Apg 2, 41-47 Gottes Traum von Gemeinde

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Evangelisch – Freikirchliche Gemeinde Kassel-Mönchebergstraße
Pastor Norbert Giebel, 27.11.2016

Apostelgeschichte 2, 41-47 „Gottes Traum von Gemeinde!“

Liebe Gemeinde,  

ich habe eine nette kleine Fabel gefunden; die Fabel von den »Stachelschweinen«, und die geht so:

Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage recht nahe zusammen, um sich durch die gegenseitige Wärme vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wenn nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, sodass sie zwischen beiden Leiden hin- und hergeworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten. 

Die Fabel erfunden hat der Philosoph Arthur Schopenhauer. So geht es in der Gesellschaft zu, meinte er. Wie die Stachelschweine, so treibt es auch die Menschen zueinander. Man wolle die innere Leere durch Gemeinschaft füllen. „Aber“, so schreibt Schopenhauer, „ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte.“  

So sind wir Menschen. Das ist normal. Jeder probiert bei dem anderen, wie nahe er ihm kommen kann, ohne seine Stacheln zu fühlen. Sobald der andere uns piekt mit seinen Macken oder seiner Eigenart gehen wir wieder auf Distanz. Jeder Mensch entscheidet, mit wem er was zu tun haben will und wen er wieder abblitzen lässt. Das ist normal. – Gut getroffen von Schopenhauer.

In der Apostelgeschichte lesen wir einen anderen Entwurf, wie Menschen zusammen leben. Es sind die Christen, nach Pfingsten, erfüllt vom Heiligen Geist, begeistert von etwas ganz Großem. Lukas schreibt, wie sie zusammengelebt haben: Apg 2, 41-47:

41 Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und an diesem Tage wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen. 42 Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. 43 Es kam aber Furcht über alle Seelen und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. 44 Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. 45 Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. 46 Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen 47 und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.

Apostelgeschichte 2 war ein prägendes Kapitel für die Gründer der Baptisten vor über 180 Jahren. Da hat man die Gemeinde nach dem Neuen Testament gefunden.Die Predigt von Jesus Christus angenommen haben, sie haben sich taufen lassen. „Sich taufen lassen“ ist im Griechischen übrigens kein Passiv. Die Griechische Sprache kennt Aktiv, Passiv und Medium. Aktiv ist, was ich selber tue: ich taufe. Passiv ist, was an mir getan wird: Ich werde getauft. Medium ist, was ich an mir tun lasse. Sowohl der Täufling als auch der Täufer sind dabei aktiv. „Jeder lasse sich taufen“ heißt „Jeder lasse an sich geschehen, was Jesus ihm schenken will!“

Also: Wer zum Glauben gekommen ist, der lässt sich taufen. Das hat den Gründern des Baptismus genauso gefallen wie der letzte Satz:  „Und der Herr tat täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.“ Die Gemeinde Jesu ist eine Gemeinde der Glaubenden, der Getauften, der Geretteten. Das ist die Überzeugung aller evangelischen Freikirchen.

Aber zwischen dem ersten und letzten Satz unseres Textes steht noch viel mehr! Was ist das für eine ideale Gemeinde, die Lukas beschreibt? Das ist die Gemeinde, wie Gott sie sich erträumt, wie Jesus sie gemeint hat, wie Gottes Geist sie bis heute wirken will:

Menschen, die zur Gemeinde gehören, sorgen füreinander. Sie teilen nicht nur etwas, sie teilen ihr Leben miteinander. Die Christen in Jerusalem verkauften ihre Güter, ihre Immobilien, was sie sonst noch hatten, wenn andere in Not waren. Jeder bekam das, was er brauchte. Wie kann man sonst von Liebe reden, wenn die einen neue Mäntel kaufen und die anderen frieren? Wie kann man von Liebe reden, wenn die einen satt werden und die anderen hungern? Schon Jesaja hat gepredigt, dass Gott die Opfer und Gottesdienste seines Volkes nicht gefallen. Sie sollen mit Hungrigen ihr Brot teilen und die ohne Obdach in ihre Häuser aufnehmen. Was wäre das für eine Liebe, wenn die einen in zehn Räumen wohnen und die anderen auf der Straße? Die ersten Christen waren ergriffen von der Liebe Gottes. Sie waren erfüllt vom Heiligen Geist. Sie haben ihr Leben miteinander geteilt.

Sie trafen sich täglich im Tempel, schreibt Lukas, und in ihren Häusern. Kleingruppen, Hausgemeinden, ein verbindliches überschaubares Miteinander gehörte wesensmäßig zur Gemeinde dazu. Unverzichtbar. Wie soll man sich sonst gegenseitig tragen, sich ergänzen, füreinander sein, wenn man sich nicht kennt? Gemeinsame Mahlzeiten waren ein Kennzeichen ihrer Gemeinschaft. Auch darin waren sie Nachfolger Jesu, denn er hatte mit den verschiedensten Leuten zu Tisch gesessen. Tischgemeinschaft als Kennzeichen der ersten Christen. Und sie waren im Volk beliebt, weil sie sich auch der Nöte andere Menschen annahmen, weil ihre Liebe an der Gemeindegrenze nicht aufhörte. „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, hat Jesus als das höchste Gebet bezeichnet.

Sie blieben in der Lehre, im Brotbrechen, im Gebet. Sie fürchteten Gott und sie erlebten Zeichen und Wunder! .... Alles Schnee von gestern? ... Wo ist dieses Miteinander, wie der Heilige Geist es formen will? Die Lutheraner feiern 500 Jahre Reformation. Martin Luther hat die Rechtfertigung allein aus Glauben erkannt! Das ist gut. Wir feiern heute unseren Gemeindegeburtstag. Die Baptisten haben die Taufe und die Gemeinde der Glaubenden erkannt. Das ist auch gut. Aber in der Lehre der Apostel zu bleiben, wie Lukas es hier nennt, das ist doch wohl, weiter auf Gottes Wort hören, weiter darin lesen, sich weiter verändern, sich anstecken lassen von dem, was Gott für einen Traum von Gemeinde hat, wie Jesus sich Gemeinde gedacht hat, wie der Heilige Geist Menschen zusammenführen will.

Peter Lincoln, Pastor in Hannover, er hat etwas bitter formuliert, wie Gemeinde heute aussieht:
„Alle aber, die gläubig geworden waren, wohnten voneinander getrennt und hatten kaum etwas gemeinsam. Sie fingen an, Güter und Habe zu horten und diejenigen, die etwa nötig hatten, wurden vernachlässigt. Sie trafen sich einmal in der Woche zum Gottesdienst und die besonders Frommen noch in einem Bibelkreis. Danach zogen sie sich in ihre Häuser in den Vororten zurück und führten einen Lebensstil, der sich von dem ihrer Nachbarn in keinem Punkt unterschied. Von den Nichtchristen wurden sie völlig ignoriert; ihre Zahl wurde täglich weniger.“

Gott segne die vielen Feiern zum Reformationsjubiläum. Aber was gäbe es zu feiern, wenn Reformation nur eine Sache der Vergangenheit wäre. Sind wir Christen heute noch zu reformieren? Das ist doch die Frage. Sind wir noch in der Lage, dass Gottes Geist uns etwas ganz Neues, Fremde ans Herz legt, und dass wir daraufhin leben?

„Unmöglich!“ haben die Katholiken damals gesagt, als Luther seine Thesen an die Wittenberger Kirchentür schlug. „So geht Kirche nicht!“ – Und es geht doch. Seit 500 Jahren. „Unmöglich!“ haben die Evangelischen gesagt, als die Täufer anfingen, Erwachsene zu taufen, als die Baptisten ihre Gemeindearbeit begonnen haben. „So geht Kirche nicht!“ – Und es geht doch, seit 400 Jahren in England und seit 180 Jahren in Deutschland. „Unmöglich!“ sagen wir heute, wenn wir die Bibel lesen. „So kann man Gemeinde nicht leben!“ Das war früher so. Heute gibt es diese Liebe, diese Begeisterung, diese Freiheit zu lieben und zu teilen nicht mehr.

Viele Forscher fragen heute, ob das wirklich in den Anfängen damals alles so gewesen ist, oder ob Lukas die Anfänge nicht idealisiert hat. Bei Stachelschweinen funktioniert das jedenfalls so nicht, wie wir von Schopenhauer wissen. Stachelschweine gehen schnell wieder auf Distanz. Der natürliche Mensch ist zu einer solchen Gemeinschaft nicht in der Lage.

Ich glaube, es war so, wie Lukas schreibt, oder es ging zumindest alles in diese Richtung. Später schreibt Lukas von einem Ehepaar, Hananias und Saphira, die als große Gönner in der Gemeinde aufgetreten sind und in Wahrheit nur daran dachten, ihr Vermögen auf die Seite zu schaffen. Sie vertuschten ihre Vermögensverhältnisse. Sie wollten nicht teilen. Sie wollen ganz in der Welt und im Himmel leben sozusagen. So ideal waren die christlichen Anfänge also auch nicht. Aber tatsächlich ist es das Ideal, was Lukas hier beschreibt. Niemand kann sagen, „so war es damals bestimmt gar nicht, also kümmern wir uns heute auch nicht darum“.

Der katholische Theologe Fulbert Steffensky schreibt dazu: „Die Geschichte ist nicht erzählt, weil es so war, sondern weil es so sein soll.“ Das ist Gottes Vision von Gemeinde. In der Gemeinde Jesu liegt diese Kraft, eine solche Gemeinde zu sein, immer wieder dahin aufzubrechen und zu erleben, was auch die ersten Christen erlebt haben. Der gelesene Text könnte so eine Art Gemeindespiegel sein. Eine Vision, an die man die aktuelle reale Gemeinde anlegen kann und auf die hin man sie verändern kann. Man könnte einen Fragebogen entwickeln.

FOLIE: Wie sieht es aus mit der Lehre?
(Es erscheinen jeweils das Stichwort und eine Tabelle zum Ankreuzen von 1-6)

Lesen wir in der Bibel? Lassen wir unser Leben und unsere Gemeinde von Gottes Wort her befragen? Wie stark sind wir da? Welche Note würden wir unserer Gemeinde geben? Wo sind die Orte, wo wir Impulse aus Gottes Wort bekommen?

FOLIE: Wie sieht es aus mit unserer Gemeinschaft? Haben wir ein vorbildliches Miteinander? Sind wir eins in Christus? Jung und Alt, mit unterschiedlichen Kulturen, mit verschiedenen Meinungen zu allerlei, aber eins in Christus? Halten wir zusammen? Kennen wir uns? Wollen wir das überhaupt? Es wäre nicht gut, eine Gemeinde aus Gruppen zu sein, wo die Einheit fehlt. Seniorengruppen, die sich nicht für die Jugend interessieren. Studenten, denen die Alten egal sind. Welche Note werden wir uns geben? Eine drei vielleicht?

Aber ohne Gemeindegruppen, ohne Hauskreise, ohne persönliche Kontakte für jeden Einzelnen geht es auch nicht. Welche Note würden wir uns geben? Wer saß schon einmal bei anderen mit am Tisch? Wer hat ein offenes Haus? Welche Note würde Jesus uns geben, wenn Jesus so etwas überhaupt machen würde! Aber wo stehen wir, wenn wir an diese Sehnsucht Jesu denken, die er einmal formuliert hat: „Daran wird die Welt erkennen, dass ihr meine Jünger seid, dass ihr Liebe untereinander habt!“ (Joh 13) Sind wir eine Gemeinde nach dem Neuen Testament, oder haben unsere Väter nur einiges Große erkannt, was wir heute noch feiern und auf das wir heute noch stolz sind?

FOLIE: Wie sieht es mit dem aus, was Lukas mit Brotbrechen meint? Das Brotbrechen steht nicht nur für das Abendmahl. Jede Mahlzeit mit anderen zusammen konnte so bezeichnet werden. Am Anfang jeder Mahlzeit wurde verbunden mit einem Gebet das Brot gebrochen. Und auch das Abendmahl war ja in den Anfängen mit einer Mahlzeit verbunden. Das Abendmahl wurde in den Häusern gefeiert: Regelmäßig Gemeinschaft mit Christus am Tisch! Das Abendmahl ist das Zeichen für den geteilten Alltag am Tisch des Herrn. Wie wichtig ist uns die Tischgemeinschaft Jesu?

FOLIE: Wie sieht es mit dem Gebet in der Gemeinde aus?

Sind wir eine betende Gemeinde? Erwarten wir etwas vom Gebet? Ich denke aber nicht nur an die Fürbitte. Jesus hat sich täglich zurückgezogen und die Stille gesucht. Leben wir aus dem Gebet? Ist das Gebet unsere Kraft? Man hat die Christen auch „Die Stillen im Lande!“ genannt. Ach wäre das schade, wenn wir Christen nur still wären! Das aber haben die Mystiker oder die Pietisten, die diese Bezeichnung positiv für sich verwendet haben, auch nicht gemeint. Sondern, dass die Stille ihre Kraft ist! Dass das Gebet ihre Mitte ist! Dass Jesus ihre erste Freude ist! .... Welche Note würden sie unsere Gemeinde geben?

FOLIE: Wie sieht es aus mit unserer Gottesfurcht?

„Sie fürchteten Gott!“ schreibt Lukas. Das ist eigenartig. Bei uns ist es doch eher so, dass wir uns freuen, dass wir ganz aus dem Häuschen sind, wenn wir hören und begreifen, dass Gott uns liebt! Das ist ja auch so. Die ersten Christen haben mit Freude und Jubeln ihre Mahlfeiern gefeiert. Aber sie haben nicht vergessen, dass es der Heilige Gott ist, der sie liebt, dass sie Gott nun gehören und ihm gehorchen.

FOLIE: Wir erleben Wunder!

Gott führt uns wunderbar. Wir beten erwartungsvoll und wir erleben wunderbare Zeichen der Liebe Gottes. Wunder können wir nicht machen. Da gibt es auch kein Rezept. Aber vielleicht können wir fragen: rechnen wir mit Gottes Eingreifen?

FOLIE: Wir teilen miteinander!

Welches Leitbild prägt uns eher? Der Text von Peter Lincoln aus Hannover: Sie fingen an, Güter und Habe zu horten und diejenigen, die etwa nötig hatten, wurden vernachlässigt. Oder der Text von Lukas: „Sie teilten was sie hatten, wenn einer etwas nötig hatte!“

FOLIE: Wie sind es mit der Diakonie aus,
mit unserer sozialen Verantwortung, mit unseren Liebesdiensten? Wo sind wir engagiert für Menschen in Not? Bringen wir nur die Bibel oder bringen wir auch Brot? Hat unser Stadtteil, haben unsere Nachbarn Grund, für uns dankbar zu sein? Wo nehmen sie uns wahr? Sehen sie etwas von der Großzügigkeit Gottes an uns?

FOLIE: Zieht unser Miteinander Menschen an?

Sind wir eine evangelistische Gemeinde, die offen ist für neue Menschen. Zieht unsere Gemeinschaft Menschen an. Erleben wir diese Art von Gemeinschaft, die Gottes Geist schenken will? Gehen wir auf Menschen zu, erfahren auch schwierige Personen oder leidende Menschen, dass sie bei uns angenommen sind, akzeptiert, ganz herzlich aufgenommen? Oder gehen wir Distanz, wenn wir sehen, dass Menschen auch Stachel haben? Wollen wir nur die Glatten, die sich schnell bei uns einfügen?

FOLIE mit 10 PUNKTEN

Wir können die Gemeinde an diesen Traum von Gemeinde anlegen. Aber es kann auch jeder sich fragen: Wo bleibe ich hinter Gottes Traum von Gemeinde zurück? An welchem Punkt will Jesus mich weiterbringen? Und auch für mich gilt: Bin ich noch reformierbar? Ja! Ich glaube Gott bleibt dran an seinem Volk und an seinen Menschen. Gottes Geist hilft uns, neue Wege zu gehen. Er will und kann uns erneuern und uns in alles hineinführen, was Jesus für uns vorbereitet hat.

Wir haben jetzt Zeit zu beten. Für uns persönlich oder für die Gemeinde. Ich lasse die zehn Punkte noch einmal auf den Bildschirmen stehen. Wenn Sie mögen, nutzen Sie sie zunächst für ihr persönliches Gebet. Wo macht Gott sie auf etwas aufmerksam? An welchem Punkt möchte Gott sie vielleicht besonders ansprechen? Wo wollen Sie ihn um Erneuerung bitten? Wir beginnen die Gebetszeit mit einer Stille. Ich werde nach einer Zeit dann die hörbare, laute Gebetsgemeinschaft öffnen.

 
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