Römer 12, 1-2 Gottesdienst findet im Alltag statt

Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg 10.1.2021
Norbert Giebel

Römer 12, 1-2   Gottesdienst findet im Alltag statt.

Liebe Gemeinde,

was ist eigentlich Gottesdienst? „Gottesdienst findet im Alltag statt!“ habe ich meine Predigt überschrieben. Gottesdienst findet nicht auch im Alltag statt, sondern zu allererst in unsrem Leben. Ich lese uns eine Definition von Gottesdienst von Paulus vor. Römer 12 den ersten Vers. Martin Luther hat es so übersetzt:

„1 Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.“ (Luther)

Die Übersetzung der Gute-Nachricht-Bibel ist noch verständlicher:

1 Brüder und Schwestern, weil Gott so viel Erbarmen mit euch gehabt hat, bitte und ermahne ich euch: Stellt euer ganzes Leben Gott zur Verfügung! Bringt euch Gott als lebendiges Opfer dar, ein Opfer völliger Hingabe, an dem er Freude hat. Das ist für euch der »vernunftgemäße« Gottesdienst.“ (Gute Nachricht)

Tatsächlich wird das klassische griechische Wort für Gottesdienst – leiturgia – im ganzen Neuen Testament nur hier, nur dieses eine Mal, verwendet. Das ist nicht zufällig. Das hat System. Die großen Begriffe, die den Gottesdienst des Alten Bundes beschreiben, werden auf das profane Leben, den Alltag der Christen übertragen.

Wenn im Neuen Testament von dem die Rede ist, was wir als Gottesdienst bezeichnen, werden ganz normale profane Begriffe verwendet: Sich versammeln, zusammenkommen im Namen Jesu, Versammlung. Menschen, die an Jesus glauben, die in ihm verbunden sind, kommen zusammen. Sie brauchen seine Gnade. Sie suchen ihn. Sie lassen sich von ihm ausrichten. Sie wollen auf ihn und aufeinander hören. Sie wollen ihn aber auch einander wahrnehmen. Das ist der Gottesdienst am Sonntagvormittag.

Die alten besonderen, heiligen Begriffe aber werden in den Alltag der Christen gezogen. Im neuen Bund gibt es keine Priester mehr. Im ganzen Neuen Testament fehlen Priester als Bezeichnung für einen Dienst in der Gemeinde! Das ist sehr beachtlich. Das Christentum ist eine Religion ohne Priester. Denn alle sind jetzt Priester. Petrus schreibt an alle Christen: „Ihr aber seid das erwählte Volk, das Haus des Königs, die Priesterschaft, das heilige Volk, das Gott selbst gehört, damit ihr die Wohltaten Gottes in dieser Welt bekannt macht!“ (1. Petrus 2,9).

Im Neuen Bund Gottes mit den Menschen gibt es keine Priester mehr außer dich und mich. Alle dienen Gott in der ersten Reihe. Niemand braucht mehr einen Stellvertreter oder Mittler, um zu Gott zu kommen. Alle sind Brückenbauer zwischen Gott und Menschen.

Leiturgia, der Gottesdienst, in dem Menschen Gott dienen, findet jetzt im Alltag statt.
Opfer gibt es auch nicht mehr. Das eine Opfer, das Jesus mit sich selbst gegeben hat, reicht aus. Für immer. Für jeden. Darüber hinaus können wir nichts mehr tun. Es ist alles getan, dass wir Gott gehören.

Das Heilige kommt in den Alltag! Nicht mehr, was da im Tempel passiert, ist heilig. Das Heilige kommt in die Welt. Wir sind heilig. Was durch uns in der Welt passiert, dass soll heilig sein. Das ist der neue Bund Gottes mit uns. Alle Kinder Gottes sind heilig. Und ihr Leben, sie selber mit Haut und Haaren, sie sind jetzt das Opfer, das einzige Gott angemessene und wohlgefällige Opfer. Das einzige vernünftige Opfer, wie Paulus es formuliert hat.

Auch einen Tempel gibt es nicht mehr. Heilige Häuser, heilige Räume, in denen man sich anders benehmen muss als sonst. Der Tempel, das sind jetzt wir. Der Tempel, in dem jetzt Gottesdienst geschieht, das ist unser Leben. „Wisst ihr nicht, dass euer Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist?“ (1. Kor 6,19) Was ist das für ein Wort! „Wisset ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ schreibt Paulus den Korinthern. (1. Kor 3,16) Jetzt schreibt er den Römern:

„Weil Gott so viel Erbarmen mit euch gehabt hat, ermahne ich euch: Stellt euer ganzes Leben Gott zur Verfügung! Bringt euch Gott als lebendiges Opfer dar, ein Opfer völliger Hingabe, an dem er Freude hat. Das ist für euch der »vernunftgemäße« Gottesdienst.“

Als lebendiges Opfer sollen wir uns selber hingeben. Da steckt viel drin. Unser Leben sollen wir ihm geben, nicht unseren Tod. Unsere Stärke, nicht nur unsere Schwäche. Unsere Gaben, nicht nur unsere Grenzen. Wir bringen unser Leben, uns selber lebendig als Opfer, die eigentlich den Tod verdient hätten. Wir sind die Überlebenden, die anderen das Leben bringen.

Als heiliges Opfer sollen wir uns bringen. Heilig ist kein Qualitätsbegriff. Heilig bezeichnet ein Besitzverhältnis. Heilig ist, was Gott gehört. Heilig ist alles, was Gott dient. Heilig sind die Werkzeuge, Gefäße und Altäre im Tempel, weil sie Gott gehören, für ihn reserviert sind. Heilig sind Menschen, deren Lebensmitte Gott gehört. Menschen, die nicht nur ab und zu den Kopf und ihr Herz für Gott frei haben. Menschen, die nicht zuerst an ihre Karriere denken, ihren Beruf, die nicht zuerst ihr eigenes Leben aufbauen wollen und dann mal sehen, was für Gott übrig bleibt.

Wir sollen unser Leben als ein Opfer völliger Hingabe geben fordert Paulus. Nicht nur unser Herz soll Gott gehören, sondern auch unser Leib. Christ zu sein ist keine nur spirituelle Angelegenheit. Alles soll Jesus gehören. „Auch unsere Hände. Unsere Füße. Unsere Stimmbänder. Unsere kleinen grauen Zellen. Unsere Autos und Häuser. Unsere Geldbeutel und Bankkonten. Unsere Kraft und unsere Zeit. Unsere Fantasie und unsere Beziehungen. Unsere Gaben und Talente.“ (Thomas Hilsberg) So sind wir ein Gott wohlgefälliges Opfer.

Im alten Bund wurden nur die besten Tiere geopfert. Niemand brachte eine alte Kuh in den Tempel oder ein humpelndes Schaf oder eine Ziege, die ohnehin keine Milch mehr gab. Nur die besten Tiere wurden geopfert. Solche Opfer sollen auch wir sein.

Wir sind nicht ohne Fehler! Gott nimmt uns auch, wenn wir humpeln. Wir haben so viele Fehler. Aber Gott will uns ganz. Das ist entscheidend. Unser Leben soll ein Ganzopfer sein. Ein Lob- und Dankopfer, das dem angemessen ist, was Gott für uns getan hat und weiter tut.

Ich erzähle euch ein Gleichnis: Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Bei uns fuhr nur der Schulbus. Ich war zehn oder zwölf Jahre alt. Ein älterer Mann klingelte an unserer Haustür. Meine Mutter öffnete die Tür. Sie war gerade beim Kochen. Der alte Mann fragte nach einem Campingplatz, wollte dort zu seinen Kindern. Der Campingplatz war etliche km weg. Er war in die ganz falsche Richtung gelaufen. „Wie soll ich da denn hinkommen?“ fragte er. „Ich fahre sie!“ sagte meine Mutter. Sie stellte den Herd ab, holte ihr Auto aus der Garage, nach einer guten halben Stunde war sie zurück. Als sie mich sah, gab sie mir 50 Pfennig. (Das wären heute 25 Cent.) Der Mann hatte ihr die Münze für ihren Aufwand gönnerhaft in die Hand gedrückt. „Da hätte er mir lieber nichts gegeben!“ sagte meine Mutter.

50 Pfennig waren keine angemessene Reaktion, kein vernünftiges Dankeschön. Der Mann hatte keine Ahnung oder wollte nicht sehen, was es meiner Mutter gerade gekostet hat. Sie hat die 50 Pfennig als eine Frechheit, mindestens als Dummheit empfunden.

Wir sind auch in die verkehrte Richtung gelaufen. Gott hat für uns nicht nur seinen Herd ausgemacht und sein Auto aus der Garage geholt und 30 Minuten seiner Zeit geopfert. Er hat alles Göttliche ablegt, ist Mensch geworden, er hat für mich und für dich schrecklich gelitten, Jesus hat sein Leben für uns als Opfer gegeben. Wie können wir da meinen, zwei Stunden am Sonntag und ein paar Tischgebete wären eine angemessene Reaktion? Es gibt nur eine vernünftige Antwort: „Dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist.“

Der Heilige wird Mensch! Und alles, was heilig ist kommt in unser Leben. Das ist der neue Bund, das neue Testament Gottes. – Oder was hast du gedacht? Was hat du denn gedacht, was Gott für dich getan hat und was du für ihn tun wolltest? – Etwas abzugeben, was man nicht mehr braucht, das ist leicht. Eine Kuh, die einen Liter Milch abgibt, die gibt kein Opfer. Ein Ochse, der die Steaks beisteuert, der gibt Opfer. Das tut ihm weh. Er gibt etwas, was er braucht. Er muss etwas loslassen, was ihm nicht leicht fällt. Es kostet ihn sein Leben.

Einer unserer Dozenten im Studium sagte einmal, dass man in manchen Gemeinden am Geschirr oder an der Einrichtung sehen kann, was die Geschwister zuhause nicht mehr brauchen konnten. Ist das so? Leben wir so? Meine alte Kleidung verschenke ich gerne. Besonders, wenn sie mir nicht mehr passt. Gott aber möchte nicht meinen Abfall. Er ist nicht unser Müllschlucker. Auf die 50 Cent, die du für die Kollekte übrig hast, kann er auch verzichten, wenn das alles ist, was du ihm gibst. Lass es lieber. Du beleidigst ihn nur noch mehr.

Wenn dir jemand immer nur Geschenke vom Wühltisch macht, zum Geburtstag, zu Weihnachten, Bücher mit leichten Fehlern, Mängelexemplare, die keiner mehr kaufen wollte, das zeigt er dir vielleicht ungewollt seine geringe Wertschätzung. Unser Opfer soll Gott ehren! Es soll seinem Erbarmen angemessen sein.

Der Text in Römer 12 geht natürlich noch weiter:

1 Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.
2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Wir sind Mängelexemplare. Jesus aber hat uns für Gott annehmbar gemacht hat. Gott will uns ganz. Und der Heilige Geist macht uns immer brauchbarer für Gott. „Stellt euch nicht dieser Welt gleich!“ Was heißt das? Dieser Satz ist oft missbraucht worden, um christliche Tradition oder das, was man in der Gemeinde gewohnt war, heilig zu sprechen.

Ich nehme euch mal mit in die jüngste Kirchengeschichte:
Ich weiß von Christen, die aus Russland kamen, dass dort Männer keinen Schlips tragen durften. Krawatten seien Schmuck. Wer eine Krawatte trägt, der ist eitel. Krawatten gehören zur Welt aber nicht zur Gemeinde. Wenn du einen Christen mit Krawatte siehst, dann weißt du gleich: Der kann es mit dem Glauben nicht ernst meinen.

Frauen durften auch in unseren Gemeinden früher keine Hosen tragen, ihre Haare nicht färben, sich nicht schminken, keine hochhackigen Schuhe tagen. Das alles sei weltlich, wusste man.

Weltliche Musik war verpönt. Wir sollen uns nicht dieser Welt gleich stellen! In einer meiner ersten Gemeinden hat jemand die Gemeinde verlassen, weil im Gottesdienst Gitarre gespielt wurde   und   weil ein Ältester immer Jeans und Cowboystiefel getragen hat, wie er sagte, auch wenn er den Gottesdienst moderierte. Das ist 30 Jahre her.

Wie überzeugt können Christen sein von dem, was richtig und falsch ist. Da müssen sie sich nicht nur von der Welt, sondern auch von anderen Christen abgrenzen. Ich habe es als Kind erlebt, dass ich von einem älteren Bruder sehr ausgeschimpft wurde, weil ich im Gottesdienst geklatscht habe. Mit vielen anderen! An die Erwachsenen hat er sich nicht herangetraut. Im Gottesdienst dürfe man nicht klatschen, wusste er. Das ist 50 Jahre her.

Und heute ist es immer noch falsch was heilig ist am eigenen Geschmack oder eigener Tradition fest zu machen. Viele Reformen in Kirchen scheitern daran, weil Randüberzeugungen, Äußerlichkeiten und Gewohnheiten für heilig erklärt werden.

„Stellt euch nicht dieser Welt gleich!“ Das heißt, dass wir uns im Herzen, in unserem Wesen, in unseren Werten, in der Liebe und Barmherzigkeit unterscheiden sollen. Dass Gottes Liebe und Hingabe an diese Welt in uns Raum hat. Wir sind frei in Christus in allem für Gott und für Menschen.

In seinem Brief an die Korinther fordert Paulus, dass wir uns der Welt anpassen, um Menschen für Jesus zu gewinnen. (vgl. 1. Kor 9,20) Die Christen damals sollen den Juden wie Juden werden, den Griechen wie Griechen, den Römern wie Römer, in all den Dingen, die ihrer Kultur entsprechen, die es Juden, Griechen, Römern leichter machen, Jesus kennenzulernen. Wir sollen als Christen anderen Menschen keine Hürden aufbauen, die ihnen im Weg stehen, zu Christus zu finden. Wir sollen ihre Sprache sprechen, ihre Musik spielen, ihre Kleider tragen. So frei sind wir.

„Stellt euch nicht dieser Welt gleich!“ Paulus sagt worum es ihm dabei geht: „sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes!“ übersetzt Luther. Besser übersetzt wäre: „sondern lasst euch ändern durch die Erneuerung eures Sinnes.“ Das griechische Wort, das Paulus gebraucht, heißt: metamorfoo: verwandeln. Das Wort Metamorphose kennen wir, etwa wenn eine Raupe sich verpuppt und zum Schmetterling wird.

Und Paulus spricht nicht im Aktiv, sondern im Passiv. Da soll etwas an uns passieren, das sollen wir unterstützen. Da sollen wir mitmachen. So wie die Raupe sich nicht selbst verwandeln kann. Es passiert etwas mit ihr, das soll sie zulassen. Aus einer Raupe soll ein Schmetterling werden, nicht nur eine Raupe, die nur anders denkt.

„Stellt euch nicht der Welt gleich!“ Das heißt, sich von Jesus erlösen zu lassen. Mich von Gottes Geist befreien lassen. Jetzt schon zu fliegen sozusagen und nicht mehr nur auf der Erde zu krabbeln. Den Heiligen ganz in mein Leben zu lassen. Die Bibel nennt das Heiligung.

„Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch, indem ihr eure Sinne erneuern lasst, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist!“ Prüfen, was Gottes Wille ist, das ist eine geistliche Kunst. Die christliche Ethik, die Lehre, wie sich ein Christ verhalten soll, beginnt nicht mit vielen Geboten, schon gar nicht beginnt sie bei Äußerlichkeiten. Gott will uns von innen verändern. So will er uns in die Lage versetzen in den vielen Situationen des Lebens die richtigen Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen, die der Liebe entsprechen und der Hingabe an Gott und an Menschen.

„Wegducken geht nicht!“ habe ich in einer Predigt gelesen. Was Paulus hier schreibt, das gilt für uns alle. Das ist der neue Bund Gottes mit den Menschen. Oder was hast du gedacht? Der heilige Gott liebt uns ganz! Aber er will uns auch ganz.

Den Gottesdienst des neuen Bundes kann man nicht auf Sonntag beschränken. Unser Gottesdienst findet im Alltag statt. Wir sind der Tempel. Wir sind die Priester. Wir sind das Dankopfer, das wir dem Gott bringen, der uns das Leben geschenkt hat.

Unsere Gottesdienste am Sonntag sind daran zu prüfen, wie sehr sie unseren wahren Gottesdienst im Leben unterstützen. Vielleicht kann man sie mit Tankstellen vergleichen. Der Gottesdienst als ein Ort, an dem wir Gnade, Liebe, Trost und Kraft auftanken. Aber kein Auto der ist für die Tankstelle geschaffen. Ob es ein gutes Auto ist zeigt sich daran, wie es fährt. Gottesdienst beginnt immer dann, wenn wir die Kirche verlassen.

Amen.

Mit viel Gewinn habe ich für diese Predigt gelesen die Predigt von Thomas Hilsberg zu Römer 12, 1-8 vom 10.1.2016 in Rielasingen, www.gemeindenetzwerk.de.

 
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