2. Tim 1, 6-10 Gottes Geist holt uns aus dem Loch.

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg
Pastor Norbert Giebel, 11.9.2016


2. Timotheus 1, 4-10 „Gottes Geist holt uns aus dem Loch!“

4 Wenn ich mich an deine Tränen erinnere, habe ich Sehnsucht, dich zu sehen, um mich wieder von Herzen freuen zu können; 5 denn ich denke an deinen aufrichtigen Glauben, der schon in dei-ner Großmutter Loïs und in deiner Mutter Eunike lebendig war und der nun, wie ich weiß, auch in dir lebt. 6 Darum rufe ich dir ins Gedächtnis: Entfache die Gnade Gottes wieder, die dir durch die Auflegung meiner Hände zuteil geworden ist. 7 Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagt-heit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.
8 Schäme dich also nicht, dich zu unserem Herrn zu bekennen; schäme dich auch meiner nicht, der ich seinetwegen im Gefängnis bin, sondern leide mit mir für das Evangelium. Gott gibt dazu die Kraft: 9 Er hat uns gerettet; mit einem heiligen Ruf hat er uns gerufen, nicht aufgrund unse-rer Werke, sondern aus eigenem Entschluss und aus Gnade, die uns schon vor ewigen Zeiten in Christus Jesus geschenkt wurde; 10 jetzt aber wurde sie durch das Erscheinen unseres Retters Christus Jesus offenbart. Er hat dem Tod die Macht genommen und uns das Licht des unvergäng-lichen Lebens gebracht durch das Evangelium.

Liebe Gemeinde,

„Gottes Geist holt uns aus dem Loch!“ habe ich die Predigt für mich überschrieben. Denn hier sitzt einer im Loch. Nicht nur gefühlsmäßig, nicht nur im übertragenen Sinn. In ein Gefängnis wurde er eingelocht. Unter falschen Anschuldigungen, nur weil er konsequent Christ war und einfach nicht den Mund gehalten hat. Im Gegenteil, er hat frei und offen von seinem Glauben geredet. Und jetzt sitz er im Loch. Der Paulus.

Der andere, um den es geht, der ist jung und frei. Der sitzt nicht im Gefängnis und kann sich frei bewegen. Aber der sitzt gefühlsmäßig im Loch. Er ist noch jung, der Timotheus. Er ist in vielem noch unsicher. Aber ihm wurde eine wichtige Aufgabe in der Gemeinde übertragen. Er ist noch keine 30 Jahre alt und schon Gemeindeleiter; oder so etwas Ähnliches. Er scheint nicht zu den Ältesten und Diakonen zu gehören, die Paulus in seinem Brief erwähnt. Aber Paulus hat ihn in Ephesus zurückgelassen, in der großen Stadt mit dieser bunten Gemeinde. Er soll der Gemeinde vorstehen, sie voranbringen, sie auf dem Kurs des Evangeliums halten.

Aber mach das mal als junger Mensch! Timotheus, nennen wir ihn Timo, also Timo ist noch nicht so erfahren. Er ist noch nicht so fest wie manch 50 oder 60-Jähriger. Die Verantwortung drückt ihn. Immer wieder. Die Gedanken kommen nicht zur Ruhe. Immer denkt er an die vielen Belange der Gemeinde. Er braucht doch selber noch Unterstützung! Er braucht Menschen, die für ihn sind. Andere, von denen er lernen kann. Das fällt ihm so schwer, wenn er spürt, dass ihn jemand ab-lehnt. Oder wenn er Fehler macht. Oder wenn jemand ihn nicht ernst nimmt, weil er doch noch so jung ist. Dann hängt er den ganzen Tag durch.

Timo soll vorstehen. Timo soll vorangehen. Dabei ist er selber verzagt. Timo kommt sich vor wie ein Clown. Nach außen muss er die Show aufrecht halten, fröhlich und freundlich sein, andere motivieren, fest sein, in Liebe reagieren, in Konflikten fair bleiben. Und innen drin ist er ganz klein. Seine Tränen sieht niemand. Er hat keinen, mit dem er über seine Probleme sprechen kann. Timo muss stark sein. Nur Paulus hat er von seinen Tränen geschrieben. Paulus weiß, wie es ihm geht.

Wie gut, wenn man so jemanden hat, einen Seelsorger, einen Mentor, jemand, der um meine Gaben weiß, der mich schätzt, aber bei dem ich auch mal heulen kann. Danken sie Gott, wenn sie so jemanden haben. Und bitten sie Gott, wenn sie so jemanden brauchen.

Eigentlich müsste Paulus ja getröstet werden. Er müsste verzagt sein. Paulus scheint Leiden anzu-ziehen wie ein Magnet kleine Eisenspäne. Das Leid fliegt auf ihn. Klebt an ihm. Er ist krank. Ver-mutlich eine Art Parkinson. Er kann keine Zeile mehr selber schreiben, er kann seine Hände nicht mehr ruhig halten. In seinem Volk, unter den Juden, da gilt er als Verräter. Sie verfolgen ihn. Das Reisen fällt ihm schwer. Was würde Paulus geben für eine Zweizimmerwohnung in Vellmar oder an der Fulda. Einfach mal zur Ruhe kommen. Seine Seele baumeln lassen. Das hat er sich ver-dient! Macht Paulus aber nicht! Er hat einen Auftrag! Er soll Menschen von Jesus Christus erzäh-len. Er soll den Menschen sagen, dass sie Kinder Gottes werden können. Darum reist er durch die ganze damalige Welt. Er war schon ein paar Mal im Knast. Im Cäsarea, in Ephesus und jetzt sitzt er in Rom ein. Mehrfach ist er schon verprügelt worden, dieser „behinderte Jude aus Tarsus“.

Es gibt Menschen, die scheinen das Leid geradezu anzuziehen. Eine Krankheit nach der anderen. Die Zeiten, in denen sie nicht im Krankenhaus sind, werden immer kürzer. Und dann haben sie noch Feinde. Familienstreit. Nachbarn. Gerichtsprozesse. So einer ist Paulus. Paulus sitzt im Loch. Äußerlich. Er schreibt auch von der Sehnsucht, Timo wiederzusehen. Er wünscht sich, dass es ihm einfach mal wieder gut ginge. Spaß macht sein Leben nicht. Aber Paulus scheint fest zu sein. Er hat einen Glauben in sich, eine Kraft, einen Frieden, eine Hoffnung, von der er noch abgeben kann.

Es ist immer wieder beeindruckend, finde ich, aber oft sind es Menschen, die selber viel zu tra-gen haben, die kein einfaches Leben haben, die mit Krankheiten leben müssen, die viel verloren haben, oft sind es sie, die andere ermutigen. Von Jesus getröstete Menschen sind die besten Tröster. So einer ist Paulus.

Was schreibt er seinem jungen Mitarbeiter Timotheus? Er erinnert ihn an seine Mutter und seine Großmutter. Die beiden waren für seinen Glauben wichtig. Sein Vater war kein Christ. „Der auf-richtige Glaube, den ich bei deiner Mutter und Großmutter wahrgenommen habe, der ist auch in dir lebendig!“ Ich weiß nicht, was für Bilder und Erinnerungen in Timo aufgestiegen sind. Viel-leicht die Festigkeit und Demut, die Treue der Mutter, ihre Gebete. Vielleicht die Weisheit und Weite der Großmutter. Ja, so glauben will er auch. So glauben kann er auch. „Dieser lebendige Glaube ist auch in dir“, schreibt sein Mentor Paulus.

Wie schön, wenn man Eltern oder Großeltern hat, an deren Glaube man sich erinnern kann. Stell dir vor, du denkst an deinen Vater oder deinen Großvater, und wie sie geglaubt haben, und das ermutigt dich heute noch, durchzuhalten. Wer solche Eltern oder Großeltern hatte, die ihm Vor-bild im Glauben sind bis ins eigene Erwachsenenalter hinein, der danke Gott. Das gibt es glaube ich selten. Paulus kann Timo an den Glauben seiner Mutter und Großmutter erinnern. Es wäre spannend zu wissen, an was sich unsere Kinder einmal erinnern, wenn sie im Leben verzagt sind und nur noch einen kleinen Glauben haben. Ob unsere Kinder dann auch einmal sagen: „So wie meine Oma, so wie mein Vater, so will ich auch glauben. Er ist Jesus auch treu geblieben. Sie hat auch durchgehalten. Ich bleibe auch fest!“?

Wie schreibt Paulus weiter? „Darum rufe ich dir ins Gedächtnis: Entfache die Gnade Gottes wie-der, die dir durch die Auflegung meiner Hände zuteil geworden ist!“ Das Wort „Gnade“ wird in anderen Übersetzungen wiedergegeben mit „Gabe“ oder „Gnadengabe“. „Entfache die Gnaden-gabe, die du einmal durch meine Handauflegung empfangen hast!“ Entweder spielt Paulus auf die Taufe an, da wurde mit Handauflegung gesegnet. Oder Paulus erinnert an den Segen, als Ti-mo in Ephesus in seinen Dienst eingesegnet wurde. Paulus erinnert Timo: Was du da in Ephesus machst, die Verantwortung, die du in der Gemeinde hast, das hast du dir nicht selbst ausgesucht, das machst du nicht, weil es dir gefällt, und du machst es nicht aus eigener Kraft. Gott hat dich eingesetzt. Er hat dich berufen. Und er hat dich begabt. Du hast da etwas in dir, was stärker ist! Du hast da etwas in dir, was dich aufrichtet. Du hast deinen Halt nicht in der äußeren immer wechselnden Situation deines Dienstes. Du hast deinen Halt in dir. Christus ist in dir. Sein Geist ist in dir.

„Entfache die Gabe wieder, die in dir ist!“ Das heißt nicht, du sollst deine eigenen Kräfte noch mehr mobilisieren, du sollst das Letzte aus dir heraus kratzen. Sondern, du sollst dich wieder auf Gott besinnen. Von ihm stärken, tragen, trösten, erfreuen lassen. Du sollst wieder mit Gottes Geist rechnen, der in dir ist. Du sollst wieder loslassen, dich loslassen, deine Aufgaben loslassen. Es hängt viel weniger von dir ab, als du meinst. „Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagt-heit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“

Was für einen Geist hast du in dir? Der Geist der Verzagtheit lässt mich mir selber klein vorkom-men. Er lässt mich zu mir sagen: „Ich bin unwichtig. Mich sieht keiner, mich hört keiner. Ich habe nichts zu sagen. Ich kann nichts bewegen. Ich darf nichts, ich will auch nichts mehr, ich ziehe mich zurück. Alle sind gegen mich.“ Der Geist der Verzagtheit sagt mir, dass es keinen Sinn hat, mich zu verändern. Er wendet meinen Blick ständig auf das, was nicht gut läuft, was nicht funkti-oniert, was einem nicht gelingen will. Einer ist nicht meiner Meinung, einer missachtet mich, und der Geist der Verzagtheit sagt: „Alle sind gegen mich.“

Auch was die Gesellschaft betrifft: Der Geist der Verzagtheit sagt: Es wird alles nur schlimmer. Es lohnt sich nicht, sich zu engagieren. Ich kann ja doch nichts tun. Der Geist der Verzagtheit re-giert an den Stammtischen. Er vergiftet die Herzen, nimmt den Mut, beschädigt die Liebe.

„Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit!“ Paulus erinnert Timo an den Heiligen Geist: Er gibt uns Kraft für unsere Aufgaben. Er gibt uns Liebe für die Menschen, mit denen wir zu tun haben. Liebe ganz zuerst für uns selbst! Er schenkt uns das rechte Maß.

Wie wäre es, wenn du wirklich einmal ganz am Ende bist, nicht mehr kannst, ausgebrannt bist, wenn du den Tag beginnen würdest und sagt: „Ich habe keine Kraft. Ich brauche heute auch keine eigene Kraft. Ich nehme immer nur die, die Gott mir gerade zur Verfügung stellt. So werde ich diesen Tag gut überleben.“

Wie wäre es, wenn du an dir selber verzweifelst und die am Morgen vornimmst: Heute werde ich so oft wie möglich daran denken und mich darüber freuen, dass ich geliebt werde. Heute nehme ich ein Vollbad in der Liebe Gottes. Alle anderen Gedanken schiebe ich in Ruhe beiseite. Heute soll Gott mir seine Liebe ganz bewusst machen.

Natürlich gibt der Geist der Liebe uns auch neue Liebe für andere Menschen. Geduld, Demut, Milde, Barmherzigkeit, Weisheit. Aber vielleicht bleibst du heute einfach mal bei dir. Nimm seine Liebe für dich an. Und so wirst du auch demütiger, liebevoller, barmherziger mit anderen Men-schen werden.

„Gott hat uns gegeben den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit!“ Besonnenheit galt in der hellenistischen Kultur weit über Griechenland hinaus als eine der höchsten Tugenden. Be-sonnenheit ist die „Kunst, das rechte Maß zu finden“. Wer das kann, der ist der Held. Der ist le-bensfähig. Das rechte Maß zu finden, das ist ungeheuer wertvoll. Bei fast allem kommt es auf das rechte Maß an. Wenn man die Worte abwägt in einem schwierigen Gespräch. Wenn man eine Reise plant. Wenn man plant, wie es für die Gemeinde weitergeht. Das rechte Maß finden zwi-schen Arbeit und Ruhe, zwischen Genuss und Abhängigkeit. Das Richtige tun für seinen Körper und für seine Seele. Das rechte Maß an Verantwortung finden und andere Dinge abgeben. Wohl dem, der ist glücklich, der das kann!

Das gesunde Maß ist kein Mittelmaß. Das ist etwas anderes! Das gesunde Maß meint nicht im-mer den Kompromiss in der Mitte! Es kann der volle Einsatz sein der das rechte Maß ist. Es kann eine scharfe Reaktion nötig sein. Besonnenheit hat viel mit Weisheit und Selbstbeherrschung zu tun, auch eine hohe griechische Tugend. Besonnenheit kann auch Verzicht bedeuten, etwas ganz zu lassen.

Timo ist verzagt. Paulus erinnert ihn an den Glauben und die Gaben und den Geist Gottes, der in ihm ist. Und so gestärkt fordert er seinen engsten Mitarbeiter auf: „Leide mit mir für das Evange-lium. Gott gibt dazu die Kraft: Er hat uns gerettet; mit einem heiligen Ruf hat er uns gerufen!“

Paulus sagt nicht: “Tu nur noch, was dir Spaß macht. Schmeiß die Brocken hin.“ Paulus sagt auch nicht: „Vertraue Gott und dem Geist der in dir ist und dann geht alles wie von selbst. Dann wird das Leben leicht. Paulus sagt: Leide mit mir für das Evangelium, denn Gott hat uns gerettet und berufen aus Gnade. Ihm zu dienen, Verantwortung im Reich Gottes zu übernehmen, das ist nicht leicht. Aber es lohnt sich und Gott gibt uns die Kraft dazu.

Ich weiß nicht, wer von uns heute im Loch sitzt. Wer ist es, der keine Sonne mehr sieht, der nicht mehr kann, der sich selber nicht mehr aus der Grube ziehen kann? Du hast das Vertrauen zu Gott in dir, das dich über Mauern springen lässt. Halte dir Menschen vor Augen, die fest im Glauben schwere Wege gegangen sind: Auch du hast diesen Glauben in dir. – Und du hast diesen Geist in dir, den Heiligen Geist. Auch du hast ihm empfangen bei der Taufe oder bei einer Segnung nach deiner Bekehrung. „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“

Amen.

 
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