1.Korinther 9, 24-27 "Auf die Plätze, fertig, los!"

Predigt von Stud. Theol. Josef Hölzel in Kassel-Möncheberg am 10.9.2016 zu
1. Korinther 9,24-27 „Auf die Plätze. Fertig. Los!“

24 Wisst ihr nicht, dass die, welche in der Rennbahn laufen, zwar alle laufen, aber einer den Preis empfängt? Lauft so, dass ihr ihn erlangt!
25 Jeder aber, der kämpft, ist enthaltsam in allem; jene freilich, damit sie einen vergänglichen Siegeskranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen.
26 Ich laufe nun so, nicht wie ins Ungewisse; ich kämpfe so, nicht wie einer, der in die Luft schlägt
27 sondern ich zerschlage meinen Leib und knechte ihn, damit ich nicht, nachdem ich anderen gepredigt, selbst verwerflich werde.

Absolute Stille. Nichts ist mehr zu hören. Die Sonne knallt grell und heiß auf die Laufbahn. Die Zuschauer recken ihre Hälse, um den optimalen Blick zu erhalten. Die Läufer stehen bereit, die Anspannung ist spürbar. Die Sekunden bis zum Startschuss erscheinen endlos lang. Jetzt entscheiden wenige Minuten über Sieg und Niederlage, Freude und Trauer, Ruhm und Versagen. Auf die Plätze. Fertig. Los! Der Startschuss ist gefallen, die Läufer sprinten los. Das Stadion tobt. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Es reißt die Zuschauer von den Sitzen. Die Läufer biegen auf die Zielgerade ein, die Spannung ist am Höhepunkt angelangt. Dann steht der Sieger fest, alle Last fällt von ihm ab. Er wirft seine Arme in die Luft. Die Menge schreit seinen Namen. Alle Schinderei und Entbehrungen haben sich gelohnt. Er ist endlich am Ziel.

Die erste Szene hat sich so ähnlich sicher auch heute Vormittag hier in Kassel so abgespielt. Wir kennen sie auch von verschiedenen Sportereignissen, die im Fernsehen übertragen werden und vielleicht hat der ein oder andere ja auch schon selbst eine solche Erfahrung gemacht. Auch die zweite beschriebene Szene können wir uns gut vorstellen.

Paulus, das können wir mit großer Wahrscheinlichkeit sagen, war nicht der große Sportler seiner Zeit, auch wenn er auf seinen Reisen körperlich sicher an seine Grenzen gekommen war. Aber er schien sich gut im sportlichen Geschehen der damaligen Zeit ausgekannt zu haben. Sicherlich war er ein interessierter Beobachter von sportlichen Veranstaltungen. So ist es möglich, dass Paulus ca. 51.n.Chr. bei seinem Aufenthalt in Korinth die Isthmischen Spiele verfolgen konnte und dabei solche Erfahrungen machte, wie ich sie gerade beschrieben habe. Diese fanden alle 2 Jahre vor den Toren Korinths statt und waren durchaus vergleichbar mit einer heutigen Leichtathletik Weltmeisterschaft. Sie besaßen eine große Tradition und waren von besonderer Bedeutung. Paulus kannte diese Wettkämpfe und er wusste, wie sie funktionieren. Und daher wählt er diese Vergleiche aus der Sportwelt für den Bibeltext auch nicht von ungefähr, wenn er sich an die Menschen aus der Sportstadt Korinth wandte. Diese hatten scheinbar ein sehr genaues Bild vor Augen und wussten alle von was er da sprach.

Er verwendet zwei Bilder aus der Sportwelt, um der Gemeinde in Korinth etwas deutlich zu machen: den Sprint und den Boxkampf. Zwei Wettkämpfe bei denen es am Ende nur einen Sieger geben kann. Bei denen am Ende Verlierer zurückbleiben. Es war wahrscheinlich bei den genannten Spielen sogar so, dass beim Sprint am Ende nur der Erste ausgezeichnet wurde und der Zweite und Dritte nichts erhielten. Das ist ja das schlimme manchmal am Sport. Der Zweite ist der erste Verlierer. Wenn ich euch jetzt fragen würde, wer bei den diesjährigen Olympischen Spielen den 100m Lauf gewonnen hat, dann könnten einige sicher mit Usain Bolt antworten. Aber der Zweite? Da wird es schon eng. Schon die jüdischen Gelehrten kritisierten dieses System immer wieder. Warum nutzt also Paulus dennoch diese scheinbar ganz und gar unchristlichen Bilder als Vergleiche für die Situation der Christen in Korinth? Dieser Frage möchte ich gern mit euch auf den Grund gehen.

Zuerst ist die Frage zu klären: Was ist der Wettkampf, den die Christen in Korinth bestreiten? In welcher Sportstätte tragen sie ihn aus? Blickt man hinter die Kulissen des Korintherbriefes, dann bemerkt man, dass es sich ganz viel um die Lebensführung von Christen handelt. Die Gemeinde hatte viele, meist ganz praktisch orientierte Fragen an den Apostel, die er in diesem Brief versucht zu beantworten. Wie ist das mit der Kollekte? Wie sollen wir mit Ehescheidung umgehen? Wie steht es um die Geistesgaben und was ist mit Götzenopferfleisch? Die Liste ist lang und vielfältig. Zudem war die Gemeinde von verschiedenen Gruppen und somit unterschiedlichen Meinungen geprägt. Das Ringen des Paulus um Einheit in der Gemeinde ist an vielen Stellen deutlich. Es wird klar: das Leben als Christ ist nicht automatisch einfacher und von allen Sorgen befreit, wenn man nur erst einmal Christ ist. Es bleiben dennoch Herausforderungen und Fragen, die es zu bewältigen gilt. Das Leben erscheint dann manchmal wie ein Wettkampf, wie ein Kämpfen und Ringen, damit es gelingt, auch in der Gemeinde. Und manchmal gibt es auch das Gefühl, dass man versagt hat, genauso wie es Momente der großen Freude gibt. Ich bin davon überzeugt, dass jede Gemeinde diese Themen hat, bei denen man sich nicht einig ist. Nicht nur die Gemeinde in Korinth. Die Sportstätte, in denen wir unsere Wettkämpfe als Christen austragen ist also manchmal die Gemeinde.

Die Sportstätte/unsere Arena ist aber nicht nur die Gemeinde, sondern auch der Platz, den wir, den ich persönlich einnehme: im Beruf, in der Uni und in der Gemeinde. Überall wo ich Menschen begegne bin ich nach diesem Vergleich von Paulus in einer Laufbahn. Das ist meine Laufbahn, auf der ich mich bewege.
Doch was ist das Ziel, auf das wir hinleben? Die Sportler der Antike unterwarfen ihr ganzes Leben für dieses eine Ziel: den Siegerkranz zu erhalten. Ich habe gelesen, dass es sich bei diesem Preis auch um einen Kranz aus verwelkten Sellerieblättern handeln könnte. Und dafür trainierten Menschen viele Monate, verzichteten um des Sieges willen auf die schönen Dinge des Lebens. Bevor ein Wettkampf anstand, musste jeder Sportler sich auf diesen langfristig vorbereiten. Zu einem guten und zielgerichteten Training gehört auch eine dem Ziel angemessene Lebensführung. Im olympischen Eid erklärte jeder Wettkämpfer, dass er innerhalb der zehnmonatigen Vorbereitungszeit auf Fleisch, Wein und Geschlechtsverkehr verzichten wird. Alles wurde dem Erfolg untergeordnet.

Für den Sportler ist das Ziel klar: er möchte am Ende den Sieg erringen und der Beste sein, damit sich all die Arbeit auch gelohnt hat. Am Ende kann es nur für einen den Preis geben. Paulus schreibt das sehr schön: alle laufen, aber nur Einer kann gewinnen. Nun hören die Gemeinsamkeiten mit dem Sport aber wirklich auf, denn: für die Christen ergibt sich nun aber eine Besonderheit, welche im völligen Gegensatz zu den sportlichen Wettkämpfen steht. Einer gewinnt und alle anderen bleiben auf der Strecke ist ja auch wirklich kein christlicher Gedanke! Lauft so, dass IHR in erlangt schreibt Paulus. Er meint also nicht nur einen einzelnen Menschen, sondern alle in Korinth. Wir werden auf jeden Fall den Preis erhalten! Einen unvergänglichen Kranz werden wir erhalten sagt der Text. Und das steht in einem krassen Gegensatz zu allem, was einen Wettlauf auszeichnet. Keine Bestmarke, keine Medaille ist für die Ewigkeit. Irgendwann kommt immer jemand, der alles übertrumpft und noch einmal besser war, als alle vor ihm. Der Preis der Christen ist aber für die Ewigkeit, denn er ist die Ewigkeit.

Natürlich zeichnet Gott nicht nach unserem Leben jeden Einzelnen aus und sagt: „Du hast eine Goldmedaille verdient und du nur einen Blumenstrauß“. Nein, wer Gott vertraut und sich ihm zuwendet, bekommt das ewige Leben und keine verwelkten Sellerieblätter.

Dieses Ziel steht jedem der Christ wird vor Augen. Und uns ist auch klar, dass wir dieses Ziel nicht erreichen werden, indem wir besonders schnell laufen, oder uns besonders gut gegen die anderen durchsetzen. Ich glaube nicht, dass Paulus hier seine ganze Gnadentheologie in Frage stellt. Wir können uns immer noch nicht selbst retten und andere schon gar nicht.

Was heißt es nun, so zu laufen, damit wir den Preis erhalten? Was heißt es für einen Christen auf ein Ziel zuzulaufen? Heißt das, wir müssen uns nach einer bestimmten Ethik richten, die einen Christ als solchen identifiziert? Sollen wir uns in Askese und Enthaltsamkeit stürzen, um einen möglichst großen sichtbaren Unterschied zwischen den „Nichtchristen“ und uns zu zeigen? Dann würde diese „christliche Leben“ auf der Erde hier ja wirklich zu einem Wettkampf werden und es gäbe ein „besser“ und „schlechter“. Das ist eine große Gefahr und Möglichkeit diesen Text zu missverstehen. Er sagt nicht, dass wir wie Wettkämpfer leben sollen, die unbedingt einen Platz im Himmel haben wollen, oder das wir uns besonders gut verhalten sollen.

Ich glaube, dass Paulus etwas ganz Gegensätzliches im Sinn hat. Es gibt eine schöne olympische Geschichte, die das etwas illustriert. Wir schreiben das Jahr 1908 und die Olympischen Spiele in London. Alles ist angerichtet für den Marathonläufer Dorando Piertri, der mit großem Vorsprung in das Londoner White City Stadium einläuft. Er hat nur noch 350m zu laufen, als er mehrmals zusammenbricht und sich kaum noch erheben kann. Immer wieder versucht er es, aber er schafft es nicht. Unter Hilfe von Schiedsrichtern und Ärzten schafft er es ins Ziel. Aufgrund dieser Unterstützung wird er anlässlich zwar disqualifiziert, aber er erhält einen goldenen Pokal von der Queen für besonders kämpferische Leistungen.

Nach den harten Maßstäben des Marathons und aus dem Blickwinkel der Sportler hat er nichts errungen oder geschafft. All seine Mühen waren umsonst. Das Ziel wurde also „nicht wirklich“ erreicht. Doch Paulus wäre das egal. Ihm geht es darum, dass wir und die anderen überhaupt das Ziel erreichen. Und das schaffen wir eben nicht, wenn wir ein asketisches Leben um unser selbst Willen leben, oder einen ethischen Katalog anlegen, an den sich jeder Christ halten muss. Wir sollen nicht als Schiedsrichter am Rand stehen und dabei zuschauen, wie der Marathonläufer es nicht schafft und zusammenbricht, sondern wir sollen ihm unter die Arme greifen, sodass er wieder aufstehen kann und notfalls sollen wir ihn eben bis in das Ziel tragen. Ja, wir sollen uns Dingen enthalten. Und zwar wenn sie uns davon abhalten, dass wir die Menschen um uns herum im Blick haben. Wenn sie uns dazu bringen, dass wir uns nur um uns selbst drehen und den Blick nur stur auf unserer Laufbahn haben. Wenn sie uns davon abhalten gemeinsam das Ziel zu erreichen.

Christ sein bedeutet hier nicht, dass ich einfach in meiner Bahn bleibe, den Blick starr auf das Ziel gerichtet. Es bedeutet nicht, dass mir die Welt und alles was so passiert egal werden soll, weil ich ja eh nur noch auf die Ewigkeit hinlaufe. Denn dann laufe ich ganz für mich alleine und verfehle das Ziel. In diesem Lauf geht es auch darum zu schauen, wo die anderen bleiben. Das Evangelium soll einen Einfluss auf unser tägliches Leben haben. In unserem Umgang mit den Menschen um uns. Zielgerichtet laufen bedeutet, dass dieses Ziel, ein ewiges Leben mit Jesus, das ich als Geschenk erhalten habe auch jetzt schon in meinem Alltag eine Rolle spielt.

Der Text wird an dieser Stelle eine Aufforderung an mich. Ich muss mich fragen, wie ich mein Leben gestalten kann, sodass ich die Menschen um mich herum stützen kann. Das kann also bedeuten, dass ich in der Gemeinde für Menschen bete, die es nicht leicht haben. Menschen die zweifeln, die krank sind. Das kann manchmal aber auch ganz praktische Unterstützung bedeuten. Vielleicht ist es auch an der Zeit die eigenen Interessen an irgendeiner Stelle mal zurückzustellen, weil ich sonst anderen Menschen damit schade. Es kann auch bedeuten, dass ich an meinem Arbeitsplatz, in meinem Studienjahrgang oder in meiner Klasse gnädig mit Menschen umgehe, die sonst Ablehnung erfahren.

Der Vergleich mit dem Boxkampf macht mir dann noch eine andere Ebene deutlich. Für alle Dinge, die wir Menschen erzählen und auch für unser Leben, dass wir führen, haben wir eine Verantwortung. Paulus boxt nicht mit den Menschen, denen er das Evangelium gepredigt hat, sondern er schlägt sich selber. Er hat erhebt nicht zuerst den mahnenden Zeigefinger bei anderen Menschen, sondern er schaut auf sich selbst. Wir sind ja leider oft schnell im Urteilen, ob jemand richtig als Christ lebt. Ob er denn richtig läuft und sich auch richtig vorbereitet. Der Text sagt mir auch, dass ich zuerst die Verantwortung für mein eigenes Leben habe.

Wenn Paulus umherreiste und von der großen Gnade Gottes predigte, dann muss er auch in dieser Gnade leben. Das was er predigt, muss mit seinem Leben übereinstimmen. Jesus macht uns frei von der Sünde, doch auch Paulus ist klar, dass wir dies auf dieser Erde noch nicht endgültig schaffen können. Daher gleicht dieses Leben auch manchmal einem Boxkampf. Und dieser Boxkampf ist immer wieder nötig, damit wir uns klarmachen: Wir leben unter der Gnade Gottes und unter dieser Gnade bestreite ich das Rennen meines Lebens. Die Worte von Paulus scheinen sehr hart gewählt gegen sich selbst. Aber ihm ist wichtig: die Maßstäbe, die ich anderen anlege, gelten auch für mich. Das vergessen wir Christen ja manchmal gerne. Das ist eine große Verantwortung und sollte auch zur Vorsicht im Umgang mit unseren Worten und Taten führen. Es darf nicht vergessen werden: „Lauft ihr aber so, dass ihr ihn erringt!“

Was passiert, wenn ich zu Fall komme, wenn ich es nicht schaffe meinen Mitmenschen so ein Nächster zu sein, wie sie es vielleicht bräuchten? Wenn ich merke, dass mein Leben nicht so toll verläuft und ich mein Ziel aus den Augen verloren habe? Auch der beste Sprinter fällt einmal, oder legt einen Fehlstart hin.
Als ich in der Grundschule war, gab es einmal im Jahr das große Sommersportfest. Ich war nicht der beste Leichtathlet, aber im Ausdauerlauf hatte ich immer eine Chance. Das war mein Ding. Während des Rennes merkte ich, dass ich den dritten Rang auf der Ziellinie nicht verteidigen konnte. Ich gab alles, aber es würde wohl nur der vierte Rang werden. In diesem Moment war das für mich eine riesige Enttäuschung. Wenigstens hier wollte ich doch Erfolg haben! Neben der Ziellinie sah ich vor dem Zieleinlauf schon meine Mutter stehen, die schon auf mich wartete und ich lief direkt zu ihr durch. In ihren Armen fand ich dann etwas Trost. Jahreslosung, war da was?

Wieder eine kurze Geschichte, die einen Aspekt zeigen soll: wir laufen nicht nur auf das Ziel zu und strecken uns danach aus, ohne wirklich etwas schon davon zu merken. Nein, das Ziel wirkt schon jetzt auf uns zurück. Wenn wir nach einer Niederlage, oder einem Sturz den Blick heben, dann bemerken wir, dass Jesus da nicht nur mit verschränkten Armen auf uns wartet und die Zeit misst. Nein, er feuert uns an. Er sorgt für Stärkung auf dem Weg, er macht uns Mut. Und wenn es nötig ist, dann gibt er uns Trost, auch vor der Ziellinie, oder er kommt zu uns hin, um uns die letzten paar Meter zu stützen.

Wir laufen kein Ausscheidungsrennen, bei dem jemand auf der Strecke bleibt, sondern wir laufen unter der Gnade, die heute schon gilt und die uns dieses Rennen überhaupt möglich macht.

Daher bleibt mir jetzt nichts mehr zu sagen (nur leicht abgewandelt), wie es Jenny im Film „Forrest Gump“ ruft: „Lauft, ihr Christen, lauft!“ oder eben „Auf die Plätze. Fertig. Los!“

Amen

 
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