1. Johannes 1, 1-4 Gott macht sich greifbar

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Mönchebergstraße  

Pastor Norbert Giebel, 27.12.2015

1. Joh. 1, 1-4: „Ein Gott für die Sinne!“
 

Ich lese uns den Anfang des 1. Briefes des Apostels Johannes vor:
Was von Anfang war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen haben, was wir angeschaut und was unsere Hände betastet haben vom Wort des Lebens - und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das bei dem Vater war und uns erschienen ist - was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und dies schreiben wir euch, damit eure Freude vollkommen sei.

 

Liebe Gemeinde,

 
1.       So fängt man keinen Brief an.

 
Johannes stürzt mit seinem großen Anliegen ins Haus hinein, ohne sich vorzustellen. Damals gehörtes es sich, dass sich zunächst der Absender selber nennt: Also: Johannes, der Jünger Jesu, z.Z. in Ephesus, im Jahr 85. Dann werden die Empfänger genannt: An die christlichen Gemeinden in Asien, also in der heutigen Türkei. Dann die Anrede: „Liebe Schwestern und Brüder in der Asia“ oder: „Schalom, Friede sei mit euch.“ Und dann erst kann man zur Sache kommen. So gehört es sich.

 

Johannes hält sich nicht an das, was üblich ist. Er platzt gleich los. So wichtig ist ihm, was er zu sagen hat, dass er alles andere weglässt. Sein Anliegen ist keine Theorie, z.B. über den christlichen Glauben. Nein. Er will an den Grund des Glaubens erinnern, und der ist keine Theorie, keine Idee, sondern eine Person, ein Leben hier auf der Erde, ein Mensch, dessen Freund und Jünger Johannes gewesen ist war und dessen Zeuge er heute ist.

 
Johannes spricht im Plural. Es waren viele, die Jesus erlebt haben und es sind einige, die zu seinem engsten Jüngerkreis gehörten. Ohne sich vorzustellen sozusagen betritt Johannes den Raum und sagt: „Wir müssen euch sagen, was wir erlebt haben, gesehen mit eigenen Augen, angesehen, gehört, ja wir haben es auch angefasst, berührt. Und es hat uns berührt, erfasst und ergriffen: Es ist: Das Leben selbst, das ewige Leben, das Leben von Gott. Dieses Leben ist von Gott her sichtbar geworden. Wir haben es gesehen und gehört und das müssen wir weitererzählen.“

 

Viele halten den christlichen Glauben für eine Theorie oder Ideologie oder Philosophie. Sie meinen, unser Glaube sei eine Art Wertesystem, das man lernen muss. Wer sich dann mehr oder weniger danach richtet, der sei dann ein Christ. Natürlich gibt es Theorien über das Christentum und es gibt Lehren im christlichen Glauben und natürlich gibt es christliche Werte.  Aber das alles ist nicht die Sache selbst!    Man kann viel über den Glauben lernen, aber das ist noch nicht der Glaube selbst.

 

Es gibt auch Theorien über Fußball. – Oder über Autos. Und man kann auch die Verkehrsregeln lernen. Dann weiß man vielleicht, wie ein Auto funktioniert und wie man sich damit auf der Straße zu verhalten hat. Aber das ist alles Theorie. Lieber ein Auto ohne Theorie als eine Theorie ohne Auto. Die Theorie ist nicht unwichtig. Aber sie bringt dir nichts, wenn du kein Auto hast, wenn du nicht fahren übst, wenn du dich nicht auf die Straße wagst.

 

Mit dem Glauben ist es ähnlich. Die Theorie bringt dir gar nichts. Theoretisch glauben ist wie theoretisch Lieben oder theoretisch Fußball spielen oder sich theoretisch freuen. Ich weiß nicht, von wem das Zitat ursprünglich kommt. Aber jemand hat mal gesagt: „Wenn da ein Haus wäre mit zwei Eingängen; an der rechten Tür stände "Reich Gottes", und an der linken Tür stände: "Vortrag über das Reich Gottes": Die Deutschen würden alle zur linken Tür hineingehen.“ Lieber Vorträge über Gottes Reich hören, als sich wirklich der Herrschaft Gottes auszusetzen. Lieber sitzen und hören als etwas wirklich an mein Leben heranlassen.

 

Johannes sagt: Das Leben ist erschienen! Das haben wir Weihnachten gefeiert. – Und mit diesem Leben können wir Gemeinschaft haben! Das ist keine Theorie.

 

2. Gott wird greifbar in Jesus!

 

So hatte ich die Predigt überschrieben. Beim Vorbereiten fiel mir noch ein anderer Titel ein: „Ein Gott für die Sinne!“ Denn seine Sinne zählt Johannes hier auf. Weihnachten hat Gott sich greifbar gemacht, anfassbar. Der Unsichtbare wird sichtbar. Der Unnahbare wird fühlbar. Gott lässt sich hören.

 

Zunächst schreibt Johannes im Neutrum, als ginge es um eine Sache. Nicht wer, sondern was von Anfang an war, nämlich das Wort des Lebens, das wahre Leben selbst, das ist erschienen! Sein Evangelium, das Johannesevangelium, fängt ganz ähnlich an: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. (…) In ihm war das Leben. (…) Und das Wort ward Fleisch und wir sahen seine Herrlichkeit!“ (Joh 1, 1.4.14) Dieselben Begriffe. Neu aber hier am Anfang des Johannesbriefes ist die sehr deutliche Betonung der Augenzeugenschaft. Johannes will jeden Zweifel an der Inkarnation, an der Fleischwerdung Gottes, ausräumen. Gott ist wirklich Mensch geworden! Das hat sich keiner ausgedacht, das ist keine religiöse Überzeugung. Das ist Fakt. Das haben wir gesehen, gehört, angefasst, gerochen.

 

Dass der Sohn Gottes wirklich Mensch war, das ist Johannes besonders wichtig. Karfreitag und Ostern waren gerade 50 Jahre her. Da war der irdische Jesus, der Mensch, in Bethlehem geboren, vielen Christen schon gleichgültig. Eine Irrelehre, die man heute Doketismus nennt, hatte großen Einfluss. Da wurde behauptet, der ewige Gott selbst könne nie Mensch geworden sein. Der „Sohn“, das „ewige Wort“, das Prinzip Gott, was wir Gott nennen, das müsse von dem Menschen Jesus unterschieden werden. Der ewige Gott könne nicht leiden, oder mitleiden. Der ewige Gott könne nicht niedrig werden, auch nicht sichtbar oder greifbar, weil er sich gar nicht verändern kann. Sonst wäre er nicht mehr Gott.

 

In der Philosophie damals versuchte man sich Gott zu nähern, indem man sagte, was er auf jeden Fall alles nicht sei. Da meinte man, sich sicher sein zu können. Positiv könne man nichts sicher sagen, aber einige Negationen könne man sicher festhalten: Gott sei unsichtbar, unhörbar, unveränderlich. Er sei ohne Leiden, ohne Gefühle, ohne Zeit und ohne Materie. Sonst wäre es nicht Gott. Das alles gehöre zu dieser Welt, aber nicht zu Gottes Welt, meinte man zu wissen. Diese Grundaussagen über Gott haben sich auch unter Christen breitgemacht.

 

So haben auch Menschen heute ihr Bild von Gott, eine Urannahme, wie Gott zu sein hätte, wenn es ihn gäbe, und diese Axiome, diese Urannahmen setzten sie absolut und sagen: „Wenn es einen Gott gibt, dann nur so, so wie ich ihn mir denken kann. Sonst gibt es keinen Gott. Sollte er anders sein, dann kann ich ihn nicht mehr Gott nennen.

 

Johannes setzt ein scharfes Contra gegen das, was viele in seiner Zeit über Gott und die Welt denken, und das tut er gleich zu Anfang seines Evangeliums und seines Briefes hier. Johannes sagt Nein zu diesem unnahbaren, leidenschaftslosen unveränderlichen letztlich nicht lebendigen Gott.  „Das ist eure Theorie. Wir aber folgen keiner Theorie. Wir folgen dem, den wir gehört und erlebt haben. Wir haben es uns nicht ausgedacht. Wir haben uns Gott nicht so überlegt, sondern ER hat sich uns so gezeigt. Er hat gesprochen. ER hat das Wort genommen.“

 

1963 dichtet Otto Wiemer:

„Wenn Gott Mensch wäre,

wohnte er im nördlichen Stadtteil,

Salzgasse vier, beim Schlächter,

in Untermiete!“

 

So real menschlich ist Gott geworden. Sein Sohn, „das Wort des Lebens“, wie Johannes ihn hier nennt, Jesus, hatte eine ganz bestimmte Physiognomie, ein einmaliges Gesicht, mit der ihm eigenen Nase und dem ihm eigenen Mund, einen ganz bestimmten Körperbau, seine Hände hatten eine ganz bestimmte Form… Ein echter Mensch wurde Weihnachten geboren! Das ist Johannes so wichtig. Und in ihm haben wir das Leben!

 

3.   Dafür stehen die Apostel!

 

„Was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unseren Augen, was wir betastet haben mit unseren Händen (…) das verkündigen wir euch!“ Johannes redet nicht nur für sich. Er ist nicht der einzige Zeuge. Andere sind sich mit ihm völlig einig. Sie haben genau dasselbe gesehen, gehört und erlebt wie er. Einem Augenzeugen vertraut man vielleicht nicht. Aber es sind viele.

 

Darin haben die Apostel einen nie wiederholbaren Vorsprung allen Christen nach ihnen gegenüber. Schon der alte Johannes schreibt in seinem Brief von einem Wir und einem Ihr. Das ist ein klares Gegenüber. Für das Urzeugnis, die Grundlage unseres Glaubens, stehen sie, die Apostel. Sie sind von Jesus selbst berufen. Sie sollten ihn begleiten, ihm zuhören, sein Leben ansehen, ihn beobachten, ihre Fragen stellen, um ihn zu bezeugen und ihn verkündigen zu können.

 

Unser Wissen über Christus, liebe Gemeinde, beruht nicht auf irgendwelchen Geheimnissen. Was wir glauben beruht ganz schlicht auf dem, was Menschen, Augenzeugen, Wegbegleiter, mit allen ihren Sinnen wahrgenommen haben. Das ist der Anspruch, den Johannes hier stellt.

 

Wir müssen nicht rätseln, wie Jesus mit Sündern umgeht, wie ernst er sich und seine Botschaft genommen hat, Wir müssen nicht raten, ob Jesus fröhlich mit anderen feiern kann oder wie er sich Menschen gegenüber verhält, die ausgegrenzt werden. Das können wir wissen!! „Denn die Bibel sagt uns dies“, wie es in einem alten Kinderlied heißt. Das Leben ist erschienen und dieses Leben ist ein Mann geworden. Der hat geredet und wir haben das gehört. Und er hat deutlich geredet. Gott hat nicht ein bisschen gebrummt oder gemurmelt durch seinen Sohn. Er hat deutlich und klar geredet, und wir haben das gehört.

 

„Seht mich an!“ hätte Johannes sagen können. „Glaubt ihr, dass diese Augen und diese Ohren und diese Hände sich irren?“ Ich war bei der SMD zu Gast, bei den Studenten, die sich hier im Haus treffen. Ich war eingeladen zum Thema „Bibellesen“. Bei der Aussprache fragte jemand:    „Wie kann man jemandem die Bibel nahebringen, der ein Skeptiker ist, jemand, der dem Glauben und der Bibel sehr kritisch gegenübersteht.“

 

Ich musste überlegen. Dann sagte ich: „Gib einem Skeptiker die Bibel und sage, er soll sie als ganz normales Buch lesen. Nicht irgendwie überhöht als Gottes Wort, sondern wie ein ganz normales Buch. Eine Sammlung von Schriften von verschiedenen Schreibern. Er solle den Verfassern der Bibel nur das gleiche Vertrauen entgegenbringen, wie anderen Verfassern, von denen er etwas liest. Nämlich, dass sie bei Verstand sind, das sie ihre Sinne gebrauchen können, dass sie Wahn und Wirklichkeit unterscheiden können, dass sie die Wahrheit mit ihren Worten sagen wollen, nicht lügen, und es sich nicht aus den Fingern saugen. Entweder muss der Skeptiker dann zu dem Schluss kommen: Die spinnen alle. Über Jahrhunderte sozusagen. Oder es sind alle böswillige Täuscher, Betrüger. Oder: Gott ist in Jesus Christus erschienen und er hat das ewige Leben in seinem Sohn schon einmal diese Welt berühren lassen.



Gott hat sich in Jesus greifbar gemacht. Dafür stehen die Apostel. Und zuletzt:

 

4.       Christus will Gemeinschaft mit uns!

 

„Was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir euch, damit ihr Gemeinschaft habt, und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und dem Sohn Jesus Christus!“ Koinonia ist das griechische Wort für Gemeinschaft. Koinonia heißt, gemeinsame an etwas Anteil haben. Das ist eine Gemeinschaft, die von dem Gleichen lebt, von dem Gleichen satt wird, sich an dem Gleichen freut. Koinonia hat immer eine Mitte, einen Ursprung, der nicht in dem Menschen selbst liegt. Da werden Menschen verbunden miteinander durch etwas, was außerhalb ihrer selbst liegt.

 

Christliche Gemeinschaft lebt nicht davon, dass wir die gleiche Kleidung tragen oder den gleichen Geschmack haben. Christen müssen sich auch nicht sympathisch sein und sich mögen. Das kann nicht schaden, aber das ist nicht der Grund ihrer Gemeinschaft. Der Grund ist größer. Der ist Christus. ER ruft und wer kommt gehört zu ihm.

 

Was vor 2000 Jahren passiert ist, das ist die Grundlage. Dafür stehen die Apostel. Jesus Christus aber will heute Gemeinschaft mit uns. Jesus ist in Bethlehem geboren. Aber er will heute auch in mir und dir geboren werden. Jesus ist auferstanden. Er lebt und will Gemeinschaft mit uns. Die historischen Fakten sind die Voraussetzung. aber sie für wahr zu halten, ist noch nicht der Glaube. Jesus will, dass wir ihm heute vertrauen. Dass er unsere Mitte und unsere Freude ist. Dass er unser Herr heute ist.

 

Berühmt ist der Satz von dem Dichter Angelus Silesius aus dem 17. Jhdt.: „Wär´ Christus tausendmal zu Bethlehem geboren, doch nicht in dir: du bliebst noch ewiglich verloren.“ Würden wir tausend Mal Weihnachten feiern und könnten wir 100%tig sicher sein, dass Jesus wirklich in Bethlehem geboren wurde und er Gottes Sohn ist, dann wäre uns immer noch nichts für unser Leben geholfen!

 

Mit Jesus Gemeinschaft zu haben, ist noch etwas anderes als zu sagen: „Ja, das ist alles genau so geschehen!“ Dann glauben wir den Aposteln. Immerhin. Dann haben wir Vertrauen in das, was sie aufgeschrieben haben, das ist viel. Man könnte sagen, dann glauben wir an die Bibel, an die Berichte der Augenzeugen.

 

Mit Jesus Gemeinschaft haben aber bedeutet, zu sagen: In Bethlehem wurde auch mein Leben geboren. Als Jesus sich über die Sünder erbarmte, hat er sich auch über mich erbarmt. Wenn Jesus ruft „Kommt her ihr Mühseligen und Beladenen, ich will euch erquicken!“ Dann laufe ich auch hin mit meinem Leben und werde getröstet. Als er die Jünger aussandte, seine Zeugen zu sein, da bin ich auch losgegangen. Ich bin auf dem Weg mit ihm. Als Jesus am Kreuz gestorben ist, da ist auch mein altes Leben mit ihm gestorben. Golgatha ist eine Schlüsselerfahrung für mein Leben. Als er auferweckt wurde, da war auch mein Grab leer und mein Leben hat neu begonnen.

 

Johannes hält sich nicht an die Formen. Ihm läuft der Mund über. Er würde platzen, wenn er es nicht erzählen würde: Unser Glaube hat einen festen Grund. Gott hat sich in Jesus Christus sichtbar gemacht, angreifbar und greifbar. Dafür stehen die Apostel. Und wir erzählen das in aller Welt, damit ihr mit uns und mit Christus Gemeinschaft habt. Dann wird eure Freude vollkommen werden.

  Amen.

Hinweis: Für den ersten Teil der Predigt habe ich sehr profitiert von der im Internet veröffentlichten Predigt von
Stephan Zeibig aus Pockau.


 
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