Exodus 32, 1-14 Das Gebet des Mose

Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Kassel-Mönchebergstraße 26.4.2015
Pastor Norbert Giebel


Exodus 32, 1-14          Moses ringt mit Gott um das gefallene Volk

Liebe Gemeinde,

ich lese zunächst aus 2. Mose Kapitel 32 die ersten sechs Verse:

1 Das Volk Israel unten im Lager hatte lange auf die Rückkehr von Mose gewartet. Als er immer noch nicht kam, liefen alle Männer bei Aaron zusammen und forderten: »Mach uns einen Gott, der uns schützt und führt! Denn was aus diesem Mose geworden ist, der uns aus Ägypten hierher geführt hat – niemand weiß es.« 2Aaron sagte zu ihnen: »Nehmt euren Frauen, Söhnen und Töchtern die goldenen Ringe ab, die sie an den Ohren tragen, und bringt sie her!« 3 Alle nahmen ihre goldenen Ohrringe ab und brachten sie zu Aaron. 4 Er schmolz sie ein, goss das Gold in eine Form und machte daraus das Standbild eines Jungstiers. Da riefen alle: »Hier ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägypten hierher geführt hat!« 5 Aaron errichtete vor dem goldenen Stierbild* einen Altar* und ließ im Lager bekannt machen: »Morgen feiern wir ein Fest für den HERRN!« 6 Früh am nächsten Morgen brachten die Leute Tiere, die als Brandopfer* dargebracht oder für das Opfermahl* geschlachtet wurden. Sie setzten sich zum Essen und Trinken nieder und danach begannen sie einen wilden Tanz.

Das Volk befindet sich auf seiner langen Wanderung durch die Wüste. Diese Zeit ist von Entsagungen geprägt. Sie kennen Hunger, sie kennen Durst, die Füße tun weh und der Sand ist überall in der Kleidung. Keine leichte Zeit für das Volk. Sie sind mit Gottes Verheißung unterwegs. Er will ihnen neues Land geben. Er will ihnen Frieden geben. Aber es dauert alles furchtbar lange. Zu lange. Das Volk murrt immer wieder. Es will nicht mehr. Es hat keine Kraft mehr.

Mose ist ihr Garant, dass Gott bei ihnen ist. Mose hat sie aus Ägypten herausgeführt. Er hat einen direkten Draht zu Gott. Aber Mose kommt nicht wieder. Sie lagern am Fuße des Berges Horeb im Sinai. Seit über einem Monat ist er schon weg. Gott spricht zu ihm oben auf dem Berg. Gott gibt ihm gerade zehn Gebote, zehn Grundregeln für das Leben in Verbindung mit Gott. Aber das weiß das Volk nicht. Gott will gerade seinen Bund mit Israel gründen, aber das Volk fühlt Gott gerade so weit weg wie nie zuvor.

Das Leben in Ägypten war kein Honigschlecken. Aber es war besser als in der Wüste. Sie haben alles zurückgelassen. Aber wofür? Und Mose kommt nicht wieder. Bestimmt ist er tot. Abgestürzt, von wilden Tieren gefressen. Mose war ihr Mittelsmann zu Gott. Das Volk hält es nicht mehr aus. Sie wollen endlich etwas sehen von Gott, etwas greifen können. Sie brauchen eine Perspektive.

Alle Völker um sie her, sie geben ihren Göttern ein Gesicht. Beliebt ist der Stier. In der ganzen damaligen Welt ein Symbol für Kraft und Stärke. Sie wollen auch so ein Bild. Sie wollen auch etwas sehen von Gottes Kraft. Sie wollen keinen anderen Gott. Das nicht. Wirklich nicht. Ihr Gott hat sie aus Ägypten befreit. Mit ihm wollen sie auf dem Weg bleiben. Aber sie wollen ein Bild von ihm haben. So stehen sie alle auf gegen Aaron, gegen den Bruder des Mose, den „stellvertretenden Gemeindeleiter“ sozusagen, den Priester, und sie fordern von ihm: „Mach uns ein Bild von unserem Gott!“

Und Aaron lenkt ein. Er zeigt sich als schwacher Leiter, als falscher Leiter, der es der Mehrheit recht machen will. Alle reißen sich ihre goldenen Ohrringe von den Ohren und bringen sie zu ihm. Männer und Frauen haben sie als Schmuck getragen. Das hat wehgetan, sie herzugeben. Aber es war das Opfer wert. Endlich hatten sie wieder ein Ziel. Endlich waren sie sich einig. Endlich konnten sie etwas tun. Gemeinsam sind sie stark. Ich musste an den Turmbau zu Babel denken. Da wollten sie Menschen sich ein Denkmal setzen. Da wollten sie zu Gott hinauf. Alle waren sich einig. Alle waren fleißig. Alle brachten Opfer. Aber das Ziel war falsch! Ihr Ziel war gottlos! Was für ein trauriges Bild: Menschen, die Gott kennen, und die entschieden in die falsche Richtung laufen. Möge Gott uns davor bewahren. Jeden von uns. Uns als Gemeinde. Möge Gott seine Christen davor bewahren.

Das goldene Kalb bekommt einen Altar. Das goldene Kalb bekommt seine Opfer. Und dann wird gefeiert. Sie essen und trinken und lassen ihrer Lust freien Lauf. Der Tanz um das goldene Kalb: Bei uns sprichwörtlich gebraucht dafür, wenn Menschen alles geben für das was menschlich ist: Schönheit, Reichtum, Erfolg, Ansehen. „Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot!“ (1. Kor 15,32)

Gott lässt sich Zeit, aber das Volk hat keine Geduld. Das Volk hat kein Vertrauen. Sie investieren sich ganz in diese Welt. Sie vertrauen auf das, was Menschen tun können. „Gemeinsam sind wir stark! Auch wenn wir in die falsche Richtung laufen! Hauptsache unsere Gemeinschaft stimmt!“

Im Tal, unten am Berg, wird gefeiert. Oben auf dem Berg spielt sich eine ganz andere Szene ab. Ich lese weiter die Verse 7-14:

7 Da sagte der HERR zu Mose: »Steig schnell hinunter! Dein Volk, das du aus Ägypten hierher geführt hast, läuft ins Verderben. 8 Sie sind sehr schnell von dem Weg abgewichen, den ich ihnen mit meinen Geboten gewiesen habe: Ein gegossenes Kalb haben sie sich gemacht, sie haben es angebetet und ihm Opfer dargebracht und gerufen: 'Hier ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägypten hierher geführt hat!'«
9 Weiter sagte der HERR zu Mose: »Ich habe erkannt, dass dies ein widerspenstiges Volk ist. 10 Deshalb will ich meinen Zorn über sie ausschütten und sie vernichten. Versuche nicht, mich davon abzubringen! Mit dir will ich neu beginnen und deine Nachkommen zu einem großen Volk machen.«
11 Mose aber suchte den HERRN, seinen Gott, umzustimmen und sagte: »Ach HERR, warum willst du deinen Zorn über dein Volk ausschütten, das du eben erst mit starker Hand aus Ägypten herausgeführt hast? 12 Du willst doch nicht, dass die Ägypter von dir sagen: 'Er hat sie nur herausgeführt, um sie dort am Berg zu töten und völlig vom Erdboden auszurotten!' Lass ab von deinem Zorn, lass dir das Unheil Leid tun, das du über dein Volk bringen willst! 13 Denk doch an Abraham, Isaak und Jakob, die dir treu gedient haben und denen du mit einem feierlichen Eid versprochen hast: 'Ich will eure Nachkommen so zahlreich machen wie die Sterne am Himmel; ich will ihnen das ganze Land, von dem ich zu euch gesprochen habe, für immer zum Besitz geben.'« 14 Da sah der HERR davon ab, seine Drohung wahr zu machen, und vernichtete sein Volk nicht.


Gott geht auf Distanz. Gott distanziert sich von seinem Volk. „Steig schnell hinunter!“ sagt Gott. „Denn dein Volk, das du aus Ägypten hierher geführt hast, läuft ins Verderben!“ Es ist nicht mehr Gottes Volk. Seine Entscheidung ist gefallen. Gerade erst, gerade eben noch hatte Gott Mose das erste Gebot gelehrt: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten befreit hat! Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“ Jetzt ist es Moses Volk.

Gott will das Volk verderben. Auslöschen. Das Projekt Israel stoppen. Alles auf null zurückfahren. „Ich werde dieses sture Volk in meinem Zorn verbrennen!“ kündigt Gott seinem Diener an. Wer den lebendigen Gott mit so einem goldenen Stier gleichsetzt, der betet einen anderen Gott an. Der hat den Weg Gottes mit ihm verlassen. Der lebt für seine Schönheit, seinen guten Ruf, seinen Wohlstand und seinen Erfolg. Der tanzt ums goldene Kalb und der tanzt nicht mehr für Gott in seinem Leben.

„Ich werde dieses sture Volk in meinem Zorn verbrennen!“ kündigt Gott seinem Diener an. „Und dich werde ich zu einem großen Volk machen. Mit Dir, Mose, will ich wieder neu anfangen. Auf dich ist Verlass!“ Was für ein Angebot! Wie oft hatten sie gemurrt gegen Mose. Wie sehr hat er sie oft ziehen müssen. Wie dumm hatten sie ihn angegriffen. – Mose kann endlich dieses sture Volk loswerden! Und Gott gibt ihm Recht! „Sie sind wirklich halsstarrig und du bist wirklich gut. Komm mit, wir fangen neu an!“ sagt Gott zu Mose.

Mose erweist sich als der bessere Leiter. Er zeigt sich als der wahre Priester. Mose zeigt eine hohe geistliche Qualität: Demut. Barmherzigkeit. Festhalten an Gottes Weg. Und er hat hier zunächst einmal nicht nur das Volk gegen sich, sondern auch Gott selbst. Er macht sich verantwortlich für Menschen, die ihm anvertraut sind. Mose lässt sich nicht verführen von irgendwelchen weltlichen oder geistlichen Vorteilen. Er schlägt das Angebot Gottes aus. Um seinetwillen! Um Gottes willen! Mose ringt mit Gott. Er appelliert gegen Gott an Gott. Er betet in Gottes Namen um Gottes Willen.

„Mose suchte den HERRN, seinen Gott, umzustimmen.“(Gute Nachricht Übersetzung) Martin Luther hat übersetzt: „Mose aber flehte zu Gott!“ Er betet dringlich. Er tat gar nichts anderes mehr als beten. Er gab sich ganz hin im Gebet. Er setzte sich ganz ein. Er hörte nicht auf immer und immer wieder zu beten. Ich will da kurz bleiben. Wofür flehen wir zu Gott? Wofür beten wir? Anhaltend! Dringlich! Ohne Aufhören! Mit ganzem Ernst! – Beten wir für Erweckung? Beten wir für einen neuen Aufbruch in unserer Gemeinde? Beten wir für verfolgte Christen, für die Flüchtlingsnot im Mittelmeer? – Was liegt uns so auf dem Herzen, dass wir nicht aufhören können, zu beten???

Mose will kein kleiner König werden; lieber bleibt er ein treuer Diener. Er verzichtet auf Macht und Ansehen. Aber er fürchtet um Gottes Ansehen. Mose bekehrt Gott könnte man sagen. Mose kehrt Gott weg von seinem Zorn. Zwei Argumente führt er ins Feld: Die Völker und die Väter. Was sollen die anderen Völker sagen? Was sollen die Ägypter sagen? Dein Name wird beschädigt werden in dieser Welt. Dann bist du kein Gott der Befreiung mehr, sondern ein Gott der Vernichtung! Die Menschen werden denken, du hast es nicht vermocht, du hattest keine Kraft, das Volk zu führen. Das Vertrauen zu dir wird geschädigt werden. Man wird nicht mehr hinhören, wenn von dir die Rede ist. Um Gottes Willen, um deinetwillen, erbarme dich über dieses sture, Volk!

Und denke daran, was du den Vätern dieses Volkes versprochen hast. Du hast gesagt, sie würden ein großes Volk werden, du würdest ihnen Land geben, du würdest ihr Gott sein und sie dein Volk! Nun halte, was du gesagt hast. Ich lasse dich nicht heraus aus deinem Wort, Gott! Ich komme zu dir mit deinem Wort in meiner Hand! Erbarme dich. Herr erbarme dich! Mose schlägt Gottes Angebot an ihn aus. Um Gottes Willen und um des Volkes willen. Das ist wirklich ein Gebet „im Namen Gottes“!

Es gibt Christen, die ihr Gebet gerne mit der Formel abschließen „im Namen Jesu, Amen!“ Bei Mose können wir lernen, was ein Gebet im Namen Gottes ist: Ein Gebet im Namen Gottes oder im Namen Jesu sucht Gottes Ehre! Unbedingt! Ein Gebet im Namen Gottes will ganz zuerst, auch wenn es Opfer kostet, dass Gottes Wille geschieht!

„Da sah der HERR davon ab, seine Drohung wahr zu machen, und vernichtete sein Volk nicht!“ (V14) – Gott lässt sich durch unser Gebet bewegen. Eine billige Gnade ist es nicht für Israel. Als Mose zu ihnen kommt zerstört er das goldene Kalb. Er macht es zu Staub. Er pulverisiert ist. Er löst das Pulver in Wasser und das Volk muss es trinken. Weil das Volk so stur ist, darum dauert der Weg durch die Wüste noch lange. Und viele werden nie ankommen im verheißenen Land.

Mose bewegt Gott an diesen Menschen festzuhalten, die sich von ihm entfernt haben. Am Ende dieses Kapitels in Exodus 32 betet Mose: „Vergib ihnen doch ihre Sünde; wenn nicht, dann tilge mich aus deinem Buch, das du geschrieben hast!“ Exodus 32 Vers 32: Da wird Mose zu einem Vorbild, zu einer Vorankündigung, zu einem Vorboten für Jesus Christus. „Vergib ihnen doch ihre Sünde; wenn nicht, dann tilge mich aus deinem Buch, das du geschrieben hast!“ Das hebräische Wort Buch, Säfär, kann man mit „Aufzählung“ übersetzen.

Das ist ein priesterliches Gebet, ein Gebet, das die Brücke schlägt zwischen Menschen, die schwierig sind, die einem das Leben schwer machen, die Sünder sind, und Gott. Mose tritt in den Riss zwischen den Menschen und Gott. „Wenn du dich von ihnen trennen willst, dann lass lieber mich in den Abgrund fallen! Dann streiche mich aus deiner Liste!“

Gibt es einen Menschen auf der Welt, für den du so beten könntest? Welche Volksgruppe, welches Land in dieser Welt, welche Gruppe der Gemeinde, welche Menschen, die Jesu nicht kennen, sind es, für die wir so beten wie Mose? Mose wird ein Vorbild, ein Vorbote für Jesus Christus, unseren Hohepriester. Jesus betet für uns. Jesus ist für uns in den Riss getreten. Er hat unsere Schuld getragen, damit wir leben können.

Dr. Matthias Walter, Pastor in Berlin-Steglitz, er hat es so formuliert:
„Wenn Gott auf unsere Schuld sieht, stellt sich Christus zwischen uns und Gott, und dann sieht Gott seinen Sohn, den Priester ohne Sünde, wie ihn der Hebräerbrief nennt. (...) Wir leben, weil Christus für uns betet. Dass wir leben, das ist der beste Beweis dafür, dass Fürbitte etwas bewirkt, denn Gott erhört das Gebet seines Sohnes, der für uns eintritt. (...) So wie wir von der Fürbitte Jesu leben, so lebt diese Welt von unserer Fürbitte!


Das ist ein ungeheurer Gedanke, oder?“ fragt Matthias Walter. Christus sagt zu uns: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“ Und wir beten dringlich, anhaltend, und wir sagen es zu anderen Menschen: „Ich lebe, dank Christus, und ihr sollt auch leben!“

Der Theologe Karl Heim hat Mitte des letzten Jahrhunderts gesagt: „Die Welt sucht nach priesterlichen Menschen, die sich nicht entrüsten über diese Welt und auch nicht jammern, sondern die schweigend die Last ihrer Brüder auf ihr eigens Herz nehmen.“ Wenn die Welt solche Menschen braucht: Wird sie solche priesterlichen Menschen unter uns finden? Die das Leid und der Irrtum dieser Welt ins Gebet treibt? Die über niemanden den Kopf schütteln sondern für ihn die Hände falten oder zu Gott erheben und ihn um Gnade bitten?

·         Der lebendige Gott lässt sich nicht einfach sehen, er lässt sich nicht greifen. Das ist nicht immer leicht zu tragen. Da kommen wir in Versuchung uns lieber an das zu halten, was wir tun können.

·         Wenn der heilige Gott uns ansieht, dann sieht er Christus, seinen Sohn, der für uns in den Riss getreten ist.

·         Christus aber hat uns zu Priestern gemacht, die sich für diese Welt einsetzen und für sie flehen. So wie Petrus es in seinem Brief geschrieben hat: (1. Petr 2,9) „Ihr seid das auserwählte Volk, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollte die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu einem wunderbaren Licht!“

Amen.

 
Zum Anfang