS ausgeht, das kommt von ihm.

Dieses Bild spricht zu mir noch stärker als der Weinstock, aber es hat die gleiche Aussage. Ich kann und will nichts ohne ihn tun. ER soll für alles die Quelle sein. Das ist eine Sehnsucht, eine Vision, aber für mich eine Vision, auf die ich immer zugehen will, die ich immer wieder auch erleben will.

Wie schnell machen auch wir Christen unser ganz eigenes Ding. Wir entscheiden, wir planen, wir besprechen uns und dann beten wir, dass der Herr jetzt unsere Pläne auch segnet. Um das Richtige zu tun und es richtig zu tun, brauchen wir es, in Jesus zu sein, zu hören, uns von ihm prägen zu lassen, Ziele und Wege unserer Arbeit, Menschen und Umstände mit seinen Augen zu sehen.

„Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun“. Jesus will unser Halt sein. Jesus will unseren Tagen seine Richtung geben. Jesus will unsere Energie sein: Das ist hoch ärgerlich, wenn man sein Handy dabei hat, wenn aber vergessen hat, es aufzuladen. Vielleicht hat man eine Autopanne, hat den Zug verpasst, muss einen Termin verschieben oder will die Kinder anrufen, und der Akku ist leer. Jesus will unsere Energie sein. Er will unseren Akku füllen. Das Bild hat durchaus seine Grenzen, aber wir sind Gottes Handys, wenn der Akku leer ist, kann er uns nicht gebrauchen.

Wenn das Bleiben in Christus so wichtig ist, wie geht denn das? Da könnte man jetzt eine schön Runde machen. Jeder von uns kann etwas sagen. Da fällt uns einiges ein. Wie bleibt man in Christus, in ihm verwurzelt, oder an der Quelle? Indem man ihm weiter vertraut. Egal was kommt. Indem man im Glauben bleibt. Indem man ein Schüler bleibt, ein Lernender. Indem man bewusst mit seinen Schwächen und seiner Sünde umgeht. Um Vergebung und Erneuerung bittet. Hilfe sucht.

Wie bleibt man in Christus? Indem man in der Gemeinschaft mit anderen Christen bleibt. Indem man mit anderen Christen verbunden lebt. Indem man im Gehorsam bleibt. Sich selbst als ein Gesandter versteht, ein Appetithappten Gottes an diese Welt. Jesus Christus weiter als seinen Herrn bekennt. Gottes Liebe weiter in diese Welt trägt.

Fällt ihnen noch etwas ein, wie man in Christus bleibt? Zwei große wichtige Aspekte nennt Jesus selbst hier in seiner Rede. Deswegen sind die anderen nicht falsch! Aber Jesus legt zwei Schwerpunkte: Bleibt in meinem Wort und bleibt im Gebet. In seinem Wort bleiben wir, wenn wir die Bibel lesen. Aber auch nicht automatisch. Wir können die Bibel lesen, um mehr zu verstehen, Hintergründe zu erkennen, Zusammenhänge herzustellen. Auch alles gut. In seinem Wort bleiben wir aber nur, wenn wir fragen: Was ist sein Wort an mich? Was hat er mir zu sagen? Was flüstert er oder ruft er in mein Ohr? „Man hört nur mit dem Herzen gut!“

In seinem Wort bleiben wir, wenn wir mit ihm im Gespräch bleiben, wenn er uns ansprechen kann, und wenn wir im Gebet bleiben. Beten bedeutet sich an die Quelle zu setzen. Die Nähe Jesu suchen. Zeit mit ihm haben. Ihn lieben und mich von ihm lieben lassen. Das ist Beten. Die Mitte, der Kern alles Betens.

Beten ist auch Bitten, für sich und für andere. Für gutes Wetter und einen guten Impfstoff. Das ist auch gut. Aber wer nur betet um zu bitten, der betet, wie kleine Kinder beten. Kleine Kinder geben ihren Eltern Wunschzettel ab. Es geht um ihre Bedürfnisse. Ihre Wünsche sollen erfüllt werden: Ich will ein Auto, eine Puppe, einen Lutscher. Ich will noch nicht ins Bett. Ich will keinen Spinat ... Wer nur betet, um zu bitten, betet, wie kleine Kinder beten. Das tiefere Wesen des Gebetes ist, sich an die Quelle zu setzen, zu hören, die Anliegen von Jesus aufzunehmen, dass sie meine Anliegen werden, sich von ihm prägen zu lassen.

Tatsächlich sagte mir eine Frau einmal: „Ich kann nicht mehr beten, ich weiß nicht, was ich noch bitten soll.“ Ich weiß nicht mehr, wie ich reagiert habe. Beten auch als Schweigen vor Gott, hören, still werden, weinen, klagen, aufatmen, das war ihr noch eine fremde Dimension. Kinder reden mit den Eltern, wenn sie etwas haben wollen. Erwachsene können nebeneinander sitzen, schweigen, fühlen, aufeinander hören, sich selber zurücknehmen, sich interessieren füreinander.

Jesus sagt seinen Jüngern: „Wenn ihr in meinem Namen betet,“ und das ist damit gemeint, gebunden an ihn, in die Richtung seiner Anliegen, dann werdet ihr erleben, dass eure Gebete erhört werden. (Vers 7)

Wir Christen also, wir sind Gottes Appetithappen in dieser Welt. Von uns aus können wir das nicht. Jesus aber sagt, wenn wir mit ihm verbunden sind, dann werden wir auch nach ihm schmecken. Dann wird Liebe, Geduld, Treue, Demut, Mut, Güte, Selbstbeherrschung in uns wachsen.

„Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht!“ Gott will anderen Menschen mit uns sozusagen seinen Tisch decken. Wir sollen nach ihm schmecken. Das sind die Früchte, die er sich wünscht. Da kann ich nur sagen: Liebe Welt, guten Appetit!

 
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