Lukas 23, 33-49 Jesus starb, damit wir leben können.

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Mönchebergstraße
Pastor Norbert Giebel, Karfreitag, 14.4.2017

Lukas 23, 33-49 Jesus starb, damit wir leben können!

Liebe Gemeinde,

in Gedanken bin ich ein Stock tiefer bei unserem Ostergarten, durch den wir in den letzten Wochen so viele Menschen geführt haben.

(1) Im ersten Raum, in den man geführt wird, findet man sich auf den Straßen Jerusalems wieder. Die Stadt ist voll. Von überall sind Menschen gekommen, das Passahfest zu feiern. An die Befreiung des Volkes aus Ägypten wurde gedacht. Diese Erfahrung hat das Bewusstsein des Volkes geprägt: Wir haben einen Gott der befreit. Und eine andere Erwartung war präsent: Am Ende der Zeiten, wenn Gott sein Reich aufbaut, da würde er einen neuen König senden. Den Messias. Den Erlöser. Und er würde Israel wieder befreien.

Der Prophet Sacharja hatte vorausgesagt, dass der Messias auf einem jungen Esel reitet wird. Jesus nutzt dieses Zeichen für sich. Er reitet auf einem Esel nach Jerusalem hinein und das Volk versteht dieses Zeichen und jubelt: Er ist der Messias. Das Volk ist schnell begeistert. Aber ist auch schnell kritisch, wenn eigene Vorstellungen nicht erfüllt werden. Es sind dieselben, die hier jubeln, die drei Tage später schreien „Kreuzige ihn!“

(2) Der zweite Raum der Führung ist der Festsaal. Hier feiern Jesus und seine Jünger ihr letztes Passahmahl. Und Jesus nutzt dieses Mahl des Alten Bundes Gottes mit Israel um eine neues Mahl eines neuen Bundes Gottes einzusetzen. Das Passahmahl bestand aus vielen einzelnen Elementen. Teile des Mahles sollten an einzelne Erfahrungen damals in Ägypten erinnern. Immer wurde das Mahl mit dem Brotbrechen am Anfang begonnen. Immer wurde die Feier mit dem dritten gemeinsam getrunkenen Kelch abgeschlossen, den Kelch nach dem Mahl.

Jesus bricht das Brot zu Beginn, wie es seit Jahrhunderten getan wurde, er aber sagt „Das ist mein Leib, für euch gebrochen!“ Und er nimmt den Kelch nach dem Mahl wie sie es jedes Jahr gemacht haben, aber er sagt keinen Psalmvers, er sagt etwas ganze Neues: „Mein Blut für euch vergossen!“ Jesus wusste, dass er sterben würde, und er wusste, dass sein Tod einen Sinn haben würde, der die ganze Welt betrifft. Für alle Menschen wird er sterben, damit alle, die ihm vertrauen, nicht verloren gehen, sondern dass ewige Leben haben.

So lesen wir es im wohl bekanntesten Bibelvers überhaupt: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn dahingab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben!“ (Joh. 3,16) Sein Sterben wird einen neuen Bund Gottes mit allen Menschen begründen!

(3) Der dritte Raum des Ostergartens ist der Garten Gethsemane. Jesus betet. Er ringt um seinen Gehorsam. Und Judas bringt die Soldaten her. Einer, den er zu seinem engsten Schülerkreis berufen hat, verrät ihn: So einen Messias will Judas nicht. Er will einen starken Messias, der sich wehrt, der siegt, der zu den Waffen ruft. Im Garten Gethsemane können die jüdischen Soldaten ihn verhaften. Wie gut für sie, dass er die Stadt an dem Abend noch mal verlassen hat. Hätten die Soldaten in Jerusalem zugegriffen, hätte es einen Aufstand gegeben.

Schützend stellte Jesus sich vor seine Jünger. „Lasst sie gehen, ich bin es, den ihr sucht!“ ruft er. Alle können fliehen. Nur Petrus folgt ihnen. Er will es wissen: „Was werden sie mir ihm tun? Wie geht es weiter? Wo gehen sie hin?“

(4) Der kleine vierte Raum des Ostergartens zeigt das Lagerfeuer vor dem jüdischen Gerichtsgebäude. Hierher haben sie Jesus gebracht. Petrus setzt sich mit ans Feuer. Er ist der Sprecher der Jünger, der Klassensprecher. Er ist der Mutigste. Er ist der Treuste. Er wird immer zu Jesus halten. Auf ihn kann er sich verlassen. – Das ist das Bild, das Petrus von sich selber hat.

Und wie feige verleugnet er Jesus jetzt. Drei Mal spricht ihn eine Magd an. „Dich habe ich doch auch gesehen bei den Männern, die zu Jesus gehören. Na klar, ich erinnere mich an dich. Dein Akzent verrät sich. Du kommst auch aus Galiläa.“ „Lass mich zufrieden, ich kenne diesen Jesus nicht!“ sagt Petrus. Drei Mal verleugnet er Jesus. Am Ende weint Petrus über sich selbst. Als Petrus Jesus verleugnet hatte, sieht Jesus ihn an, lesen wir in der Bibel. Da erkennt Petrus sich selbst. Wenn Jesus Menschen ansieht, dann erkennen sie sich selbst. Was hatte er für ein hohes Selbstbild. Und wie feige war er. Der fromme Petrus musste sich selbst als Versager erkennen, als Sünder wie alle anderen.

Musikalisches Solo

(5) Der fünfte Raum ist der Palast des Pilatus. Die oberen Juden waren froh, Jesus in ihrer Hand zu haben, aber sie hatten nicht das Recht, Todesurteile zu fällen. Dazu brauchten sie diesen verhassten Römer. Sogar mit den Römern paktieren sie nun, um ihr böses Ziel zu erreichen: Jesus muss sterben.

Pilatus ist ein mächtiger Mann und er ist klug. Jesus interessiert ihn. Mehrfach lässt er ihn zu sich bringen. Er macht sich ein genaues Bild. „Von diesem Mann geht keine Gefahr aus. Diesen Mann muss man laufen lassen!“ Das ist Urteil des römischen Statthalters. Und dann lässt er ihn doch kreuzigen! Weil das Volk es so will. „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“ rufen sie. „Na gut, okay, seid ruhig, um des lieben Friedens willen, ihr kriegt ja euren Willen: Er soll gekreuzigt werden!“ Was ist das für ein Mann? Was ist das für ein Politiker? Er erkennt genau, was richtig ist, was gerecht wäre, aber er tut das Falsche, er handelt unrecht, um der Menschen willen. Der Einzelne zählt nicht, wenn es um die große Politik geht.

Dann lässt er sich Wasser bringen. Und ein Handtuch. Und er wäscht seine Hände und sagt „Ich wasche meine Hände in Unschuld! Ich bin nicht schuldig am Tod dieses Mannes. Mich trifft keine Schuld an dem, was hier passiert!“ Wie billig ist das denn? Wie dumm ist das denn? Man kann doch nicht einfach Unrecht tun, bei Unrecht zusehen, Menschen leiden sehen, mit verantwortlich sein, dass Menschen leiden, und seine Hände in Unschuld waschen!“ Stellt euch vor, wir alle würden das tun, würden das Unrecht der Welt sehen, würden Kinder im Fernsehen hungern sehen, Flüchtlinge ertrinken, würden unser Popcorn für einen Moment an die Seite stellen, würden uns eine Schale mit Wasser bringen lassen und sagen: „Ich wasche meine Hände in Unschuld! Mich trifft keine Schuld an dem, was hier passiert. Ich kann da gar nichts machen!“ Glaubt ihr Pilatus kommt damit durch? Glaubt ihr irgendjemand kommt damit durch bei Gott?“

Pilatus übergibt Jesus den Soldaten. Krieg verroht die Menschen. Wer täglich mit dem Tod zu tu hat, der stumpft ab, findet vielleicht sogar Gefallen am Leiden anderer Menschen. Die Soldaten damals konnten tun was sie wollten mit denen, die zum Tode verurteilt waren. ... Und das tun sie auch mit Jesus. Er wird ausgepeitscht, gegeißelt, geschlagen, bespuckt, verspottet, bekommt eine Krone aus Dornen aufgesetzt. Ich stelle mir vor, dass er kaum noch auf den Beinen stehen konnte, als sie ihm sagen „So, nimm dein Holz. Los, nimm dein Holz. Trage es nach Golgatha!“

Golgatha, Schädelstätte, so heißt der Ort vor der Stadt, an dem die Römer zum Tod Verurteile getötet haben. Sie haben die Menschen an Kreuze genagelt. Ein schrecklicher Todeskampf.

Wir lesen aus dem Lukasevangelium, was Jesus dort widerfahren ist: (23, 33-48)

33 Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. 34 Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. 35 Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. 36 Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig 37 und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! 38 Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König. 39 Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! 40 Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? 41 Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. 42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! 43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. 44 Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. 46 Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er. 47 Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen! 48 Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um.

Chorlied

Menschen haben Jesus ans Kreuz gebracht. Keine besonderen Menschen. Nicht besonders böse. Menschen wie du und ich. Judas, der sich den Messias anders vorgestellt hat. So will er Jesus nicht, wie er wirklich ist. Judas hat ihn ans Kreuz gebracht. Petrus, der sich selbst für so fromm und gerecht gehalten hat. Pilatus, der es lieber den Menschen recht macht, als gerecht zu handeln. Pilatus hat ihn ans Kreuz gebracht. Das Volk, das sein Gesicht verliert, von denen keiner mehr den Mut hat, herauszutreten, zu hinterfragen, was die oberen Juden und Priester ihnen eingeflüstert haben: „Kreuzige ihn!“ rufen sie alle. – Wie verblendet können ganze Völker sein! Wenn der Mensch zur Masse wird, wird er gefährlich manipulierbar. Das ist auch bis heute so.

Die Soldaten haben ihn gekreuzigt. Jesus starb am Galgen der Römer. Kreuzigung war die römische Hinrichtungsrat. Sie haben nur ihre Pflicht getan. Wir erfahren einiges über die Gepflogenheiten damals. Folter war üblich, nichts Besonderes. Und die Henker dürfen sich die Kleider teilen.

Jesus hat ein Wort für diese Menschen, für die alle, die ihn bespuckt haben, verspottet, gefoltert:
„Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Das sagt er mitten in seinen Schmerzen. Das sagt er, wo es am allermeisten weh tut, nicht später.

Das Volk schlägt sich an die Brust. Das ist ein Zeichen der Trauer und der Klage. Das Volk schlägt sich an die Brust: Ach ist das alle schlimm hier. Wie böse die Welt doch ist. Das kann sich doch keiner mitansehen. Aber sie sehen es sich an! Sie sehen zu! Sie haben seinen Tod gefordert. Die Hohepriester, die Oberen der Juden, sie verspotten Jesus. Wenn es um Politik geht, wenn es um Macht geht, da zählt der Einzelne nicht. „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!“ „Wer nicht für uns ist, wird eingesperrt oder getötet.“ Ihre Ideologie und ihre Interessen stehen über dem Leben einzelner Menschen.

Ich glaube, dass Jesus noch heute leidet mit den Menschen, die in die Mühlen von Machtspielen und Mächten dieser Welt geraten. Menschen, die fliehen müssen. Menschen die zu Unrecht in Gefängnissen sitzen. Die gefoltert werden, wie er gefoltert wurde. Menschen, die wie er Terroristen genannt werden und wie Terroristen behandelt werden, nur weil sie sich mit ihren Worten offen gegen die Machthaber äußern. Jesus hat das Schlimmste Elend dieser Welt am eigenen Leib erlitten.

Zwei erkennen Jesus noch als er schon gekreuzigt wird: Der eine Mörder und Räuber, der neben ihm am Kreuz hing: „Denke an mich, wenn du in dein reich kommst!“ bittet er Jesus. „Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein!“ verspricht Jesus. Das Wort Paradies kommt aus dem Persischen. Es meint ein ewiges Reich des Friedens und des Wohlseins. Da, wo Jesus jetzt hingeht, hört sie Zeit auf. Nicht morgen, nicht in drei Tagen, nicht wenn er wiederkommt, heute noch sind die mit ihm im Paradies, die im Vertrauen auf ihn leben und sterben. Jesus stirbt, damit dieser Mörder an seiner Seite und alle Sünder dieser Welt leben können, wenn sie ihm glauben. Es reicht dieser eine Satz, wenn man ihn erkennt: „Denke an mich, Jesus, wenn du in dein Reich kommst!

Der zweite, der Jesus erkennt, ist der römische Hauptmann, der die Kreuzigung Jesu geleitet hat. Er hat schon so viele gekreuzigt, aber so hat er noch nie jemand sterben sehen. In dieser Gewissheit, in dieser Liebe, gnädig seinen eigenen Henkern gegenüber. Die Sonne hat sich verfinstert, die Erde hat gebebt. „Dieser war wirklich Gottes Sohn!“ Das erste Mitglied des neuen Bundesvolkes war der Henker des Herrn! Das ist vielleicht ein Anfang! Das ist ein Zeichen. Der erste, der hinzugekommen ist, war ein Sünder, und der letzte, der Jesus erkennen wird, wird auch einer sein. Und er ist kein Jude, sondern ein Römer, ein Fremder. Gottes Haus ist offen für alle Menschen. Darum zerreißt der Vorhang des Tempels als Jesus gestorben ist. Das Allerheiligste ist jetzt für jeden zugänglich, der es dem römischen nachspricht: „Dieser ist wirklich Gottes Sohn gewesen!“  

Amen.

Chorlied

 
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