Johannes 6, 1-15 Alle werden satt. Und Jesus haut ab.

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg
Pastor Norbert Giebel, 10.07.2016

Johannes 6, 1-15
„Alle werden satt. Aber Jesus entweicht ihnen.“

1 Einige Zeit später fuhr Jesus mit dem Boot auf die Ostseite des Sees von Galiläa. 2 Große Menschenmengen folgten ihm dorthin, weil sie die Wunder sahen, die er an den Kranken tat. 3 Er stieg auf einen Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern. 4 Es war kurz vor den Tagen, in denen die Juden ihr Passafest feierten. 5 Als Jesus die Menschenmenge sah, die zu ihm kam, fragte er Philippus: »Wo können wir so viel Brot kaufen, dass alle diese Leute zu essen bekommen? 6 Jesus wollte ihn mit dieser Frage auf die Probe stellen; er selbst wusste genau, was er tun wollte. 7 Philippus entgegnete: Selbst für zweihundert Denare würde man nicht genug Brot bekommen, um jedem auch nur ein kleines Stück zu geben.
8 Ein anderer Jünger, Andreas, der Bruder von Simon Petrus, sagte zu Jesus: 9 Hier ist ein Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische. Aber was ist das schon für so viele Menschen? 10 Sorgt dafür, dass die Leute sich setzen, befahl Jesus. Der Ort, an dem sie sich befanden, war dicht mit Gras bewachsen. Als alle sich gesetzt hatten (die Zahl der Männer belief sich auf etwa fünftausend), 11 nahm Jesus die Brote, dankte Gott dafür und ließ sie unter die Menge austeilen. Mit den Fischen machte er es genauso, und jeder aß, so viel er wollte.
12 Als die Leute satt waren, sagte er zu seinen Jüngern: Sammelt auf, was übrig geblieben ist, damit nichts verdirbt. 13 Die Jünger sammelten die Reste auf, die von den fünf Gerstenbroten übrig geblieben waren, nachdem alle davon gegessen hatten, und füllten zwölf Körbe damit. 14Als die Leute begriffen, was für ein Wunder Jesus getan hatte, sagten sie: »Das ist wirklich der Prophet, von dem es heißt, dass er in die Welt kommen soll!« 15Jesus wusste, dass sie als nächstes kommen und versuchen würden, ihn mit Gewalt zum König zu machen. Deshalb zog er sich wieder auf den Berg zurück, um allein zu sein.                 Joh 6,1-15 (NGÜ)

Liebe Gemeinde,

Johannes will von Jesus erzählen und erzählt diese Geschichte. Alle werden satt und Jesus haut ab. Alle bekommen ihren Hunger gestillt.   Darum wollen sie Jesus zum König machen. Der aber will nicht und haut ab in die Berge. In vier Brocken habe ich meine Predigt geteilt. Vier Brotbrocken. Hoffentlich werden sie uns satt machen:

1. Brocken: Jesus stellt Philippus auf die Probe.

Matthäus und Lukas haben dieses Speisungswunder auch berichtet. Johannes erzählt es etwas anders. Als Erstes rückt er den Jünger Philippus in unser Blickfeld. Jesus zieht die Menschen an. Eigentlich wollte er sich und seinen Jüngern etwas Ruhe gönnen. Sie zogen sich zurück. Fuhren auf die andere Seite vom See Genezareth. Jetzt sahen ganz entspannt auf den See herunter. Und dann kamen die Menschen.

Jesus zieht die Menschen an. Vielleicht muss man eher sagen: Seine Wunder ziehen die Menschen an. Sie haben gesehen, wie er Kranke geheilt hat. Sie wollen seine Wunder sehen. Sie sitzen auf einer Hochebene im Gras, als Jesus die Menschen kommen sieht. Viele Menschen. Als sei gerade ein Fußballspiel zu Ende gegangen. Jesus sieht die Menschen und er weiß schon, was er gleich tun wird: Geschätzte 5000 Menschen sollen satt werden. Dennoch fragt er Philippus. Jesus bezieht seine Jünger mit ein. „Wo sollen wir das Brot für diese Menschen kaufen?“ fragt Jesus. „Damit wollte er ihn prüfen“, lässt Johannes uns wissen.

War Jesus für das Essen zuständig? War er nicht! Wollte er aber offensichtlich sein. Er wollte die versorgen, die zu ihm kamen. Gab es hier irgendwo einen Supermarkt? Oder besser gleich mehrere! Nein, gab es nicht. Wo sollte dann das Essen für 5000 Leute herkommen? Hier konnte man sowieso nichts kaufen. Jesus stellt Philippus und die anderen Jünger mit seiner Frage eine unlösbare Aufgabe. Das geht gar nicht. Philippus aber fängt an zu rechnen. „200 Denare bräuchten wir“, sagt er Jesus, „und selbst dann bekäme jeder nur ein kleines Stück Brot.“

200 Denare sind weit mehr als ein halbes Jahreseinkommen. Das hat keiner einfach so in der Tasche. Ist Philippus nun durchgefallen bei der Probe? Er überschlägt die Kosten. Er rechnet aus, was es kosten würde, zu tun, was Jesus möchte. Es war eine Anfechtung, durch die er hindurch musste. Wenn es eine Prüfung war, ist er wohl eher durchgefallen. Er hat seine Rechnung ohne Jesus gemacht. Er hätte sofort erkennen können: Was Jesus hier will, das geht gar nicht mit unseren Möglichkeiten. Er hätte nur antworten können: „Dir ist alles möglich! Kaufen können wir das Brot nicht. Sag uns, was wir tun sollen.“

2. Brocken: Ein kleiner Junge gibt, was er hat.

Der zweite Jünger, den Johannes nennt, ist Andreas. Offensichtlich hat Andreas sich umgesehen, was man tun kann. Oder der kleine Junge ist auf ihn zugekommen. Das Kind packt seinen Rucksack aus und bietet alles was es hat: Mit 5 kleinen Broten und 2 kleinen Dörrfischen will er Jesus helfen. Vielleicht war es seine Tagesration. Vielleicht hatte ihm seine Mutter etwas mehr eingepackt, weil nicht klar war, wann er wiederkommt. Oder er sollte seinen Freunden etwas abgeben sollte.

Der kleine Junge ist jedenfalls ein Vorbild, damals und bis heute. Stellt euch vor, da fragt jemand „Wer kann helfen, 5000 Leute zu sättigen?“ „Wer kann helfen 5000 Flüchtlinge zu integrieren?“ „Wer kann helfen 25 alte, einsame Menschen unserer Gemeinde zu besuchen?“ „Wer kann helfen im Kindergottesdienst?“ „Wer kann den Büchertisch übernehmen?“ Da sagt doch jeder erst einmal: „Warum gerade ich? Ich weiß einige, die besser geeignet wären! Was kann ich schon bewirken? Ich kann das gar nicht, habe keine Erfahrungen damit. Es meldet sich ja auch sonst keiner. Soll mal jemand anders anfangen. Wenn viele mitmachen, dann bin ich auch dabei!“

Und plötzlich diese eine kleine helle Stimme: „Ich hab was. Fünf Brote und zwei Fische. Ich kann helfen.“  Das ist vorbildlich. Mit so viel Vertrauen, kann Jesus etwas anfangen! Er kann unsere Gaben segnen über das Vielfache hinaus, wenn wir ihm etwas zur Verfügung stellen. Vielleicht war es das, was auch Philippus sehen sollte. „Sieh dir diesen einen an, der mir vertraut und der gibt, was er hat! Mit solchen Menschen, könnte man die Welt verändern!“

Andreas ist der Erste, den dieses Kind aus dem Kindergottesdienst oder dem Gemeindeunterricht oder der JaM mit seinem Glauben angesteckt hat. Lächerlich, was der Junge zu bringen hat. Aber Andreas stellt sich zu ihm, vertraut ihm, begleitet ihn, nimmt sein Angebot ernst. Da will sich ein Kind, ein Teen, ein Jugendlicher, einbringen, er will Gott dienen, er hat eine Idee! Und er findet einen Mentor, einen Begleiter, der ihn zu Jesus bringt, der mit ihm zusammen Jesus dient. Auch Andreas kann in dieser Geschichte ein Vorbild sein.

3. Brocken: Die Leute sollen sich in Gruppen setzen.

Ich habe in dieser Woche einen sehr schönen Film gesehen. Da haben Leute aus einer alten Kirche in Schweden die Bänke heraus genommen. Es kam ohnehin nur eine Handvoll alter Damen zum Gottesdienst. Und jetzt wurden Stühle im Kreis aufgestellt. Zuerst sieben, dann zwölf, dann zwanzig. Es kamen immer mehr zum Gottesdienst. Die Bänke waren weg. Man hat sich gegenseitig wahrgenommen. Der Pastor saß bei ihnen. Viele konnten zu Wort kommen, erzählen, ihre Fragen stellen. (Der Film „Wie auf Erden“ ist die Fortsetzung des Filmes „Wie im Himmel“, den sicher einige kennen.)

Jesus sieht den Jungen und Andreas und sagt seinen Jüngern: Alle sollen sich in Gruppen hinsetzen. Auch wenn alle Hunger haben: Es ist anders, wenn man den anderen dabei sieht. Sein Gesicht sieht. Hört, wie es ihm geht. Die Not des anderen kommt näher. Man sieht den Menschen. Auch der eigene Hunger wird anders geteilt. Nicht mehr 5000 Flüchtlinge, 5000 Suchtkranke, 5000 einsame Menschen in Kassel, 5000 Alleinerziehende, sondern fünf, oder zwei, deren Gesicht ich sehe, deren Geschichte ich kenne, deren Hunger ich spüre.

Ich weiß nicht, ob diese Geschichte das so deutlich sagen will, aber ich will es sagen: Wo ist deine Gruppe? Wo sind die Menschen, deren Geschichte du kennst, von deren Hunger du weißt, die dich mit deinem Leben kennen? Wer darf deinen Hunger sehen? Wo erlebst du das Bibelwort „Einer trage die Last des anderen, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen!“? (Gal 6,2) Du wirst nicht Teil des großen Ganzen wenn du nicht Teil einer kleinen Einheit bist. Ohne Gruppe bleibt man isoliert. Unter Tausenden. Wo ist deine Gruppe in der Gemeinde, in der dein Hunger und der Hunger anderer seinen Platz hat?

4. Brocken: Jesus soll unser König sein!

Die Leute haben sich hingesetzt. Jesus spricht ein Dankgebet für die fünf Brote und die zwei Fische. Er gibt es in die erste Gruppe und sie geben es weiter. Am Ende dann, nach dem Essen, als alle satt sind, da soll nichts umkommen. Es soll nichts verderben, sagt Jesus. Zwölf Körbe Brot werden am Ende gesammelt. Die können jetzt wieder verteilt werden.

Keiner der Evangelisten sagt, wie dieses Wunder passiert ist. Matthäus, Lukas und Johannes nicht.   Es bleibt ein Geheimnis. Und es bleibt allein Jesu Tat. Später wurde dieses Wunder eine Brotvermehrung genannt. Dann wäre es ein Naturwunder. Was passiert ist aber steht nicht im Text. Noch später hat man versucht, das Wunder zu erklären: Viele andere hätten wie der Junge ihre Reserven dabei gehabt. Viele hatten irgendetwas eingepackt. Niemand macht doch eine so lange Wanderung, ohne etwas zum Essen dabei zu haben. Alle holten es heraus, teilten es, und alle wurden satt. Dann wäre es ein soziales Wunder. Ein Brotverteilungswunder.

Das Wunder wäre nicht weg, aber es wäre anders passiert. Es hätte eine andere Aussage: Wenn jeder gäbe, was er hat, hätten alle Überfluss! Das stimmt bestimmt auch für unsere Gemeinde oder überall, wo viele Menschen zusammen sind. Die Liebe und die Freiheit zu teilen wäre dann das Wunder gewesen. Das hätte Jesus dann gewirkt.

Keiner erzählt, wie es zu so viel Brot kam. Aber alle erzählen, dass alle satt wurden. Und Johannes unterstreicht es deutlich: Jetzt wollte die Menge Jesus zum König machen! Das ist es doch, was Jesus wollte, oder? Ihr König sein! Oder? Die Menschen sagen: „Das ist der Prophet, den wir erwarten sollten. Das ist der Bote Gottes, von dem die Propheten gesprochen haben. Den brauchen wir.“

Jesus spürt des Volkes Seele. Und er haut ab. Ein Brotvermehrer zum König! Das wäre es doch! Bestimmt kann er auch Zeit vermehren oder Liebe. Heilen kann er auf jeden Fall auch. „Stellt euch vor, alle wären satt und alle wären gesund.“ Das Volk steht kurz davor, Jesus hochleben zu lassen, ihm zuzujubeln, ihn zu drängen, zu zwingen sagt Johannes sogar, ihr König zu werden. – Aber Jesus lässt sich nicht greifen. Er lässt sich nicht zwingen.

Den Menschen wäre es ums Brot gegangen, nicht um Jesus. Sie hätten an ihn geglaubt, weil es sich lohnt. Er sollte sie versorgen, bewahren, ihnen allen Hunger nehmen und alle Krankheiten. – Dann würden sie alle auf Wasser laufen können und den Winden gebieten. Jesus als Guru, als Vollender unserer Wünsche an das Leben. Sie wollten ihn zum König machen, damit er ihnen dient. Das Wunder sollte keine Ausnahme bleiben, sondern die Regel.

In den USA findet man manchen religiösen Unsinn ausgeprägter als bei uns. Vielleicht ist er auch nur ehrlicher. Die Bewegung des „Prosperity Gospel“ predigt,   dass man reich wird und erfolgreich, wenn man glaubt. Du willst gesunde Kinder, ein großes Haus und ein Auto, das immer läuft? Du willst Karriere machen? Dann glaube!“ Der Slogan des Prosperity Gospel lautet: „Pray – it pays!“ „Bete! – Es lohnt sich! – Für dich!“ Da wird Jesus zum Brotkönig gemacht.

Jesus selbst erklärt einigen am nächsten Tag, warum er abgehauen ist. Weiter hinten im Kapitel lesen wir ab Vers 26:

26 »Ich will euch sagen, warum ihr mich sucht: Ihr sucht mich nur, weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid. Aber was Gott euch durch die Wunder sagen will, wollt ihr nicht verstehen. 27Statt euch nur um die vergängliche Nahrung zu kümmern, bemüht euch um die Nahrung, die Bestand hat und das ewige Leben bringt. (...)
35 »Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungrig sein, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.

Johannes nennt wunder Zeichen. Wunder sind Zeichen. Sie wollen auf etwas oder jemand hinweisen.
Wunder sind Bindeglieder zwischen zwei Welten. Lichtblicke aus der Ewigkeit. Da gibt es kein Dauerlicht, sondern Gott lässt in seiner Gnade etwas aufleuchten; wie das Licht eines Leuchtturmes, das immer wieder kurz blinkt, um den Weg anzuzeigen. Wunder sind Wegweiser. Verkehrsschilder, auf denen steht, wo es lang geht. Nicht die Wunder sollen angebetet und bestaunt werden. Der sie gewirkt hat, er soll darin erkannt werden.

Nur kranke Hungrige würden einen Wegweiser verehren und bei ihm verharren, auf dem steht „McDonald 500 m“ oder „Imbiss 200 m“. Wunder fordern auf, zu Jesus zu gehen. Da ist er, der deinen Lebenshunger stillen will. Darum geht es. Geh zu ihm und suche nicht nur das Brot, von dem du heute satt wirst.

Wunder sind Zeichen, die auf eine große Kraft hinweisen. Schneeglöckchen sind auch solche Zeichen. Man sieht eins und freut sich: Der Frühling beginnt. Eine große, kommende diese Welt verändernde Macht bildet sich in einem kleinen Schneeglöckchen ab. Wer es herausreißt, das Schneeglöckchen in eine Vase stellt, es konservieren will, der hat das Zeichen nicht verstanden.

Jesus will uns nicht unser Brot vermehren, er will unser Brot sein!

  1. Philippus hat gerechnet, aber er hat nicht vertraut.
  2. Ein kleiner Junge gibt, was er hat, und er findet einen Mentor.
  3. Jesus lässt sich die Menschen in Gruppen setzen.
  4. Jesus lässt sich nicht zum Brotkönig machen.
    Er will das Brot unseres Lebens sein.

Ich schließe mit dem Ende einer anderen Predigt zu diesem Text. Heinrich Grüber war Pfarrer im Dritten Reich und in der Bekennenden Kirche im Widerstand gegen das Hitlerreich. Er war Häftling im Konzentrationslager Dachau und hat als Häftling Predigten für Häftlinge gehalten. Was predigt man im Elend zu Hungernden selber hungrig? Heinrich Grüber hat Jesus als das Brot des Lebens gepredigt. Er schließt seine Predigt so: (Gefunden in der Predigt von Detlef Reichert zum gleichen Text im Internet.)

„Du sollst Gott allein anbeten und ihm allein dienen. Wo das fehlt, da weicht Christus vor Menschen und Völkern und geht in die Einsamkeit. Wer einen Brotkönig haben will, der wählt nicht den gekreuzigten Heiland, sondern den, der in der Welt triumphiert. Wir, die wir aus seinen Händen genommen und gegessen haben,  müssen immer wieder zu dem kommen, der spricht: `Ich bin das Brot der Welt´."

Amen.

 
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