1. Timotheus 1, 12-17

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Frank Fornaçon, Predigt am 17.7. 2016 in Kassel-Möncheberg,
1. Tim 1, 12-17

Ich finde sie unerträglich. Die Schwätzer, die immer alles richtig machen. Sie erzählen immer nur von ihren Heldentaten. Wie toll sie sind, wie gescheit, wie unwiderstehlich. Niemand kann ihnen das Wasser reichen. Es sind die Typen, die in der Werbung ihre Vorzüge hinblättern. Ihr wisst schon, „Meine Frau, mein Haus, mein Boot, mein Auto…“

Bei Bewerbungsgesprächen gibt es das auch. Der Kandidat präsentiert sich in den höchsten Tönen. Wieviel Erfahrung er hat, welche Erfolge auf sein Konto gehen, was ihn von anderen unterscheidet. Je länger er spricht, umso überzeugter ist er von sich selbst. Bis dann der Personalchef so beiläufig fragt: „Und welche Niederlagen haben sie erlebt?“ Gab es auch einmal einen Patzer, eine Fehleinschätzung? Irgendetwas, das nicht rund gelaufen ist? Wehe, wenn der Bewerber jetzt „Nein“ sagt. Dann ist das Gespräch gelaufen und er hat spätestens an diesem Tag seine erste Niederlage einzustecken.

Kein Personalverantwortlicher ist so dumm, einen Mitarbeiter mit überzogenem Selbstwertgefühl und mangelnder Selbstwahrnehmung einzustellen. Ob einer als Mitarbeiter taugt, zeigt sich nicht an seinen bisherigen Erfolgen. Wichtiger ist die Antwort auf die Frage: Wie bist du mit deinen Fehlern und Schwächen umgegangen? Konntest du wieder aufstehen, als du hingefallen bist? Hast du aus deinen Fehlern gelernt und beim nächsten Mal einen neuen Weg eingeschlagen, der vielleicht eher zum Erfolg geführt hat? Samuel Beckett wusste um die Schwächen des Menschen, der irische Dichter, nach dem die Beckett-Anlage neben unserem Gemeindezentrum benannt ist. Von ihm stehen markante Zitate an den Wänden einiger Häuser. Auf der Rückwand des Rewe-Marktes zur Parkstraße hin steht ein englisches Gedicht zum Scheitern: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better.” Auf Deutsch in etwa: “Immer wieder probiert. Immer wieder gescheitert. Macht nichts. Versuchs erneut. Scheitere erneut. Scheitere besser.“

Vielleicht hat Samuel Beckett ein Kind beobachtet, das versucht aufzustehen. Wie oft muss es fallen, bis es steht? Oder er hat den Spruch Edisons gekannt. Der Erfinder der Glühbirne meinte: „Ich kenne inzwischen 999 Methoden, mit denen man kein Licht machen kann.“ So viele Versuche waren nötig, damit wir heute einfach Licht anmachen können. Der erste Präsident der Bundesrepublik, Theodor Heuß, hat es ganz ähnlich gesagt: „Es ist keine Schande hinzufallen, aber es ist eine Schande, einfach liegenzubleiben.“ Das ist die erste gute Nachricht: Es ist menschlich, zu scheitern, hinzufallen oder – theologisch gesprochen – zu sündigen. Aber es wäre dumm, sich das Scheitern auszureden.

Das Beispiel aus dem Einstellungsgespräch von vorhin betrifft vor allem Bewerber, die Führungsverantwortung anstreben. Wer sich selbst unrealistisch einschätzt, der taugt nicht, andere zu führen. Ohne scheitern kann man nichts lernen. Versuch und Irrtum gehören zusammen. Überhebliche Menschen taugen nicht, um anderen ein Vorbild zu sein. Ein gesundes Maß an Selbsteinschätzung macht barmherzig. Vorbilder, die nie eigene Schwäche zugeben, müssen viel zu viel Kraft darauf verschwenden, ihre Fehler zu verbergen.

Es ist einfacher, einen Fehler einzugestehen, als ihn schönzureden. Das ist bei alltäglichen Themen relativ einfach. Etwas anderes ist es, wenn es ums Eingemachte geht. Um die Frage, was mir wirklich wichtig ist. Was ist mir heilig? Das rührt an verborgene Schichten meiner Persönlichkeit. Über zu reden fällt schwer, auch den Leuten, die locker über eigene Schwächen und Fehler sprechen können. Aber manchmal kann man nur dann einen Ausweg finden, wenn man sich der eigenen Fehlerhaftigkeit stellt.

Ein Mann, der im Neuen Testament oft vorkommt und die Bibel und das Christentum maßgeblich geprägt hat, war Paulus. Geboren wurde im Süden der heutigen Türkei, in Tarus. Er wuchs als Sohn einer jüdischen Mutter als Jude auf. Sein Vater war römischer Bürger. Paulus von Anfang an in zwei Kulturen zu Hause. Der Vater dürfte Latein gesprochen haben, die Spielkameraden Griechisch, in der Synagoge sprach man Hebräisch. In der griechisch sprechenden Verwandtschaft nannte man den Jungen Saulus, die Lateinsprechenden Paulus. Der Junge war intelligent. Herausragend. Aus seinem Heimatstädtchen hatte sich wohl kaum einer träumen lassen, an einer Hochschule zu studieren. Aber Paulus schaffte das. Er geht nach Jerusalem um bei dem berühmten Professor Gamaliel in die Schule zu gehen. Von diesem ist in der jüdischen Überlieferung zu lesen: „Mit dem Tode Rabbi Gamaliëls des Alten hörte die Ehrfurcht vor dem Gesetze auf und starben Reinheit und Enthaltsamkeit.“ Der Jerusalemer Theologe war also nicht zu überbieten, an Ehrfurcht vor dem Gesetz Gottes.

Und es heißt in der Mischna: „Rabbi Gamaliel sagte: Such dir einen Lehrer, halte dich von Zweifelhaftem fern, und gewöhne dich nicht daran, schätzungsweise zu verzehnten.“ Wer bei Gamaliel studierte sollte sich nicht mit halben Sachen zufrieden geben. „Nimm es genau mit den Geboten Gottes“, war sein Rat. Und Paulus war diesem Rat gefolgt. Aber je genauer es mit dem Gesetz nahm umso tiefer wurde seine Verzweiflung.

Niemand kann den Geboten Gottes wirklich genügen. Paulus war ein leistungsorientierter Mann. Sein Lebensmotto: „Leiste was, dann biste was“. Aber dieses Motto trägt nur so lange, wie man nicht scheitert. Paulus war in einem System groß geworden, in dem Scheitern nicht vorgesehen war. Wenn es irgendeinen Zweifel gab, dann musste der mit noch größerem Eifer bekämpft werden. Und so war es Paulus bald nicht mehr nur genug, selbst perfekt zu werden. Er wollte auch, dass alle anderen seinem Ideal entsprachen. Aus dem superkorrekten Frommen wurde ein hasserfüllter Kämpfer. Paulus hasste alles und alle, die nicht so dachten wie er. Er wurde zu einer Art IS-Kämpfer seiner Zeit. Das bedeutete, die Abgefallenen zu suchen und zu bestrafen.

Paulus reiste nach Damaskus, um die dortigen Christen zu entführen und in Jerusalem den Henkern auszuliefern. Unterwegs hatte er eine Vision. Vor den Toren der Stadt erscheint ihm Jesus. Blendend weiß, so dass Paulus vorübergehend blind wird. Eine Stimme sagt: „Ich bin Jesus, den du verfolgst.“ Das meint doch, dass Paulus mit seinem blindwütigen Einsatz nicht nur die Christen verfolgt.

Er legt sich mit Jesus selbst an. Er rebelliert gegen das Bild eines barmherzigen und liebevollen Gottes. Von dem hatte Jesus gesprochen. Diese Liebe hat Jesus höher gesetzt als alle Regeln. Und Jesus hat aus dieser Liebe heraus barmherzig gehandelt. Wir haben vorhin von den Fehlern gesprochen, aus denen man lernt.

Bei Paulus war der Fehler nicht, dass er nicht konsequent genug gewesen wäre. Er war ein Musterschüler und nahm die Lehren supergenau. Es ging also nicht darum, dass Paulus noch konsequenter, noch radikaler und noch unbarmherziger mit sich und anderen umgegangen wäre. Paulus musste einen radikalen Kurswechsel vornehmen. Ein Sprichwort heißt: „Wen man in die falsche Richtung läuft, dann hat es keinen Zweck, das Tempo zu erhöhen.“ Paulus fällt vor Schreck zu Boden.

In der christlichen Tradition – nicht in der Bibel – fällt er sogar vom Pferd. Der stolze Theologe fliegt in den Dreck. Oder muss man sagen: „Paulus fällt zum Glück vom Pferd?“ Er soll nämlich lernen, dass nicht in einer radikalen Ideologie sondern in der radikalen Nachfolge das Geheimnis seines Glücks liegt. Und Nachfolge ist mehr als nur das sture Nachahmen. Paulus soll mit Jesus eine freundschaftliche Beziehung eingehen. Und er soll in Jesu Fußstapfen treten. Nicht die Lehre, sondern die Liebe wird zu seinem Programm. Nicht das Rechthaben, sondern das Zurechtbringen ist wichtig. Diese Lebensweisheit gibt der alternde Apostel seinem Schüler Timotheus weiter.

Die beiden Briefe an Timotheus, die wir in der Bibel finden, zeigen, worauf es ankommt, wenn man in der Gemeinde zusammenlebt. Es sind Briefe, die sich schon an die zweite und dritte Generation der Christen richten. Man steht schon wieder in der Gefahr zu erstarren. Und darum erinnert der Autor an das Feuer des Anfangs:

1Timotheus 1, 12 Ich bin voll Dank gegenüber Jesus Christus, unserem Herrn, der mir für meinen Auftrag die Kraft gegeben hat. Denn er hat mich für vertrauenswürdig erachtet und in seinen Dienst genommen, 13 obwohl ich ihn doch früher beschimpft, verfolgt und verhöhnt habe. Aber er hat mit mir Erbarmen gehabt, weil ich nicht wusste, was ich tat. Ich kannte ihn ja noch nicht. 14 Er, unser Herr, hat mir seine Gnade im Überfluss geschenkt und mit ihr den Glauben und die Liebe, die aus der Verbindung mit ihm erwachsen. 15 Es ist ein wahres Wort und verdient volles Vertrauen: Jesus Christus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Unter ihnen bin ich selbst der Schlimmste. 16 Deshalb hatte er gerade mit mir Erbarmen und wollte an mir als Erstem seine ganze Geduld zeigen. Er wollte mit mir ein Beispiel aufstellen, was für Menschen künftig durch den Glauben – das Vertrauen auf ihn – zum ewigen Leben kommen können. 17 Gott, dem ewigen König, dem unsterblichen, unsichtbaren und einzigen Gott, gehört die Ehre und Herrlichkeit für alle Ewigkeit! Amen.

Die große Wende im Leben des Paulus war die Bekanntschaft mit Jesus. Hatte er bis dahin von ihm nur vom Hörensagen gewusst, lernte er ihn auf der Straße nach Damaskus kennen. Jesus macht seinen Feind, zu seinem Freund. Dabei musste Jesus nicht auf den chinesischen Weisen zurückgreifen, der uns aber helfen kann, das zu verstehen:

Ein König musste in den Krieg ziehen und kam siegreich zurück. „Jetzt habe ich keine Feinde mehr“, freute er sich. Aber der Weise widersprach: „Erst wenn du deinen Feind zu deinem Freund gemacht hast, hast du keinen Feind mehr.“

Paulus wird vor den Toren Damaskus vom zum Freund Jesu. Das stellt alle bisherigen Werte auf den Kopf. Was bisher richtig war, ist nun falsch. Und was Paulus bislang für einen Fehler hielt, wurde jetzt sinnvoll. Ein ganz und gar neues Wertesystem tut sich auf. Und Paulus ist nicht sauer, dass er jetzt komplett umlernen muss. Er sieht das als ein großartiges Geschenk. Eine Chance, die sich nur einmal im Leben bietet. Eine Gnade. Mit diesem Geschenk bekommt Paulus Glaube und Liebe als Zugabe. Das erste und wichtigste ist, Jesus als den Sohn Gottes kennen zu lernen.

Und dann gibt es Glaube und Liebe dazu. Allerdings nicht als fertige Sachen. In der engen Gemeinschaft mit Jesus entfalten sich Glaube und Liebe. Je näher wir uns mit Jesus beschäftigen umso tiefer wird unser Vertrauen zu Gott und unsere Liebe anderen gegenüber. Gutes will wachsen.

Wir haben im Deutschen ein Sprichwort, das hier gut passt: „Schlechter Umgang verdirbt gute Sitten“. Das kann man auch umdrehen und dann passt es noch besser: „Wenn du engen Umgang mit Jesus pflegst, dann wird sich gutes entwickeln.“ Und Paulus wird zu einem Vorbild. Nicht an Fleiß und Perfektion, die waren ja gerade nicht gut für ihn. Er wird ein Vorbild dafür, was Gott aus einem Menschen machen kann, der sich auf die Freundschaft mit Jesus einlässt. Und in dabei ist es kurios: Je größer die frühere Distanz zu Jesus umso größer ist die Freude über die Umkehr. Das, was eigentlich unverzeihlich ist, wird verziehen. Und nun gibt es niemanden, der zu schlecht ist, um mit Gott die Wende zu schaffen. Keiner ist zu böse, keiner zu verdorben. Je weiter einer weg ist, umso größer ist das Fest wenn er umkehrt.

Abrupt beendet Paulus diesem Gedanken. Ganz plötzlich beginnt er einen Lobpreis. Aber er hat Recht. Allzulange darf man nicht mit der eigenen Sündhaftigkeit kokettieren. Sonst bildet sich Paulus womöglich noch etwas darauf ein, dass er der größte unter den Sündern gewesen war. Die Schuld des Sünders ist vergeben und damit soll sie keine Rolle mehr spielen.

Viel wichtiger ist der Blick auf Gott, den Jesus eröffnet: „Gott, dem ewigen König, dem unsterblichen, unsichtbaren und einzigen Gott, gehört die Ehre und Herrlichkeit für alle Ewigkeit! Amen.“ Paulus überbietet sich in Superlativen. Und er nennt Gott den ewigen König. Dem will er gehören und gehorchen. Denn niemand kann den lieben Heiland haben, ohne ihn auch Herr sein zu lassen. Wir haben zu Beginn der Predigt darüber nachgedacht, wie dumm es ist, sich für unfehlbar zu halten. Besser wir wissen um unsere Fehler und Schwächen, um unsere Sünden. Denn dann wissen wir auch, was wir an Gottes Liebe haben, was Jesus uns bedeutet und wie wir einmal in der Ewigkeit nicht mit leeren Händen dastehen. Denn das Lied, das wir so oft und gerne singen, stimmt: „Wer auf Gott vertraut, braucht sich nicht zu fürchten“. FL 419

 
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