Matthäus 25, 31-43 „Ich habe Gott gesehen!“

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel, Mönchebergstraße 10, 15.11.2015 (Volkstrauertag)

Predigt Norbert Giebel 

Matthäus 25, 31-43   „Ich habe Gott gesehen!“
(Sieben Nöte, in denen Jesus auf uns wartet.)
 
Liebe Gemeinde,


ihr glaubt es mir hoffentlich. Es ist kaum zu glauben, aber es stimmt: Ich habe Gott gesehen.
BILD 1 Mädchen
Sie saß in dem Klassenraum. Mit großen Augen sah sie das Mädchen neben sich an. Sie wollte was sagen. Sagte auch was. Irgendwas Belangloses. Aber in ihren Augen konnte ich erkennen: Sie suchte eine Freundin. Immer sehen alle weg, wenn sie auf sie zukommt. Diesmal wieder. Was sie sagte, wurde nicht gehört. Sie nahm ein paar Buntstifte aus ihrer Federtasche. Malte eine Sonne und einen Tisch auf das Blatt. Auf dem Tisch stand ein Kuchen. Sie schob das Blatt zu ihrer Nachbarin. Die sah kurz drauf – und schob das Blatt wieder weg. Ich habe Gott gesehen. Sie hatte Hunger. Nicht auf Kuchen. Sie hatte Hunger nach einem anderen Kind. Mit dem sie auch mal spielen konnte. Warum war das so schwer? Wer konnte ihren Hunger stillen? Nur ein kleines bisschen Nähe. Ich habe Gott gesehen. "Ich bin hungrig gewesen – und wer hat mir zu essen gegeben?"

Ihr werdet mir es nicht glauben: Ich habe Jesus gesehen. 55 Jahre alt.          BILD 2 Mann am Fenster

Er steckte fest in der Mühle der Arbeitslosigkeit. Wer hätte das gedacht? Arbeitslosengeld, dann Hartz IV. Und was die alles wissen wollen auf den Ämtern. Er musste alles zeigen, was er hatte, richtig ausziehen musste er sich vor dem Beamten. Das Haus, die Sparbücher, das Auto. So schnell ist man nackt. – Ich habe Jesus gesehen. Er hat sich innerlich ausgezogen, steht ganz bloß da, vor sich und vor anderen. Und ich habe Dich gesehen. Du hast mit ihm zusammen gesessen und ihr habt einen Kaffee getrunken. Und habt mal über alles geredet. Und Du hast ihn behandelt wie immer. Mit Freundschaft und Wärme. Du hast ihn gekleidet, ihm seine Würde zurückgeben. Ich habe Jesus gesehen. "Ich bin nackt gewesen – und ihr habt mich gekleidet."

Ich habe Gott gesehen. Er hat vor seiner Tür gesessen auf der Bank. Bild 3 Alter Mann

Seitdem so Beine so schlimm geworden sind, muss er zu Hause bleiben. Kommt nicht mehr raus. Die Kinder sind weit weg. Auto fahren geht schon lange nicht mehr. Die paar Schritte durch den Garten gehen gerade noch. Aber das war es dann auch schon. Ich habe Gott gesehen. Sein Körper, der sonst so gesund war, macht nicht mehr mit. So ist das Alter. – Und ich habe Dich gesehen. Du bist mit Deinem Auto gekommen und hast ihn abgeholt. Und dann seid Ihr zu Rewe gefahren und dann noch an die Fulda (Original: Elbe.) So wie jede Woche hast Du Dir Zeit genommen. Ich habe Gott gesehen. "Ich bin krank gewesen – und ihr habt mich besucht."

Ich habe Jesus gesehen. Wohnt nebenan. Aber noch nie hat einer mit ihm geredet.  Bild 4 Mann

Was ist das für ein schräger Vogel. Man kann nicht mit ihm reden. Wie vernagelt. Hat immer nur sich im Blick, ist egoistisch, muffelig, hat nie ein gutes Wort. Für andere tut er gar nichts. Um ihn braucht man keinen weiten Bogen machen. Er weicht ja selber aus. Wenn einer so bei sich ist, dann kann man ihn da nicht herausholen. Ich habe Jesus gesehen. Wie gefangen ist er in sich. Dreht sich um sich selbst. Kommt da nicht heraus. Aber weiß man, ob er nicht gerne auf sein Gefängnis verzichten würde? Und ich habe Dich gesehen. Was weißt Du von ihm? Wohnst Du nicht gleich nebenan? Jesus hat in dem in sich gefangenen Menschen auf dich gewartet. Ich habe Jesus gesehen: Er sagte: "Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid nicht zu mir gekommen."                  (nach Michael Ketzenberg)


Ich habe Gott gesehen. Sie war gerade angekommen im Erstaufnahmelager.    Bild 5: Syrerin

Jetzt stand sie in der Schlange bei der Kleiderausgabe. Endlich wieder frische Wäsche für sich und ihre Kinder. Ihr Mann ist in Syrien geblieben. Für immer. Er ist tot. Erschossen auf dem Heimweg. Sie muss alleine durchkommen. Ich habe Gott gesehen. Jetzt ist sie in einem fremden Land. Alles hat sie zurückgelassen. Wird sie hier ihren Frieden finden? Und eine Zukunft für ihre Kinder? „Ich war ein Fremder,“ hat Gott gesagt. „Und ihr habt mich aufgenommen.“ 

Ich habe Gott gesehen. Ich habe Jesus gesehen. Ich habe Menschen in Not gesehen. Folie 6: 5 Bilder

Ich habe Dich gesehen. Mich habe ich wenig gesehen. Und ich frage mich, wie oft ich an ihm vorbeigelaufen bin. Ich hätte ihm ein Brötchen kaufen können, als er auf der Straße bettelte, Geld für neue Schuhe geben, anrufen, eine Karte schreiben, als er so einsam war. Ich hätte ihm mein Knochenmark spenden können. Ich hätte mit ihm trauern können und hätte Jesus trösten können. Ich könnte Jesus viel öfter sehen. Ich könnte ihm helfen, seine Last zu tragen, seine Einsamkeit auszuhalten, trotz seiner Schuld aus seinem Gefängnis wieder herauszukommen. Jesus hält auch zu denen, die gescheitert sind. 

Ich habe Jesus gesehen. Er hat gesagt: "Wahrlich, ich sage euch, was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan. Wahrlich ich sage Euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan."

Musikstück 

Jede Tat der Liebe an einem Menschen in Not ist eine Tat an Christus. Er identifiziert sich mit denen, die Hunger haben, nackt sind, die ihren Durst nicht stillen können, die auf der Flucht sind oder im Gefängnis. ... Wenn wir sie alleine lassen, lassen wir Jesus alleine. 

Wo sich Menschen aus Liebe Menschen im Elend zuwenden, ohne Nebengedanken, ohne selber einen Gewinn dabei zu suchen, etwas von sich selber geben, riskieren, da küsst die Ewigkeit das Diesseits. Das bleibt ewig stehen. Das nehmen sie mit zu Gott. Wenn sie selber darüber nicht stolz werden und herabsehen auf andere, die weniger halfen und sich Punkte sammeln und selber auf die Schulter klopfen. – Im Gleichnis Jesu haben die, die Bedürftigen beigestanden haben, es sich nicht selber angerechnet. Sie zählen es ja nicht auf, was sie getan haben. Aber Jesus hat es gesehen und er hat es nicht vergessen.

Der früher bekannte Fernsehpfarrer Sommerauer hat einmal den barmherzigen Samariter interviewen lassen. Der barmherzige Samariter, das ist der, der in einem anderen Gleichnis Jesu einem Mann geholfen hat, der unter die Räuber gefallen ist: „Haben sie bei ihrer guten Tat an Jesus gedacht?“ fragt der Reporter den Samariter. „Entschuldigung, ich kenne diesen Mann gar nicht, wer ist dieser Jesus?“ „Hatten sie keine Angst? Es war doch ein Fremder, ein Jude, einer der befeindeten Nachbarn.“ fragt der Reporter. „Aber, er war doch verletzt, ihm ist Unrecht geschehen, er brauchte Hilfe!“ weiß der barmherzige Samariter. „Haben sie denn an das Jüngste Gericht gedacht, als sie dem Mann geholfen haben?“ „Also ehrlich gesagt,“ sagt der Samariter etwas unsicher, „ich habe nur gedacht, dass er mir hoffentlich nicht vom Esel fällt!“ Die Liebe war sein Motiv. Mehr nicht. Darum stellt Jesus ihn als Vorbild dar. Einen Menschen, der Jesus gar nicht kannte. 

Folie 7: Bild John F. Kennedy

John F. Kennedy hat sich einmal mit den Berlinern identifiziert. Er war 1963 zu Besuch in Berlin und hielt eine sehr beachtete Rede vor dem Schöneberger Rathaus. Berlin hatte schlimme Blockadejahre hinter sich, Hunger und Elend. Die ganze Stadt wurde aus der Luft versorgt. Mit einer Luftbrücke. Dann wurde die Mauer gebaut. Westberlin war abgekapselt, eingeschlossen, gefangen. "Ich bin ein Berliner" sagte John F. Kennedy am 26. Juni 1963 in seiner Rede. Das gab der Stadt und dem ganzen Land neue Hoffnung. Das hieß doch: „Ihr seid keine Insel! Ihr seid nicht allein! Ihr könnt mit uns rechnen! Euer Schicksal ist uns nicht gleich! Wir treten für eure Freiheit ein! Wir stehen auf eurer Seite.“ 

Stellt euch vor, wir würden sagen „Ich bin ein Flüchtling!“ „Ich bin Alkoholiker!“ „Ich bin ein Armer!“ – So wie Jesus es gesagt hat. Was würde das für unser Leben bedeuten?

Folie 8 = Folie 6: 5 Bilder

Wenn Jesus sagt: "Ich bin ein Bedürftiger", dann ist das keine politische Rhetorik. Es passt zu dem, wie er gelebt hat. Wie mag es Schwangeren auf der Flucht ergehen? Wenn die Wehen einsetzen, wenn das Kind zur Welt kommt, wo sie gerade sind, im Straßengraben, irgendwo in einem Stall, im Erstaufnahmelager, vielleicht mit einer Hebamme, deren Sprache sie nicht verstanden hat. Jesus ist auch in einem Stall geboren worden, weil keiner seinen Eltern Unterkunft gegeben hat. Schon bei seiner Geburt gehörte er zu den Bedürftigen.

Auch seine Eltern waren auf der Flucht. Sie mussten fliehen vor der Verfolgung durch König Herodes. Es ging um Leben und Tot. Als Kind hat Jesus das Schicksal eines Flüchtlings erlebt. Sicher ist es nicht,    aber vieles deutet darauf hin, dass Josef, sein Ziehvater, früh gestorben ist. Jesus ist als Halbwaise aufgewachsen. Er musste sich schon früh um seine Mutter und seine Geschwister kümmern. Jesus und seine Familie haben in Armut gelebt! 


Später als Erwachsener, als Wanderprediger, hat er von dem gelebt, was andere ihm gaben. Ständig auf die Güte andere angewiesen. Er wurde verraten und verlassen. Keiner hat seine Menschenrechte geachtet.   Er wurde gefoltert und gemartert. Und selbst sein Grab war nur geliehen. Er hatte keine Sterbeversicherung. Jesus weiß wovon er spricht, wenn er sich zu den Bedürftigen stellt! Jesus weiß noch heute, wovon er spricht, wenn er sich den Elenden dieser Welt an die Seite stellt und wartet, bis sich einer erbarmt. 

Das Gleichnis von den sieben Werken der Barmherzigkeit ist der letzte Text, seine letzte Predigt im Matthäus-Evangelium, vor seiner großen Leidensgeschichte. Was er hier sagt, sein Leiden vor Augen, da schlägt sein Herz. Da kommen ihm die Tränen. Das zerreißt ihn. 

Wenn Jesus wiederkommt, wird er die Menschen trennen in Gerechte und Ungerechte. In Menschen, in denen er seine Liebe findet, und in solche, die nur sich selbst gedient haben. – Er wird sie scheiden wie ein Hirte am Abend des Tages seine Herde trennt. 

Die Menschen kannten solche Kleinviehherden.   Folie 9: Schafe und Ziegen

Schafe und Ziegen wurden zusammen gehalten. Hirten führten sie zu ihren Weiden. Buntgemischte Haufen von Vierbeinern, meckernd und blökend, die denselben Hirten hatten, das gleiche Gras fraßen, aus denselben Quellen tranken. Nur abends, am Ende des Tages, wenn es in den Stall ging, dann wurden sie getrennt. Die Ziegen dahin, die Schafe dorthin. Ziegen in den warmen Stall, Schafe blieben draußen. Sie mochten es nicht so heiß. Jedes Tier sein Quartier. Schafe links, Ziegen rechts.

So wird er, wenn er wiederkommt, die Menschen scheiden, um Gericht zu halten. Menschen, die dieselben Städte bewohnten, das Gleiche aßen und tranken, derselben Partei oder Religion angehörten, sie alle werden unterschieden werden. Aber dann geht es nicht wie bei den Tieren darum, wer wo seine Nacht verbringt, sondern darum, wer wo die Ewigkeit verbringt: Im ewigen Leben oder in der ewigen Verdammnis! 

„Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit wiederkommt, werden alle Völker vor ihm versammelt werden!“ sagt Jesus.                      Folie 10: Alle Völker

Wer sind diese Völker, die der Herr hier zu sich ruft? Sind die Christen auch dabei? Oder werden hier nur die Völker gerichtet, die Jesus nicht kannten? Stehen die Christen als Volk Gottes als Zuschauer daneben oder kommen sie auch in dieses Gericht? Tatsächlich meinen manche Christen, hier ginge es doch nur um die Heiden, die nicht zum Volk Gottes gehören. Hier geht es Jesus darum, zu zeigen, dass es auch in den Völkern Gerechte und Ungerechte gibt. Sie werden nach ihren Werken gerichtet.

Aber auch wenn es so wäre, dass Jesus hier gerade die vor Augen hätte, die ihn nie kennenlernen konnten, dann ist es doch so, ganz deutlich, dass er hier sagt, was Gottes Wille ist, wie sein Herz schlägt, was ihm am Herzen liegt, in Erwartung seiner eigenen Leiden. Sein Wille gilt doch wohl auch für Christen! Niemand rede sich heraus! Niemand sage, er werde ja aus Gnade gerettet, ihm könne das Elend dieser Welt einmal den Buckel herunter rutschen. 

Ich frage mich, was Christen meinen zu gewinnen, wenn sie sagen, hier seien nur die Heiden gemeint. Vielleicht wollen sie nicht tun, was Jesus sagt? Vielleicht ist es ihnen zu radikal? Sie spüren, sie müssten Opfer bringen. Sie wären aufgedeckt in ihrer Lieblosigkeit. Es ginge ihnen an die Wurzel, an ihren Stolz, wenn sie so lieben sollten. Die „letzte Rede Jesu“ ist keine Lehre über die letzten Dinge. Jesus will hier nicht lehren und auf alles eine Antwort geben. Jesus will seine Hörer wachrütteln! – Auch mich und auch Dich! Und wir sollen uns fragen: Wie lebe ich? Wie werde ich einmal vor Gott stehen?

Folie 11 = Folie 6: 5 Bilder

Auch unsere Taten und Untaten werden noch einmal bei ihm ans Licht kommen und angesehen werden. Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist: Jesus Christus. Er ist der gute Hirte. Er ruft seine Schafe in seine Unterkunft. Er ist die Tür. Aber seine Schafe hören seine Stimme und sie folgen ihm. 

Von dem Russen Nikolai Berdjajew stammt das Wort: „Das eigene Brot ist eine materielle Frage. Das Brot meines Nächsten ist eine geistliche Frage!“ Jeden Abend vor den ProChrist-Veranstaltungen in der Letzten Woche hatten wir kleine Gebetsgruppen. An einem Abend betete eine junge Frau: „Lass und heute als Gesegnete für viele ein Segen sein!“ Das Gebet hat mich berührt. Das ist auch mein Gebet, wenn ich an mein und an unser Leben denke: „Lass uns, Herr, als von dir Gesegnete für viele ein Segen sein!“ Ich habe Jesus gehört. Er hat gesagt: Ich sage es euch, ich sage es euch: Was ihr einem von diesen Geringsten nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan. Wahrlich, ich sage euch: Was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.

Amen.

 
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