3. Mose 19, 33-34 Fremden Freund werden

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel, Mönchebergstraße 10,

Pastor Norbert Giebel, 14.2.2016

3. Mose 19, 33-34 „Fremden ein Freund werden“

Liebe Gemeinde,

Ich habe ein Bild mitgebracht: Offener Eierkarton mit Eiern und einem Überraschungsei.
Pause zur Betrachtung.

Und ich habe einen Text mitgebracht:

„Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn auch ihr seid Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der Herr, euer Gott.“

Fremde im eigenen Land zu haben und wie man mit ihnen umgeht, das war das Thema letztes Jahr und das wird das große Thema sein dieses Jahr. Ich bin kein Politiker und kein Prophet. Ich kann nicht alle Aspekte ansprechen, die zu beachten sind, ich kann mir schon gar nicht über jede Frage ein Urteil erlauben. Aber ich möchte sagen, was ich in der Bibel dazu finde und eigene Gedanken und Erfahrungen weitergeben.

1. Fremden ein Freund zu sein ist ein Dauerthema der Bibel

Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn auch ihr seid Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der Herr, euer Gott.

Mit Fremdlingen war nicht der Kaufmann gemeint, der in Israel Handel treibt. So ein Kaufmann genoss natürlich auch ein Gastrecht. Aber mit Fremdlingen sind Menschen gemeint, die gekommen sind, um zu bleiben, um im fremden Land zu wohnen. Die Bibel ist voll von solchen Geschichten:

  • Eine Hungersnot treibt Abraham und seine Sippe nach Ägypten. Sie waren „Wirtschaftsflüchtlinge“ im damals reichen Ausland.
  • Lot und seine Frau fliehen vor der Zerstörung der Stadt Sodom. Ihr Zuhause wurde völlig zerstört.
  • Isaak und seine Frau Rebekka fliehen in Zeiten anhaltender Trockenheit und Hungers nach Gera zu den Philistern.
  • Jakob flieht vor Esau, weil er ihm Unrecht getan hat.
  • Später fliehen seine zwölf Söhne und Jakob wie schon Abraham in Hungersnot nach Ägypten und werden dort gut aufgenommen.
  • Mose hat im Streit einen Sklaventreiber erschlagen. Er flieht nach Midian, wo auch er gut aufgenommen wird und heiratet.
  • Entflohene Sklaven sind auch ein Beispiel: Sie dürfen in Israel nach den Geboten der Thora nicht wieder zu ihren Herren zurückgeschickt werden. Sie bekommen Asyl und das Gesetz sagt, sie dürfen ihren Wohnort frei wählen.
  • Rut, eine Vorfahrin Jesu, eine Moabiterin, sie kam durch ihre Schwiegermutter Naomi nach Israel und fand als Ausländerin in Israel eine neue Heimat.
  • Auch die Eltern Jesu, Josef und Maria, sie flohen nach der Geburt Jesu vor den Morddrohungen des Herodes nach Ägypten.
  • Jesus selbst war also ein Flüchtlingskind.
  • Später wird er sich in einer Gerichtspredigt mit Fremden im Land identifizieren und sagen: „Ich war ein Fremder und ihr habt mich nicht aufgenommen!“

Flucht und Asyl, neue Heimat im Fremden finden, Fremde aufzunehmen, das sind wiederkehrende Themen der Bibel. Die Beweggründe zur Flucht sind verschieden: Es kann eigene Schuld sein, wirtschaftliche Gründe haben, Angst um das eigene Leben, Willkür eines Herrschers, Kriege oder Naturkatastrophen lassen Menschen fliehen. Und das Gebot Gottes dazu ist klar: Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch und du sollst ihn lieben wie dich selbst. – Gottes Gebot ist klar. Das Grundgesetz ist auch klar: Der erste Absatz Artikel 16a des Grundgesetzes lautet knapp: „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.“ Auch ganz klar. Aber es ist deswegen noch lange keine einfache Sache.

2. Fremde zu lieben ist keine einfache Sache.

Lange nachdem Jakobs Sippe nach Ägypten gezogen war und zu einer größeren Bevölkerungsgruppe angewachsen war, bekam der Pharao Angst vor diesen Fremden: Angst vor Überfremdung, Angst, eigene Macht zu verlieren. Darum wurden die Hebräer versklavt, ihre Freiheiten eingeschränkt, ihnen alle Rechte geraubt, männliche Neugeborene wurden getötet: Es sollten nicht noch mehr von diesen Juden ins Land kommen.

Auch bei uns heute werfen die vielen Asylsuchenden Fragen auf. Und die Antworten auf diese Fragen sind nicht leicht. Bei der Gründung der Bundesrepublik wurde das Asylrecht mit den eben genannten knappen Worten als Grundrecht aufgenommen. Das geschah auch im Rückblick auf die Zeit des Nationalsozialismus. Viele Deutsche haben damals in anderen Ländern Zuflucht gefunden. Das war nicht immer leicht, nicht für alle selbstverständlich. Selbst Flüchtlingen aus Deutschland ist man damals kritisch gegenüber eingestellt.

Meist half es, wenn man Geld hatte, damals und heute. Vielen aber - den meisten - gelang es nicht, herauszukommen: Juden, Kommunisten, Widerständler, Homosexuelle, Roma und Sinti. Die aus Deutschland herauskamen, fanden woanders Asyl und konnten neu anfangen, während ihre Verwandten oder Freunde hier gequält oder ermordet wurden. Gerade weil es auch damals kompliziert war, Asyl zu finden, darum kam dieser schlichte Satz ohne Wenn und Aber als Grundrecht in unser Grundgesetz.

Was ist, wenn Flüchtlinge Probleme machen? Sie nehmen uns die Wohnungen weg und die Arbeit. Sie belasten unsere Sozialkassen und verändern unsere Kultur. Sie bringen schwierige Lebensgeschichten mit. Gottes Gebot und unser Grundgesetz sagen nicht, wir sollen nur guten Menschen, die einfach zu handeln (sprich händeln) sind, gebildet, gerne auch wohlhabend, und natürlich dankbar, ... nur solchen Zuflucht geben. Sondern gerade die Armen, Menschen mit traumatischen Leiden, Hungernde, Nackte, sie sind willkommen. – Wer um Leib und Leben fürchtet, der braucht Schutz und soll ihn bei uns finden.

Fremde aufnehmen ist nicht einfach. Es kostet Opfer. Es kostet mindestens zunächst einmal Opfer. Und da gibt es auch keine Obergrenze in diesen Grundrechten: „Wenn du drei Hungernden zu Essen gegeben hast, kannst du den vierten hungern lassen.“ „Wenn du 1 Million Syrer aufgenommen hast, kannst du die anderen wieder nach Hause schicken.“ – Das Grundrecht auf Schutz bleibt bestehen!

Was würden wir tun, wenn wir hungern müssten in unserem Land? Wir sind nicht so viel anders als die Flüchtlinge, die zu uns kommen. Auch im letzten Jahrhundert sind viele Menschen aus Deutschland ausgereist, weil sie hier keine Perspektive mehr sahen. In Australien, Nordamerika oder Südamerika leben viele Menschen mit deutschen Wurzeln.

Was würden wir tun, wenn wir hier in Todesangst leben müssten? Vielleicht, dachte ich, vielleicht wäre es eine Idee, dass alle Pegida-Anhänger einmal nur vier Wochen in Syrien leben müssten, in Aleppo vielleicht. Würden sie dann gerne dort bleiben? Würden sie es länger als vier Wochen aushalten? Würden sie immer noch Menschen dorthin zurückschicken wollen? Es gibt keine Hilfe für Menschen in Not, ohne Opfer!

Ich habe einige Jahre in Emden in Ostfriesland gelebt. Emden wurde im Krieg total zerstört. Es war die letzte Hafenstadt vor dem Überflug nach England. Alle Flugzeuge warfen ab, was noch an Bomben an Bord war. Die Verwaltungsstadt Leer ist 30 km entfernt. In Leer konnte man Emden brennen sehen. Aber dort fielen keine Bomben. Ganze Teile von Emden wurden evakuiert. Ausgebombte wurden auch in Leer einquartiert. Und alte Emder erzählten, dass sie gar nicht willkommen waren. Sie haben zu allem Leid auch noch Ablehnung erfahren. Viele Menschen wollten sie nicht in ihre Häuser lassen. Menschen in Not beistehen geht nicht ohne Opfer.

„Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn auch ihr seid Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der Herr, euer Gott.“

3. Eigene Fremdheitserfahrungen helfen andere zu verstehen.

Mein Vater war ein Flüchtlingskind. Die Familie mit sechs Kindern lebte in Polen in der Nähe von Lodz. Sie mussten schnell zu ihrer Flucht aufbrechen. Zum Glück hatten sie ein eigenes Pferdegespann. Der Weg war beschwerlich, nicht ohne Gefahren, sie fürchteten um ihr Leben. Alle kamen gesund in Verden an der Aller an. Die Familie wurde auf drei Bauernhöfe aufgeteilt. Willkommen waren sie nicht überall. Irgendwann wurden mitten im Wald Holzbaracken aufgebaut. Da haben sie wieder ein gemeinsames Zuhause gehabt.

Vor zwei Jahren wurde die erste Flüchtlingsunterkunft in Verden errichtet und mein Vater - 80 Jahre alt – ging hin, um für die Menschen da zu sein. „Ich war auch Flüchtling, ich weiß, wie sich das anfühlt!“ sagte er. Er lernte junge Männer kennen. Spielte Memory mit ihnen, damit sie deutsche Worte lernen. Er hat ihnen die Stadt gezeigt und anders mehr. ... Ich habe einige der meist jungen Männer kennengelernt. Sie verehren meinen Vater, sie lachen, weil er immer wieder ihre Namen verwechselt. Eine freundschaftliche Beziehung. – Eigene Fremdheitserfahrungen helfen andere zu verstehen. Gottes Gebot knüpft bei der kollektiven Erfahrung Israels an. Sie wissen, wie das ist, in der Fremde leben zu müssen.

4. Wir brauchen Begegnungen im Alltag.

Fremdes wird schnell als bedrohlich wahrgenommen. Etwas, was neu ist, anders, was wir nicht kennen, verunsichert uns. Fremdes, dem man sich nicht nähert, kann Angst machen. Ausländer sehen im Fernsehen Pegida-Demonstrationen. Ausländer hören von Gewalttaten gegen Asylanten.  In einem Faschingsumzug letzten Montag in Sachsen fuhr ein Papp-Panzer mit der Aufschrift „Bürgerwehr gegen Asylanten“. Nicht wenige Flüchtlinge erleben Ablehnung, wenn sie in der Stadt unterwegs sind. Ausländer könnten denken: Alle Deutsche sind so. Ängste bauen sich auf. Vorurteile, die nicht einmal unbegründet sind. Es sind aber nicht alle Deutschen so. Und Gott sei Dank machen sie auch positive Erfahrungen mit Deutschen. Im Alltag.

Umgekehrt hören wir von der Silvesternacht in Köln, wo Frauen bedrängt oder sogar vergewaltigt wurden. Wir hören von islamistischen Terroristen, und wir denken: Alle sind so! Man weiß ja nie, lieber allen ausweichen! Es sind aber nicht alles so.

Wir suchen als Gemeinde Kontakt zur Flüchtlingsunterkunft in der Fichtnertraße. Als Familie besuchen wir jeden Freitag für zwei Stunden eine Familie als Syrien mit 5 Kindern. Das ist ein total freundlicher Kontakt. Die Familie ist sehr gastfreundlich. Die Kinder spielen, alle anderen nutzen die Zeit besonders, um Deutsch zu lernen. Wir schmunzeln, wenn sie e und i und ü nicht unterscheiden können. Sie hören den Unterschied nicht. Sie lachen, wenn wir ein Arabische Wort versuchen nachzusprechen und ihre Kehllaute nicht hinkriegen. Wir waren zusammen im Baumarkt, nur zum Gucken, und an einer Wand mit Farben sagt die 13-jährige Tochter: Die gleiche Farbe hatte mein Zimmer in unserem Haus in Aleppo. Hellblau.

Bei solchen Kontakten lernt man ganz schnell: Es sind Menschen wie wir. Wir sind uns in manchem fremd. Aber wir können uns nahe sein. Ich erzähle nur noch ein Beispiel aus unserer Zeit in Berlin. Ich stehe mit einer türkischen Nachbarin im Fahrstuhl. Ich sage zu ihr „Sie sehen so feierlich aus. Ist etwas Besonderes?“ Und sie sagt: „Ja. Ich gehe das erste Mal ohne Kopftuch aus dem Haus und sie sind der erste Mann, der mich ohne Kopftuch sieht.“ – Das war ein großer Schritt für sie. Das muss ich nicht verstehen. Aber für mich war das dann auch ein besonderer Moment und ich habe mich mit ihr gefreut. Lächelnd haben wir den Fahrstuhl verlassen.

Persönliche Begegnungen vertreiben die Angst vor dem Fremden. Menschen, die am wenigsten mit Fremden zu tun haben, haben in der Regel die größte Angst! In Dresden oder Schwerin gibt es prozentual sehr wenig Ausländer. Da aber ist die Pegida stark. In Berlin oder in Köln gibt es viele Ausländer. Da haben ähnliche Gruppierungen kaum Zulauf.

Wie könnte Fremde Freunde werden? Menschen, die sich achten und miteinander leben? Freundschaft wächst, wenn mich der andere interessiert, wenn ich mir selber das Gefühl der Fremdheit zumute, und wenn ich den anderen akzeptiere. Integration geht immer nur von beiden Seiten: Zeit haben, zuhören, wertachten. Integration ist kein einseitiger Prozess. Nur was ich an mich heranlasse, kann mir nahe kommen. Nur wenn ich mich traue, kann Vertrautes wachsen.

5. Das Fremde fremd sein lassen.

Es bleibt dabei: Fremde bleiben uns auch fremd. Besonders wenn sie aus einer anderen Kultur kommen und auch, wenn sie einen anderen Glauben haben. Wir sind in vielem anders. Ich glaube aber, dieses Fremde muss man bejahen, sich zumuten. Man muss nicht so tun, als wären wir alle gleich. Und es ist auch nicht das Ziel, das wir am Ende alle gleich wären. Ich glaube, wir dürfen oder müssen sogar das Fremde fremd sein lassen. Bayern sind anders als Ostfriesen. Bayern und Ostfriesen können aber befreundet sein, sich achten und unterstützen. Ostfriesen müssen dazu keine Weißwurst essen und Bayern keinen Tee mit Kluntjes trinken. Wer das Fremde im anderen bejaht, der bejaht auch den Fremden. Wer bejahen kann, dass ein Jugendlicher heute anders ist als vor 30 Jahren, der bejaht auch den Jugendlichen.

Wir haben hier Werte und Gebote, Grundwerte wie die Religionsfreiheit oder die Gleichstellung der Frau. Diese Werte müssen von Fremden akzeptiert und beachtet werden. Sie haben natürlich auch Pflichten, wenn wie sie wie Einheimische behandeln sollen. Aber es wird Dinge geben, die uns fremd bleiben, die aber mit unseren Werten nichts zu tun haben. Das gibt es aber auch schon in unserer „deutschen Kultur“. Unsere Kultur ist bunt. Sie ist schon geprägt von Einflüssen aus aller Welt.

Viele kommen zu uns in dieser Zeit, die in Not sind. Ohne Opfer wird man ihnen nicht helfen können. In dem Gleichnis Jesu ist es ein barmherziger Samariter, der sich über einen überfallenen Juden beugt, einen ihm Fremden, ja einem ihm verfeindeten Menschen in Not. Der Samariter verbindet ihn, hilft ihm auf, setzt ihn auf seinen Esel, bringt ihn in eine Unterkunft und zahlt dafür, dass der Fremde gepflegt wird. Der Samariter wird einem Fremden zum Freund. Er verhält sich zu ihm, wie zu einem Freund. ... Auch für uns heute gilt das Wort aus dem Hebräerbrief: „Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht, denn solche Opfer gefallen Gott.“ (Hebr 13,16) ... Zu den anderen aber im Gleichnis vom Weltgericht, zu den anderen aber sagt Jesus: „Ich war ein Fremder und ihr habt mich aufgenommen! Kommt her in die Freude des Herrn!“

Amen.

Für diese Predigt habe ich besonders profitiert von den Predigten zu 3. Mose 19, 33-34 im Internet von Inka Gente, Margot Käßmann und Verena Lang.

Lied:
Damit aus Fremdem Freunde werden,

gibst du uns deinen Heiligen Geist,

der trotz der vielen Völker Grenzen,

den Weg zur Einigkeit weist.

 
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