Lukas 3, 1-14 Eine Stimme in der Wüste

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Mönchebergstraße
Norbert Giebel, 3. Advent, 11.12.2016

Lukas 3, 1-14 Gott spricht in der Wüste: Kehrt um oder ihr kommt um!

1 Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Gouverneur von Judäa, Herodes regierte als Tetrarch in Galiläa, sein Bruder Philippus in Ituräa und Trachonitis, Lysanias in Abilene; 2 Hohepriester waren Hannas und Kajafas. Da bekam Johannes, der Sohn des Zacharias, in der Wüste von Gott seinen Auftrag.  3 Er durchzog die ganze Jordangegend und rief die Menschen dazu auf, umzukehren und sich taufen zu lassen, um Vergebung der Sünden zu empfangen. 4 So erfüllte sich, was im Buch des Propheten Jesaja steht: »Hört, eine Stimme ruft in der Wüste: ›Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet seine Pfade!‹ 5 Jedes Tal soll aufgefüllt und jeder Berg und jeder Hügel abgetragen werden. Krumme Wege müssen begradigt und holprige eben gemacht werden. 6 Und die ganze Welt soll das Heil sehen, das von Gott kommt.« 7 Die Menschen kamen in großer Zahl zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. Doch er sagte zu ihnen: »Ihr Schlangenbrut! Wer hat euch auf den Gedanken gebracht, ihr könntet dem kommenden Gericht entgehen? 8 Bringt Früchte, die zeigen, dass es euch mit der Umkehr ernst ist, und denkt nicht im Stillen: ›Wir haben ja Abraham zum Vater!‹ Ich sage euch: Gott kann Abraham aus diesen Steinen hier Kinder erwecken. 9 Die Axt ist schon an die Wurzel der Bäume gelegt, und jeder Baum, der keine guten Früchte bringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.« 10 Da fragten ihn die Leute: »Was sollen wir denn tun11 Johannes gab ihnen zur Antwort: »Wer zwei Hemden hat, soll dem eins geben, der keines hat. Und wer etwas zu essen hat, soll es mit dem teilen, der nichts hat.« 12 Auch Zolleinnehmer kamen, um sich taufen zu lassen; sie fragten ihn: »Meister, was sollen wir tun13 Johannes erwiderte: »Verlangt nicht mehr von den Leuten, als festgesetzt ist.« 14 »Und wir«, fragten einige Soldaten, »was sollen wir denn tun?« Er antwortete: »Beraubt und erpresst niemand, sondern gebt euch mit eurem Sold zufrieden!«

Liebe Gemeinde,                                                                  

Adventszeit ist Wüstenzeit. Das ist uns lange schon verloren gegangen. Bei uns sind die Wochen vor Weihnachten Zeit für Christstollen und Lebkuchen. Früher war die Adventszeit eine Buß- und Fastenzeit. Die Gläubigen bereiteten sich auf das Kommen Jesu vor: Wie kann man sich darauf einstellen? Was ist eine angemessene innere Haltung? Was bedeutet es, ihn, der kommt, schon jetzt Herr meiner Tage sein zu lassen? Das braucht doch Besinnung, Rückzug, eine heilige Konzentration, wenn man sich diesen Fragen stellen möchte.

Adventszeit ist Wüstenzeit. Johannes hat sich in die Wüste zurückgezogen. Das ist mehr als eine Ortsangabe. Die Wüste galt als ein Ort, an dem Gott spricht. Wer in die Wüste geht, um dort für sich zu sein, der sucht Gott und der wird ihn finden. Viele Klöster bieten heute so genannte Wüstentage an, für Menschen, die einmal rauskommen wollen aus ihrem Alltag, aus allem, was sie sonst so treibt, und Zeit und Ruhe haben wollen für sich und für Gott. Die Wüste ist der alternative Ort der Gottesbegegnung. Hier ist es nicht laut und bunt wie im Tempel. Hier werde ich nicht mitgerissen vom Treiben irgendwelcher Menschen. Hier bin ich ganz bei mir und ganz bei Gott. Die Wüste ist aber auch der Ort der Anfechtung. Hier kommen meine Ängste hoch, meine Oberfläche wird zerbrochen, mein Bild, das ich von mir habe, wird befragt. Alle Gefühle, alle Gedanken kommen nach oben. Nichts kann noch unterdrückt werden.

Gott sprach zu Johannes, als er in der Wüste war! Das ist kein Zufall. Man hört Gott am besten, wenn man ganz bei sich und ganz bei ihm ist. Und dann, nach der Zeit in der Wüste, konnte Johannes aufbrechen. Er hat Klarheit bekommen für sei Leben. Er wusste, was zu tun ist. Er ist stark geworden. Jetzt hatte er einen klaren Auftrag. Wann haben wir unsere Wüstentage in unserem Leben?

Lukas datiert das Auftreten des Johannes ganz genau. „Es war im fünfzehnten Jahr von Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Gouverneur in Judäa, Herodes regierte in Galiläa, .... Hohepriester waren Hannas und Kajafas.“ Auch die jüdischen Geschichtsschreibung kennt Johannes den Täufer. Er wirkte in den Jahren 27-29 nach Chr. Lukas datiert Johannes und damit auch das Auftreten Jesu sehr genau. Bei uns würde das so klingen: „Es war in dem Jahr als Trump in den USA gewählt wurde, im 13. Jahr Putins in Russland, Angelika Merkel war für die vierte Kanzlerkandidatur aufgestellt und Dr. Schnell SPD-Vorsitzender in Kassel. ... Da hat Gott zu den Menschen gesprochen.“ Auch in Kassel.

Johannes geht an den Jordan. Überall dort in der Gegend sagt er weiter, was er von Gott gehört hat. Lukas fasst seine Predigt in einem Satz zusammen: Kehrt um, lasst euch taufen, Gott will euch vergeben!“ Das ist eine gute Nachricht. Gott will vergeben. Aber um diesem gnädigen Gott zu begegnen, sollen sich die Menschen Gott zuwenden. Für beides ist die Taufe das Zeichen: Für Gottes Vergebung und dafür, dass Menschen ihr Leben nach ihm ausrichten. Buße oder Umkehr oder Bekehrung nennt Johannes das.

Lukas nennt Johannes den Sohn des Zacharias. Er ist auch der Sohn von Elisabeth. Elisabeth ist eine ältere Verwandte von Maria, der Mutter Jesu. Das Leben von Johannes und das Leben von Jesus, sie sind von Anfang an miteinander verflochten. Sie sind verwandt und sie sind geistesverwandt: Beide sind überzeugt, dass Menschen ohne Umkehr, ohne Bekehrung den gnädigen Gott nicht sehen werden.

Johannes redet streng zu seinen Judengenossen. „Kehrt um oder ihr kommt um!“ könnte man seine Predigt auch zusammenfassen. „Ihr Schlangenbrut!“ spricht er seine Hörer an. Die Schlange steht für den Versucher, für den Bösen. Johannes hätte auch sagen können „Ihr Kinder des Teufels“. Dem Teufel seid ihr auf den Leim gegangen. Ihm dient ihr. Er reitet euch. Wie Adam so habt auch ihr seine Lügen geglaubt!“

„Wir sind Kinder Abrahams!“ entgegnen seine Hörer. „Wir sind nicht irgendwer. Wir sind Erben der Verheißung. Wir haben Gott auf unserer Seite. Wie könnten wir Kinder des Teufels sein?“

Johannes nimmt ihre Gegenrede vorweg und antwortet gleich darauf: „Sagt nicht ‚Wir sind Kinder Abrahams‘! Gott kann sich aus diesen Steinen neue Kinder schaffen!“ „Bringt Früchte, die zeigen, dass es euch mit der Umkehr ernst ist!“ fordert Johannes. „Geht los, fangt an, hört auf, geht neue Wege, zeigt, dass ihr euer Tun Gott unterstellen wollt!“

„Die Axt ist schon an die Wurzel der Bäume gelegt!“ sagt Johannes. „Jeder Baum, der keine Früchte bringt, wird abgehauen!“ „Warum glaubt ihr denn, dass ihr Gottes Gericht entkommen werdet!“ Johannes ist kein Nikolaus oder Knecht Ruprecht oder Weihnachtsmann, der seinen Stock oder seine Rute nur zum Spaß zeigt aber dann doch nur Geschenke zu verteilen hat. Gott wird kommen als Richter! So wird er diese Welt zurecht bringen.

Gott bringt seine Gnade und seine Herrschaft, wer sich ihm aber entgegengestellt, der wird gerichtet. Das ist die Botschaft des Johannes. So ernst ist die Lage. – Gott will sozusagen vor sich selbst retten, vor seiner Heiligkeit, vor seiner Gerechtigkeit. – Gott will endlich Taten sehen, Früchte nennt Johannes sie, Früchte der Buße. Jetzt ist Schluss mit billigen Bekenntnissen und leeren Worten. – Adventszeit ist Wüstenzeit. Adventszeit ist Entscheidungszeit. Bevor du die Wüste verlässt, überlege dir, wie du fortan leben wirst.

Das Verrückte ist: Viele Menschen kommen und sie lassen sich taufen. Die Menschen kommen und stehen Schlange. Sie glauben Johannes. Sie erkennen sich selbst.  Sie erkennen, wie krank und faul und weit weg von Gott ihr Leben ist. Sie sehnen sich nach Erneuerung. Sie sehnen sich nach Gott, nach einem neuen Leben mit ihm, und sie lassen sich taufen.

Solche Untertauchungen waren im Judentum bekannt. Die Essener, eine jüdische Gruppe am Toten Meer, sie haben sich jeden Morgen selbst getauft durch Untertauchen. Noch heute reinigen sich jüdischen Frauen in der Mikwe durch Untertauchen. Die modernen Mikwen sehen fast aus wie Taufbäder. Johannes nutzt also ein gebräuchliches Bild, eine bekannte Handlung, in der Menschen ihre Umkehr und den Wunsch nach Vergebung, nach Reinigung durch Gott, festmachen können!

Eine christliche Taufe ist die Johannestaufe noch nicht. Da sind sich alle einig. Die Taufe des Johannes ist eine reine Bußtaufe. Er konnte aber noch nicht auf den Namen Jesu Christi taufen.   Er wusste noch nichts vom Kreuz Jesu. Und er wusste noch nichts vom heiligen Geist, der in der christlichen Taufe dem zugesprochen wird, der Buße tut. Petrus ruft Pfingsten zur christlichen Taufe auf. Sie ist nicht allein eine Umkehrtaufe. In seiner Predigt heißt es dann: “Kehrt um, lasst euch taufen zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr die Kraft des Heiligen Geistes empfangen!“

Johannes tauft Menschen, die mit Gott ein neues Leben anfangen wollen. Und er beruft sich dabei auf den Propheten Jesaja. Vor Jahrhunderten hat Jesaja Johannes angekündigt: »Hört, eine Stimme ruft in der Wüste: ›Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet seine Pfade!‹ 5 Jedes Tal soll aufgefüllt und jeder Berg und jeder Hügel abgetragen werden. Krumme Wege müssen begradigt und holprige eben gemacht werden. 6 Und die ganze Welt soll das Heil sehen, das von Gott kommt.«

Jesaja sprach von einem Prediger in der Wüste. Er sprach davon, dass Menschen sich auf das Kommen Gottes vorbereiten sollen. Und er sagte, dass dann die ganze Welt – nicht nur Israel – den lebendigen Gott erkennen wird. Es ist nicht so, dass Gott nicht käme, wenn wir ihm den Weg nicht vorbereiten. Er kommt auf jeden Fall. Wir brauchen du können nichts dazutun, dass er kommt, aber wir sollen und können jetzt schon tun, was er dann tun wird: Barmherzig sein. Gnädig sein. Liebe üben. Demütig sein. Geduld mit anderen Menschen haben.

Als Johannes fertig ist mit seiner Predigt, gehen die Leute nicht gleich nach Hause. Sie bleiben. Sie wollen wissen, was sie tun sollen. „Was sollen wir tun? fragen sie den Wüstenprediger. Na, jetzt wird es aber eine Breitseite geben. Jetzt kommen die großen Horrorforderungen. Das ist gefährlich, das diesen Mann zu fragen, der sein ganzes Leben auf seine Verkündigung eingestellt hat. „Was sollen wir tun?“ Nach dieser Predigt erwartet man Großes. „Zieht euch warm am: Jetzt redet der Heilige Gott!“

Und Johannes beginnt: „Wer zwei Hemden hat, der gebe dem eins, der keins hat.“ „Wer zu Essen hat, gebe dem Essen ab, der keins hat!“ Na, das ist ja ganz einfach. Das sind ja Alltäglichkeiten, fast Selbstverständlichkeiten. Wie könnte ich den Schrank voller Klamotten haben und andere frieren? Wie könnte ich satt sein und andere hungern lassen? Da braucht man ja nur die Augen offen halten, sich von Menschen anrühren lassen, bereit sein, zu helfen, zu teilen.

Man könnte auch sagen: „Wer ein Auto hat, der nutze es, um andere zu fahren, die kein Auto haben. Vielleicht um andere abzuholen zum Gottesdienst. Oder sie irgendwo hinzubringen. Oder: Wer zwei gesunde Arme hat, wer handwerklich geschickt ist, wer Zeit hat anderen zu helfen, der helfe denen, die zwei linke Hände haben, die ungeschickt sind, die sich nicht selber helfen können. Oder: „Wer laufen kann, der besuche die, die nicht mehr laufen können.“ „Wer Familie hat, der besuche die, die einsam sind.“

Mich erinnert das an die Gerichtsrede Jesu. Denen, die sein Urteil hören werden, denen sagt er: „Ich war krank, ihr habt mich nicht besucht!“ „Ich war nackt, ihr habt mich nicht gekleidet!“ „Ich war hungrig, ihr habt mich nicht gespeist!“ „Ich war im Gefängnis, ihr habt mich nicht besucht.“ „Ich war durstig – vielleicht nach Gerechtigkeit oder nach Freundschaft oder nach Friede – ihr habt euch nicht für mich eingesetzt!“

Unter denen, die von Johannes getauft werden wollen, sind auch sehr umstrittene Leute, sehr umstrittene Berufe, Männer, die mit den Römern zusammen arbeiten. Denen wird Johannes doch sagen, dass sie ihren Beruf aufgeben müssen, oder? – Den Zolleintreibern sagt er: „Nehmt nicht mehr, als festgesetzt ist.“ Wirtschaftet nicht in die eigenen Taschen. Übervorteilt die Menschen nicht. Den Soldaten sagt er: „Brandschatzt nicht, vergewaltigt nicht, schützt die Wehrlosen und Unbewaffneten.“ Wörtlich: „Beraubt und erpresst niemand, sondern gebt euch mit eurem Sold zufrieden!“ Das ist doch zu machen! Zu anderen Berufen würde er vielleicht sagen: Betrüge nicht. Sei ehrlich. Nutze deine Vorteile nicht gegen andere aus.

Adventszeit ist Wüstenzeit. Zeit der Einkehr und Besinnung. Dass Jesus kommt, das ist gewiss. Und er möchte uns dabei antreffen, wie wir tun, was ihm entspricht. Vielleicht sollten wir ihn einfach mal ernst nehmen und anfangen.

Martin Buber, ein jüdischer Philosoph, Martin Buber hat gesagt: „Die große Schuld des Menschen sind nicht seine Sünden, die er begeht – die Versuchung ist mächtig und seine Kraft ist gering; die große Schuld des Menschen ist, dass er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann und nicht tut!“

Jeder von uns könnte heute noch, oder morgen, so viel Gutes tun. Warum nicht einfach anfangen bei dem, was wir wissen, was Gott uns bewusst gemacht hat.

Umkehr ist möglich! Das kennt doch wohl jeder: Ich fahre auf der Autobahn. Ich will nach Stuttgart. Erst 30 oder 40 km zu spät merke ich: Ich fahre immer noch Richtung München, ich habe das Kreuz verpasst. Was tun? Nächste Abfahrt runter und dann zurück in die richtige Richtung. Umkehr ist möglich!

Amen.

 
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