Epheser 4, 7.11-16 Amt und Charisma

Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Marl
Einführungsgottesdienst Christian Richter am 30.08.2020
Pastor Norbert Giebel

Epheser 4, 7.11-16 „Amt und Charisma“

Liebe Gemeinde hier in Marl,

so, wie wir es vorhin in der Lesung gehört haben, soll der Gemeinde Christi aufgebaut werden: Gott gibt jedem einzelnen aus seiner Gnade Gaben für die Gemeinde und für ihren Auftrag, in dem Maß, wie Christus es bestimmt. Und er beruft und befähigt Menschen für ganz bestimmte verantwortliche Dienste.

Ihr habt als Gemeinde einen neuen Pastor berufen, Christian Richter. Und du, Christian, kommst in eine Gemeinde, in der Gott seine Gnade schon vielfältig verteilt hat. Was ist jetzt deine Aufgabe hier, Christian? Vorhin in der Lesung aus Epheser 4 haben wurden verschiedene Dienste in der Gemeinde genannt. Wo siehst du deinen Schwerpunkt, Christian? Was bist du für einer?

Bist du ein Apostel? Paulus meint hier nicht die zwölf Jünger Jesu, sondern allgemein Gemeindegründer, Menschen, die neue Anfänge initiieren, Strategen. Sie legen den Grund in der Lehre und im Aufbau der Gemeinde. Bist du so einer, Christian? Ein Gemeindepflanzer?

Oder bist du ein Prophet? Das ist der zweite Dienst, den Paulus nennt, den Christus selbst eingesetzt hat. Propheten sind Frauen und Männer, die Gottes Wort in aktuelle Situationen von Menschen, von Gemeinden, von der Gesellschaft hineinsprechen.

Propheten sind und arbeiten schon im Alten Testament sehr unterschiedlich! Sie sind in jedem Fall nicht die Bewahrer von Traditionen. Sie sind Menschen, die etwas bewegen wollen. Sie fühlen einer Gemeinde oder auch der Gesellschaft auf den Zahn! Sie sagen Kritisches, sie fordern heraus. Propheten stellen sich im Namen Gottes gegen den Status Quo. Sie sagen, was Gott anders haben will und schwimmen nicht einfach im breiten Strom. Kein leichter Job. Propheten müssen Widerstände aushalten. Bist du so einer, Christian? Ein Prophet?

Einige andere hat Christus zu Evangelisten eingesetzt. Philippus war einer. Er war einer der sieben Diakone in Jerusalem. Er hatte vier Töchter, die prophetisch redeten. Lukas schreibt von ihm in der Apostelgeschichte (Apg 21,8-9). Evangelisten predigen das Evangelium. Die Grundbotschaft, dass Menschen durch Jesus Christus Heil und Rettung erleben können. Sie haben gerne Kontakt mit Menschen, die nicht an Jesus glauben und haben eine Gabe, mit ihnen über den Glauben uns Gespräch zu kommen.

In den Anfängen waren Pastoren bei den Baptisten Evangelisten. Gemeinde leiten, Alte oder Kranke zu besuchen, organisatorische Aufgaben, das sollten andere in der Gemeinde machen. Pastoren sollten Menschen zu Jesus führen.

Zuletzt schreibt Paulus: Jesus hat einige andere als Hirten und Lehrer eingesetzt. Diese beiden Dienstgruppen nennt Paulus zusammen mit einem Artikel. Vielleicht war das die damalige Gemeindeleitung. Auf die Menschen achten und darauf, dass sie im Glauben wachsen, das war ihre Aufgabe. Dennoch kann man beide unterscheiden:

Hirten sind Menschen, die das Ganze der Gemeinde sehen, auf die ganze Herde achten, und den Einzelnen sehen. Ihr Dienst ist an den Menschen ausgerichtet. Sie stärken die Starken und sie helfen den Schwachen. Sie begleiten Christen, die zweifeln oder zu kämpfen haben. Sie richten Menschen auf, die gefallen sind. Sie suchen das Verirrte und bringen es zurück.

Habt ihr solche Menschen hier in der Gemeinde? Frauen und Männer, die anderen Gottes Barmherzigkeit zeigen? Bist du so jemand, Christian? Ein Hirte?

Immerhin werden wir in unseren Gemeinden Pastoren genannt. Das heißt übersetzt Hirten. Obwohl die Bezeichnung Hirte für einen Dienst in der Gemeinde nur an dieser einen Stelle im Neuen Testament vorkommt. Sonst ist der Hirte immer Jesus Christus selbst. Er sieht auf das Ganze und er sieht jeden Einzelnen.

Lehrer sind in diesem Fall Christen, die anderen Zusammenhänge in der Bibel oder im Glauben gut vermitteln können. Sie stellen sich aktuellen Fragen an den Glauben. Sie forschen in der Bibel und ringen um Antwort. Und Menschen lernen von ihnen.

Fünf Ämter nennt Paulus also in seinem Ämterspiegel. Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer Das alles kann kein Pastor oder Gemeindeleiter abdecken. Gott hat seiner Gemeinde vielfältige Gaben und viele Begabte geschenkt. Keiner kann alles. Verantwortungen müssen verteilt werden.

So wie hier im Epheserbrief werden alle Dienste im Neuen Testament immer im Plural genannt. Älteste, Diakone, Bischöfe. Nie gibt es nur einen auf dem alle Verantwortung ruht. Den „einen Gemeindeleiter“ gibt es im Neuen Testament nicht!

Die Erwartungen an Pastoren haben sich geändert. Sollten sie früher vor allem Evangelisten sein, wird heute von manchen erwartet, sie sollen die Leiter sein, von anderen sie sollen die Hirten sein, die jeden besuchen, die für jede und jeden in der Gemeinde Zeit haben. (Wehe, du vergisst einmal einen runden Geburtstag, Christian! Es sind schon Baptisten aus ihrer Gemeinde ausgetreten, weil der Pastor sie nicht zum Geburtstag besucht hat. Bibel hin und her. Reich Gottes hin und her. So geht das nicht, einen Geburtstag vergessen!) Andere sehen Pastoren als Propheten, streitfähig, klar positioniert, und wenn es gegen das ganze Volk ginge, oder als Lehrer, die auf alles eine Antwort haben.

Was bist du für einer, Christian? Wozu hat dich die Gemeinde berufen? Und für dich und für die Gemeinde eigentlich die entscheidende Frage: Wozu hat Christus dich eingesetzt?!

Ich wünsche dir, Christian, dass du dein geistliches Profil weiter entdeckst. Und das wird sich auch verändern durch einen neuen Dienst.

Und ich wünsche euch als Gemeinde, dass ihr Christian darin stärkt, vielleicht sogar dafür freistellt, was Gott besonders in ihn hineingelegt hat. Denn dann fahrt ihr am besten und baut Gemeinde so, wie der Herr der Gemeinde es sich gedacht hat.

Michael Herbst, ein bekannter Professor für Gemeindeaufbau, hat gesagt: „Der Heilige Geist liebt den Plural!“ Es sind immer mehrere, die sich ergänzen. Man muss immer den Menschen sehen. Das ist bei jedem von uns so. Man kann Pastoren aber auch Gemeindeleiter, Jugendleiter, Chorleiter, Diakone überfordern, wenn man mit ihnen mit einer fertigen Erwartungshaltung begegnet und den Menschen und seine Gaben nicht sieht.

Pastoren müssen natürlich einiges tun. Dazu sind sie ja ausgebildet. Sie oder er sollte predigen können, Zusammenhänge der Bibel erläutern können, Menschen seelsorgerlich begleiten. Kontakte und den Dialog mit anderen Kirchen suchen. Auch eine Grundversorgung in der Seelsorge wird erwartet.

Der Theologe und Journalist Andreas Malessa hat aber einmal gesagt: „Ein Pastor muss entweder auf der Kanzel oder unter der Kanzel etwas taugen. Schlecht ist, wenn er zu beidem nicht taugt!“ Er ist Hirte oder Lehrer, um es mit Paulus zu sagen. Er ist ein guter Redner oder ein guter Seelsorger. Er ist ein guter Organisator oder ein Evangelist. Auf jeden Fall kann niemand kann alle fünf Dienste abdecken.

Ich weiß zu wenig über dich, Christian, wie du dich in den letzten Jahren entwickelt hast. Wie ich dich kenne, hast du ein großes Herz für Jesus und ein großes Herz für Menschen. Du bist ein Netzwerker, der gerne nach außen denkt, Beziehungen knüpft, Ideen hat. Du bist ein Evangelist in dem Sinn, dass du gerne Kontakte hast zu Menschen, die dem Glauben fern stehen. Die Gemeinde hier wird bald mehr über dein Profil sagen können und es achten.

Einen ganz wichtigen Punkt habe ich noch, den Zielsatz von Paulus in diesem Text, worum es ihm hier geht. Jedem Christen hat Gott Gaben seiner Gnade gegeben. Alle haben Gottes Geist empfangen. Es gibt keinen Klerus bei uns, keine besonders geweihten Priester. Zu jedem und durch jeden kann Gott reden. Jeder ist auch „ein bisschen“ Apostel, Prophet, Evangelist, Hirte oder Lehrer.

Wie verhält sich das allgemeine Priestertum aller Glaubenden zu den besonderen Berufungen in der Gemeinde, zu Ältesten, Diakonen, Pastoren? Paulus schreibt:

„Er hat einige als Apostel eingesetzt, einige als Propheten, einige als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer“ – und dann kommt der entscheidende Satz: Damit sie die Heiligen zurüsten zu ihrem Dienstes. So soll der Leib Christi erbaut werden!“

Überspitzt möchte ich sagen: Hirten, Lehrer, Leiter, wie immer wir sie heute nennen, sie sind nicht dazu da, die ganze Arbeit zu machen. Sie alle sind dazu da, andere zu befähigen, ihren Dienst zu tun, das, was Gott von ihnen erwartet. Hirten, Lehrer, Leiter sind Trainer, Ermöglicher, Befähiger für andere Gaben. Sie sehen andere, fördern sie, hören, was sie zu sagen haben, geben ihren Ideen und Gaben Raum.

„Geistliche Leiter lassen die Gaben anderer leuchten!“ sagt der schon zitierte Michael Herbst. Zwei weitere Zitate von ihm: „Starke Führung muss starke Menschen hervorbringen!“ „Geistliche Führer machen andere nicht zu Handlangern oder Untertanen. Geistliche Führer machen mündige Menschen!“

Jede Gemeindeleitung hat es auch Materiellem zu tun, mit organisatorischen Aufgaben. Das Gemeindehaus, der Haushalt, Festtage wie die Einführung eines Pastors müssen organisiert werden. Aber ganz zuerst hat es jede Gemeindeleitung mit Menschen zu tun. Menschen zu sehen, zu hören und weiter zu entwickeln. „Die erst Aufgabe eine Leiters“ ich weiß leider nicht mehr wo ich das gelesen oder gehört habe, „die erste Aufgabe eines Leiter ist nicht sagen sondern hören.“ Was sind da für Menschen? Was haben sie zu sagen? Und dann erst erfragen, wie Gott durch mich dem anderen dienen will.

Noch ein Allerletztes. Ihr habt einen Pastor berufen. Der ist neben allem was er kann und neben allem was er nicht so gut kann, ein Mensch. Und er ist Ehemann. Und er ist Vater. Die Familie ist auch einfach Teil dieser Gemeinde. Und sie brauchen einfach Menschen, die für sie sind, die sie annehmen, die für sie beten. So wie alle in der Gemeinde es brauchen.

Es geht keiner und keinem von uns gut, wenn es nicht auch dem Ehepartner und der Familie gut geht. Das ist beim Pastor nicht anders. Den Dienst beginnst du hier, Christian. Aber ich wünsche dir und deiner ganzen Familie, dass ihr auch einfach als Menschen ein ganz fröhlicher Teil dieser Gemeinde werdet.

Und euch Aposteln, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrern hier in der Gemeinde und in der Stadt wünsche ich ein gesegnetes Arbeiten gemeinsam zur Ehre Gottes und zum Wohle der Menschen.

Amen.

 
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