Jesaja 30, 15-18 Kraft durch Stille

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg

Norbert Giebel, 8.1.2017

Jesaja 30, 15-18 Kraft aus der Stille

Liebe Gemeinde,

schlafen am Arbeitsplatz ist gesund! Ich weiß nicht, ob noch jemand die Sendung gesehen hat und sich daran erinnern kann. Vor einiger Zeit gab es eine Reportage über Ruheräume am Arbeitsplatz. „Kleines Lob auf den Büroschlaf“ oder so ähnlich hieß die Sendung. Schlafforscher haben herausgefunden, dass Menschen viel effektiver arbeiten, wenn sie mitten am Tag einmal zehn bis fünfzehn Minuten geschlafen haben.  Die Leistungskurve und die Konzentration würde höher gehalten werden, wenn man seinen Mitarbeitern die Möglichkeit zu einem keinen Nickerchen gäbe. Tatsächlich haben einige große Firmen oder auch das Rathaus in Berliner-Charlottenburg Ruheräume eingerichtet. Während der Arbeitszeit dürfen sich Mitarbeiter zurückziehen und werden nach max. 15 Minuten durch einen Wecker wieder geweckt.

Darum geht es heute in der Predigt. Gott weiß, dass wir Ruheräume brauchen. Gott weiß, dass es uns nicht gut tut, immer durchzuarbeiten. Gott weiß, dass es für uns lebensnotwenig ist, unseren Gedanken und Sorgen regelmäßig loszulassen. Gott ist unzufrieden mit den Ruhegewohnheiten seines Volkes, weil ihr Aktionismus ihnen ihr Vertrauen nimmt und sie dann das Falsche tun. Sie haben keine Hoffnung mehr. Sie drehen hohl. Sie treffen Entscheidungen, ohne auf ihn zu hören. Sie haben keine Kraft mehr, weil sie nicht mehr still vor ihm sind.

Ich lese Jesaja 30, 15-18:

15 Denn so spricht Gott der HERR, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, dann würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht 16 und sprecht: »Nein, sondern auf Rossen wollen wir dahinfliegen«, – darum werdet ihr dahinfliehen, »und auf Rennern wollen wir reiten«, – darum werden euch eure Verfolger überrennen. 17 Denn euer tausend werden fliehen vor eines Einzigen Drohen; ja vor fünfen werdet ihr alle fliehen, bis ihr übrig bleibt wie ein Mast oben auf einem Berge und wie ein Banner auf einem Hügel. 18 Darum harrt der HERR darauf, dass er euch gnädig sei, und er macht sich auf, dass er sich euer erbarme; denn der HERR ist ein Gott des Rechts. Wohl allen, die auf ihn harren!

Liebe Gemeinde,

das Volk Gottes ist in eine große Krise geraten, weil sie nicht stille waren, nicht vertraut haben, nicht auf Gott gehofft haben. Jesaja hatte sie gewarnt. Israel war von den Assyrern abhängig geworden. Jerusalem konnten sie nicht einnehmen, aber sie mussten den Assyrern mit ihrem Herrscher Sanherib Tribut zahlen. Hiskia, König in Jerusalem, ihm schmeckte das nicht. Sicher auch dem Volk nicht. Man musste etwas tun. Hiskia und seine Berater suchten Kontakt zu den Ägyptern. Sie hatten schnelle Pferde und viele Streitwagen. Jesaja fordert den König auf, abzuwarten, Gott zu vertrauen, kein Bündnis mit Ägypten einzugehen. Hiskia hört nicht auf ihn. Hiskia hört auf seine Berater, er hört auf sein Volk, aber er nimmt sich keine Zeit, um auf Gott zu hören. Hiskia zettelt einen Aufstand an. Er verweigert Sanherib seine Abgaben. Die Assyrer fackeln nicht lange. Sie überrennen das Land und stehen wieder vor Jerusalem. Die verbündeten Ägypter werden vernichtend geschlagen.

Das ist die Situation. Eigentlich schon zu spät. Das Kartenhaus ist schon zusammengefallen. Der König und sein Volk, sie haben ihre Kraft verloren. Sie liegen am Boden. Darum sagt Jesaja ihnen: „Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht und sprecht: »Nein, sondern auf Rossen wollen wir dahinfliegen«“

In den Versen vor unserem Predigttext vergleicht Jesaja das Volk mit einer Mauer, die Risse hat. Weil sie nicht innegehalten haben, weil sie nicht still waren, haben die Risse große Löcher in die Mauer gerissen.   Sie zerbröckeln in ihre Einzelteile, es zerreißt sie, dass sie nicht still sein konnten. Bis die Mauer am Ende ganz zusammengefallen ist.

Gott ist nicht zufrieden mit dem Ruheverhalten seines Volkes. Damals nicht und heute nicht. Behaupte ich. Gott sieht die Risse in ihrer Kraft, in dem, wie sie arbeiten. Er sieht die Risse in ihrer Fassade, die sie immer noch aufrechterhalten. Und er will sein Volk bewahren, dass die Risse am Ende nicht die ganze Mauer, das ganze Volk, den ganzen Mitarbeiter einstürzen lassen, nur weil sie die Ruheräume Gottes nicht genutzt haben.

Die einen im Volk Gottes jammern und haben Angst. Ihre Sorgen fressen sie auf. Würden sie umkehren, Buße tun über ihre innere Haltung, würden sie die Stille suchen, dann bekämen sie Kraft, Stärke, Hoffnung für ihre Lebenssituation. Aber sei wollen nicht, sagt Jesaja. Die anderen arbeiten ohne Aufhören und arbeiten nicht mehr effektiv. Sie merken ihren inzwischen leeren Aktivismus gar nicht. Sie sehen nicht, was dran ist. Sie haben keine Prioritäten mehr. Sie arbeiten über ihre Kraft und sie sehen auch die Risse schon. Aber sie hören auf keine Mahnung. Bis ihre Mauer, ihre Kraft ihre ganze Liebe zu dem was sie tun, einstürzt.

Jahwe im Alten Testament, Christus im Neuen Testament, wer sollte ihre Mitte sein. Aber wenn sie ehrlich sind, haben sei ihre Mitte verloren. Eine Aktion jagt die nächste. Wir sollten erfüllt sein von Gott. Wir sollten erfüllt sein und staunen über seine Macht und Liebe. Von uns sollten Ströme des lebendigen Wassers ausgehen. Und wir sind selbst ausgetrocknet.

Jesaja verwendet auch in den Versen vorher noch ein anderes Bild. Er sagt seinem Volk, dass die Stille scheut und Gott nicht mehr vertraut: Ihr werdet sein wie ein Krug, der auf den Boden fällt und in so viele kleine Scherben zerspringt, dass man mit keiner auch nur noch ein wenig Wasser schöpfen könnte.

König Hiskia muss etwas tun, dachten seine Berater. In unserer Kultur heute ist es noch viel mehr so, dass Leistung zählt. Multitasking wird gefordert. Mehrere Dinge gleichzeitig tun. Auch in unseren Gemeinden. Bestimmt haben sie sie auch schon gesehen, skaterfahrende Mütter und Väter mit Kinderwagen. Ich nehme sie einmal als Bild für unsere Kultur heute: Sie zischen auf Inlineskatern durch die Stadt, nebenher läuft der Hund, den sie gleichzeitig Gassi führen. Mit der linken Hand versuchen sie ins Handy zu sprechen während sie mit der Rechten den Kinderwagen lenken. Vorne am Wagen hängt die Tüte vom Metzger, bei dem sie gerade waren. Jetzt geht es noch zur Apotheke, dann zum Bäcker. Und in 20 Minuten müssen sie zuhause sein, weil dann ein wichtiger Anruft auf sie wartet.

Nehmen sie ein oder zwei Teile weg. Streichen wir den Hund und das Handy. Dann ist es doch genau das, wie viele von uns leben, oder? Und innerlich ist man dann oft gar nicht da, wo man gerade ist. Man hat immer mehrere Eisen im Feuer. Der Kopf oder die Gefühle sind „nicht vor Ort“. Schon gar nicht ist man in der Lage in dem ganzen Stress auf Gott zu hören. Dabei käme man durch Anhalten schneller voran!

Aber ihr wolltet nicht!“ sagt Jesaja. Wie kann das sein? Warum haben Menschen Angst vor der Stille? Warum denkt man, eine Stunde Fernsehen oder eine Flasche Bier bringt mir mehr, als mal bei Gott einfach still zu sein. Zu hören. Ihn ans Steuer zu lassen. – Es gibt ein Plakat von der Deutschen Verkehrswacht, das um uns zu warnen einen Autofahrer zeigt, der zugleich steuert, isst, telefoniert und die Zeitung liest. Und darunter steht die Frage: ‚Und wer fährt?'

In der Gewohnheit und Erwartung, immer möglichst viel zu schaffen und möglichst auch gleichzeitig, werden Menschen oberflächlich! Sie vergessen viel. Sie antworten nicht auf Emails, WhatsUps oder Einladungen. Es ist einfach alles zu viel. Wichtiges wird nicht mehr erkannt. Sie scheinen anderen zuzuhören, vergessen dann aber doch worum der andere gebeten hatte. Ohne Stille werden wir Menschen mit einer langen To-Do-Liste und die Hauptsache ist, dass wir schnell überall einen Haken ranmachen. Wir möchten keine Stille, wir möchten „auf schnellen Rennern dahinfliegen“!

Noch ein Bild das Jesaja verwendet, hier am Ende unseres Textes. „Ihr werdet alle fliehen, bis ihr übrig bleibt wie ein Mast oben auf einem Berg und wie ein Banner auf einem Hügel.“ Wie eine nackte Stange auf einem Hügel werden wir enden, wenn wir die Ruheräume Gottes umgehen. Leblos und bewegungsunfähig werden wir stehen auf dem Hügel unserer Aufgaben, oder auf dem Hügel unserer Erfolge, unserer Karriere, oder auf dem Hügel unserer Sorgen oder unseres Stolzes, vielleicht sogar frommen Eitelkeiten. – Was wir alles geschafft haben! Und jetzt stehen wir einsam herum.

Bei allem hier geht es nicht um eine Stille, die das Tun vergisst. Nicht Ruhe statt Aktivität. Nicht Gebet statt Gehorsam. Es geht um eine Stille, in der wir uns selber erkennen, in der wir Gott erkennen, in unserem Leben, seine Bewegung, wo er hin will. Es geht um Zeiten mit Gott, in denen wir werden, was wir sein sollen. Dann tun wir auch das Richtige.

Paulus schreibt den Ephesern, was ich glaube, wozu die Stille dient: (vgl. Eph 1, 17-19)

„Gott (...) gebe euch den Geist der Weisheit (...), dass ihr ihn erkennt. Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, wie reich ihr in ihm seid (frei übertragen) und wie überragend groß sich seine Macht an uns, die wir glauben, zeigen will (...).“            

Stille? Wie geht das?

        Wer die Stille sucht, muss den Lärm ausschließen.

        Er oder sie wird sich an einen Ort begeben, an dem er sich konzentrieren kann.

        Äußerliche Stille hilft zur inneren Stille.

        Das Handy bleibt ausgestellt. Ich bin nicht erreichbar. Ich bin jetzt mal nur für Gott erreichbar.

        Zuerst wird es laut. Es ist so viel da, was unterdrückt wurde an Ängsten, Wut, Trauer, Verletzung, Sehnsucht, Zweifel.

        Jetzt werden sie mir bewusst und ich bin bei Gott dabei.

        Vielleicht kommen Tränen, vielleicht fehlen mir endlich mal die Worte, mit denen ich mich und andere ständig beruhigt habe.

        Wer still wird, lässt seine Welt mal für eine Zeit in Gottes Hand. Er tut nichts. Er mischt sich nicht ein. Er atmet aus und atmet ein, ohne gleich zu fragen, wozu.

        Wer still ist, flieht nicht aus seiner Welt. Genau andersherum. Er bringt sie Gott. Er erlebt, wie Gott ihm in seiner Welt begegnet.

        Wer still ist, flieht nicht zu Gott, er holt Gott auf die Erde, finde ich. Oder es ist vielleicht beides: Ich komme zu Gott, erkenne ihn, und er kommt zu mir. Er öffnet mir die Augen meines Herzens, dass ich den Reichtum sehe, den ich in ihm habe.

        Wer still ist, muss nicht nur schweigen. Er kann auch neue Worte finden. Kann endlich seine Gefühlen Namen geben.

        Still sein ist eine Haltung der Demut, des Vertrauens, der Einheit mit Christus. Ich liefere mich aus und nehme ihn an.

        Ich würde die echte Stille, das Schweigen, in seinem Wert nicht unterschätzen.

        Aber man kann auch ein einfaches Lied singen, einen Psalm lesen und ihn nochmal lesen und nochmal lesen oder in einem Gebetsbuch lesen.

In einigen großen Firmen also und auch in einem Berliner Rathaus wurden Ruheräume eingerichtet. Auch geistliche Ruheräume müssen eingerichtet werden. Sie ergeben sich nicht einfach so. Das muss man wollen und sich darauf vorbereiten. Auch zu einem Arzt, oder zum Sport oder zum Einkaufen geht man ja nicht zufällig, spontan und unvorbereitet. Man nimmt sich Zeit, geht an einen bestimmten Ort, hat sich darauf eingestellt.

Eine eigene Aufgabe wäre es noch neben der persönlichen Stille Ruheräume in der Gemeinde einzurichten. Räume zum Auftanken. Wo man erlebt, dass mein guter Hirte mich zum frischen Wasser führt und auf grüne Auen.

  • Einfache Anbetungsabende vielleicht. Ohne großen Aufwand.
  • Der Ostergarten, den wir ab März wieder haben werden, könnte ein Raum der Stille sein, wenn man alleine durchgeht, Ruhe hat, sich Zeit nimmt, an einen Ort setzt, betet, den Weg Jesu mit ihm teilt.
  • Segnungsangebote im Gottesdienst, in der Stille ein Kreuzzeichen auf die Stirn zu bekommen.
  • Vielen fällt es leichter, in einer Gruppe still zu werden, wenn andere im gleichen Raum auch still werden und bei Jesus sind.

Schlafforscher haben festgestellt, dass viele effektiver arbeiten, wenn sie sich mitten am Tag 10-15 Minuten hingelegt haben. Der Volksmund sagt es im Sprichwort: „In der Stille liegt die Kraft!“ Und Gott sagt, und Jesaja sagt: „Durch Stillesein und Vertrauen (so die neue Lutherübersetzung 2017) würdet ihr stark sein!“

Und Jesaja schließt unseren Text ab, in dem er sagt:

„Der Herr wartet sehnlichst auf den Moment, an dem er sich euch wieder zuwenden kann. Er will seine Macht zeigen und sich über euch erbarmen. (...) Wie glücklich sind alle, die ihre Hoffnung auf ihn setzen!“

Ich lade euch jetzt ein, still zu sein, jeder für sich vor Gott, nur zwei Minuten lang, dann wollen wir gemeinsam beten.

 
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