Johannes 5, 39-44 Gott allein die Ehre

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Mönchebergstraße

Norbert Giebel, 18.6.2017

Johannes 5, 39-44   Wessen Anerkennung suche ich?

Wir lesen einen Ausschnitt aus einem Gespräch Jesu mit Pharisäern und Schriftgelehrten:

39 Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie sind's, die von mir zeugen; 40 aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet. 41 Ich nehme nicht Ehre von Men-schen an; 42 aber ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt. 43 Ich bin gekommen in meines Vaters Namen, und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Na-men, den werdet ihr annehmen. 44 Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht?

Zwei Teile hat meine Predigt. Zwei Behauptungen möchte ich aus diesen Worten Jesu aufstellen. Vielleicht sind es zwei Provokationen, wir werden sehen:

1.        Das Leben finden wir nicht in der Bibel

Das ewige Leben und das neue Leben hier auf Erden, unser neues Leben finden wir nicht in der Bibel, behaupte ich. Jesus sagt den Schriftgelehrten, den Frommen damals: „Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie sind's, die von mir zeugen.“ Mit „den Schriften“ ist gemeint, was wir heute das Alte Testament nennen. „Suchen“ ist eine typisch jüdische Form der Schriftauslegung. Genauer würde man vielleicht „durchforschen“ übersetzen. Zur jüdischen Auslegung gehört es, die Schriften des Alten Testament sehr genau zu durchforschen, für jede Stelle Parallelstellen zu finden, auch Gegenstellen, Gründe und Gegengründe. – Das ist nicht die schlechteste Art, mit der Bibel umzugehen, und oft kommt man zu überraschenden Ergebnissen. Jesus tadelt seine Gesprächspartner nicht, dass sie die Schriften so genau erforschen. Eher lobt er ihre Ernsthaftigkeit und ihren Fleiß. Traurig ist aber, dass sie über der Fülle der Details das große Ganze übersehen. Sie sehen den Wald vor Bäumen nicht. Bei aller Schriftforschung erkennen sie Gottes Willen nicht. Das ist das Problem.

Das Eigentliche, was sie suchen, das ewige Leben, kann man so nicht finden. Das Leben, das ewige Leben, das neue Leben hier und jetzt mit Gott als dem Vater findet man nur in Jesus selbst. Alles Bibelwissen, alles Bibelforschen bringt noch nicht das neue Leben. Wer im Alten Testament forscht, kann erkennen, dass Gott seinen Messias senden wird. Wer das Neue Testament liest, kommt nicht umhin, zu erkennen, dass Jesus dieser Messias ist. Aber nur wer ihn seinen Herrn werden lässt, nur wer mit Christus die Schriften liest, kann sie recht verstehen. Wer keine Gemeinschaft mit Jesus hat, ihm nicht gehorcht, ihm nicht gehört, der findet das Leben nicht in der Bibel. Auf ihn weisen die Schriften hin. Zu ihm wollen sie führen.

Wenige Sätze vorher sagt Jesus den Schriftgelehrten damals: „Ihr habt niemals Gottes Stimme gehört und sein Wort habt ihr nicht in euch wohnen!“ (Vgl. V37-38) Die Gelehrten damals werden ihm widersprochen haben. „Wir sollen das Wort Gottes nicht in uns haben? Das ist doch unsere Lebensaufgabe. Wir forschen jeden Tag darin. Wir kennen uns aus wie kein anderer!“ Kann man denn in den Schriften forschen und das Wesentliche übersehen?“ – „Ihr glaubt nicht an den, den er gesandt hat!“ sagt Jesus (V38)

Paulus, selbst ein Schriftgelehrter und Pharisäer, er wird später den Korinthern über seine Brüder aus dem Judentum schreiben: „Ihre Sinne sind verstockt, denn es liegt eine Decke auf dem Alten Testament. Sie haben eine Decke vor ihren Augen und ihren Herzen, und sie wird nur abgetan, wenn sie sich zu Jesus als ihrem Herrn bekehren!“ (vgl. 2, Kor 3, 14-16) Man kann die Bibel falsch lesen, an ihrem Ziel vorbei lesen, wenn man durch sie nicht Christus als dem Herrn begegnet, wenn das, was man liest, mit dem eigenen Leben nichts zu tun bekommt, wenn man nicht damit rechnet, dass Gott das eigene Leben verändern will.

Jesus sieht noch einen Blick tiefer, warum sie das ewige Leben nicht in den Schriften finden.   Was hat ihnen gefehlt? Das ist eine harte Kritik, aber ich glaube, keiner von uns kann sicher sein, dass sie ihn diese grundlegende tiefe Kritik nicht auch trifft: „Ich kenne euch, dass ihr Gottes Liebe nicht in euch habt!“ Darum mein zweiter Punkt, meine zweite Behauptung, vielleicht eine zweite Provokation:

2.        Das ewige Leben findet man nur in der Anbetung Gottes.

Jeden Tag bekennt der gläubige Jude, was bei Mose zu lesen ist: „Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von gan-zer Seele und mit aller deiner Kraft!“ (Dtn. 5, 4-5) Das ist das Grundbekenntnis jedes Juden! Und Jesus spricht seinen Gesprächspartnern genau das ab. Das ist eine zweite Provokation. „Ihr habt die Liebe Gottes nicht in euch!“

Ihr lebt nicht, was ihr vorgebt. Ihr wisst, was man zu sagen hat, was Gott fordert, aber ihr lebt es nicht. Woher weiß Jesus das? Woran soll man denn die Liebe zu Gott erkennen? Jesus sagt, er weiß, dass sie Gott nicht von Herzen lieben, weil sie ihre Ehre, ihre Anerkennung, bei Menschen suchen. Das ist hier das Hauptproblem noch vor dem Umgang mit den Schriften. Wer seine Ehre bei Menschen sucht, der sucht sie nicht bei Gott.

Was betest du an? Was ist wirklich die Mitte deines Lebens? Von wem oder was machst du dich abhängig? Wofür setzt du deine Zeit, dein Geld, dein Leben ein? Was gibt dir Sicherheit? Was tröstet dich? Das ist die große Versuchung unsers Lebens, dass wir Christus im Leben nicht erkennen, dass wir das ewige Leben hier nicht finden, weil wir anderes an die Stelle setzen, die allein Gott gebührt. Unseren Frieden, unsere Zufriedenheit, unser Ansehen suchen wir nicht darin, Gott allein die Ehre zu geben, ihn anzubeten, ihm zu vertrauen, sondern in unserem Erfolg, im Reichtum, in äußerer Sicherheit, in Lob und Anerkennung der Menschen.

Niemand ist davor gefeit, niemand kann sich immer sicher sein, dass er in seinem Leben nicht auch Götzen dient, wenn er seine Ehre nicht allen bei Gott sucht. Dem Götzen der Sicherheit im Leben. Dem Götzen, einen guten Ruf zu haben. Dem Götzen, in der Welt zeigen zu wollen, wie weit man es gebracht hat. Dem Götzen Luxus und Bequemlichkeit. Dem Götzen einer Sucht, in der man seinen Trost sucht. – Klingt das zu hart für euch? Ich glaube das aber: Wir stehen in Gefahr in unserem Leben Götzen zu dienen, wenn wir nicht den einen Gott alleine anbeten und bei ihm allein unsere Ehre suchen.

Ich habe am Donnerstag einen Besuch gemacht. Die bald 80-jährige Schwester liest gerade ein Buch, dass sie mir zeigte. Ein Buch von George Verwer, dem Gründer des Missionswerkes Operation Mobilisation, kurz OM, ein weltweites Missionswerk, das seit 1962 besonders junge Menschen motiviert, Jesus als den Herrn in dieser Welt zu bekennen und missionarische Arbeiten weltweit zu unterstützen. In dem Buch von George Verwer (Jesus praktisch erleben, Neuhausen-Stuttgart 19725 S.22f) fand ich ein Gebet:

O, Jesus, sanftmütig und demütig von Herzen, erhöre mich:

Befreie mich, Jesus, von dem Wunsch

                Dass man mich liebt,

                dass man mich bewundert,

                dass man mich ehrt,

                dass man mich lobt,

                dass man mich anderen vorzieht,

                dass man mich um Rat fragt,

                dass man mich anerkennt.

Befreie mich, Jesus, von der Angst,

                dass man mich demütigt,

                dass man mich verachtet,

                dass man mich zurechtweist,

                dass man mich vergisst,

                dass man mich auslacht,

                dass man mich falsch einschätzt,

                dass man mich verdächtigt.

Und Jesus, durch deine Gnade erwecke in mir den Wunsch,

                dass andere mehr geliebt werden als mich,

                dass andere mehr geachtet werden als ich,

                dass andere in den Augen der Welt zunehmen und ich abnehme

dass andere gewählt und ich zur Seite gestellt werde,

dass andere gelobt und ich ignoriert werde,

dass andere mir vorgezogen werden,

dass andere heiliger werden als ich, wenn ich nur für dich heilig genug bin.

„Würden wir jeden Tag in diese Richtung beten, was könnte der Heilige Geist in unserem Leben für Wunder bewirken!“ behauptet George Verwer (sinngemäß S. 23) Wir dürfen nicht zu „Missionsrobotern“ werden, mahnt Verwer. Wir dürfen nicht zu Menschen werden, die uns über das definieren, was wir leisten, die sich mit anderen vergleichen. Alles, was wir hier tun, wird vergehen, aber das, was wir sind, was wir in Christus sind, das wird bleiben. Wir dürfen unseren Glauben nicht ver-äußerlichen und uns abhängig machen von dem, was andere über uns denken, wie andere uns beurteilen.

Nur der Heilige Geist kann unsere Herzen verändern, dass wir Menschen werden, die Gott allein die Ehre geben. „Es gibt so viele Ersatzmittel für echte Heiligkeit“ sagt der Gründer von OM. Wir meinen Gott zu gefallen durch das, was wir erkennen, durch das, was wir tun. Das Ziel der Heiligung aber, das Ziel allen geistlichen Wachstumes liegt darin, Christus ähnlicher zu werden, immer mehr in sein Wesen hineinzuwachsen. Er, der Eine, er wurde nicht geehrt, er wurde nicht gelobt, er wurde nicht anerkannt. Er war der „Allerverachtetste“. So hat es Jesaja für den Gottesknechte vorausgesagt. (Jes. 53, 3) Jesus suchte keine menschliche Ehre für sich. Er suchte allein Gottes Ehre, Gottes Herrlichkeit, Gottes Lob. Das machte ihn frei und stark. So konnte er Menschen widerstehen, die sich ihm entgegenstellten, und so konnte er allen Menschen dienen, die ihn brauchten.

Wir wollen vielleicht gerne dienen wie Jesus gedient hat, wir wollen vielleicht gerne reden, heilen und vielleicht sogar Menschen lieben, wie er es getan hat. Aber: Wollen wir auch sein wie Jesus? Das aber ist kein Luxus! Das ist die Wurzel. Das ist seine Kraft! Daher kommt seine Klarheit! Das hat seinem Leben die Richtung gegeben:      Gott allein die Ehre zu geben! Keine Ehre, keine Anerkennung von dieser Welt zu suchen.

Das Gebet von George Verwer ist ein starkes Gebet. Er lädt ein, es mit zu beten. Und er meint, wir würden Wunder sehen, wenn wir so beten und in diese Haltung hineinwachsen. Für unser menschliches Ego gibt es nichts Schlimmeres, als abgelehnt zu werden, verachtet, öffentlich bloßgestellt zu werden. Wer sich davon abhängig macht, wird keine Wunder sehen.

Es ist nicht verkehrt zu loben. Darum geht es nicht. In einem Gleichnis Jesu von Arbeitern, denen viel anvertraut wurde, wird am Ende jeder Arbeiter ausdrücklich und lang gelobt, der das für Gottes Sache eingesetzt hat, was ihm anvertraut wurde. (vgl. Mat 25,14 ff, Luk 19, 12 ff) Wir dürfen einander loben in der Gemeinde und tun es vermutlich zu wenig. Und man darf sich auch über Lob freuen. Das hilft einem, seine Gaben zu erkennen, zu sehen, wo oder wie Gott einen gebrauchen kann, dass man anderen geholfen oder sie erfreut hat. Das Problem ist, wenn man sich davon abhängig macht.

Du kannst einen TEST machen: Was arbeitest du in der Gemeinde? Nun stelle dir vor, du wirst ständig übersehen, andere werden dir vorgezogen, du wirst öffentlich kritisiert, du bekommst kein Lob: Würdet du ebenso treu und fleißig weiterarbeiten? Wie wichtig ist dir die Ehre von Menschen? – „Wer der Kleinste unter euch ist, der ist groß!“ hat Jesus einmal gesagt (Luk 9,48)

Kannst du das Gebet mitsprechen: „Befreie mich, du sanftmütiger Jesus, befreie mich von dem Wunsch, dass man mich um Rat fragt!“? Du hast doch auf einem bestimmten Gebiet Erfahrungen, Wissen, Begabungen. Und es tut dir auch gut, gefragt zu werden, dass Menschen dich brauchen. Wie verändert es deine Haltung zu Menschen, zur Gemeinde, wenn du nicht mehr gefragt wirst? Bist du sauer? Gehst du in die Opposition? Schaltest du um auf Angriff?

Paulus schreibt den Philippern: “Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre Willen, sondern in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst. (...) Geht so miteinander um, wie es eurer Gemeinschaft mit Christus Jesus entspricht!“ (vgl. Phil 2, 3+5) Ich kenne jemanden, der Gemeindeleiter war und bei einer Wahl nicht wiedergewählt wurde. Er ist aus der Gemeinde ausgetreten. Kann ich den Satz mitbeten: „Befreie mich, Jesus, von dem Wunsch, dass man mich anderen vorzieht. Befreie mich von der Angst, nicht gewählt und zur Seite gestellt zu werden!“?

Nicht aus dem Bibeltext, nicht für die Theologen damals, sondern aus der Lebenserfahrung heute will ich noch etwas ergänzen: Es ist ja sehr oft so, dass Menschen, die Lob und Anerkennung anderer Menschen brauchen, selber in sich klein sind. Sie sehen keine andere Möglichkeit, mit sich selbst und mit anderen zufrieden zu sein, als wichtig zu sein, gelobt zu werden.

Vielleicht kann man oft sogar in der Kindheit, in der Biographie Ursachen finden, warum jemand es so sehr braucht, gesehen zu werden, im Mittelpunkt zu stehen. Aber es bleibt dabei: Sie sind in der Gefahr, es Menschen recht zu machen und nicht zuerst bei Gott ihre Ehre zu suchen. Gottes Geist aber will von aller Menschenfurcht befreien. Denn, wer Menschen mehr fürchtet als Gott, der hat Gottes Liebe nicht im Herzen, der gibt Gott nicht die Ehre, die ihm gebührt.

Wie viele Menschen – auch hier in Kassel – wurden noch nie eingeladen von Christen, nicht einmal zur Nacht der offenen Kirchen, zu einem Gottesdienst, zu Primetime – weil Christen Menschen fürchten. Sie haben Angst vor diesem kleinen Moment des Kopfschüttelns, vor dem Unverständnis des anderen, den sie einladen sollten. Wer seine Ehre bei den Menschen sucht, wird keine Wunder erleben.

„Befreie mich, Jesus, von der Angst, dass man mich zurechtweist!“ Letztlich will der Heilige Geist mich zurechtweisen, aber er gebraucht dazu Schwestern und Brüder im Glauben. Bin ich offen für ein kritisches Wort? Darf mich jemand aufmerksam machen auf ein Fehlverhalten von mir? Oder verbiete ich mir so etwas? George Verwer schreibt, Gott hätte Jahre mit ihm gebraucht, bis er gelernt hätte, Zurechtweisungen dankbar anzunehmen. Er schreibt: „Wenn wir verletzt, zurechtgewiesen oder ermahnt werden, sprudeln wir sofort über mit unseren fünfundzwanzig Gründen, weshalb der andere im Unrecht und wir im Recht sind. Unsere Selbstverteidigung ist sehr oft ein Gradmesser für unser geistliches Leben.“ (S. 32f)

– Das kenne ich auch gut von mir.

Johannes der Täufer sagt: „Er (Christus) muss zunehmen, ich aber muss abnehmen.“ (Joh. 3,30).

Das ewige Leben findet man nur in der Anbetung Gottes, habe ich den zweiten Punkt überschrieben. Das kann man still tun, das kann man mit Gesang tun, das hat man zu biblischen Zeiten auf den Knien getan. Das Entscheidens aber ist, dass man es mit seinem ganzen Leben tut.

Im Buch der Offenbarung sieht Johannes in den göttlichen Thronsaal. (Off. 4) Merkwürdige Engel sind da und 24 Älteste, wohl auch Engel. Was tun sie? Sie beten Gott an. Wieder und wieder. Ohne Aufhören. Sie gehen auf die Knie und sie legen ihre Kronen ab vor dem Thron. Sie legen ihre Ehre ab. Sie legen vor Gott ab, was sie in der Welt so mächtig macht und Eindruck schindet. Sie legen ab, was ihnen Sicherheit und Einfluss gegeben hat. Immer wieder gehen sie auf die Knie und legen ihre Kronen ab. „Herr unser Gott, du allein bist würdig zu nehmen Preis und Ehre und Kraft!“ beten sie.

Wer vor Gott seine Krone ablegt, immer und immer wieder, und wer mit den 24 Ältesten betet „Du allein bist würdig!“ der wird Wunder sehen.

Amen.

 
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