Lukas 10, 38-41 Marta und Maria

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg 26.02.2017

Predigt Pastor Norbert Giebel

Lukas 10, 38-41 Marta und Maria

38 Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf.39 Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. 40 Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! 41 Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. 42 Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

Liebe Gemeinde,

Beten oder Arbeiten, das ist doch die Frage, oder? Jesus kommt mit seinen Jüngern nach Bethanien, nahe bei Jerusalem. Und dann jagt ein Skandal den nächsten. Der erste Skandal ist schon mal, dass 13 Männer im Haus einer Frau unterkommen. Sie wohnt dort mit ihrer Schwester Maria. Ihr Bruder Lazarus ist nicht dabei. 13 Männer im Haus einer Frau, das war sicher etwas Besonderes und vielleicht in den Augen mancher Nachbarn alles andere als schicklich.

Jesus ist nun also bei ihnen zuhause. Bei beiden Schwestern reagieren sehr unterschiedlich: Marta geht in die Küche. 13 Männer verpflegen und beherbergen, das ist auch für eine geübte Gastgeberein eine Herausforderung. Marta heißt Herrin übersetzt. Sie muss eine besondere Frau gewesen sein, denn kaum eine Frau hat damals ein Haus besessen. Vielleicht war sie geschäftstüchtig oder  sie war Witwe und hat das Haus von ihrem Mann geerbt. Fleißig war sie auf jeden Fall. Zupackend. Schnell in Entscheidungen. Umsichtig. Was sie in die Hand nahm, das klappte auch. Sie sieht, was zu tun ist. Sonst hätte sie es nie so weit gebracht. Jesus ist da und Marta fängt also an ihm zu dienen. „Komm Herr Jesus sei du unser Gast!“ betet sie sozusagen. Aldi und Lidl gab es nicht, keinen Supermarkt, keine Kühltruhen. Jetzt musste geschlachtet, gebacken, Gemüse gereinigt und gekocht werden. Vielleicht stand ihr noch eine Magd zur Seite, in jedem Fall aber alles läuft auf Hochtouren! Jesus und seine Jünger hören Töpfe und Pfannen aus der Küche. Und sie riechen den Lammbraten. Das wird ein gutes Essen!

Maria, Martas Schwester, fehlt in der Küche. Sie reagiert anders darauf, dass Jesus da ist.Sie sitzt zu seinen Füßen und hört ihm zu. „Zu den Füßen von jemandem sitzen“ bedeutet umgangssprachlich, Schüler von jemandem zu sein. Das war die Haltung eines Jüngers. Jesus lehrt und eine Frau setzt sich dazu, um zu lernen. Das ist der zweite Skandal. Maria macht sich zur Schülerin Jesu. Frauen und Religion passten damals nicht zusammen. Eine Frau durfte einen Rabbi, einen jüdischen Lehrer, auf der Straße nicht einmal ansprechen. Im Tempel hatten Frauen ihren eigenen Bereich, nur dort durften sie beten. Bloß nicht zu dicht am Allerheiligsten. Die Synagoge durften Frauen nicht einmal betreten. Eine Schriftrolle galt als verunreinigt, wenn eine Frau sie berührt hatte. Nur Männer durften heilige Schriften anfassen.

Noch Paulus schreibt den Korinthern 25 Jahre später: „Wenn eine Frau Fragen hat, soll sie zuhause ihren Mann fragen!“ Frauen hatten viele Fragen, sie konnten ja bisher nichts lernen. Jetzt in den Gottesdiensten der Christen aber konnten auch sie das Wort ergreifen und ihre Fragen stellen. Paulus sagt nicht, wenn eine Frau etwas zu sagen hat, soll sie es zuhause ihrem Mann sagen! Manche haben es so verstanden! Paulus kennt ja Prophetinnen. (Apg 21,9) Er kennt Frauen als verantwortliche Mitarbeiterinnen in Gemeinden. (Apg 16,14; Röm 16,19 u.ö.) Er sendet sogar eine Frau, Phöbe, die Diakonin, mit seinem wichtigen Brief nach Rom, um ihn dort zu vertreten. (Röm 16,1) Aber der Nachholbedarf der Frauen war immens. Das gab es vorher nicht, Frauen, die lernen, die sich eigenständig mit Fragen des Glaubens auseinandersetzen.

Jesus ist da. Marta fängt an zu arbeiten. Maria fängt an zu hören und zu lernen. Marta will Jesus dienen. Maria will ihn in ihr Herz aufnehmen. Das ist ganz wichtig festzuhalten: Nicht jeder, der herumsitzt, nicht jede, die nichts tut, hört Jesus zu, betet oder lernt von ihm, lässt Jesus gerade an ihr Leben heran. Die Alternative ist nicht: Nichts tun oder arbeiten. Die Frage ist: Wie reagiere ich darauf, dass Jesus bei mir ist.

Eigentlich könnte es alles gut gehen. Die eine kocht, die andere hört. Aber bei der einen „kocht noch etwas anderes hoch“: Sie fängt an, sich über ihr Schwester zu ärgern. Beide ehren Jesus. Beide tun etwas Sinnvolles. Beide verändern ihr Verhalten, weil Jesus bei ihnen ist. Die eine aber weiß es genau: So kann man Jesus nicht ehren, wie ihre Schwester das tut. So gehört sich das nicht. Und böser Groll baut sich in bei ihr auf. Ein ungeistliches über die Schwester urteilendes Unwetter zieht heran: „Die sitzt da wie ein Kerl, wie ein Mann unter Männern. Die lässt mich hier schuften und hält sich wohl für etwas Besonderes! ... Und Jesus gefällt das wohl auch noch, was? Er sieht sie an, er beantwortet ihre Fragen, dabei bin ich es, die er sehen sollte, die sich hier für ihn krumm macht.

Wer könnte Marta nicht verstehen!? Ihr Urteil über ihre Schwester ist klar und eindeutig. Sie redet gar nicht mit Maria selbst! Ihre Schwester direkt spricht sie nicht an. Was soll das bringen? ‚Die hört ja doch nicht auf mich. Ich habe aber recht!‘ Marta spricht Jesus an. Sie will Jesus auf ihre Seite bekommen. Auch nach seinem Urteil fragt sie nicht! Die Fakten liegen auf der Hand: Wenn viel Arbeit da ist, dann hat man keine Zeit zu beten oder einfach bei Jesus zu sitzen! „Herr,“ sagt Marta zu Jesus, „Herr, kümmert es dich gar nicht, dass meine Schwester mich alle Arbeit allein tun lässt? Sag ihr doch, das sie mir helfen soll!“ Wir können da ruhig eine ganze Portion Frust hineinlegen, Ärger, auch Jesus gegenüber. Das ist auch ein Vorwurf an Jesus. „Sag mal, Jesus, siehst du das nicht? Ist dir das egal? Kannst du hier endlich mal einschreiten!“

Jesus ist da. Eine Schwester arbeitet fleißig, ohne Pause, für Jesus. Sie ist Herrin im Haus. Es ist ihr Haus und sie weiß, wie es hier zu laufen hat. Und sie wird zornig, weil andere sich etwas anderes erlauben. Sie wird zornig auf ihre Schwester und zornig auf Jesus. Marta mischt sich ein in die Beziehung zwischen Jesus und Maria. Sie weiß es besser. Sie will sich durchsetzen und da muss auch Jesus mitmachen. Es gibt Menschen, die Herren oder Herrinnen sein wollen, die es besser wissen, die es anders machen würden, die vielleicht sogar Jesus dienen und am Ende ihre Geschwister verurteilen, die es anders machen, und nicht einmal mehr mit ihnen reden. Marta sagt Herr zu Jesus, aber sie möchte Herrin bleiben. „Herr, nun tu doch was ich will! Sei mein Gast und sieh dir an, was ich dir bescheret habe!“

„Marta, Marta“ sagt Jesus. Das war damals so wie heute: Wenn jemand zwei Mal deinen Namen sagt, hat er den Eindruck, du hörst nicht. Du hörst nicht zu. Du bist in deiner Sicht der Dinge, in deinen Aufgaben, gefangen. „Marta, Marta“, das ist liebevoll aber auch eine dringende Mahnung: „Marta, Marta! Kannst du mich hören da drinnen in deinem Fleiß, in deiner Sicht der Dinge, zwischen deinen vielen Aufgaben?“ Achtung, Achtung, Jesus an Marta: Hörst du mich?!“ „Marta, Marta“ sagt Jesus, „du machst dir viel Mühe und Sorgen!“ In der Gute-Nachricht-Übersetzung heißt es: „Du verlierst dich an so vielerlei!“ Du schaffst dir einen Ozean an Aufgaben und ertrinkst darin.

Maria hat Gutes getan. Aber sie hat es zur falschen Zeit getan. Was wären wir ohne die Martas! Ohne Marta gäbe es dieses Ereignis gar nicht, wenn sie Jesus nicht aufgenommen hätte. Direkt vor unserem Text steht das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Da ist ein Mensch in Not geraten, überfallen von Räubern, liegt verwundet auf der Straße. Da muss sofort gehandelt werden. Wer da nichts tut, sondern weitergeht nach Hause, oder in die Gemeinde, in den Gottesdienst, der tut nicht, was Gott will.

Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter warnt Jesus davor, Gehorsam, tätige Hilfe, unsere Verantwortung Menschen gegenüber, die uns brauchen, durch Frömmigkeit zu ersetzen. Aber das stimmt eben auch: Kein Tun, kein noch so fleißiger Einsatz für Jesus, kann Zeiten mit ihm ersetzen, wo man zu seinen Füßen sitzt. Jesus hätte Marta sagen können, was er auch den Jüngern einmal gesagt hat: „Ich bin nicht gekommen, mir dienen zu lassen, sondern zu dienen!“ (vgl. Markus 10,45) Und Jesus war das letzte Mal im Haus derer Marta. Wie würde sie seinen letzten Besuch in Erinnerung behalten? Der Herr ist da. Der Heiland ist da. Und Maria putzt Gemüse.

Wäre Marta nicht jetzt zu ihm gekommen, vielleicht hätte Jesus sie später zu sich geholt und gesagt: „Marta, ich möchte mit dir Zeit haben. Wie geht es dir? Was kann ich für dich tun? Hast du verstanden, was mir in dieser Welt so am Herzen liegt?“ Jetzt sagt er zu ihr: „Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Eins ist wirklich wichtig. Eins ist notwendig. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll ihr niemand nehmen.“

Zeit mit Jesus zu haben, ist für manche auch Arbeit. Aber sie ist durch nichts zu ersetzen. Jesus will, dass sein Heil, sein Frieden in uns hineinkommt. Du bist ein Teil seines Reiches! Und das will er versorgen. Maria hat das gute Teil erwählt, sagt Jesus. Sie hat es erwählt. Sie hatte die Wahl, und DU hattest sie auch! Du wolltest nicht. Auf Jesus hören, ihn an sich selbst heranlassen, ihn mir dienen lassen, das ergibt sich nicht von selbst. Aber wir haben die Wahl, es zu tun. Und dass wir es tun, das, sagt Jesus, das ist das Eine, was wirklich nottut, was notwendend ist, das eine, was uns keiner mehr nehmen soll.

Keine Frau würde es ihrem Mann glauben, kein Kind würde es seinem Vater glauben, wenn der sagt: „Ich liebe dich, aber ich habe eben nie Zeit für dich.“ Jesus will uns dienen. Er sehnt sich nach uns. Wie kann sein Heil bei uns ankommen, wenn wir „den Kochlöffel nie aus der Hand legen“? Stell dir vor, Jesus ist bei dir zuhause; und er ist ja bei dir zuhause! Stell dir vor, Jesus ist bei dir zuhause, und du bleibst in der Küche und machst dir sorgen. Du sitzt am Schreibtisch und bist fleißig. Jesus brennt für dich und du brennst aus. (Das habe ich selber auch schon erlebt.)

Wer keine Zeit mit Jesus hat, der zieht sich selbst die Wurzel heraus. Es muss vielleicht, Gott weiß es, es muss vielleicht nicht immer die stille Zeit ganz alleine mit ihm sein, aber wenn nicht alleine dann zu zweit oder in Gottesdiensten, einem Bibel-, Haus- oder Gebetskreis, an einem Ort, an dem es wirklich um Jesus und mich geht, wo ich zu seinen Füßen sitzen kann.

Ich kenne Marta nicht persönlich. Vielleicht darf man auch nicht zu viel in sie hineinlegen. Aber ich glaube, es gibt Christen, die schaffen es nicht, Jesus an sich heranzulassen, weil sie so viel zu tun haben. Und von denen sind es einige, die schaffen es auch nicht, wenn sie nichts zu tun haben, selbst wenn sie krank wären, gar keine Aufgaben hätten, gäbe es immer noch etwas, was wichtiger wäre, als Zeit mit Jesus zu haben. Sie sind entweder aktiv oder sie geben den Löffel ab.

Arbeiten oder Beten: Geht es darum? Alles hat seine Zeit, würde ich sagen. Zeiten mit Jesus sollen nicht der Ersatz für unser Tun sein, sondern die Wurzel, die Kraft, der Grund für unser Tun!

Auf Grabsteinen findet man die Aufschrift: „Arbeit war sein ganzes Leben!“ Der Evangelist Wilhelm Busch hat dazu gesagt: „Arbeit war sein ganzes Leben. Das ist eine Grabinschrift für ein Pferd, aber nicht für einen Menschen!“ Und schon gar nicht für einen Christen! Für jeden Christen wäre es schön, wenn auf seinem Grabstein stände: „Christus war und ist sein ganzes Leben.“ Da hat dann sicher auch viel Arbeit, Gehorsam, Demut, Opfer dazugehört. Aber seine Kraft, sein Trost, sein Heil und seine Hoffnung, das war und ist seine Beziehung zu Jesus. Da hat er nie gespart. Das ist das gute Teil, das ihm niemand mehr nehmen kann.

Amen.

 
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