Markus 10, 35-45 Herrschen oder Dienen

Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Mönchebergstraße 22.3.2015,
Pastor Norbert Giebel

Markus 10, 35-45: „Herrschen oder Dienen?“

 

Liebe Gemeinde,
ihr lieben Schwestern und Brüder,

wer von euch möchte etwas gelten in der Gemeinde? Wer möchte wichtig sein? Vielleicht eine Säule der Gemeinde sein? Wen sollten alle kennen und achten? Wer will oder soll der Größte sein? Johannes und Jakobus, die beiden Brüder, sie wollen die Größten unter den Jüngern Jesu sein! Ich lese den Predigttext aus Markus 10, 35-45:

35Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, traten an Jesus heran und sagten: »Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst.« -
36»Was wollt ihr?«, fragte er. »Was soll ich für euch tun?«
37Sie antworteten: »Wir möchten, dass du uns in deiner Herrlichkeit neben dir sitzen lässt, den einen an deiner rechten Seite und den anderen an deiner linken Seite.« -
38»Ihr wisst nicht, um was ihr da bittet«, entgegnete Jesus. »Könnt ihr den bitteren Kelch trinken, den ich trinken werde, und die Taufe empfangen, mit der ich getauft werden muss?« -
39»Das können wir!«, erklärten sie. Da sagte Jesus zu ihnen: »Den Kelch, den ich trinke, werdet ihr zwar auch trinken, und die Taufe, mit der ich getauft werde, werdet auch ihr empfangen.
40Aber darüber zu verfügen, wer an meiner rechten und an meiner linken Seite sitzen wird, das steht nicht mir zu. Wer dort sitzen wird, das ist ´von Gott` bestimmt.«
41Die übrigen zehn Jünger hatten dem Gespräch zugehört und ärgerten sich über Jakobus und Johannes.
42Da rief Jesus sie alle zusammen und sagte: »Ihr wisst, dass die, die als Herrscher über die Völker betrachtet werden, sich als ihre Herren aufführen und dass die Völker die Macht der Großen zu spüren bekommen.
43Bei euch ist es nicht so. Im Gegenteil: Wer unter euch groß werden will, soll den anderen dienen;
44wer unter euch der Erste sein will, soll zum Dienst an allen bereit sein.
45Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben.«

 

Ihr lieben Jünger Jesu,

das haben die beiden Brüder ja richtig gut eingefädelt. Wie so ein kleines Kind zu seiner Mutter oder zum Vater, so kommen sie zu Jesus. „Mama / Papa / Jesus, versprichst du mir was? Du hast mich doch ganz lieb, oder? Gibst du mir, was ich mir von dir wünsche?“

Was für ein billiger Trick. – Was für ein egoistisches Gebet! „Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst!“ Jesus lässt sich darauf ein. „Was ist eure Bitte? Was soll ich tun?“ Und dann kommt nicht irgendeine Kleinigkeit: „Wir möchten, dass du uns in deiner Herrlichkeit neben dir sitzen lässt, den einen an deiner rechten Seite und den anderen an deiner linken Seite.“


Das war nicht nur eine Bitte zur Tischordnung. Jakobus und Johannes wollen zur Linken und zur Rechten neben Jesu Thron in seiner Herrlichkeit sitzen. Sie wollen mit ihm herrschen. Sie wollen wichtig sein, auch im Himmel. Sie wollen im Zentrum der Macht sitzen. Die beiden Söhne des Zebedäus sind schließlich nicht irgendwer! Sie gehören zum engsten Jüngerkreis. Sie waren bei allem dabei. Sie allein waren mit Jesus und Petrus auf dem Berg Tabor, als Jesu Kleider plötzlich ganz hell wurden und als er anfing zu strahlen in einem Weiß, dass sie noch nie gesehen hatten.


Mose und Elia waren ihnen auf dem Berg erschienen. Der Vertreter des Gesetzes und ein Vertreter der Propheten. Dann haben sie eine Stimme gehört, Petrus, Jakobus und Johannes. Sie haben Gott reden gehört: „Dies ist mein geliebter Sohn!“ hat er über Jesus gesagt, „den sollt ihr hören!“ Ehre wem Ehre gebührt! Mit diesen beiden kommt nicht irgendwer zu Jesus. Auf ihre Nähe zu Jesus, auf sein besonderes Vertrauen, da kann man sich schon etwas einbilden! Später im Garten Gethsemane sind es diese drei, die Jesus mit an den Ort nimmt, an dem er betet. Petrus, Jakobus und Johannes, sie sind die drei Säulen der ersten christlichen Gemeinden. – Die drei Ältesten, wenn man so will.


Jakobus und Johannes sind sich ihrer Bedeutung bewusst. Und sie haben verstanden, dass Jesus bald sterben wird, und haben verstanden, dass er dann zum Vater geht, in seine Herrlichkeit. Was liegt da näher, als ein bisschen für sich selbst vorzusorgen? Sie sind eng mit Jesus verbunden, warum sollen sie dann nicht auch im Himmel eng neben ihm sitzen und mit ihm herrschen? Einfach „in den Himmel kommen“, wie man so salopp sagt, das reicht ihnen nicht. Sie wollen zwei Ehrenplätze reservieren. „Dabei sein ist alles!“ das gilt für die Olympiade! (Vielleicht 2024 in Hamburg) Aber „Dabei sein ist schon alles!“ das gilt nicht für Jakobus und Johannes, wenn sie an die Ewigkeit denken.

Was uns an den beiden befremdet, ist aber wenigstens ehrlich. Wie viel Eitelkeit gibt es auch unter Christen heute. Wie viel Stolz kann sich hinter laut vorgetragenem Bibelwissen verbergen? Wie viel Geltungsdrang kann hinter einem Dienst in der Gemeinde stehen. Wie gerne erzählen manche, was sie schon alles für den Herrn getan haben. Jakobus und Johannes halten sich für etwas Besonderes  und sie reden offen davon. – Neben Jesus in seinem Reich zu sitzen und mit ihm Recht zu sprechen, das wäre der ihnen angemessene Ort.


Jesus weist den Wunsch der Beiden nicht einfach ab. Ich höre keinen Vorwurf in dem, was er ihnen sagt. Er antwortet nur: „Ihr wisst nicht, was ihr bittet!“ Was mögen die beiden sich vorgestellt haben?

Dreimal hat Jesus angekündigt, dass sie nach Jerusalem gehen und dass er dort leiden und sterben und nach drei Tagen wieder auferstehen wird. Nun sind sie kurz vor dem Ziel. Die Stadt ist nahe. Jesus wird sich als Messias zeigen und er wird vermutlich irgendwie sterben. „Er wird leiden. Dann wird er herrschen. Da wollen wir dann wieder dabei sein, zu seiner Rechten und zu seiner Linken!“

Jesus hatte vom Lohn der Nachfolge geredet, den die bekommen, die wie sie alles hinter sich gelassen haben und Jesus gefolgt sind. Vom Sitzen auf Thronen hatte Jesus geredet. Da kann man sich doch schon mal einen Platz sichern! Oder? Gerade uns Deutschen sollte die Haltung von Jakobus und Johannes nicht fremd sein. Wir sind doch in der ganzen Welt dafür bekannt, dass wir schon morgens um 7.00 Uhr die besten Liegen am Pool oder am Strand für uns reservieren. – Wir wollen doch auch das Beste für uns!


Jesus weist die beiden - wie gesagt - nicht zurecht. Er fragt nur, ob sie auch den Preis bezahlen können. Mit dem möglichen Verlusts eines Badelakens ist es hier nicht getan. Jesus fragt sie: "Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?"

Es gibt Menschen, die kriegen ein „Ich weiß nicht“ nicht über die Lippen. Sie antworten auf alle Fragen mit Ja oder Nein, meist mit Ja, ohne wirklich zu wissen, worum es geht. Kindern kann das passieren. „Ich kann das, ich weiß das, ich schaffe das!“ sagen sie und haben keine Ahnung wovon sie reden. Die beiden Zebedäus-Söhne antworten ohne Nachzudenken   wie Kinder: „Ja, ja, wir schaffen das!“ Das klingt sehr nach Bob dem Baumeister, falls den jemand kennt.


Sie wollen wirklich den gleichen Leidensweg gehen wie Jesus? Von dem Kelch des Leides wird Jesus im Garten Gethsemane noch einmal sprechen. Und er fragt Gott, er bittet ihn, den Kelch an ihm vorübergehen zu lassen. Die Taufe wird hier als Bild für den Übergang verwendet. Die Leidenstaufe ist ein Bild für einen sehr schweren Weg in die Herrlichkeit, für verfolgte Christen, für Märtyrer.


Jesus sagt: „Den Kelch, den ich trinke, werdet ihr zwar auch trinken, und die Taufe, mit der ich getauft werde, werdet auch ihr empfangen. (Ihr werdet in meiner Nachfolge das Martyrium erleiden.) Aber darüber zu verfügen, wer an meiner rechten und linken Seite sitzen wird, das steht nicht mir zu. Wer dort sitzen wird, das ist von Gott bestimmt.“ Das Handtuch auf den beiden Plätzen im Himmel hätten Jakobus und Johannes sich sparen können. Dazu kommt der Ärger mit den anderen Jüngern.


Vielleicht finden sie es ungehörig, sich so bei Jesus Liebkind zu machen. Vielleicht hat es sie geärgert, dass die beiden sich für so wichtig nehmen. Vielleicht hat der Vergleich mit ihnen sie verletzt. Sie fühlten sich als Jünger zweiter Klasse. Oder sie waren einfach verärgert, dass sie nicht selbst auf diese Idee gekommen sind. Wer sich über die Stolzen ärgert, ist vielleicht selber gar nicht so weit weg vom Stolz. ... Warum sonst sollte man so empfindlich sein? ... Vielleicht sind die anderen Jünger gar nicht besser. Sie greifen nur nicht so offen nach Ehre und nach Anerkennung. 

Jesus jedenfalls hat nun allen etwas zu sagen. Etwa Grundsätzliches, was Leitung und Ehre unter seiner Herrschaft bedeutet: "Ihr wisst, die in der Welt als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an." Dagegen soll im Reich Gottes und damit schon jetzt im Jüngerkreis (und in der Gemeinde) eine andere Ordnung herrschen: "Aber bei euch ist es nicht so; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein."

Weil Jesus den Dienst so hoch gestellt hat, reden Christen gerne vom Dienen. „Diakonie“ heißt Dienen. Bei uns „herrscht niemand mit dem Wort“, sondern er „dient mit dem Wort“. Und auch die Apostel haben in allen ihren Briefen das Wort Amt und alle Bezeichnungen, die auf eine Hierarchie hinweisen, vermieden. Es gibt keinen Chef im Reich Gottes. Jesus sagt einmal, dass wir uns nicht Meister, Lehrer, oder auch nicht ehrenvoll mit Vater anreden lassen sollen. In der Gemeinde Jesu wird anderen Menschen gedient. Egal in welcher Position.


Das mit dem Dienen kann aber auch Etikettenschwindel werden. Unsere menschlichen Bedürfnisse nach Einfluss und Anerkennung sind ja geblieben. Auch in der Gemeinde kann man Dienste übernehmen, um seiner selbst willen, weil es einem gut tut, weil man es selber braucht, weil man auf diese Weise etwas zu sagen hat, weil man meint, auf diese Weise wichtig zu sein. Bei einem Minister, das heißt auf Deutsch „Diener“, denken wir ja auch nicht an jemanden, der auf der sozialen Leiter unten steht.

Manches wird Dienst genannt, ist aber verkappte Herrschaft! Wehe, sie könnten ihren „Dienst“ nicht mehr tun! Für Pastoren kann es ganz schwer sein, wenn sie in den Ruhestand gehen. Jetzt sind sie nicht mehr wichtig. Jetzt haben sie nichts mehr zu sagen. Ich kenne Älteste, die die Gemeinde gewechselt haben, als sie nicht wiedergewählt wurden. Was war Demut bei ihnen? Was war Herrschaft?

Nicht überall, wo Dienst draufsteht ist auch Dienst drin! Wir haben wohl schon alle vom Helfersyndrom gehört. Da kann es passieren, dass Menschen ihren eigenen Dienst mehr brauchen als die Menschen, für die sie da sind. Auch von dem Pfadfinder haben wohl schon alle einmal gehört, der jeden Tag eine gute Tat vollbringen will und jeden zweiten Tag einer Oma über die Straße hilft, die gar nicht auf die andere Seite wollte.


In der Gemeinde Jesu wird gedient. Jesus ist darin Vorbild. Jesus sagt:   „Auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben.“ Wer der Größte im Reich Gottes sein will, soll sich so verhalten, dass er andere in ihren Gaben, in ihrem Leben aufbaut. Dass er anderen leben hilft, dass er andere im Glauben stärkt. Es geht nicht darum, selber Groß zu scheinen, indem man andere klein hält, sondern anderen zu helfen, dass sie wachsen und sie größer werden.


Ich habe einmal einen schönen Vergleich gelesen. Was ist ein geistlicher Leiter war da die Frage. Jeder Mitarbeiter im Reich Gottes ist wie ein Ball wurde da gesagt, ein Ball der springt. Jeder Christ ist wie ein Ball, der hochspringt. Jeder unterschiedlich hoch, je nach Gabe oder Bereich oder Erfahrung. Ein geistlicher Leiter sei jemand, der nicht selber groß herauskommen muss. Ein geistlicher Leiter leitet nicht um seiner selbst willen. Er ist wie ein zweiter Ball, der anderen dient, der am Boden bleibt und sich unter die anderen Bälle bewegt. So springen die anderen Bälle höher als sie ohne ihn springen würden. – Er verstärkt ihr Potential, ihre Bewegungen, ihre Gaben. Das ist ein Bild. Aber mir gefällt es. Ich wäre gerne jemand, der anderen hilft, dass sie höher springen.

Die Spitze der Pyramide im Reich Gottes ist unten. – Jesus ist unten. Er dient uns allen. Er hat sich dahingegeben, damit wir höher springen können. Ein alter Prediger hat einmal gesagt(sinngemäß): „Christen sollen wachsen. Natürlich. Aber Christen wachsen wie ein Kuhschwanz: Nach unten! – Jesus ist unten. – Die Spitze ist unten.

Am Abend vor seiner Verhaftung hat Jesus seinen Jüngern gezeigt, was er unter Herrschaft versteht. Da hat er sich die Schürze umgebunden und ihnen allen nacheinander die Füße gewaschen. Das war ein niedriger Sklavendienst. Nicht einmal jeder Sklave hätte das getan. „Ein Beispiel habe ich euch getan“, sagt Jesus, „dass ihr einander tut, wie ich euch getan habe!“


Hinter der Schürze Jesu können wir nicht zurück, wenn wir seine Jünger sein wollen. Wo dann unser Platz im Himmel ist, das können wir getrost dem Vater überlassen. „Soli deo gloria!“ Sagen die Lateiner. Gott allein sei die Ehre.

Amen.

 

 

 

 
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