Jesaja 66,13 Gott tröstet wie eine Mutter tröstet

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Mönchebergstraße
Pastor Norbert Giebel 3.1.2016

Jesaja 66,13 „Gott tröstet wie eine Mutter tröstet“

Liebe Gemeinde,

das ist eine schöne Jahreslosung für das Jahr 2016: Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jesaja 66, 13) Damit kann man ein Jahr leben.

  1. Eine wunderbare Zusage.

Das heißt doch, dass ich gesehen werde. Ich werde gesehen. Liebevoll angesehen. Eine Mutter hat ihre Kinder im Blick. Liebevoll. Achtsam. Vorausblickend. Sie freut sich an ihrem Kind. Sie gibt ihm Freiheit. Aber sie erkennt auch Gefahren früher. Sie ruft das Kind zurück oder sie greift ein, bevor dem Kind etwas passiert. So behält Gott uns im Blick. Liebevoll. Fürsorgend.

„Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Das heißt doch, dass ich jederzeit kommen darf. Ich darf jederzeit kommen. Eine Mutter schickt ihr Kind nicht weg. Schon gar nicht, wenn es Trost braucht. Wenn etwas weh tut, wenn ein Kind sich verletzt hat oder verletzt wurde, wenn es Schmerzen hat, oder Angst, dann ist eine Mutter ganz Mutter: Ganz für das Kind da. So ist Gott für uns da. Wir können jederzeit kommen. Jeden Tag im neuen Jahr. Und er dreht sich nicht weg. Er weist uns nicht ab. Er dreht sich uns zu. Er widmet sich uns. Besonders, wenn wir uns vorkommen wie ein geknicktes, gebrochenes Schilfrohr,  besonders wenn wir ein zerbrochenes Herz haben, wenn wir Schmerzen haben, wenn es dunkel ist um uns, wenn wir nicht mehr weiter wissen, wenn wir keine Perspektive mehr haben und nicht mehr wissen, was wir noch hoffen dürfen, dann ist Gott „ganz Mutter“: Ganz für uns da.

Gott leidet mit und er sieht schon weiter nach vorne. Eine Mutter sieht auch, dass mancher Schmerz wieder vergeht! Es ist nicht alles so schlimm, wie das Kind es im ersten Moment wahrnimmt. Auch andere Kinder haben sich schon einmal schlimm am Knie wehgetan. Aber es ist wieder geheilt. Auch andere Kinder haben schon einen Arm gebrochen. Geduld zur Heilung. Aber auch mein Kind wird das schaffen! Die Mutter sieht weiter. Sie sieht schon die Heilung, nicht nur den Schmerz. Aber trotzdem nimmt sie die schmerzvolle Situation des Kindes jetzt ganz ernst.  Sie leidet mit.  Sie geht den Weg mit.

Gott sieht auch schon die Heilung. Bei ihm finde ich Heilung. Er sieht schon, wie es weitergehen kann. Er bringt Hoffnung mit. Er hat eine Perspektive, wo wir noch gar nichts Gutes sehen können. Das erwartet er auch nicht von uns, dass wir die Heilung schon sehen können, wenn es noch weh tut. Wir brauchen nicht tanzen, wenn uns noch zum Heulen ist.   Aber er ist da als unsere Hoffnung. Sobald wir es wieder aufnehmen können, füllt er uns wieder mit seiner Hoffnung: Freude bekommt wieder Platz. Friede zieht wieder ein. Zum rechten Zeitpunkt. Nicht mit Druck. Nicht ohne vorher zu trauern und zu weinen. Aber einfach dadurch, dass er die ganze Zeit da war und da ist und er unsere Hoffnung ist, wird es wieder hell in unserem Leben.

Eine Mutter hilft aber auch ganz handgreiflich. Gott hilft auch. Eine Mutter, die immer nur mit weint und mit jammert, ist dauerhaft auch keine Hilfe. Die Mutter bildet auch ein Gegenüber zum Kind. Sie bringt etwas mit, was das Kind nicht hat. Erfahrungen. Perspektive. Sie weiß auch was hilft. Und sie hilft auch selber, wo sie es kann. Sie wäscht eine Wunde aus. Sie hat die richtige Salbe zuhause. Sie ist sozusagen vorbereitet, zu helfen. Sie verbindet die Wunden. Sie ist nicht nur weich. Sie ist stark. Sie kann bärenstark kämpfen für ihr Kind. Eine Mutter riskiert notfalls ihr Leben für ihr Kind. So ist Gott für uns da: Er bringt etwas mit, was wir nicht haben. Er salbt uns. Er hilft und er kämpft auch für uns. „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Er ist immer da. Er behält uns im Blick. Zu ihm dürfen wir immer kommen. Bei ihm finden wir Heilung.

  1. Trösten Mütter anders?

Warum wird Gott hier mit einer Mutter verglichen? Trösten Mütter anders als Väter? Was für eine Vorstellung ist damit verbunden? Ich weiß nicht, was Sie für eine Mutter hatten. Aber ich könnte mir denken, dass bei die allermeisten von uns, mit der Vorstellung, mit der Sehnsucht nach einer „guten Mutter“ etwas anderes verbinden, als mit der Vorstellung eines „idealen Vaters“.

Der Vater soll vorangehen, vorandenken, handeln. Der Vater soll auch vieles entscheiden, der Vater soll die Familie schützen und versorgen. Er ist eher für den äußeren Rahmen verantwortlich. Der Vater baut das Haus, die Mutter richtet es ein. Die Mutter steht im Zweifel sogar gegen den Vater auf Seiten der Kinder. Sie ist noch stärker Partei. Sie hat das Kind in ihrem Bauch getragen. Sie hat es unter Schmerzen zur Welt gebracht. Die Mutter steht stärker als der Vater für Geborgenheit, Zuhause. Das ist natürlich nicht immer so. dass ist idealtypisch. Wenn man sich eine ideale Mutter oder einen idealen Vater vorstellt.

Wichtig finde ich auch, dass Jesaja nicht sagt „Gott wird dich trösten wie dich deine Mutter getröstet hat!“ Wie viele Väter und Mütter versagen darin, ihren Kindern ein Zuhause im Leben zu geben, ihnen Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln, bedingungslose Annahme, Selbstvertrauen.

Erlebte Mutterliebe kann wenn es gut geht eine Ahnung geben von Gottes Mutterliebe. Aber auch wenn wir enttäuscht wurden von unseren Müttern, wenn sie uns im Stich gelassen haben, wenn ihre Liebe zu uns erkaltet ist, wenn sie sich nur noch für sich selber interessieren, dann kann diese Zusage Jesajas unsere schlechte Erfahrung heilen helfen. Was deine Mutter dir versagt hat, bei Gott wirst du es finden. Wo sie dich enttäuscht und verletzt hat, er will es heilen. Er schenkt dir die Liebe, nach der du dich gesehnt hast.

Ein Akzent kommt aber noch dazu, wenn wir uns das damalige Frauenbild vor Augen führen. Eine Mutter hat keine Macht. Die Mutter gehörte nach damaliger Vorstellung dem Mann. Sie war sein Eigentum wie die Kinder auch. Der Mann konnte über beide verfügen. Mutter und Linder sitzen in einem Boot. Die Mutter hatte bestenfalls eine vom Mann verliehene Autorität den Kindern gegenüber. Was er sagte, was er entschieden hatte, wo er ihr Freiheit gab, da konnte sie agieren und auch erziehen. Aber er hatte das letzte Wort. Ob das so recht und richtig war, ist eine andere Frage. Aber zum Verständnis des Bildes ist es eine Ergänzung:

Wenn Gott wie eine Mutter tröstet, kommt er sozusagen von seinem Thron herunter. Dann nimmt er eine andere Position ein. Dann kommt er auch Augenhöhe. Dann legt er seine Weisungsbefugnis sozusagen für diesen Moment ab und ist ganz bei dem Kind. Als würde er sein Herrsein verlassen. Er wird dem Kind ein Kind. Er tritt in unsere Welt ein. So tröstet Gott uns wie eine Mutter: Er verlässt seinen Platz, er wird wie ich. Er teilt meine Situation, meine Schmerzen, Ängste, meine kleinen Gedanken, er teilt meine kleine Welt ganz wie eine Mutter die Welt ihres Kindes teilt. Das Kind backt einen Kuchen aus Sand. „Sieh mal Mama, was ich für einen schönen Kuchen gebacken habe!“ Und die Mutter freut sich mit. Sie probiert sogar den Sandkuchen, wenn das Kind sie darum bittet.

Einspruch. Widerspruch. Vielleicht gibt es auch Christen, die sagen:

  1. Ich brauche keinen Trost.

Ich kann mir das vorstellen: Menschen, deren Leben   in geordneten sicheren Bahnen läuft. Menschen, die gut versorgt sind. Die einen Partner haben, den sie lieben, Kinder, die gesund sind, vielleicht sogar ihr Haus abgezahlt, die Geld sparen konnten, gut versichert sind und denen es körperlich und seelisch richtig gut geht. Ich kann mir auch jemanden vorstellen, der Single ist, weder Partner noch Kinder hat und ein geringes Einkommen, dem es aber einfach gut geht. Der zufrieden ist, glücklich. Trost ist dann vielleicht gar nicht das, was er sich zuerst von Gott wünscht.

                                                                                                     

Bestimmt gibt es Menschen, denen diese weich gezeichneten Bilder von jungen Müttern mit Babys auf den Armen gar nicht gefallen. So wird die Jahreslosung ja oft ins Bild gebracht. So empfinden sie ihr Leben nicht und das brauchen sie auch nicht. Sie brauchen gerade keinen Gott, der sie in seinen Armen wiegt. Sie wünschen sich Weisheit von ihm für ihre Aufgaben. Sie haben Pläne, sie stehen in Verantwortung, sie arbeiten mit vollem Einsatz  und  wünschen sich nichts mehr, als dass Gott seinen Geist da hinein gibt uns es gelingt. Sie haben eine Vision vor Augen, von der Gemeinde vielleicht.

Oder es sind Menschen, die gerade ein Kind bekommen haben oder die frisch verliebt sind oder denen ein großer Wunsch im Leben gerade in Erfüllung gegangen ist. Sie sagen natürlich nicht: „Herr tröste mich, ich bin gerade verliebt.“ Sie sagen vielleicht: „Leite mich! Erfülle mich! Geh du voran, ich folge dir. Dein Wille geschehe!“

Wenn dich dieses Bild nicht anspricht, dass Gott wie eine Mutter tröstet, wenn du vielleicht gar keinen Trost brauchst, dann ist das auch in Ordnung. Warum sollte man dir etwas anderes einreden? Wir dürfen Gott auch nicht auf das Mutterbild reduzieren. Er ist und bleibt auch der mächtige Schöpfer. Er hat Himmel und Erde geschaffen. Alles was um uns her ist, das hat er geschaffen. Und er erhält es. Gott bräuchte nur einmal die Luft anzuhalten sozusagen, und die ganze Welt wäre nicht mehr. Es ist sein Atem, der diese Welt noch am Leben erhält. Vielleicht spricht das dich mehr an. Auch das weiß Jesaja! Gott ist der Herr. Er ist der König. Der Himmel ist sein Thron und die Erde ist sein Fußschemel. Das lesen wir auch in Jesaja 66. Gott ist der unvorstellbare große mächtige König. Und er ist der Richter. Er wird alles Unrecht besiegen. Er wird alles Unrecht aufdecken und alle Welt wird sehen, wie er seine Feinde und die Feinde seines Volkes abführen wird. Vielleicht tröstet dich diese Aussage mehr als das Bild Gottes als einer Mutter, die tröstet.

Danke Gott, wenn du seinen Trost gerade nicht so brauchst. Lass dich aber erinnern an die vielen Menschen, denen um Trost sehr bange ist auf dieser Welt. Vergiss sie nicht. Lass sie teilhaben an deinem Frieden an deinem Wohlergehen. Schenke ihnen etwas von deiner heileren Welt.

Ich kann von mir sagen: Ich brauche Trost. Auch für mich selber. Aber ich brauche auch Trost in dieser Welt, in der ich lebe. Es ist gar nicht mein eigenes Leben, es sind zuerst die vielen Schicksale anderer Menschen, die mich bewegen, für die ich Trost brauche. Ich denke an einsame Menschen. Ich denke an verfolgte Christen. Ich denke an Kranke ohne medizinische Versorgung, an Kinder ohne Eltern, an Eltern, die ihre Kinder verloren haben, an seelisch kranke Menschen, die auf der Straße leben. Ich finde es ziemlich dunkel in dieser Welt. Nicht alles ist dunkel. Ich kann auch genießen und mich freuen. Es gibt so viel Schönes! Ich lache gerne. Ich mache gerne Späße. Ich kann auch das Schöne sehen und ich kann Gott dafür danken. Aber wenn ich mich innerlich zu denen stelle, die nach Gerechtigkeit dürstet, die verfolgt werden, denen Menschen Leid zufügen, ... dann werde ich hilflos. Dann sehne ich mich nach Gottes Trost.

Im Neuen Testament, in der griechischen Sprache, heißt Trost auch Begleitung. Wer getröstet ist, hat einen Begleiter, einen Coach, einen Anwalt, einen Fürsprecher, einen, der ihn ermahnt und der ihn ermutigt. Diesen Trost brauche ich. Und diesen Trost wünsche ich allen Menschen: Dass sie Gott zu ihrem Begleiter machen.

  1. 4.Zu wem spricht Gott?

Das müssen wir uns fragen, um den Text nicht nur oberflächlich zu verstehen. Zu wem hat Jesaja gesprochen? Zu wem sagt Gott: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Zuerst sind diese Worte dem Volk Israel gesagt. Jesaja 66 ist das letzte Kapitel des großen Jesajabuches. Das Volk ist nicht mehr in Babylon gefangen. Das Volk hat 40 Jahre Gefangenschaft hinter sich. Es durfte heimkehren in sein altes Leben. Aber das alte Leben gab es nicht mehr. Jerusalem war zerstört. Die Stadt lag in Trümmern. Es gab keinen Tempel mehr, nach dem sie sich so gesehnt hatten.

Als sie gefangen waren, haben sie die Vergangenheit verherrlicht. So wie früher hatten sie sich auch die Zukunft vorgestellt. In einer sicheren Stadt  mit dem Tempel und seinen Gottesdiensten, alles so, wie sie es kannten. Aber es lag kein Stein mehr auf dem anderen. Ihr altes Leben gab es nicht mehr. Ihre Häuser nicht. Privat mussten sie bei null anfangen. Es gab keine Mauer mehr. Die Stadt war nicht geschützt. Sie mussten alles wieder aufbauen. Neu aufbauen. Und es würde sie alle Kraft kosten, wenn sie es überhaupt wieder schaffen könnten.

Im Volk gab es Zweifler, Spötter, sie werden sogar hier bei Jesaja 66 vorher genannt. Es gab Menschen, die wollten sich in einem Leben in Trümmern einrichten, die resigniert haben. Und es gab die anderen, die sich ein neues Leben wünschten, die Neues aufbauen wollten. Ihnen allen sagt Gott: „Ihr werdet an Jerusalem getröstet werden.“ Ihr werdet euch freuen an der neuen Stadt, die entstehen wird. Ihr werdet saugen an den Brüsten Jerusalems und ihr werdet satt werden. Freut euch an der Zionsstadt. Sie wird euch teilgeben an ihrer Freude und sie wird herrlich sein.

Gott redet zu Menschen, die in den Trümmern ihres Lebens stehen. Und er sagt ihnen zu, dass ihre Arbeit nicht vergeblich sein wird, dass es ein neues Jerusalem geben wird, ein Leben, das sie satt macht, in dem die Freude zuhause ist. Momentan sieht es absolut nicht so aus. Was sie jetzt gerade vor Augen haben, darin ist kein Grund zum Hoffen zu finden. Aber Gott sagt seinem Volk, was sein wird, was entstehen wird. Euer Leben lohnt sich. Euer Leben hat eine Perspektive.

Man kann auch sagen: Gott redet zu Menschen, die Neues vor sich haben, die aufgebrochen sind, Menschen, die Neuland betreten. Der ganze Vers 13 lautet: „Ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet. Ihr werdet an Jerusalem getröstet werden!“ Oder wie es die Gute Nachricht übersetzt: „Das Glück Jerusalems wird euch glücklich machen!“

  • Hier ist die Mutter, die ihre Kinder sieht und nicht aus ihrem Blick verliert.
  • Hier ist die Mutter, die ihre Kinder liebevoll ansieht, fürsorgend und barmherzig.
  • Hier ist die Mutter, zu der sie immer kommen können. Gerade dann, wenn ihre Kinder verzagt sind oder ihnen etwas weh tut.
  • Hier ist die Mutter, die etwas hat, was ihre Kinder gerade nicht haben: Hoffnung. Perspektive. Mut, eine lange und schwere Arbeit zu beginnen.
  • Aber hier ist auch die Mutter die hilft, die eingreift.
  • Hier ist auch die Mutter, die ein klares Ziel hat und ihre Kinder dahin führen wird.
  • Hier ist auch die Mutter, die sagt: Fang an. Mach weiter. Du schaffst das. Ich bin mit dir.
  • Hier ist auch die Mutter, die sagt: Ich werde neue Fakten in dein Leben setzen. Du wirst Neues erleben, und es wird dich satt machen!

So ist das Wort gemeint, das uns das Jahr 2016 begleiten will:

Gott spricht: „Ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet.

Darauf dürfen wir uns verlassen. Oder anders gesagt:

Amen.

 
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