Jesaja 61, 1-4 Gute Nachricht für alle, die im Elend sitzen

Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Mönchebergstraße
Norbert Giebel, 2. Advent, 06.12.2020

Jesaja 61, 1-4.10
Gute Nachricht für alle, die im Elend sitzen

Ich darf euch einen wunderbaren Bibeltext. Der zweite Advent greift traditionell die „Erwartung des kommenden Retters im Alten Testament“ auf. Das Alte Testament ist eine lange Adventszeit. Und ich lese uns den wunderbaren Text Jesaja 61, die Verse 1-4.

1 Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; 2 zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, 3 zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des HERRN«, ihm zum Preise. 4 Sie werden die alten Trümmer wieder aufbauen und, was vorzeiten zerstört worden ist, wieder aufrichten; sie werden die verwüsteten Städte erneuern, die von Geschlecht zu Geschlecht zerstört gelegen haben.

Diese großen Trostworte kann man zu den verschiedenen Gelegenheiten predigen. Man kann zu Pfingsten dazu sprechen, weil vom Geist des Herrn die Rede ist, der einen Knecht sendet, frohe Botschaft zu bringen, zerbrochene Herzen zu verbinden und Gefangene zu befreien.

Man kann den Text zum Volkstrauertag predigen, weil es darum geht, dass Trauernde getröstet werden und ein Land, eine Stadt, ein Leben wieder aufgebaut werden soll, das in Trümmern liegt. Es ist die Zeit, in das Volk Israel nach langer Gefangenschaft in Babylon wieder in sein Land zurückkommt und aus den Trümmern neu anfangen muss. Nachkriegszeit, nach langer Gefangenschaft. In diese Zeit hinein hat der späte Jesaja gesprochen

Weil von einem gnädigen Jahr die Rede ist, wurde dieser Text oft zu Neujahr gepredigt. Heute wird er in vielen Kirchen zum 2. Advent gepredigt.

Die allerkürzeste und allerschönste, am frohmachendste Predigt aber, die je zu diesem Text gehalten wurde, hat Jesus gehalten. Man nennt diese Predigt seine Antrittspredigt. Mit diesem Text hat Jesus seinen Dienst begonnen. Man hatte ihm in der Synagoge die Schriftrolle Jesajas gegeben, er hatte diesen Text gelesen und dann sagte er „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt worden vor euren Ohren!“. Dann setzte er sich wieder. Das war die ganze Predigt. Das war sein Anspruch! Jesus bezieht diese Worte auf sich! Mit ihm beginnt das Gnadenjahr Gottes. Was diese Worte sagen, das ist das Evangelium Gottes, das ER uns in Jesus zugesagt hat.

Das Wort Evangelium, wie es in der Bibel gebraucht wird, hat seinen Ursprung bei Jesaja und es kommt auch in diesem Text vor: „Er hat mich gesandt den Elenden gute Botschaft zu bringen!“ Da steht euangellion im Griechischen, Evangelium.

Ursprünglich hat der Prophet sich selbst gemeint. Das war seine Sendung, sein Auftrag in seiner Zeit zu seinem Volk. Dazu hat Gottes Geist ihn gesalbt, beauftragt und befähigt. Und was will der Geist Gottes? Er will den Elenden gute Botschaft bringen, die zerbrochenen Herzen verbinden, Gefangene befreien und Trauernde trösten.

Dann hat Jesus diese Worte auf sich bezogen. In ihm erfüllt sich in aller Höhe und Tiefe, was Jesaja schon gesehen hatte. Der Heilige Geist ist auf ihm. Und was will der Heilige Geist? Er will den Elenden gute Botschaft bringen, die zerbrochenen Herzen verbinden, Gefangene befreien und Trauernde trösten.

Ein gnädiges Jahr des Herrn verkündigt Jesaja. Er denkt dabei an das so genannte Jubeljahr oder Halljahr. Alle 50 Jahre sollten nach dem Gesetz in diesem Jubeljahr die Karten des Lebens noch einmal neu gemischt. Jedes siebte Jahr war ein Sabbatjahr. Da sollte die Erde ruhen und sich neue Kraft holen. Auch das Sabbatjahr war schon ein gnädiges Jahr, wo Menschen einander Schulden erließen, wo Frieden geschlossen wurde und verschuldete Menschen frei gelassen wurden.

Alle 50 Jahre aber, im Jubeljahr, wurde wirklich ganz von vorne angefangen. Alle Schulden wurden aufgehoben. Sklaven wurden frei gelassen. Darum nannte man das Jubeljahr auch Erlassjahr. Jeder bekam das Stück Land zurück, mit dem er einmal angefangen hatte. Niemand sollte sein Leben lang oder bis in die nächsten Generationen unter seiner Misswirtschaft oder Schuld leiden. Es gab einen Neuanfang! – So sollte es sein.

Kennt ihr Monopoly? Dieses Spiel, wo man sich Straßen und Häuser kaufen kann, wo man zahlen muss, wenn man auf fremde Grundstücke kommt, wo am Ende immer einer oder zwei stinkreich werden während die anderen vor die Hunde gehen? Kennt ihr das? Das Jubeljahr wäre wie eine Ereigniskarte bei Monopoly, die man irgendwann im Spiel ziehen würde, auf der zu lesen wäre: „Alle Spieler geben alles Geld und alle Straßen und Häuser an die Bank zurück. Alle erhalten das gleiche Anfangskapital. Alle Spielfiguren gehen direkt auf Los. Das Spiel beginnt neu.“

Die in ihre Heimat zurückgekehrten Juden kannten Monopoly nicht, aber sie kannten das Erlassjahr. „Der Geist Gottes des Herrn ruht auf mir (...) zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn.“ Absoluter Neuanfang, das war das Signal das Jesaja mit seiner Predigt gegeben hatte und Jesus aufgenommen hat: Vergebung der Schuld, Rückgabe des verheißenen Landes, Evangelium für die Elenden, Heilung für zerbrochene Herzen, Freiheit für alle, die gebunden sind, Trost und neues Leben für die trauern.

Gute Nachricht für die Elenden. Das Wort Elend kommt von Ausland, habe ich jetzt gelernt. Wer elend ist, ist außerhalb des Landes, außerhalb seiner Heimat. Dahinter steht die Vorstellung, dass es einem im eigenen Land gut geht. Da kennt man sich aus. Da verläuft man sich nicht. Da kann man sich sicher bewegen. Da weiß man, wo der nächste Arzt ist, wo man was kaufen kann und wer einem etwas leiht, wenn man knapp bei Kasse ist. Im eigenen Land, da hat man Freunde und hält zusammen. Da kann man sähen und ernten. Da kann man sich in Ruhe und über Generationen hinweg etwas aufbauen. Elend ist die oder der Einsame, der ihm Vertrautes, das ihn gehalten und versorgt hat, verloren hat.

Das hat Jesus von sich gesagt, in seiner Antrittspredigt, indem er Jesaja 61 zitiert hat: Ich bin das Evangelium für die Elenden, für die Einsamen.    Ich hole Dich nach Hause. Du bist nicht mehr alleine.        Ich schenke dir, was Du selber nicht tun kannst: Ich gebe dir neuen großen Anteil am Leben. Ich gebe dir wieder ein Zuhause.

1 Gute Nachricht für die Elenden.
2 Und die zerbrochenen Herzen werden verbunden.

Was sind Menschen, die zerbrochene Herzen haben? Wir denken vielleicht an Liebeskummer. Dahin reden wir am Ehesten noch von „zerbrochenen Herzen“. Auch die mit Liebeskummer sollen verbunden werden! Das können schlimme Schmerzen sein. Jesaja und Jesus haben aber nicht zuerst an Liebeskummer gedacht.

Das Herz ist im hebräischen Denken der Ort, an dem Entscheidungen getroffen werden. Des Menschen Herz denkt. Es wägt ab. Es wertet Erfahrungen aus. Es zieht Schlüsse und trifft angemessene Entscheidungen zum Handeln. Das Herz ist weise. Das Herz ist das Steuerzentrum des Menschen. Menschen, denen das Herz zerbrochen ist, können keine Entscheidungen mehr treffen. Sie lassen sich treiben. Sie schaffen es nicht mehr, ihren Kurs selbst zu bestimmen. Sie können bestimmte Erfahrungen nicht mehr verarbeiten. Sie sind krank geworden an Dingen, die sie erlebt haben, sie können nicht mehr gesund reagieren.

Wir können an Menschen denken, die traumatisiert sind. An Menschen, die über eine Lebenswunde nicht hinweg kommen. Menschen, die seelisch oder geistig humpeln, nur noch durch ihr Leben stolpern. Indem Jesus in seiner Antrittspredigt die Jesajaworte auf sich bezieht, sagt er: Gib mir dein zerbrochenes Herz. Lass mich heran an deine Lebenswunden. Lass mich deine verletzte Seele verbinden.

1 Gute Nachricht den Elenden.
2 Zerbrochene Herzen sollen verbunden werden.
3 Gefangene und Gefesselte sollen frei werden.

Jesaja und das Volk werden versklavte Männer und Frauen vor Augen gehabt haben. Menschen in dunklen Gefängnissen. Auch wie Gefangene frei wurden, haben sie erlebt. Sie waren doch alle Gefangene in ihrem Leben in Babylon, auch wenn sie viele da gut eingerichtet haben. Schon Jesus aber hat auch an andere Gefangenschaften gedacht. Gebundenheiten durch böse Mächte. Verstrickungen in böse Taten oder Strukturen. Aussätzige, Blinde, Bettler, Lahme, die vom Leben ausgeschlossen lebten, Menschen, die unter ihren Sünden gelitten haben. Ihnen hat Jesus sich zugewandt!

Hört jemand diese Predigt heute, der gebunden ist? Das weiß man, wenn man es ist. Das weiß man selbst am besten, vielleicht sogar nur man selbst. Sieht jemand diese Predigt, der unfrei ist, der nur noch durch sein Leben humpelt? Weil sie er oder gefesselt ist, gefangen in seinem eigenen schlechten Selbstbild, oder in Zwangshandlungen, oder in Suchtverhalten?

Heute ist das gnädige Jahr des Herrn! Paulus hat das Heute des Gnadenjahres aus der Predigt von Jesus einmal aufgenommen. Paulus schreibt en Christen in Korinth: „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe jetzt ist der Tag des Heils!“ (2. Kor 6,2)

Werden jetzt alle Christen gesund an Leib und Seele? Keine Schmerzen mehr? Wird jetzt körperlich und seelisch alles heil? Besonders seelische Belastungen hat Jesaja ja vor Augen. So viel dürfen wir wissen: Das ist es, was wir in Christus einmal finden werden. Aber das dürfen wir auch wissen: Wir leben schon heute in diesem Jahr der Gnade. Darum dürfen wir Jesus bitten. Dass Menschen heil werden, das ist das Evangelium. Der Retter, der Seelenverbinder, der „Menschen-wieder-auf-ihre-eignen-Füße-Steller“ Jesus, will sich heute schon zeigen.

Israel musste die Stadt wieder aufbauen. Das ging nicht von heute auf morgen. Da mussten sie Schutt abtragen, das hat gedauert. Sie mussten neue Häuser aufbauen. Das hat Kraft gekostet. Gott hat ihnen noch nicht die neue Stadt geschenkt, die im Himmel kommt, ohne ihr Zutun. Es ist ein Weg, es ist Arbeit, es braucht Geduld, Therapie, Freunde, gemeinsame Gebete. Wir bekommen noch keine neuen Leiber vom Himmel. Wir bekommen noch keine jungfräulichen Seelen von oben geschenkt, die noch nie verletzt worden sind.

Gott kann natürlich auch in einem Moment helfen. Wie oft hat Jesus in einem Moment geheilt. Aber in aller Regel kostet es Arbeit, es braucht Geduld und Hoffnung, wenn jemand Schweres im Leben verkraften muss oder ein krankes Verhalten wieder verlernen will. Rom wurde nicht an einem Tag erbaut, sagt man. Eine neue Stadt, in der man leben will, baut man nicht an einem Tag auf. Es braucht eine Verheißung, Hoffnung, Vertrauen und Arbeit.

Wozu will der Heilige Geist durch Jesaja und heute durch Jesus befreien? Was ist das für ein Jubel, wenn Sklaven frei gekommen sind? Sie sind die schreckliche Last los, anderen Herren zu dienen! Die Freiheit, die der Heilige Geist schenken will,, ist die Freiheit dem richtigen Herrn wieder zu dienen: Ihr werdet genannt werden „Bäume der Gerechtigkeit“, „Pflanzung des Herrn“, ihm zur Ehre.“ sagt Jesaja (V3). Etwas weiter unten in der Rede Jesajas in Vers 6 lesen wir: „Ihr aber werdet Priester des Herrn heißen und man wird euch Diener unseres Gottes nennen!“ Wer gebunden und gefangen ist wird frei für den Herrn. Menschen ohne Wurzeln werden „Bäume der Gerechtigkeit“.

1 Gute Nachricht für Elende. Sie sollen wieder Heimat finden.
2 Menschen mit zerbrochenem Herzen sollen geheilt werden.
3 Gefangene werden starke Bäumen für den Herrn.
4. Und Trauernde sollen getröstet werden im Gnadenjahr.

Trauernde gab es genug in Jerusalem nach der Heimkehr. Menschen, die ohne einen geliebten Menschen mitten in den Trümmern wieder neu anfangen mussten. Menschen, die um ihre Häuser und um das Haus Gottes, den Tempel, trauerten. Ich will euch Schmuck statt Asche schaffen, sagt Gott. Ich mache euch wieder fest, dass ihr eure Trauerkleider ablegt und euch Freudenöl auflegt. Ihr werdet wieder Freude haben, euch schön zu machen, gut zu riechen, Schönes im Leben zu genießen. Wer könnte das begründeter sagen als Jesus: „Heute ist dieses Wort erfüllt vor euren Ohren!“ – Jesus hat den Tod überwunden!

Hochzeiten müssen etwas ganz Besonderes gewesen sein damals. Ausgelassene Feste. Auffällig oft werden in der Bibel Bilder aus der Hochzeit verwendet, um das große Heil anzusagen. In Vers 10, im nächsten Abschnitt in Jesaja 61, da lesen wir die Antwort, die Reaktion des Volkes. Ein Jubellied, ein Hochzeitslied. Die Elenden, die Armen, die zerbrochenen Herzen sind, die Gefangenen, jetzt jubeln sie. Ihr Jubel ist auch unser Jubel. Zusammen mit denen, die Jerusalem wieder aufbauen singen wir ihr Lied. Ich lese Vers 10:

10 Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt.

Amen

 
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