1. Timotheus 2, 1-6 "Gebet zuerst!"

Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) KS-Mönchebergstr 10

Pastor Norbert Giebel, 9. November 2014

1.    Timotheus 2, 1-6 „Gebet zuerst!“

 

Lesung nach „Neue Genfer Übersetzung“:
Das Erste und Wichtigste, wozu ich die Gemeinde auffordere, ist das Gebet. Es ist unsere Aufgabe, mit Bitten, Flehen und Danken für alle Menschen einzutreten, 2 insbesondere für die Regierenden und alle, die eine hohe Stellung einnehmen, damit wir ungestört und in Frieden ein Leben führen können, durch das Gott in jeder Hinsicht geehrt wird und das in allen Belangen glaubwürdig ist. 3 In dieser Weise zu beten ist gut und gefällt Gott, unserem Retter, 4 denn er will, dass alle Menschen gerettet werden und dass sie die Wahrheit erkennen. 5 Es gibt nämlich nur einen Gott, und es gibt auch nur einen Vermittler zwischen Gott und den Menschen – den, der selbst ein Mensch geworden ist, Jesus Christus. 6 Er hat sein Leben als Lösegeld für alle gegeben und hat damit zu der von Gott bestimmten Zeit den Beweis erbracht, dass Gott alle retten will.


 

Liebe Gemeinde,

an Jesus zu glauben, das heißt beten. Wer glaubt, der betet. Wer betet, der glaubt. Paulus fängt mit diesen Versen den Teil im ersten Timotheusbrief an, in dem er vom „Leben des Christen“ schreibt. Und er fängt mit dem Beten an! Beten ist das Erste. Wer anfängt zu beten, fängt an zu glauben. Das erste Gebet ist wie der erste Schrei eines Neugeborenen. Damit beginnt das Leben. Vieles mag ein Mensch vorher von Jesus gehört haben, manches mag ihn vorher schon berührt haben: Wenn er selber anfängt zu beten, dann ist sein Glaube geboren! – Betest du schon selber zu Jesus? Dann glaubst du!

Beten ist das Erste auf unserer Seite. Nicht das Allererste überhaupt. Wir antworten ja schon, wenn wir beten. Gott hat schon zu uns geredet. Wir haben die gute Nachricht von Jesus gehört.  Er hat uns schon mit seinem Geist berührt. Sein Geist in uns führt uns dazu, dass wir beten können und beten wollen. Unser Beten ist schon Antwort, Reaktion. Aber auf unserer Seite ist es das Allererste! Wer nicht betet, der antwortet Gott nicht. Wer nicht betet, bleibt für sich. Wer nicht mehr betet, der glaubt nicht mehr.

 

Das Gebet soll immer das Erste bleiben! Seine Priorität wird auch später im Glauben durch irgendetwas ersetzt! Unser Tun, unser Planen, unser Selbstbewusstsein, unsere Erfahrung, nichts soll die erste Stelle einnehmen. Das Gebet kommt zuerst. In der Horizontalen, in der weltlichen, zwischenmenschlichen Ebene, da gewinnt der Glaube in der Liebe Gestalt. „Wer nicht liebt, glaubt nicht!“ muss man da sagen! Das wäre eine andere Predigt. In der Vertikalen, zu Gott hin, da zeigt sich der Glaube im Beten. Wer nicht betet, der glaubt nicht, der rechnet nicht mit Gott, der hat keinen Platz für Gott in seinem Leben.

 

Kein Wort kommt in diesen Versen so oft vor wie das Wort „alle“. „Wir sollen vor allen Dingen beten“ hat Luther übersetzt. Wir sollen für alle Menschen beten. Wir sollen für alle Obrigkeiten beten. (Plural) Gott will, dass alle gerettet werden.

 

Zuerst also: 1. Betet vor allen Dingen.

Beten ist innehalten. Z. B. vor einer Sitzung, vor einer Arbeit, am Anfang des Tages. Das muss nicht lang sein. Nicht die Länge, sondern die innere Hinwendung zu Gott ist entscheidend,   bevor ich mich einer Sache oder eines Menschen zuwende. Und manchmal braucht man dazu länger!

Das geht schnell, wenn die Tage voll sind, wenn viel zu tun ist, dass unser Beten hinten runter fällt. Dann will man sich die Zeit sparen, die Beten kosten würde. Man stürzt in den Tag oder an die Arbeit oder zu einem Menschen in Not oder in eine Auseinandersetzung ohne vorher innezuhalten. Ganz anders scheint es Martin Luther gehandhabt zu haben. Von ihm stammt das Zitat: „Heute habe ich viel zu tun, also muss ich viel beten."

Vor Gott Innehalten, das bewahrt uns vor der irrigen Meinung, alles hinge von uns ab. Wie schnell leben wir unsere Tage so, unsere Erfolge und unsere Sorgen, als läge alles an unserer Konzentration, an unserem Fleiß. Wir schaffen das schon. – Wer betet, der zeigt Demut; Selbsterkenntnis; und Vertrauen. Man räumt Gott Raum ein wenn man betet. Man schafft ihm Raum. Man lernt die Dinge mit seinen Augen zu sehen. Man kann loslassen. – Es geht nicht nur um ein zeitliches Vorher, sondern dass man innerlich immer zuerst vor Gott steht. Das verändert! Dann wird man ein Mensch des Friedens. Jemand, der aus der Ruhe kommt. Dann wird man jemand, der lernt zu tun, was er oder sie vor Gott gehört oder gesehen hat.

Betet vor allen Dingen! Das zeigt auch, dass Beten nicht das Einzige ist! Es folgt ja etwas daraus. Es wirkt sich aus auf das, was nach dem Beten getan wird. Ich mag das Zitat eines alten Mönchen, der gesagt hat: “Wer bei Gott eintaucht, taucht bei den Menschen auf!“ Weil Gott bei den Menschen zu finden ist, die ihn brauchen. Wer betet, wird sich von Gott her den Menschen zuwenden.

 

2. Betet für alle Menschen!

Beten kann eine selbstsüchtige Sache sein: Wir kreisen um uns selbst. Unsere Anliegen, unsere Familie, unsere Gemeinde, sie sind Thema unserer Gebete. Als ginge es nur um mich und die Meinen, und alle anderen gingen mich nichts an. Beten ist keine Privatsache! Genau so wenig wie Glaube Privatsache ist! Wir sollen Salz und Licht in der Welt sein. Unser Glaube kann etwas verändern in der Welt. Unsere Gebete können etwas verändern. Wir sollen priesterlich alle Menschen im Gebet vertreten. Für sie danken und für sie bitten.

Wir werden nicht die ganze Welt retten. Aber deshalb dürfen wir noch lange nicht lethargisch, tatenlos, ohne mit zu leiden, ohne Gottes Liebe zu zeigen, auf ihren Untergang warten. In einer Predigt las ich,  sich immer nur um sich selbst zu drehen beim Beten, das sei kein Gebet, das „Gottesmissbrauch“. Man möchte Gott vor den eigenen Karren spannen. Nicht „sein Wille“, sondern mein Wille geschehe! So wird gebetet. Nicht sein Reich komme, sondern mein Reichtum, mein Erfolg, meine Gesundheit.

Wer Gott zu seinen Privatgott macht, der macht ihn zum Götzen. Der lebendige Gott ist der Gott dieser Welt und aller ihrer Menschen. Er liebt alle Menschen. Er möchte, dass alle Jesus Christus erkennen und gerettet werden. Jesus ist zur Erlösung aller Menschen am Kreuz gestorben. Er will, dass allen Menschen geholfen werde! – Darum können und sollen wir für alle Menschen beten! Wer im Horizont des Reiches Gottes betet, „dein Reich komme, dein Wille geschehe“,  der wendet sich schon beim Beten dieser Welt zu und allen ihren Menschen.

Unser Gebet soll das Wohl aller Menschen im Blick haben. Themen liefern Zeitung und Nachrichten täglich ins Haus. Manchmal muss man sich gut informieren, um angemessen beten zu können. Wer betet, wie es Gott gefällt, der betet nicht einfach „Herr segne alle Menschen, alle knapp sieben Milliarden, und alle knapp 170.000, die heute geboren werden. Amen.“ Wer betet, wie es Gott gefällt, geht in Gedanken mit in die Welt hinein, wie andere sie gerade erleben. Beten hat es auch mit Solidarität zu tun. Sich mit der Situation und den Gebeten anderer eins zu machen.

Wenn wir beten für verfolgte Christen, aber auch für Moslems im Iran oder in Syrien, die fliehen und Angst um ihr Leben haben, dann stellen wir uns an ihre Seite und gehen ein kleines Stück mit ihnen. Wir können nicht den ganzen Weg mit ihnen gehen. Aber darauf kommt es ja an, darum beten wir, dass Gott den ganzen Weg mit ihnen geht. Dass er mit seinem Trost, mit seiner Macht und Liebe, mit seiner Geduld bei ihnen bleibt.

Alle Menschen. Das sind ziemlich viele. Und alle, das sind nicht nur die Rechtgläubigen, nicht nur die Sympathischen, nicht nur die, die mir gut gesonnen sind, nicht nur deine Freunde. „Alle Menschen“, da ist niemand aus meinen Gebeten ausgeschlossen.

Alle Menschen, das heißt:

Dicke und zu Dünne, Rothaarige und Gelockte, Angeber und Unzuverlässige, ...

Alle, auf die ich neidisch bin. Und alle, die mich beneiden.

Alle, zu denen ich unfreundlich war. Und alle, die mich abgefertigt haben.

Alle, die ich enttäuscht habe. Und alle, die mich getäuscht haben.

Alle, gegen die ich Vorurteile habe. Und alle, die von mir nichts erwarten.

Alle, auch die total Unfähigen. Und auch jene, die genau wissen, was ich alles nicht kann.

Alle, denen ich nicht gefalle. Alle, deren Musik ich nicht hören mag.

Alle, die ich verletzt habe. Alle, die mir gegenüber ungerecht waren und gemein.

Alle, auch die Lästerer und Spötter. Und alle, deren Glauben ich nicht ernst nehmen kann.

Alle Menschen. Dazu gehören, der Briefschreiber betont es sicher aus gegebenem Anlass, die Könige und alle sogenannten Obrigkeiten.

Alle Chefs, auf allen Hierarchiestufen, oben, unten, zwischen allen Stühlen, zwischen Karriere und Rauswurf.

Alle herrschsüchtigen, machtversessenen Sonnenkönige, alle Diktatoren, die sich für weise, mächtige Herrscher halten.

Alle unfähigen Parlamentarier, die demokratisch gewählt wurden, aber von ihrem Fachgebiet keine Ahnung haben.

Alle normalen Leute auch. Alle, die mit uns im Stau stehen, weil sie auch gerade in die Ferien wollen.

Dass es nicht leicht zu befolgen ist, für alle Menschen zu beten, wird auch deutlich durch die Forderung, für Könige und Herrscher zu beten.

2.     Betet für alle Regierenden
und für alle, die eine Hohe Stellung einnehmen,
für alle, die für Menschen Verantwortung tragen.


Für Eltern, Lehrer, Polizisten, Manager, Trainer, Ärzte, Gewerkschaftsbosse und Vertreter der Deutschen Bundesbahn. (Aktuell streikt die Gewerkschaft der Lokführer vier Tage lang!) Betet für Angelika Merkel und Sigmar Gabriel, für Präsident Obama nach der Wahlschlappe letzte Woche, für Oberbürgermeister Bertram Hilgen in Kassel, für die grüne Katrin Göring-Eckardt, den linken Klaus Ernst, für Dr. Bernd Lucke von der Alternative für Deutschland, und Christian Lindner von der FDP. – Ärgert ihr euch über die eine oder andere Partei, die ich genannt habe? Unser Gebet ist keine Sympathiebekundung! Wir beten nicht nur für die, von denen wir meinen, sie würden es am besten machen. Wir sollen für alle beten, die Verantwortung haben.

Ja, wir können uns auch ärgern und den Kopf schütteln. Wir beten auch für Parlamentarier, die keine Ahnung von ihrem Fachgebiet haben, für die Bundesminister, die einfach aus Gründen des Proporzes in ihre Ämter gekommen sind, weil man gerade noch einen aus der CSU oder aus Nordhessen brauchte: Minister, die vorher noch nie mit Verkehrspolitik, Gesundheitspolitik oder Landwirtschaft zu tun hatten. Die schlechten Politiker haben es nur noch mehr nötig, dass wir sie beten.

Und ich sage euch: Paulus hatte in seinem Brief besonders die bösen, selbstherrlichen Herrscher vor Augen. Diktatoren wie den Kaiser in Rom damals, der sich für göttlich hielt, für einen Mittler zwischen Gott und Welt, der sich anbeten und sich Heiland nennen ließ. Ganz deutlich nimmt Paulus hier gegen ihn Stellung. Nein: Es gibt nur einen Gott und einen Mittler, das ist Christus, der gestorben ist zur Erlösung für alle Menschen. Nicht zum Kaiser sondern für ihn sollen die Christen beten! Allein Gott gebührt die Ehre!

Christen beten nicht, dass das korrupte Machtsystem in Rom (oder in der Ukraine oder wo auch immer) bestehen bleibt. Paulus betet nicht, dass des Kaiser Koch ihn gut bekocht, dass der Kaiser immer gesund ist und seine Offiziere immer vor ihm stramm stehen. Christen beten für Frieden und Freiheit, für Gerechtigkeit für alle Menschen.

Wer Unrecht nicht beim Namen nennt, der sündigt auch! Wer gottlose Regime machen lässt und nicht dagegen aufsteht, der sündigt auch. Wer sonntags gebetet hat und montags „Heil Hitler“ gerufen hat, der hat auch gesündigt. Vielleicht aus Dummheit damals, aber dann hat er hoffentlich Buße getan, sich geschämt und ist umgekehrt.

Nein: Paulus bezieht Stellung gegen den göttlichen Machtanspruch Roms. Nicht Kaiserfurcht soll zunehmen, sondern Gottesfurcht soll wachsen, bis hinauf zum Kaiser. Das Ziel der Gebete ist, dass die Machthaber ihrer eigentlichen Aufgabe nachkommen, dass sie ihr Amt nicht verraten, dass sie zum Wohle des Volkes regieren, dass Menschen in Frieden unter ihnen leben können, dass die Würde des Menschen als unantastbares Gut geachtet wird, dass Menschen frei denken und glauben können, egal was sie glauben.

Religionsfreiheit ist eine Folge der Liebe Gottes und der Freiheit, die er uns geschenkt hat. Gott bietet allen den Glauben an, aber er lässt es zu, dass Menschen sich gegen ihn entscheiden, anderen Göttern nachlaufen. Eine Regierung, die mit Gewalt ihre Ideologie oder ihren Glauben durchsetzt, und sei es eine christliche Regierung, sie hat Gott nicht auf ihrer Seite.

Christen beten für den Frieden, für die Achtung der Menschenwürde überall in der Welt und für Religionsfreiheit, .... auch in Nordkorea, Somalia, Syrien oder im Irak. Das sind die vier Länder, in denen Christen heute am brutalsten verfolgt werden. Verhaftet, gefoltert, eingesperrt, getötet.

Viertens und letztens:
4. Gott will, dass alle Menschen gerettet werden.

 

Diese Welt sinkt und Jesus ist das Rettungsboot. Das Rettungsboot ist so groß. Keiner muss ertrinken. Diese Welt ist todkrank. Jesus ist die Medizin. Gott will, dass jeder diese Medizin bekommt. Die Medizin ist bezahlt, für alle. Sie ist kostenlos. Gott will nicht theoretisch, dass alle gerettet werden. Er wünscht sich das höchst aktiv. Er hat das Boot gebaut! Er hat die Medizin erfunden! Er wirbt um jeden!

 

Ich habe als Student in einer Predigt ein grausiges Bild für den Tod Jesu gehört:

 

In Südamerika gibt es einen langen Fluss und es gibt über zig von Kilometern keine Brücke. Immer wieder aber müssen Viehherden auf die andere Seite. Auf dieser Seite geht das Futter aus. Die Tiere hungern. Der Fluss ist breit, es gibt seichte Stellen, aber es wimmelt von Piranhas in seinem Wasser. Die Fische stürzen sich mit ihren scharfen Zähnen auf alles Lebende, das sich ins Wasser wagt. Was tun die südamerikanischen Viehtreiber? Sie suchen sich ein Rind aus, mit nicht zu wenig Fleisch, sie trennen es von der Herde und treiben es einige Hundert Meter von der Herde entfernt ins Wasser. Die Fische stürzen sich auf das Tier, das jämmerlich verendet. Die Herde aber kommt an anderer Stelle unbeschadet ans andere Ufer. Sie ist gerettet.

 

Ein grausiges Bild für den Tod Jesu und für unsere Rettung. Jesus ist für alle gestorben, damit sie leben können. Die andere Flussseite ist das Leben mit Gott. Auf dieser Seite droht der sichere Tod. Auf dieser Seite wird das Leben enden.



Und wo sind die Christen in diesem Bild? Wir sind gerettet und wir sind als „Cowboys Gottes“ sozusagen noch auf dieser Seite. Wir wissen um die Chance. Wir müssen den Menschen sagen, wo sie durchs Wasser kommen. Wir laden ein, wir weisen darauf hin. Aber jeder muss Gottes Angebot selbst vertrauen und sich selber seine Füße ins Wasser setzen. – Gott schubst uns nicht gegen unseren Willen ins Rettungsboot. Gott trichtert uns die Medizin nicht ein, die zum Leben führt.

 

Gott will, dass alle Menschen gerettet werden. Das ist sein Wille Gottes HEUTE noch! Darum sind wir noch auf dieser Seite des Flusses. Heute ist der Tag, an dem man durchs Wasser kann!

 

(1)   Vor allem betet!

(2)   Betet für alle Menschen

(3)   und für alle Herrscher.

(4)   Denn Gott will, dass allen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

 

Amen

 
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