2. Korinther 1, 3-7 Leid lehrt trösten.

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Mönchebergstraße, 6.3.2016

Pastor Norbert Giebel

2. Kor 1, 3-11 „Wer leidet, lernt trösten“

Liebe Gemeinde,                                                                          

nur wer in der Wüste war, weiß was Hitze ist. Alle anderen machen sich keine richtige Vorstellung. Nur wer in der Arktis war, weiß, was Kälte ist. Alle anderen machen sich ein falsches Bild davon. Nur wer auf dem Meer war, der weiß, was Weite ist. Alle anderen machen sich etwas vor. Und nur, wer tiefes Leid erfahren hat, der weiß, was Trost ist. Paulus hat gelitten, darum kann er trösten.

Ich lese seine Worte aus 2. Kor 1, 3-11:

3Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, 4der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. 5Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. 6Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. 7Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben. 8Denn wir wollen euch, liebe Brüder, nicht verschweigen die Bedrängnis, die uns in der Provinz Asien widerfahren ist, wo wir über die Maßen beschwert waren und über unsere Kraft, sodass wir auch am Leben verzagten 9und es bei uns selbst für beschlossen hielten, wir müssten sterben. Das geschah aber, damit wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt, 10der uns aus solcher Todesnot errettet hat und erretten wird. Auf ihn hoffen wir, er werde uns auch hinfort erretten. 11Dazu helft auch ihr durch eure Fürbitte für uns, damit unsertwegen für die Gabe, die uns gegeben ist, durch viele Personen viel Dank dargebracht werde.

Paulus erlebt Leiden und er erlebt Trost. Darum kann er trösten. Jemand hat einmal gesagt: „Leiden ist die Ordination zum Trösten.“ Schweres Leid zu erleben, das ist die Bevollmächtigung, die Einsetzung, eine Berufung, andere zu trösten. Wer leidet und sein Leiden annimmt, als etwas, das er mit Gott erlebt, der wird ein Schatz für andere, die leiden!

3Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, 4der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.

Paulus jedenfalls will seine Leiden für die Korinther wirksam machen. „Wenn wir leiden, dann euch zum Guten“, schreibt er. Obwohl gerade die Korinther sein Leid vergrößert haben. Sie waren die Verursacher der Nöte seiner nahen Vergangenheit.

Paulus schreibt ihnen auch von anderen Leiden. Er wurde mehrfach ausgepeitscht und mit Stöcken geschlagen. Einmal überlebte er sogar eine Steinigung. In Damaskus entging er einer Festnahme dadurch, dass Freunde ihn in einem Korb außen an der Stadtmauer hinunterließen. Paulus hat Hunger und Durst und Kälte erlebt. Dreimal erlitt er Schiffbruch und war vom Ertrinken bedroht. Wochen und Monate hat er in Gefängnissen verbracht. Und er ist krank. Er kann die Hände nicht mehr stillhalten. Eine Art Schüttellähmung? Manche vermuten, er sei an Parkinson erkrankt gewesen. Er kann selber nicht mehr schreiben.

Darüber hinaus sorgt er sich um seine Gemeinden. Gerade in Korinth gab es so viel Streit, Parteibildungen. Und auf seiner zweiten Reise wurde in Korinth persönlich schwer angegriffen. Er wurde beleidigt, gekränkt, man spricht ihm sein Apostelamt ab, er sei nicht charismatisch genug. Paulus hatte seinen Besuch daraufhin abgebrochen. Er konnte nichts bewirken. Die Fronten waren verhärtet. Von Ephesus schreibt er einen Brief nach Korinth, unter Tränen, wie er ihnen jetzt schreibt. Nicht aus Eitelkeit, sondern weil er tief erschüttert war. Voller Sorge.


Und jetzt stürzt er mit einem Lobpreis in den nächsten Brief hinein: 3Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, 4der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind. Keine Anklage. Keine offenen Rechnungen. Die Korinther hatten Titus, den Mitarbeiter des Paulus, mit versöhnlichen Zeilen zu ihm zurückgeschickt. „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes!“ hatte Jesus einmal gesagt. Paulus sieht nach vorne.

Nur wer ganz unten war, der weiß, was Verzweiflung ist. Nur wer geweint hat, wie Paulus, über einen Riss in der Gemeinde, einen Riss in einer Familie, der kann Frieden schenken. Leid ordiniert zum Trösten. Es gibt keine guten Seelsorger, die nicht selber gelitten haben.

Lesen Sie gerne Biographien? Woher kommt das Interesse daran, was andere Menschen erlebt haben? Und gerade dann, wenn sie Schweres erlebt haben. Ich habe vor 30 Jahren die Biographie von Joni Erickson gelesen. Joni war nach einem Badeunfall querschnittsgelähmt. Ihr ganzes bisheriges Leben war zerstört. Ihr Verlobter löste die Beziehung. Sie wollte sich das Leben nehmen. Aber sie konnte es nicht ohne fremde Hilfe. Durch Menschen, die sie besuchten, kam sie zum Glauben an Jesus. – In den USA füllte Joni in den 70er Jahren ganze Stadien. Wie vielen Menschen hat sie neue Hoffnung gegeben und sie vom Rollstuhl aus eingeladen, sich so wie sie an Jesus festzuhalten.

eute leiten Joni und ihr Mann ein Missionswerk mit vielen Angeboten für Menschen mit Behinderungen oder Eltern kranker Kinder.

Oder Paul Gerhardt, der Krieg, Hunger und Pest erlebt. Der erst mit 48 Jahren heiratet, und später zuerst seine Kinder und dann seine Frau beerdigen muss. Nur ein Sohn überlebt ihn. Paul Gerhardt schreibt trotz allen Leides solche Lieder wie „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege, des der den Himmel lenkt!“ Oder: „Sollt ich meinem Gott nicht singen!“ Oder: „Ich singe Dir mit Herz und Mund!“ Das Leben von Joni gibt Mut zum Leben, die Lieder von Paul Gerhardt trösten, weil sie selber Getröstete sind. Sie haben in ihrem Leid Halt. Das ist ihre Kraft zu trösten!

Ich habe an unserem Theologischen Seminar in Elstal zwei Jahre Missionsgeschichte unterrichtet. In den ersten Jahrhunderten der Missionsgeschichte spielten Märtyrer eine herausragende Rolle bei der Ausbreitung des Christentums. Menschen, die ihr Leben für Jesus verloren haben, waren Vorbilder für viele. Unter anderem sind da Perpetua und Felicitas. Eine junge Adelige und ihre Sklavin. Beide kommen zum Glauben. Beide melden sich zum Taufkurs an. Taufkurse, das genannte Katechumenat, konnten bis zu drei Jahren dauern. Das waren sehr gründliche Einweisungen in den Glauben. Säuglingstaufen gab es noch nicht. Wer sich taufen ließ, sollte wissen, was er tut. Der Übertritt zum christlichen Glauben aber war im Norden Afrikas verboten. Perpetua und Felicitas kommen ins Gefängnis. Durch das Tagebuch der Perpetua weiß man ziemlich genau, wie es im Gefängnis zuging. .Beide sind mutig, bleiben fest, stärken sich gegenseitig. Beide haben Angst. Der Vater der adeligen Perpetua kommt mit ihrem Säugling ins Gefängnis. Er beschwört seine Tochter, dem christlichen Unglauben abzusagen. Perpetua bleibt bei Christus. Sie und ihre Magd Felicitas sterben am 2. März im Jahr 203 in der Arena von Stieren zu Tode gestoßen.

Die "Passio Sanctarum Perpetua et Felicitatis" ist eines der ältesten und verlässlichsten christlichen Werke. Dieses wurde ursprünglich in lateinischer Sprache verfasst, eine griechische Übersetzung wurde nachträglich verfasst und in Umlauf gebracht. Der hauptsächliche Bestandteil des Werkes sind die Aufzeichnungen der Perpetua, das unter anderem ihren Gefängnisaufenthalt beschreibt.“ (Wikepedia)

Solche Leidensberichte von Christen haben die junge Kirche gestärkt. Sie haben viele waren starke Ermutigungen für andere, ihren Weg, ihre Leiden, durchzuhalten und Christus darin treu zu bleiben. Erst der Ernstfall zeigt, was trägt. Alles andere sind Versprechungen, die sich erst noch zu beweisen haben.

Alles Leid hat eine äußere und eine innere Seite. Eine objektive uns eine subjektive Seite. Wer nach der äußeren, objektiven Seite fragt, der fragt: „Was hat sie denn?“ Ein Bein gebrochen. Einen Unfall gehabt. Wer nach der persönlichen, inneren Seite fragt, der fragt: „Und wie geht es ihr?“ Und die Antwortet kann sein: „Gut. Sie kann es gut tragen!“ Zwei Menschen kann äußerlich das Gleiche passieren, und sie erleben es innerlich ganz anders. Der eine schüttelt es ab, sieht all das Schöne in seinem Leben. Der andere zieht sich zurück, kann nicht mehr schlafen. Sehr deutlich wird das beim Zahnarzt. Der eine bleibt locker. Ein anderer hat tagelang Angst davor. Zu einem der leidet, kann man nicht sagen „Stell dich nicht so an. Andere haben Schlimmeres erlebt.“ Das innere Leiden ist ernst zu nehmen. Das entscheidende, das schwere Leiden ist immer das Innere.

Paulus schreibt den Korinthern, wie es ihm innerlich ging. Er nennt das innere Leiden Bedrängnis. Innerlich ist ihm die Luft ausgegangen, der Mut, die Kraft. Was es äußerlich war, sagt er an dieser Stelle nicht. Vielleicht die Gefangenschaft in Ephesus, seine Schüttellähmung, vielleicht die Belastung über den Streit in Korinth, vielleicht alles zusammen. Paulus schreibt, er sei über die Maßen beschwert gewesen. Es ist ihm über die Kraft gegangen. Er hätte sogar am Leben verzagt. So leer, so mutlos, so angegriffen hat er sich gefühlt.

Wie viel Schaden kann man anrichten, wenn jungen Christen der Eindruck vermittelt wird, dass es ihnen nur noch gut geht, wenn sie glauben. „Immer fröhlich, immer fröhlich, alle Tage Sonnenschein!“ heißt es in einem frommen Lied. Kein Mensch, auch kein Christ, wird vor Leid in seinem Leben verschont bleiben. Wer behauptet, Glaube schütze vor Leid, der lügt. Wobei ich nicht leugnen will, dass Gott oft bewahrt, hilft, rettet auch hier schon in unserem Leben.

Aber wie viele Christen, wie viele auch von uns hier heute Morgen, haben ihr Kreuz im Leben zu tragen. Ein kleineres Kreuz als Joni es tragen musste oder Paul Gerhard oder Perpetua und Felicitas. Aber wir haben unser Kreuz zu tragen. „Aber Gott wird es nicht zulassen, dass ihr über eure Kraft belastet werdet!“ hat Paulus schon im 1. Kor. geschrieben. (1. Kor 10,13)

Franz von Sales schrieb im 16. Jh. zu dem Kreuz, das ein Christ zu tragen habe:

„Gott hat dies, dein Kreuz, bevor er es dir schickte, mit seinen Saugen betrachtet, es durchdacht mit seinem göttlichen Verstand, es geprüft mit seiner weisen Gerechtigkeit, es gewogen mit seinen Händen, ob es nicht einen Millimeter z lang oder ein Milligramm zu schwer ist. Und dann hat er noch einmal auf deinen Mut geblickt und so kommt es also vom Himmel.“

Paulus fängt seinen 2. Brief an die Korinther mit einem Lobpreis an: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.“ Aber auch Paulus musste einen Leidensweg dahin gehen. Einen Weg, auf dem er zwischendurch aufgeben wollte, am Leben verzagte, kein Licht mehr gesehen hat.

Bei Paulus können wir eine Art geistlicher Bewältigung seiner nahen Vergangenheit, seines Streites mit den Korinthern finden: Ziel seiner inneren Bearbeitung ist es, die Frucht einzubringen. Die Frucht seines Leidens einzubringen: Andere trösten zu können. Das gemeinsame Gute wieder zu suchen. Zu vergeben. Sich selber zu versöhnen mit den Situationen, die zurückliegen. Christen leiden nicht nur für sich. Sie leiden auch für andere.

Untröstlich – haben Sie sich auch schon mal so gefühlt? Untröstlich. Nichts gibt Halt. Nichts macht Mut. Niemand versteht mich. Alle guten Worte treffen mich nicht. „Der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes“, er lädt uns ein untröstlich zu ihm zu kommen. Ihm können wir unsere geheimsten Lasten anvertrauen. Sein Geist vertritt mich im Gebet. Er hofft für mich, wenn ich nicht mehr hoffen kann. Er glaubt für mich, wenn ich nicht mehr glauben kann.

Ich möchte schließen mit einem Gebet, das mich sehr beeindruckt hat. Es ist das Gebet einer 16-Jährigen. Ein 16-jähriges an Krebs erkranktes Mädchen hat dieses Gebet aufgeschrieben. Auch in diesem Gebet spürt man, zu was für einer Reife und Tiefe Leiderfahrungen führen können:

Für die Inseln der Trauer mitten im Meer von Leid danke ich dir, Herr, mein Gott. Du führst mich durch unwegsame Schluchten und ich bin dennoch behütet. Meine Kraft ist längst erschöpft, aber du trägst mich hindurch. Nicht dass die Stimmen des Misstrauens und sich Auflehnens in meinem Herzen verstummt wären. Aber ich weiß, dass sie Unrecht haben. Sie verlieren ihre Macht, wenn ich deine Stimme erhorche. Du sagst zu mir: "Fürchte dich nicht, ich dein Gott verlasse dich nicht!"

Lobpreisen will ich dich für alle Treue. Ich erfahre, was Verzweiflung heißt. Aber gleichermaßen umgibt mich das Geheimnis des Getröstet seins, auch wenn die Finsternis noch wächst. Sie ist nicht die einzige Wirklichkeit in meinem Leben. Wenn meine Augen vertraut geworden sind mit der Dunkelheit, kann ich wahrnehmen, dass immer noch Licht einfällt.

Du schenkst mir Menschen, die sich meiner Klage nicht verschließen, die für mich einstehen vor dir. Du hältst mir Brot und Wein bereit und umarmst mich im heiligen Mahl. Mein Herz darf ich ausschütten vor dir. Du hilfst mir, dass ich nicht versinke in Selbstmitleid, sondern teilnehmen kann an fremder Trauer.

Beides lässt du wachsen in mir, die Fähigkeit zu leiden und die Fähigkeit zu lieben. Du befreist mich von dem Drang, hier und jetzt den Sinn erkennen zu wollen. Herr, mein Gott, ich lobpreise dich, denn ich weiß, am Ende wird alle Klage von mir abfallen.
Am Ende wirst du alles Erlittene verwandeln in Freude.

Amen.

 
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