1. Timotheus 3, 14-17 In der Bibel spricht Gott zu uns

mp3Predigt zum Anhören

Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg

Norbert Giebel, 28.5.2017

2. Tim. 3, 14 – 17   In der Bibel spricht Gott zu uns!

Liebe Gemeinde,

heute geht es um die Bibel als ein Buch durch das Gott zu uns reden will. Das ist nicht selbstverständlich. Das kann man nicht voraussetzen. Das muss man erklären. Wie kann Gott durch etwas reden, was doch Menschen zusammengetragen, aufgeschrieben, übersetzt und vervielfältigt haben? Ich lese zunächst einmal 2. Tim 3, 14-17:

14 Du aber bleibe bei dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist; du weißt ja, von wem du gelernt hast 15 und dass du von Kind auf die Heilige Schrift kennst, die dich unterweisen kann zum Heil (oder zur Rettung kann man übersetzen) durch den Glauben an Christus Jesus. 16 Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, 17 dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt.

Ich will mit drei Fragen an diesen Text herangehen:
(1) Was ist die Bibel? (2) Was will Gott mit der Bibel? (3) Wie lesen wir die Bibel richtig?

1. Was ist die Bibel ?

Die Bibel ist Gottes Wort im Menschenwort. Der Text aus 2. Timotheus ist eine klassische Bibelstelle für die Lehre von der so genannte „Inspiration“ der Heiligen Schrift. Gemeint ist damit, dass Gottes Geist die Bibel gewirkt hat. Luther hat übersetzt: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben.“ Man kann auch übersetzen „jede Schriftstelle“ oder „die ganze Schrift“. Luther lässt es mit seiner Übersetzung „alle Schrift“ ebenso offen wie Paulus in der griechischen Sprache. Es kann die Schrift als Ganze gemeint sein oder jede Schriftstelle.

Menschen haben die verschiedenen Schriften der Bibel geschrieben. Sie haben ihre Worte benutzt. Sie haben sich erinnert, an das was sie erlebt oder gehört haben. Viele Teile der Bibel wurden zuerst mündlich erzählt, von Menschen weitergegeben. Niemand war dabei und hat es protokolliert, was Israel erlebt hat oder was Jesus getan hat. Und doch sagt Paulus: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben.“ „Theopneustos“ heißt das griechische Wort, das Paulus verwendet. Jeder Vers, die ganze Schrift ist „gottgehaucht“, „gottgegeistet“, könnte man übersetzen.

Im zweiten Petrusbrief geht es um die gleiche Sache, wenn wir da lesen „getrieben vom Heiligen Geist haben Menschen im Namen Gottes geredet!“ (2. Petr. 2,21) Was wir hier in der Hand haben, haben Menschen erzählt und aufgeschrieben. Sie haben ihre Sprache und ihre Worte dazu benutzt. Wer sich auskennt, weiß, dass die Apostel verschieden schreiben, jeder seine Schwerpunkte hat, sie sich sprachlich unterscheiden:

Matthäus legt Wert darauf, dass Jesus das getan hat, was im Alten Testament vorausgesagt wurde. Bei Matthäus liest man oft die Worte „Wie geschrieben steht“. Das war ihm wichtig. Matthäus nennt das Reich Gottes immer Himmelreich. Nur er tut das. Er hielt das für verständlicher, ändert es auch, wo er Jesus zitiert. Alle anderen sagen „Reich Gottes“. Johannes erzählt alles sehr ausführlich. Eine große Rolle spielt bei ihm die Liebe. Dass Gott uns liebt und wir einander lieben sollen, das ist sein Thema. (In seinem Evangelium und in seinen Briefen.) Nirgends kommen Glaube und Gerechtigkeit so oft vor, wie bei Paulus! Da ist sein Herzensthema. Das große Stichwort bei Petrus ist die Hoffnung. Die Bibel ist Menschenwort! Jakobus schreibt über die Propheten im Alten Testament: „Sie waren Menschen gleichwie wir!“ (Jak 5,17) Das Gleiche können wir für die Schreiber im Neuen Testament festhalten.

Lukas schreibt am Anfang seines Evangeliums, er habe lange nachgeforscht und alle möglichen Leute gefragt, die Jesus kannten, wie es gewesen ist, um alles zuverlässig aufzuschreiben. Das war Arbeit für Lukas. Und diese Arbeit hat der Heilige Geist ihm nicht abgenommen. Lukas hat geforscht und geschrieben und Gottes Geist hat ihn dazu befähigt und ihn dabei geführt. „Menschen haben getrieben vom Heiligen Geist im Namen Gottes geredet.“ wie Petrus es auf den Punkt bringt. Keiner hat in Ekstase geschrieben. Gottes Geist hat sie nicht außer Kraft gesetzt. Sie waren keine Marionetten. Matthäus, Johannes, Paulus, waren nicht bewusstlos, als sie schrieben, sondern voll konzen-triert, fleißig und treu.

Einige kennen die Geschichte von dem Pastor, der sich vornimmt, in seiner nächsten Predigt, nur zu sagen, was der Heilige Geist ihm eingibt. Darum bereitet er sich nicht vor, tut gar nichts für die Predigt. Er will sich ganz führen lassen, den Geist nur spontan wirken lassen. Und als er auf der Kanzel steht sagt er: „Ich bin ein fauler Hund. Das hat mir gerade der Heilige Geist gesagt. Heute habe ich Euch kein Wort zu sagen!“

Der Heilige Geist wirkt mit Menschen zusammen: Beim Bibelschreiben und beim Bibellesen und beim Vorbereiten und beim Halten einer Jugendstunde oder Bibelstunde. Da kann man faul sein, nichts tun, aufhören zu planen und zu überlegen, aber der Heilige Geist wird einem diese Arbeit nicht abnehmen. Der Heilige Geist macht nicht unsere Arbeit. Er setzt uns an die Arbeit. Er hilft uns. Er gibt uns die Kraft dazu. Er führt uns über das hinaus, was wir von uns aus können, aber Wir sind es, die es tun! Und ER ist es, der es durch uns wirkt! Gottes Geist wirkt mit uns zusammen. Als von Menschen geschriebene Briefe, Evangelien, Geschichtsbücher ist die Bibel Gottes Wort.

Zunächst meint Paulus hier übrigens das Alte Testament. Er benutzt das typische Wort, das Juden für die Schriften des Alten Testamentes gebraucht haben. Das Neue Testament gab es noch gar nicht, einzelne Schriften wohl, hier und da verteilt und abgeschrieben, aber das Neue Testament war noch im Werden, als Paulus Timotheus geschrieben hat. Aber auch das Neue Testament ist geistgewirkt. Den Korinthern schreibt Paulus:

„Wir haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern Gottes Geist, damit wir wissen, was Gott uns geschenkt hat. Und davon reden wir nicht mit Worten menschlicher Weisheit, sondern mit Worten, wie sie der Geist lehrt!“ (1. Kor. 2,12-13)

Jesus hatte seine Jünger beauftragt und bevollmächtigt: „Ihr sollt den Heiligen Geist empfangen und meine Zeugen sein.“ (Apg. 1,8) Dass WIR ihn bezeugen sollen und müssen, so verschieden wir sind, darin liegt alles Menschliche. Dass aber Gottes GEIST uns dazu befähigt, das ist das göttliche Geheimnis.

2. Was will Gott mit der Bibel?

Wie das genau funktioniert, dass der Heilige Geist Menschen gebraucht hat, sie erinnert, sie führt, sagt die Bibel nicht. Aber wozu Gottes Geist die Schreiber und Schriften inspiriert hat, das ist absolut klar gesagt: Alle Schrift von Gott eingegeben ist nütze zur Lehre, zur Aufdeckung, zur Aufrichtung und zur Erziehung in Gerechtigkeit.“ Die Bibel will etwas „machen“ mit den Menschen, die sie lesen. Sie will etwas erreichen. Ihre Worte sind wie Saatkörner, die nicht auf einem Weg oder dem Acker liegen bleiben wollen. Sie wollen wurzeln, Neues wachsen lassen, Früchte bringen. Die Bibel soll zu etwas „nützen“ sagt Paulus.

Es ist gar nicht so wichtig, ob wir glauben, dass die Bibel von Gottes Geist gewirkt ist. Ob wir glauben, dass die Bibel Gottes Wort ist und von Gott eingegeben, damit haben wir noch gar nichts gewonnen. Gott will keine inspirierte Bibel, er will inspirierte Menschen! Dazu hat er seinen Geist in die Schrift gegeben. Er will Menschen, in denen der Heilige Geist wirkt, die sich nicht nur etwas sondern alles von Gott sagen lassen, die durch sein Wort verändert werden. Menschen, die mit offenen Ohren und offenem Herzen bibellesen. Gottes Geist will nicht die Bibel erreichen. (Was hätte Gott davon, was hätte die Welt davon, wenn nur die Bibel inspiriert wäre?) Gottes Geist will unsdurch Gottes Wort erreichen. Das große Wunder der Bibel ist nicht, wie sie geworden ist, sondern dass Gott sie benutzt, dass er durch den Heiligen Geist durch sie spricht, dass er uns durch sie verändern und entwickeln will.

Paulus schreibt Timotheus: „Du aber bleibe in dem, was Du gelernt hast und was Dir anvertraut ist, Du weißt ja, von wem Du es gelernt hast, und dass Du von Kind an die Heiligen Schriften kennst, die Dich unterweisen können zum Heil durch den Glauben an Jesus Christus. Alle Schrift von Gott eingegeben ist nützezur Lehre, zur Aufdeckung, zur Aufrichtung und zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk geschickt.“ ... ‚zu jeder guten Tat fit’, ‚trainiert für alles Gute’ könnte man übersetzen.

Gottes Wort will uns trainieren. Es will unsere Sinne schärfen. Es will uns befähigen, zu erkennen, was richtig ist, und es zu tun! Man kann die Bibel auch nur als Geschichtsbuch lesen. Man kann alte Kulturen und alte Sprachen darin erforschen. Man erfährt etwas über das damalige Weltbild. In den Psalmen steht, die Erde sei auf Säulen gegründet. In der Offenbarung des Johannes lesen wir von den vier Engeln an den vier Ecken der Erde und dass der Himmel am Ende wie eine Buchrolle zusammengerollt wird. So hat man sich damals die Welt vorgestellt. Die Erde flach, den Himmel wie ein großes gewölbtes Tuch über der Erde, an dem Sonne, Mond und Sterne hin und her laufen.

Aber schon Augustinus, ein großer Kirchenlehrer des 4. Jhdt. hat geschrieben: „In der Bibel steht nicht zu lesen, der Herr habe gesagt: Ich sende euch den Beistand, der euch über den Lauf der Sonne und des Mondes unterrichten soll. Er wollte und zu Christen machen und nicht zu Sternenkundigen!“ Adolf Pohl, ein baptistischer Lehrer im letzten Jahrhundert, schreibt: „Um Sternenkundige zu werden, hat Gott uns den Verstand gegeben, nicht die Schrift. Ebenso wenig wollte uns der Heilige Geist zu Botanikern, Biologen oder Gynäkologen machen!“ – Was will Gott mit der Bibel? Gott will uns retten. Gottes Geist will uns zu Jesus führen. Und er will uns alles lehren, was Gott uns durch Christus heute zu sagen hat.

3. Wie lese ich die Bibel richtig?

Paulus nennt hier vier Trainingsbereiche, vier Wirkungen der Bibel: Alle Schrift von Gott eingegeben ist nütze (1) zur Lehre, (2) zur Aufdeckung, (3) zur Aufrichtung und (4) zur Erziehung in der Gerechtigkeit. Das dürfen und da sollen wir in der Bibel suchen und das werden wir finden. Dazu benutzt sie der Heilige Geist: Er will uns lehren. Er will uns aufdecken, dass wir uns immer mehr erkennen, dass wir immer mehr sehen, wie stolz, wie weit weg von Gott wir sind. Wie weit wir hinter der Liebe zurückbleiben. – Gottes Geist macht das durch Gottes Wort Stück für Stück, unser Leben lang. Am Anfang liest man die Bibel und hat seine Fragen an die Bibel. Dann aber wird die Wirkung der Bibel immer stärker, und sie hat immer mehr Fragen an uns, an unser Leben. Sie deckt uns auf.

Zur Aufrichtung will Gottes Geist die Bibel nutzen. Zum Trost. Zur Freude. Zur Vergewisserung. Gott will uns zu sich rufen in seinem Wort und uns erquicken, erfreuen, fest und stark machen. Und er will uns zu einem gerechten Leben erziehen. Ein Leben, das Gott entspricht, das sich unter Gottes Herrschaft stellt. Ein Leben, an dem Menschen sehen, „wes Geistes Kind wir sind“. Ein Leben nach dem neuen Gebot Jesu, nach dem Gebot der Liebe. Wenn wir das alles in der Bibel suchen, werden wir es finden. Denn dazu hat Gott sie inspiriert. Diese Kraft liegt in ihr.

Welcher der vier Aspekte denkt ihr ist am meisten verkümmert? Welche Wirkung des Wortes Gottes ist am stärksten beschädigt? Wir können nachher beim Predigtnachgespräch darüber sprechen. Ich möchte euch sagen, was mich am traurigsten macht: Ich habe den Eindruck, dass die Bibel als Lehrbuch ausgedient hat. „Die Bibel ist ein Geschenk Gottes, das uns Arbeit macht!“ (Adolf Pohl) Aber wir scheuen diese Arbeit. Es geht ja nicht nur um fleißiges Lesen, Zusammenhänge zu erkennen, mit anderen reden, die anderes erkannt haben oder denken. Das Schwerste ist wohl die Arbeit an mir. Mein Leben, meine Überzeugungen, mich zur Disposition zu stellen.

Mein Eindruck ist: Wir sind alle irgendwo irgendwann zum Glauben gekommen. Da haben wir etwas gelernt über den Glauben. Da sind wir geprägt worden. Und dabei bleiben wir solange wir leben. Ich behaupte, es gibt eine große Gleichgültigkeit der Bibel als Lehrbuch gegenüber. „Allein die Schrift!“ Alle evangelischen Kirchen nehmen diesen Satz Luthers für sich in Anspruch. In jeder Satzung stehen Sätze wie: „Die Bibel ist Grundlage für Lehre und Leben unserer Kirche oder unserer Gemeinde.“ Aber es bewegt sich nichts mehr.

Ich schätze die Ökumene. Ich liebe meine Geschwister in den anderen Kirchen. Da ist viel Bewegung in der Liebe, aufeinander zu! Aber ich empfinde, wenn man zusammenkommt zu einem Thema, dann geht es darum, zu verstehen, was die Katholiken, Lutheraner, Baptisten, Reformierten, Pfingstler denken. Wir reden über Abendmahl, Taufe, wie wir Gottesdienste feiern, wie wir Gemeinde bauen, über Kirche, Amt und Sakramente, was wir unter Gerechtigkeit verstehen, wie der Heilige Geist wirkt. Wir wollen einander verstehen und achten. Das ist ja auch der erste Schritt, sonst kann man sich nicht annehmen und keinen Dialog führen. Aber das gemeinsam Suchen, was die Bibel dazu sagt, bleibt auf der Strecke.

Allein durch Christus werden wir gerettet. Stimmt. Das ist der wichtigste reformatorische Hauptsatz. Aber das ist nicht alles, was Gott uns für unser Leben zu sagen hat. Wie Lukas forschte, um herauszufinden, was wirklich passiert ist, so müssen wir in der Bibel forschen. Wenn wir das nicht mehr tun, lassen wir Gott nicht ausreden, dann hören wir ihm nicht mehr zu, dann können wir noch so oft sagen, die Bibel sei von Gott gegeben uns zur Lehre. Wenn wir nichts mehr lernen wollen, dann hat sie ausgedient. Dann finden wir nur noch uns selbst in der Bibel.

Wie lese ich die Bibel richtig? Indem ich mich von ihr befragen lasse und lerne. Indem ich mich aufdecken und trösten und erziehen lasse. Das ganz Praktische habe ich heute weggelassen:

  • Dass man auch ein Lexikon zur Bibel nutzen kann, einen Kommentar, da haben von Gott begabte Lehrer etwas aufgeschrieben.
  • Dass man die Bibel nicht nur alleine lesen soll, viele Gaben, Erkenntnisse, Erfahrungen, mit denen Gott mich beschenken will, hat er anderen gegeben. Da komme ich nicht heran, wenn ich nicht mit ihnen Bibel lese.
  • Dass es manchmal gut ist, ganz viel an einem Stück zu lesen, vielleicht einen ganzen Brief einmal durchzulesen, und dass es oft gut ist, bei einem Vers zu bleiben, nicht weiter zu lesen, jetzt zu fragen, was Gott mir durch dieses Wort zu sagen hat, es in mich aufnehmen, das Wort geistlich zu kauen und verdauen.

Ganz praktisch will ich heute nur eines sagen: Bleib bei dem, was hell ist! Ich glaube, die Formulierung kommt auch von Luther. Es gibt dunkle und helle Bibelstellen. Manches liest man und denkt: „Verstehe ich nicht, sagt mir nichts, das berührt mich nicht, das bleibt mir fremd.“ Und es gibt helle Bibelstellen. Da verstehst du sehr gut was Gott dir zu sagen hat. Da hat Gott dir etwas ans Herz gelegt, ein Thema bei dir aufgerufen. Da will er dich offensichtlich jetzt besonders aufdecken, trösten oder ermahnen, weiterführen. Jetzt weiterzulesen, weiterzudenken, so tun, als hätte man nichts gehört, das wäre Verrat. Was für ein Thema, welche Frage hat Gott bei dir aufgerufen?

Bleibe bei dem, was hell ist! Wenn Gott dir etwas auf den Lehrplan geschrieben hat, dann weiche nicht aus. Dann will ich es dir ähnlich sagen wir Paulus Timotheus: Bleibe bei dem, was du gehört hast. Gott will dich dadurch in seinem Heil weiterführen.

Amen.

 
Zum Anfang