Markus 12, 41-44 Die Groschen der Witwe

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EFG (Baptisten) Kassel-Möncheberg, 19.3.2017

Pastor Norbert Giebel

Markus 12, 41-44 „Der Groschen der Witwe!“

Liebe Gemeinde,

Jesus ist schon einige Tage in Jerusalem. Drei Tage liegt sein gefeierter Einzug nach Jerusalem zurück. Drei Tage hat er gelehrt und gepredigt. Dieser Tag wird sein letzter Tag im Tempel sein. Vermutlich wusste er es. Er wusste, dass er nun bald leiden würde. Aber an diesem letzten Tag setzt er sich in den Tempel. Interessant ist, wohin er sich setzt:

41 Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. 42 Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das macht zusammen einen Pfennig. 43 Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. 44 Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.

Schon komisch, oder? Jesus setzt sich an einen der Opferkästen. Zwölf oder dreizehn Stück gab es davon im Tempel. In diesen hier wurden freiwillige Gaben geworfen. Keiner musste etwas einlegen. Es war freiwillig. Das hier gesammelte Geld diente dem täglichen Tempeldienst. Der Dienst der Priester, der Unterhalt des Hauses, die Opfer wurden damit bezahlt. Das war also sozusagen eine Spende für die eigene Gemeinde.

An jedem dieser trichterförmigen Sammelbehälter stand ein Priester. Es ist nicht klar, ob er immer ausgerufen hat, was jemand gespendet hat. Manche Ausleger nehmen das an. In jedem Fall wurden besonders hohe Spenden laut genannt. Name des Spenders und Summe. Die kamen sozusagen auf die Sponsorenliste. Kann sein, dass auch die kleinen Spenden laut genannt wurden, um sie zu würdigen. Ein Geheimnis wurde jedenfalls nicht daraus gemacht, wer was für den Tempel spendet.

Jesus sieht also zu und hört, was die Menschen spenden. Das kann man schon gleich vorweg sagen: Jesus sieht darauf, wie seine Menschen mit Geld umgehen. Er sieht genau hin. Das ist ihm nicht gleichgültig. Und obwohl er den Tempeldienst und seine Opfer in vielem kritisierte, wertet er das positiv, dass Menschen sich für den Tempeldienst in Pflicht nehmen lassen. Freiwillig. Gott sei Dank waren etliche Reiche darunter. „Viele Reiche gaben viel“, berichtet Markus. Das ist gut so. Eigentum verpflichtet. Das sagt sogar unser deutsches Grundgesetz.

Am letzten Sonntag hatten wir unsere Jahresgemeindestunde hier. Da ging es unter anderem auch ums Geld. Wir sind auch auf Spenden angewiesen. Unsere ganze Gemeindearbeit wird von den Spenden der Mitglieder und Freunde getragen. Und wenn ich das mal so salopp sagen darf, das war damals schon im Tempel und das ist so in unserer Gemeinde: „Ohne Moos nichts los!“

Wenn ich letzten Sontag richtig aufgepasst habe, brauchen wir rund 30.000 EUR jeden Monat um die Arbeit dieser Gemeinde und das Haus selbst zu finanzieren. Ganz oberflächlich gerechnet sind das mehr als 100 EUR pro Mitglied pro Monat. Ich weiß nicht, wer wie viel spendet, will das auch gar nicht wissen, aber Jesus weiß das und Jesus sitzt am Gotteskasten und sieht zu, wie wir mit unserem Geld umgehen.

Jesus kritisiert die Reichen nicht. In der Gemeinde in Berlin-Tempelhof, wo ich vorher Pastor war, gab es einen selbstständigen Bauingenieur. Ihm war ganz wichtig, mindestens ein Zehntel seines Einkommens in die Gemeinde zu geben. Er und seine Frau konnten erst am Ende des Jahres sehen, wie viel das war, weil viele Rechnungen erst dann bezahlt wurden. Und dann gab es Ende des Jahres immer wieder eine richtig gute Überweisung, die den Haushalt manchmal geholfen hat, gerade zu ziehen.

Gott sei Dank für Menschen, die ihren Reichtum teilen. Nicht nur in Krisenzeiten, nicht nur bei der nächsten Hungerkatastrophe, sondern ganz treu und selbstverständlich ihren wichtigen Teil beitragen. Jesus findet an anderen Stellen auch harte Worte gegen Reiche, die haben wollen um zu haben, die ihre Sicherheit abhängig machen von dem, was sie besitzen. Jesus findet harte Worte gegen den Geiz. Aber Reichtum kann auch eine Gnadengabe sein.

Jetzt sitzt er also da und sieht die Menschen an, die freiwillig spenden. Da fällt ihm eine Frau auf. Eine arme Frau. Das sieht man. Eine Witwe. Die meisten Witwen waren arm. Es gab keine Arbeitsmöglichkeiten für Frauen. Die meisten Witwen konnte froh sein, wenn sie einen Verwandten fanden, der sie aufnahm und versorgte. Oft war es ein Bruder des verstorbenen Mannes, so war das geregelt, ein Schwager also. Bestimmt nicht immer leicht.

Was er an dieser Frau wahrnimmt, das berührt Jesus. Er blickt nicht herab auf diese Frau, die nichts hat, er sieht zu ihr hinauf. Jesus ruft seine Jünger herbei! Das muss er sofort mit ihnen teilen. Er will dieser Frau ein Denkmal errichten, könnte man sagen. Er will sie als Vorbild hinstellen. Auch die Jünger sollen durch sie ermutigt werden. „Seht euch diese Frau an!“ sagt er seinen Jüngern. „Sie hat mehr gegeben als alle anderen!“

 

Natürlich nicht in Zahlen. Sie hat zwei Kupfermünzen eingelegt. Sagen wir mal, das ist ein Euro heute, oder zwei. Aber da kann man sich gerade mal ein belegtes Brötchen für kaufen. Viel war das nicht. Jesus aber macht eine andere Art „Sponsorenliste“ auf: Nicht wer in Zahlen am meisten gegeben hat, sondern wer gemessen an dem, was er geben kann, das meiste gegeben hat, der kommt auf Jesu Sponsorenliste. Wenn ein Student 10 Euro in die Kollekte gibt, ist das doch etwas anderes als wenn ein gut verdienender Mann 10 Euro spendet.

Es gibt ein jüdisches Sprichwort: „Je nach Kamel die Last!“ Das will sagen, man soll das Kamel ansehen und danach entscheiden, was es tragen kann. Wer viel hat, wer also ein großes Kamel hat, der soll viel geben. Bei diesem Thema muss ich immer an ein sehr gut verdienendes Ehepaar denken. Vielleicht habe ich es hier schon mal erzählt. Beide studiert. Beide gute Jobs. Beide ein Auto mit 6 Zylindern aufwärts. Mehrere Häuser im Besitz. Wirklich sehr fromme Baptisten. Und als wir einmal über Geld und Spenden und Gemeindebeiträge sprachen, sagte die Frau ganz entsetzt: „Sollen wir etwas den Zehnten geben? Weißt du wie viel das bei uns ist!?“ Oh, Entschuldigung. Ist doch klar: Wer 1000 oder 2000 oder 3000 Euro im Monat hat, soll ruhig seinen Zehnten geben. Das tut ihm doch nicht weh. Aber irgendwo hört das auf. Wenn ein Ehepaar 20.000 Euro im Monat verdient, können sie doch nicht 2000 Euro spenden! Das wäre total ungerecht. Was würde ihnen da noch bleiben?

Ich habe früher als ich in Stuttgart lebte oft ein altes Ehepaar besucht. Kleine Wohnung. Alte Möbel. Kleine Rente. Den Enkeln noch hier und etwas zustecken, das war noch drin. Oft aber wenn ich sie besuchte, lagen schon 100 Euro in einem Spendenumschlag der Gemeinde bereit. Die bekam ich dann für die Gemeinde mit und musste in einem kleinen von dem alten Paar angelegten Heftchen die Summe immer quittieren. Mir kam es immer so vor, als würde ich unserem Kassierer 1000 Euro von den beiden mitbringen. An den Angeboten der Gemeinde konnten diese beiden nicht mehr teilnehmen. Aber dass auch die Reich-Gottes-Arbeit Geld braucht, haben sie nicht vergessen. – Viele Ältere haben sehr früh einen treuen Umgang mit ihrem Geld erlernt und sich eingeübt. Gott sei Dank folgen ihnen auch Jüngere, die ihr Scherflein beitragen oder auch schon viel spenden können.

„Diese hat mehr gegeben als sie alle!“ sagt Jesus. „Denn die anderen haben etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.“ Die anderen werden ihren Arzt trotzdem bezahlen können. Die anderen haben sich genug zurückgelegt. Die anderen büßen nichts von ihrem Lebensstandard ein. Diese aber hat alles gegeben, was sie zum Leben brauchte.

Übrigens: Sie hatte noch zwei Münzen und hat beide eingeworfen. Sie hat sich ganz nackig gemacht. Sie hätte ja auch eine behalten können. Für eine Mahlzeit hätte es sicher gereicht. Aber sie hat alles gegeben. Aber ist das vernünftig? Nein! Natürlich nicht! Wovon soll sie jetzt leben? Das kann man doch so nicht machen! Das steht hier noch nicht einmal im Text, dass man es genauso machen soll! Vernünftig kann man das nicht erklären!

Als Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt, der sich um einen Menschen kümmert, der unter die Räuber gefallen ist, sagt er: „So gehet hin und macht es ebenso!“ – Hier fehlt ein solcher Satz. Es gab immer wieder Christen, die freiwillig den Weg der Armut gegangen sind. Mönche und Nonnen. Mutter Theresa. Manche Ordensgründer kamen aus sehr wohlhabenden Familien und haben alles aufgegeben. Diesen Reichen war das Heilige wichtiger als all ihr Wohlstand. Dennoch ist Armut, Bettelarmut, keine allgemeine Forderung an alle Christen!

Die arme Witwe ist darin vorbildlich und eine Ermutigung, dass sie zeigt, wie sehr man Gott vertrauen kann, wie sehr man sich für ihn hingeben kann, dass man Sicherheiten für Gottes Sache aufgeben kann. Sie lässt sich ganz los in Gottes Hand. Vielleicht hat sie gesungen auf dem Weg in den Tempel: „Wie lieb sind mir deine Wohnungen, Herr Zebaoth! Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn!“ (Psalm 84) Oder sie hat gesungen und gebetet: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser!“ Und sie hat geglaubt, was sie gesungen hat.

Vielleicht war der Moment für die Witwe ganz peinlich, weil sie nur zwei Groschen, zwei Scherflein einlegen konnte. Vielleicht wurde es sogar laut angesagt: „Die Witwe von Jehuda hat zwei Groschen gespendet!“ Vielleicht wurde sie belächelt. „Du arme Frau, behalt doch dein Geld! Wer braucht denn deine Groschen?!“ Die großen Geber werden beklatscht, und Jesus sieht diese arme Spenderin. Ihr Scherflein ist für Jesus entscheidend. Niemand soll sagen, er kann doch so wenig geben.

Wisst ihr was, ihr Jünger? Das, was diese Frau lebt, das ist wirklich großzügig, spendabel, opferbereit. Die anderen geben Almosen. Keiner verzichtet auf das, was er liebt im Leben. Sie aber hat alles gegeben. Das ist kein neues Gesetz! Aber was ist das für eine Ermutigung! Was ist das für eine Freiheit, die diese Frau hat. – Geiz ist ein Phänomen der Reichen. Geiz ist Unfreiheit. Penner teilen ihre letzte Flasche untereinander. Einfache Arbeiter laden ihre Nachbarn zum Grillen ein.

Ich kenne ein Ehepaar aus Berlin. Sie sind vor 30 Jahren mit Nichts nach Deutschland gekommen. Aus Rumänien geflohen. Wir hatten viel privaten Kontakt. Sie haben viele Enkel aber auch unsere Kinder bekamen von ihnen etwas zugesteckt. Lidia heißt die Frau, Mitte siebzig inzwischen. Lidia hat ab und zu einen Satz gesagt, der mich berührt hat: „Geld ist doch dazu da, andere glücklich zu machen!“ sagte sie. Und sie war wirklich traurig, wenn sie nichts hatte, um anderen etwas schenken zu können. Bei Lidia dachte ich auch manchmal: Das ist eine Geistesgabe! Die Gnadengabe, zu schenken.

Geiz ist ein Phänomen der Reichen. Natürlich nicht aller Reichen! Das sehen wir ja an unserem Bibeltext. Aber es gibt so etwas wie ein Dagobert-Duck-Syndrom. Das ist der Onkel von Donald Duck, der sein Geld in riesigen Tresoren hortet und darin badet. Es gibt so etwas wie ein Dagobert-Duck-Syndrom: Wer viel hat, der muss es hüten. Wer viel hat, der hängt daran.

Paulus schreibt den Römern später: „Ich ermahne euch nun, begründet durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt – dass ihr euer Leben hingebt – als ein Opfer (...) , das Gott gefällt. Das ist euer vernünftiger Gottesdienst!“ (Römer 12,1-2) Darin ist diese Witwe vorbildlich. Dazu ist sie eine Ermutigung.

Drei Tage war Jesus schon in Jerusalem. Dies war sein letzter Besuch im Tempel. Markus schließt in seinem Evangelium alle Belehrungen Jesu mit diesem Bericht der Witwe ab. Jesus sieht seinen Leidensweg schon vor sich. Und vielleicht erkennt sich Jesus selbst in der selbstlosen Tat dieser Frau, die so wenig hat und die alles gibt. Vielleicht ist sie nicht nur eine Ermutigung für uns. Vielleicht war sie auch eine Ermutigung für Jesus. Jesus sagt seinen Jüngern nicht: Nun geht hin und macht es ebenso wie diese Witwe. Jesus sagt: „Ich gehe hin und tue desgleichen!“ Ich gebe mich hin für euch. Ich gebe mein Leben. Ohne Kompromisse. Jesus behält auch keinen Groschen in der Hand, keine Sicherheit.

In der täglichen Bibellese habe ich neulich den Text von so genannten Jubeljahr gelesen. Da befiehlt Gott, dass alle 50 Jahre alle ihr Land und ihren Besitz zurückbekommen, egal, wie sehr sie sich verschuldet haben. Ich hätte vermutlich eine ganz andere Einstellung zu meinem Besitz. Es ist geliehen. Es gehört letztlich uns allen. Ich verwalte es nur, bis es im Jubeljahr wieder alles neu verteilt wird.

Ich schließe mit einer Geschichte, die ich euch nicht vorenthalten will: Eine Frau kauft sich auf dem Flughafen eine Packung Kekse, die sie gerne isst. Sie setzt sich in den Warteraum und nimmt den ersten Keks. Da sieht sie, wie sich der Mann neben ihr ganz selbstverständlich auch einen Keks nimmt. Sie traut ihren Augen nicht. Es dauert nicht lange, da nimmt er noch einen Keks und isst ihn. Na so etwas Unverschämtes. Sie mag ihn nicht ansprechen, aber nun isst sie auch einen Keks nach dem anderen weg. Als der letzte Keks in der Packung ist, nimmt ihn der Mann, bricht ihn durch und gibt ihr die Hälfte ab. So etwas hat sie noch nie erlebt! Sie öffnet ihre Handtasche um ein Taschentuch herauszuholen, da sieht sie ihre Packung Kekse noch ganz verschlossen in der Tasche liegen. „Schön, dass meine Kekse ihnen auch geschmeckt haben“, sagt der Mann. Ohne jeden Vorwurf. Steht auf, grüßt sie freundlich und geht.

So ist es öfter als wir denken in unserem Leben. Wir denken, wir essen unsere Kekse, dabei sind es andere, die ihre gerade mit uns teilen. Wir essen, was uns allen gehört. Gott bietet es uns an. Und Gott jedenfalls teilt alles gerne was er hat mit jedem von uns.

Amen.

 
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