Matthäus 20, 1-16 Der Letzte bekommet das Gleiche.

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Mönchebergstraße; 1.5.2016

Predigt Pastor Norbert Giebel

Matthäus 20, 1-15: „Wer zuletzt kommt, bekommt das Gleiche!“

Liebe Gemeinde,

ich habe eine Geschichte mitgebracht. Sie spielt in einem Staat mit großer Armut. Viele Menschen leben in der Angst, dass sie auf der Straße landen, dass sie ihre Miete nicht mehr zahlen könne, dass sie ihre Kinder nicht mehr ernähren können. Viele arbeiten für 1 Euro Stundenlohn, und sind dankbar, dass sie überhaupt Arbeit haben. Kündigungsschutz gibt es nicht. Viele Betriebe stellen Menschen für einen Tag an und lassen sie für den nächsten schon wieder im Ungewissen. Es gibt viele Tagelöhner.

Früh am Morgen versammeln sie sich auf einem großen Platz in der Stadt. Und sie warten. Sie hoffen, dass sie heute Arbeit finden. Ihr Leben hängt davon ab, dass sie von irgendeinem Arbeitgeber ausgewählt werden.

Früh um sechs kommt ein dicker Mercedes vorgefahren. Alle laufen hin, stoßen sich mit den Ellenbogen, rufen wer zuerst da war. Alle wollen den Job. Da kommt ein Chef persönlich vorbei! Und der Mann im Benz, er nimmt sie alle! 100 Euro sollen sie am Abend bekommen. So wird’s ausgemacht.  Das ist wirklich viel in dieser schlechten Zeit. Ein hoch soziales Angebot. Ein richtiger Wohltäter dieser Arbeitgeber. Der Tag ist gerettet!

Um neun, drei Stunden später, fährt der gleiche Mercedes noch einmal vor. Erstaunlich, dass der Chef persönlich kommt. Als würde er sie selber aussuchen, die bei ihm arbeiten. Wieder stehen Menschen auf dem Platz. Wieder sieht er jeden an und wieder nimmt er jeden mit. Jeder darf bei ihm arbeiten. Der Lohn wird nicht verhandelt. „Du bekommst das, was dir zusteht, was gerecht ist“ sagt der Mann.

„Egal. Hauptsache ich verdiene heute noch irgendetwas“, sagen auch diejenigen, die noch später um 15 Uhr bei ihm Arbeit finden. Der Mann nimmt sie alle und er schickt sie in seine Firma.

Um 17 Uhr kommt er noch einmal.  Traurige Gestalten stehen auf dem Sammelplatz. Die nicht aus dem Bett kamen. Die ihren Rausch ausgeschlafen haben. Die „Blinden und Lahmen“ sozusagen, die niemand haben wollte. Und auch sie alle werden noch angestellt und fangen an zu arbeiten. Die Letzten sind gerade warm geworden, sie haben gerade begriffen, worum es bei ihrer Aufgabe geht, da ist schon Schluss. Feierabend nach einer Stunde. Misst. Aber besser als gar nichts. Vielleicht reicht ihr Stundenlohn für ein Abendessen. Für 1 EUR gibt‘s schon einen Hamburger.

Um 18 Uhr lässt der Chef alle zu sich rufen. Seinen Personalchef hat er vorher angewiesen, denen, die zuletzt gekommen sind, zuerst 100 Euro für ihre Arbeit zu geben. Für eine Stunde Arbeit! Die Frühaufsteher, die schon früh an der Arbeit waren, freuen sich schon darauf, was sie wohl bekommen werden. Wenn der Chef so großzügig ist, bekommen sie bestimmt das Doppelte. Ein dicker Bonus wird für sie drin sein. Sie waren ja „die Guten“ an diesen Tag. Sie haben alles richtig gemacht. Aber sie bekommen auch nur 100 EUR. So wie alle anderen. So wie es der Chef am Morgen mit ihnen ausgemacht hatte. „Das stinkt ja zum Himmel!“ sagen sie. „Wir rackern uns ab, wir sind durchgeschwitzt und können uns nur noch ins Bett werfen, und diese Kurzarbeiter bekommen das Gleiche wie wir? Gilt Leistung denn gar nichts mehr? Sind wir nicht besser als diese Penner, die erst am Ende des Tages zu uns gekommen sind?“

„Habe ich euch Unrecht getan?“ fragt der Chef. „Haben wir nicht genau das vereinbart? Lasst mich doch den anderen gleich viel geben. Was stört es euch? Gönnt ihr es ihnen nicht? Haltet ihr euch für etwas Besseres?“ „Die Letzten sollen die Ersten sein! Die Ersten sollen die Letzten sein!“ sagt er noch. Was ist das denn für ein blöder Spruch?

Ich lese Matthäus 20, 1-16:

1 »Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der sich früh am Morgen aufmachte, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. 2 Er ´fand etliche und` einigte sich mit ihnen auf den ´üblichen` Tageslohn von einem Denar. Dann schickte er sie in seinen Weinberg. 3 Gegen neun Uhr ging er wieder auf den Marktplatz und sah dort noch andere untätig herumstehen. 4 ›Geht auch ihr in meinem Weinberg arbeiten!‹, sagte er zu ihnen. ›Ich werde euch dafür geben, was recht ist.‹ 5 Da gingen sie an die Arbeit. Um die Mittagszeit und dann noch einmal gegen drei Uhr ging der Mann wieder hin und stellte Arbeiter ein.

6 Als er gegen fünf Uhr ´ein letztes Mal` zum Marktplatz ging, fand er immer noch einige, die dort herumstanden. ›Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?‹, fragte er sie. 7 ›Es hat uns eben niemand eingestellt‹, antworteten sie. Da sagte er zu ihnen: ›Geht auch ihr noch in meinem Weinberg arbeiten!‹

8 Am Abend sagte der Weinbergbesitzer zu seinem Verwalter: ›Ruf die Arbeiter zusammen und zahl ihnen den Lohn aus! Fang bei den Letzten an und hör bei den Ersten auf.‹ 9 Die Männer, die erst gegen fünf Uhr angefangen hatten, traten vor und erhielten jeder einen Denar. 10 Als nun die Ersten an der Reihe waren, dachten sie, sie würden mehr bekommen; aber auch sie erhielten jeder einen Denar. 11 Da begehrten sie gegen den Gutsbesitzer auf. 12 ›Diese hier‹, sagten sie, ›die zuletzt gekommen sind, haben nur eine Stunde gearbeitet, und du gibst ihnen genauso viel wie uns. Dabei haben wir doch den ganzen Tag über schwer gearbeitet und die Hitze ertragen!‹ 13 Da sagte der Gutsbesitzer zu einem von ihnen: ›Mein Freund, ich tue dir kein Unrecht. Hattest du dich mit mir nicht auf einen Denar geeinigt? 14 Nimm dein Geld und geh! Ich will nun einmal dem Letzten hier genauso viel geben wie dir. 15 Darf ich denn mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich so gütig bin?‹ 16 So wird es kommen, dass die Letzten die Ersten sind und die Ersten die Letzten.«

Liebe Gemeinde,

ihr Fleißigen und ihr Faulen, ihre Frühaufsteher und ihr Spätberufenen: Wie geht es euch mit diesem Gleichnis? Das passt doch nicht zu Gott, oder? Gott ist gerecht und im Himmel geht es gerecht zu. Im Himmel muss sich niemand mehr beschweren. Im Himmel wird keiner übervorteilt, betrogen und ungerecht behandelt, oder? Gerecht ist das nicht, oder?

Schon eher nach Himmel, nach Reich Gottes, sieht der Lohn aus. Von einem Denar kann eine große Familie mindestens einen Tag gut leben. Das ist fair. Gott ist kein Ausbeuter. Gott ist großzügig. Er sieht, was man braucht zum Leben. Das ist schon ein Stück Himmel. Er nutzt die Abhängigkeit der Menschen nicht aus, um sie kurz zu halten. Da wird man nicht reich von, aber es reicht wirklich. Sagen wir mal so: Ein sehr respektabler Mindestlohn. Jeder wird gut leben können. Nahrung, Kleidung, auch ein kleines Fest und hin und wieder ein bisschen Luxus wird damit möglich sein.

Dass alle Arbeit bekommen, das ist auch himmlisch. Man hat den Eindruck, diesem Chef geht es um die Menschen. Keiner soll sinnlos auf der Straße stehen. Jeden kann er gebrauchen. Er nimmt jeden, weil er jeden beschenken will. Es scheint ihm weniger um Leistung zu gehen, als darum, dass jeder seine Würde hat, dazu gehört, an der Gesellschaft teilhaben kann. – Immerhin findet er jedes Mal Arbeiter. Die Angesprochenen gehen mit, sie folgen ihm nach. Alle haben noch diese Sehnsucht, ausgewählt zu werden. Sie wollen den Tag nicht verplempern. Sie wollen auch dazu gehören.

Und am Ende wird abgerechnet. Da wird die Arbeit angesehen. Am Ende bekommt jeder seinen Lohn.

Die zuletzt gekommen sind, die müssen sich wie im Himmel gefühlt haben. Sie haben mit einer Stunde Arbeit mehr als genug zum Leben verdient. Diese Glückspilze! Ihnen wurde die Würde wieder geschenkt durch diesen einen Denar. Sie brauchten nicht mehr betteln. Sie brauchen nicht mehr hungern. Sie brauchen keine kaputten Kleider mehr tragen. Sie müssen nicht zur Armenspeisung. Aber die Ersten? So will Gott mit ihnen umgehen? Das ist ungerecht.  Auch wenn der Gutsbesitzer sich auf die Abmachung vom Morgen berufen kann.  Auch wenn der Tarif abgemacht war: Das ist doch nicht in Ordnung! So ist doch Gott nicht!? Oder?

Die Geschichte ist ein Gleichnis. Man kann wohl auch ein paar soziale, sozialethische Sätze aus der Geschichte ableiten. Vielleicht, dass jeder genug zum Leben haben soll. "Es soll überhaupt kein Armer unter euch sein" heißt es im Gesetz des Mose. (Dtn 15,4) Man kann auch etwas zum Sozialstaat sagen oder zum Mindestlohn anhand dieses Gleichnisses. Aber diese Geschichte ist kein Mustertext für eine neue Wirtschaftsordnung. Ein Unternehmer, der so handelte wie dieser Gutsbesitzer, würde sein blaues Wunder erleben. Am nächsten Tag ständen alle erst um 17 Uhr bereit und würden alle nur eine Stunde arbeiten. So geht das nicht in der Welt! Aber so geht das bei Gott! In Gottes Reich bekommen alle den gleichen Lohn. Da gibt es keine Leute, die mehr geehrt werden, mehr geliebt, mehr zu sagen haben.

Im Reich Gottes gibt es keine Erbschaftsansprüche derer, die schon länger dabei sein. Wer aus einer heilen Familie kommt, steht nicht über anderen, die aus kaputten Verhältnissen kommen. Wer sein Leben scheinbar geschafft hat, eine geradlinige Arbeitsbiographie nachweisen kann, steht nicht über anderen, die beruflich nie einen Fuß auf den Boden bekommen haben. Wer schon früh und überall in der Gemeinde mitgearbeitet hat, im Kindergottesdienst, in der Jugendgruppe, im Chor, in der Gemeindeleitung, hat nicht mehr Rechte, mehr Ansehen, als jemand, der mit 50 oder 60 oder 70 zum Glauben gefunden hat. Das kann uns ärgern, wenn wir nach unseren Gefühlen auf die gute Seite gehören, immer treu waren, so viel im Leben richtig gemacht haben: Bei Gott bekommen alle das Gleiche. Gott liebt und beschenkt jeden gleich. Niemand hat sich die Gnade und das ewige leben mehr verdient als jemand anderes. Das hat keiner verdient. Das ist immer ein Geschenk Gottes.

Mir fällt so ein dummer Witz ein, der geht so: „Ich weiß nicht, ob ihr es wusstet, aber Katholiken kommen ja jetzt auch in den Himmel. Aber die nur aus Gnade!“ Das ist ein dummer Witz. Habt ihr verstanden? Wir sind alle nur aus Gnade Gottes Kinder und Gottes Erben. Da ist niemand, der sagen kann:
„Ich war schon durch meine Leistung näher an Gott wie dieser da!“ Der Witz ist, das Leute, die schon immer gesagt haben „Allein aus Gnade“ jetzt der Meinung sind, dass andere die Gnade aber mehr brauchen als sie selbst.

Die, die schon immer zu Gott gehalten haben, sitzen im Himmel nicht auf bequemeren Plätzen. Sie trinken nicht den köstlicheren Wein, hören keine bessere Musik, haben keine schöneren Stimmen beim Lobgesang. Sie tragen keine strahlenderen Kleider? Im Himmel ist diese elende Hierarchie aufgehoben, die uns von Kind an in den Wettkampf stellt um die besten Plätze im Leben. Im Himmel zählt nur noch, da zu sein und bei Gott zu sein. Noch in letzter Minute vor Tagesende geht Gott los und engagiert jeden, der noch voller Sehnsucht nach Leben ist.

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn übrigens hat mit diesem Gleichnis von den Arbeitern etwas gemeinsam. Als der verlorene, jüngere Sohn wieder nach Hause kommt, da wird der ältere Sohn, der doch seinem Vater immer so treu gedient hat, der so viel gearbeitet hat, sauer, bitter, dass der Vater diesen treulosen Jüngeren so beschenkt und ihn einfach wieder als Sohn einsetzt. Das Thema ist das Gleiche: Der Hochmut der Frommen, die meinen, sich ein Stück Himmel mehr verdient zu haben. Geistliche Generationskonflikte durch besondere Erbschaftsansprüche der schon immer Treuen. – Das passt nicht zum Reich Gottes!

Zum Lohn aber gibt es tatsächlich auch andere Aussagen von Jesus und seinen Aposteln. Direkt vor unserem Gleichnis lesen wir bei Matthäus, dass Petrus zu Jesus gekommen ist und ihn fragte: „Wir haben alles verlassen, was werden wir dafür bekommen?“ Das ist der Zusammenhang auch hier noch. „Was kriegen wir für unseren Gehorsam?“ Jesus antwortet Petrus, dass jeder 1000-fach zurückbekommen wird, was er hier für Jesus aufgegeben hat. Da spricht Jesus etwas anders vom Lohn: Jeder bekommt sehr viel zurück für das, was er gibt.

Auch Paulus schreibt einmal, dass es unterschiedlichen Lohn vor dem Richterstuhl Christi geben wird (1. Kor 3, 11-15; 2. Kor 5,10). Alles, was wir getan haben, wird vor Christus noch einmal beleuchtet werden. Alle Taten, Werke, Worte, Haltungen und Urteile der Menschen werden dann noch einmal angesehen und beurteilt werden. Dann wird gut genannt, was wirklich gut war. Aber auch alle Halbheiten, falschen Motive, alle Bosheiten und aller Stolz auch der Christen werden dann noch einmal böse, falsch oder lieblos genannt werden.

Paulus schreibt den Korinthern: Der Grund ist Christus! Durch ihn sind wir gerettet. Aber wo wir Gold, Silber, Edelsteine oder auch Holz, Heu und Stroh auf diesen Grund aufgebaut haben, das wird der Tag des Gerichts zeigen. Von welcher Art unsere Taten und Worte waren, wird das Feuer zeigen. Vieles wird verbrennen, weil es Stroh war, und anderes wird für die Ewigkeit bleiben. Was wir tun oder nicht tun wird vor dem Richterstuhl Christi beurteilt werden. Aber unsere Taten entscheiden nicht über das ewige Leben. Unsere Bosheit und Halbheit wird uns noch einmal wehtun, aber Jesus sitzt auf dem Thron. Ihm hat Gott das Urteil übergeben. Und er rettet jeden, der sich von ihm hat rufen lassen. Und wenn es in der letzten Minute war. Alle bekommen das Gleiche, nämlich das ewige Leben, die volle Bürgerschaft im Himmel. Freuen Zugang zu Gott, jederzeit. Den vollen Trost und dass volle Heil.

Jesus sagt uns in unserer Geschichte etwas über das Reich Gottes:

1. Gott verlässt sein Haus! – Gott selbst sucht und ruft die Menschen. Er spricht sie an.

2. Gott sucht Arbeiter! – Keine Zuschauer.

3. Gott nimmt jeden! – Egal, was er bis dahin gemacht hat.

4. Gott belohnt jeden! – Alle bekommen alles, was sie zum Leben brauchen.

5. Er will uns haben! – Es geht Gott nicht zuerst um Leistung, sondern um uns.

6. Gott kommt am Kreuz! – Das steht nicht im Text. Das sage ich hinzu:

Gott kommt nicht im Mercedes. Er kommt ohne Statussymbole. Ohne Luxus. – Gott kommt am Kreuz.

Mit Jesus am Kreuz zeigt er uns, wie sehr er uns sucht. Das Kreuz ist sein Anteil an unserem Arbeitsvertrag. Unser Anteil ist es, aufzustehen, wenn er ruft, sein Leben zu Jesus zu wenden und sich taufen zu lassen und ihm zu sagen: Hier bin ich, Herr! Sende mich! Ich bin ein Arbeiter auf deinem Weinberg.

Amen.

 
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