Jesaja 11,1-5 Es ist ein Ros entsprungen

Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg
Pastor Norbert Giebel, Heiligabend 2020

Es ist ein Ros entsprungen“ und Jesaja 11, 1-5

Liebe Gemeinde,

„Weihnachten ist Party für Jesus, Geburtstagsfeier bei Kerzenschein“ haben wir gerade gehört. „Wir tanzen um den Tannenbaum!“ hieß es in einer Strophe. Das sind bekannte Bilder für Weihnachten: Kerzenschein und Tannenbaum. Ich habe ein anderes Weihnachtsbild mitgebracht:

Eine Knospe. Eine Rose vielleicht. Mitten im Winter. Ein uraltes Weihnachtssymbol. Die Knospe ist ein viel älteres Bild für Weihnachten als die Krippe sogar. Sie finden wir schon im Alten Testament. Eine zarte Kraft, verletzlich, aber der Beginn von etwas ganz Neuem. Ein Vorbote für den Frühling. Mitten im kalten Winter.

Es ist ein Ros entsprungen.“ Das ist ein altes Weihnachtslied. Ein Mönch hat die ersten beiden Strophen es im 16. Jhdt. geschrieben. Laurentius hieß er. Das Lied ist 500 Jahre alt. Aber es bezieht sich auf einen Text vom Propheten Jesaja, und der ist schon aus dem 8. Jhdt. vor der Geburt von Jesus.

Wir singen das Lied nach der Predigt. Aber das sind einige Worte drin, die man heute kaum noch versteht: Ein Ros’, Wurzel, Jesse, halbe Nacht, was ist damit gemeint?

Die Winter waren hart für den Mönch Laurentius im 16. Jhdt. Jeder Winter war lebensbedrohend. Es war kalt. Im ganzen Kloster nur ein Raum geheizt. Nur wenige Stunden am Tag durfte sich ein Mönch darin aufhalten. Das Essen war knapp. Familien teilten was sie hatten vorsichtig ein und hofften, dass es in diesem Winter für alle reichen würde.

„Mitten im Winter“ stapfte Laurentius durch den Schnee. Er war auf dem Weg zur Christmette, zum Heiligabend-Gottesdienst, als er mitten im Schnee einen frischen Rosentrieb sah. Eine Blume im kalten Winter, Farbe, neues Leben, ein Zeichen der Hoffnung. Am selben Tag hat der Mönch das Lied geschrieben und dabei an Jesaja Kapitel 11 gedacht.

Das ist Weihnachten: Leben, wo man es nicht erwartet. Zartes, verletzliches Leben, das sich durchsetzen wird. Hoffnung, wo es kalt ist. Neues Leben, das allein Gott geschaffen hat. Ein Zeichen einer neuen Zeit, die kommen wird.

Gottes Blume mitten im kalten Winter wohl zu der halben Nacht. Die halbe Nacht, das ist Mitternacht oder die Sonnenwende, der Höhepunkt des Winters. Ab hier liegt die längste Nacht hinter uns. Ab hier in der Mitte der Nacht beginnt ein neuer Tag.

Weihnachten hat Gott alles, was er zu sagen hat, in einem Namen zusammengefasst: JESUS! Das heißt: Gott rettet! Weihnachten beginnt ein neuer Vertrag zwischen Gott und seiner Welt: „Wer diesem Kind Jesus vertraut, der wird Gottes Kind!“

Die Geburt in Bethlehem hat eine lange Vorgeschichte. Gott hat sein Handeln vorbereitet. Gott hat es lange Zeit vorher angekündigt. Jesaja hatte über 2000 Jahre vor Laurentius keine Ahnung von Bethlehem, Maria und einem Kind im Futtertrog.

Jesaja hatte eine andere Not. Der Prophet sieht Gottes Gericht voraus. Das Königshaus David wird zerfallen. Jerusalem wird fallen. Gott wird sich von seinem Volk abwenden. Gott ist nicht „der liebe Gott“. Er ist es nie gewesen! Gott ist der heilige Gott, der sein Reich aufbauen will. Dazu hat er Israel erwählt. Dazu hat er David und seine Nachkommen erwählt. Sie sollten ein Zeichen Gottes in dieser Welt sein. Alle sind abgefallen.

Jesaja sieht 750 vor Christus den Sturz der Daviddynastie voraus. Wie ein Baum, der gefällt wird, so wird das Haus David fallen. Nicht mehr zu heilen. Ewig verloren. Getrennt von seiner Wurzel.

Aber nach dem Gericht sieht Jesaja wieder Licht. Gott ist der heilige Gott, der uns liebt, der gnädig ist. Wenn Jerusalem gefallen ist, wenn das Volk gefangen ist, wenn nichts mehr übrig ist vom Hause David, dann wird Gott neu anfangen.

Gott geht zurück an die Wurzeln. Nicht bei David, bei Davids Vater, bei Isai, wird er neu anfangen. Es gibt keine Hoffnung für dieses Volk als die eine: Gott wird noch einmal bei Null mit ihnen anfangen.

Aus dem Baumstumpf, den alle schon für tot halten, wird ein neuer Trieb hervorgehen. Lesen Sie mit mir die Worte Jesajas:

„Aus dem Baumstumpf Isai wird ein Spross wachsen,
ein neuer Trieb aus seinen Wurzeln wird Frucht bringen.
Dem wird der Herr seinen Geist geben,

und dieser Geist wird sich in Klugheit und Einsicht zeigen,
in weiser Planung und i Stärke,
in Erkenntnis und in der Verehrung des Herrn.
Gott zu dienen wird ihm eine Freude sein.
Er wird nicht nach dem Augenschein urteilen.
Er wird für die Benachteiligten eintreten
und den Armen im Land Recht verschaffen.
Sein Wort wird die Gewalttätigen vernichten
und sein Urteilsspruch die Schuldigen töten.
Wie jemand einen Gürtel anlegt,
so wird er Gerechtigkeit und Treue anlegen.
An jenem Tag werden alle Völker auf den Spross Isai schauen.
Sie werden zu ihm kommen,
und von seinem Wohnsitz aus wird die Herrlichkeit des Herrn
in alle Welt ausstrahlen.

Was für ein Text! 2760 Jahre alt! Jerusalem ist gefallen. Das Haus David ist gefallen! Das Volk ist verschleppt worden. Aber was ist das für eine Hoffnung, mit der Jesaja und andere Propheten Israel weiter in ihre Geschichte geschickt haben! Wie wird Gott diese Verheißung einmal erfüllen?

Eine Knospe oder ein dünner frische Trieb, sie sind sehr verletzlich. Wie ein Baby. Wie ein Mann, der sich nicht wehrt. Aber auf ihm wird der Geist Gottes ruhen. Er wird der Richter und Retter Gottes werden. Nicht nur Israel: Alle Völker werden zu ihm kommen und durch ihn die Herrlichkeit Gottes sehen!

An diese Worte von Jesaja und an Jesu Geburt in Bethlehem denkt der Mönch Laurentius als er die Rose im Schnee sieht. Und er dichtet:

  • „Es ist ein Ros entsprungen, aus einer Wurzel zart.“
    Die zarte Wurzel ist bei ihm Maria. Die Rose ist Jesus in der Krippe.
  • „Wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art.“
    Die Alten sind die Propheten Israels. Jesse ist Altdeutsch für Isai, den Vater von David.
  • „Und hat ein Blümlein bracht, mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht.“ Dieses Kind bringt die Wende! Die Nacht hört nicht auf! Aber der Tag rückt näher! Das Kind ist ein Gruß, eine Vorwegnahme des Kommenden, so wie die Blume ein Gruß des Frühlings ist.

Die erste Strophe erinnert an die Verheißung Jesajas. Die zweite Strophe sagt, wer die Wurzel ist: Maria, und zwar Maria alleine bringt ihn zur Welt. Die dritte Strophe singt davon, was er für uns tun wird: Er „hilft uns aus allem Leide, rettet von Sünd und Tod!“

Ein Licht in der Dunkelheit, das ist ein Zeichen.
Ein Armer, der kommt, und auf einem Esel reitet, das ist ein Zeichen.
Einer, der in Bethlehem geboren wird, in dem Ort, in dem Isai gelebt hat, das ist ein Zeichen.
Eine Knospe mitten im Winter, das ist ein Zeichen.

Weihnachten ist ein Fest, das Gott für uns ausrichtet.
Er will in unserem Winter eine Rose wachsen lassen.
JESUS ist sein Name. Das heißt Gott rettet.

Amen.

 
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