Jesaja 29, 17-24 Gottes Reich steht nahe bevor

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg

Pastor Norbert Giebel 6.1.2013

Jesaja 29, 17-24 Gottes Reich steht nahe bevor!“

17 Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. 18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; 19 und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. 20 Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, 21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen. 22 Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. 23 Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – ihre Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. 24 Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.                                                                                       Jesaja 29,17-24 (LUT)

Liebe Gemeinde,

Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen!“ Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt hat das gesagt. Sein Parteikollege Egon Bahr hat später widersprochen. Dieser Satz sei Unsinn! „Das ist Quatsch!“ hat er wörtlich gesagt. „Ein Volk ohne Vision geht zugrunde!“ lautet ein Sprichwort in Israel. Wir finden es im Buch der Sprüche (29,18). Auch eine Stadt, auch eine Gemeinde geht zugrunde, wenn sie keine Vision hat. Wer einem Volk die Vision nimmt, nimmt ihm die Triebkraft. Dann gibt es kein Ziel mehr, keine Sehnsucht. Dann finde man sich ab mit dem Istzustand. Dann bleibt man hinter dem zurück, was Gott vor hat, was Gottes Wille ist. Das stimmt auch für jede Familie und für jeden Einzelnen: Wer keine Vision mehr hat, der sollte sich Hilfe suchen.

Die große Wandlung“ steht in der Lutherbibel über diesem Abschnitt. Was wir gelesen haben ist auch eine Vision. Das ist Gottes Vision. Er steht hinter dieser „großen Wandlung“. Und er will, dass diese Vision unsere Vision ist. Das soll uns treiben. Dahin wollen wir. Wer das will, wer sich danach ausstreckt, der soll wissen, dass er sich mit Gott auf den Weg gemacht hat.

Antoine de Saint-Exupéry hat die Kraft einer Vision in einem Bild ausgedrückt: „Wenn du ein Schiff bauen willst“ sagt er, „so trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Menschen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer!“ Man braucht auch Holz und Werkzeuge und einen Plan, die entscheidende Kraft und Motivation aber ist die Sehnsucht. Was ist unsere Sehnsucht? Für unsere Gemeinde? Was ist deine Vision für deine Gruppe oder deine Arbeit in der Gemeinde? Wohin wollen wir, was wollen wir für die Menschen in dieser Stadt, für Kassel? Haben wir eine Sehnsucht für die Menschen um uns her? Teilen wir Gottes Sehnsucht für diese Welt?

Ein Volk ohne Vision geht ein. Es erwartet nichts mehr. Es hofft nichts mehr. Ohne Vision kann man gleich alles hinschmeißen. Nur noch sich selber retten und den Rest gegen die Wand fahren lassen. Mit welcher Vision will Gott uns durch Jesaja anstecken? Wo schlägt Gottes Herz? Was ist sein Wille, wie sieht seine Herrschaft aus, die kommen soll?

  1. 1.Die Schöpfung soll gesund werden.

In einem Raubbau kaum vorstellbaren Ausmaßes wurden die mächtigen, prächtigen Zedern des Libanon abgeholzt. Die reichen großen Wälder des Libanon waren ein Symbol. Eine große grüne Oase. Prächtige Bäume. Vögel, Insekten. Es gab alle Tiere des Waldes. Der Prophet Habakuk erkennt einen Frevel gegen Gott in der totalen Abholzung der einst großen Wälder. 100 Jahre nach Jesaja schreibt er: „Der Frevel, den du am Libanon begangen hast, wird dich überfallen, und die verstörten Tiere (die keinen Schutz und keine Wohnung mehr hatten) werden dich schrecken!“ sagt Habakuk (2,12)

Gott will eine gesunde Schöpfung! Die Schöpfung zu bewahren und zu bebauen ist sein Auftrag an die Menschen. Das ist kein Spaß. Das ist ihm ernst. Gott will, dass die kahlen Höhen des Libanongebirges wieder fruchtbar werden.  Wein und Obstbäume werden dort stehen, wo jetzt kaum noch Gras wächst. Die abgeholzten Wälder werden neu angepflanzt. Die vielen Tiere werden wieder ein Zuhause finden.

Die Schöpfung wird geheilt, wenn Gott seine Herrschaft durchsetzt. Ist das nur im übertragenden Sinn gemeint? Redet Jesaja nur von Israel, von Menschen, die ausgetrocknet sind, die neu aufblühen werden? Nein. Die neue Schöpfung gehört zum Hoffnungsgut von Juden und der Christen. Paulus schreibt den Römern, dass die ganze Schöpfung sehnsüchtig darauf wartet, dass die Kinder Gottes sichtbar werden. Die Menschen haben mit ihrer Sünde die ganze Schöpfung mit in die Vergänglichkeit gerissen, beschädigt, von der Sünde gekennzeichnet. Die Schöpfung seufzt wie in einem Kreissaal auf ihre neue Geburt hin. Wenn man sieht, wer die Kinder Gottes sind, wenn sie sich Gottes Willen unterstellen, dann wird die Schöpfung aufatmen.

Ich glaube, wer sich für eine gesunde Schöpfung einsetzt, der tut, was Gott gefällt. Wälder, Flüsse, Meere, Tiere sind zu schützen! Grüne Landschaften sind keine Idee der Grünen. So hat GOTT sich seine Schöpfung vorgestellt. So will er sie haben! Gibt es eine Schöpfungsethik in unseren Köpfen? Teilen wir Gottes Sehnsucht nach einer gesunden Natur? Oder werden wir uns auch einmal von Habakuk sagen lassen müssen, dass die Berge und Meere und Wälder und Tiere, die wir sie vernichtet haben, uns einmal vor Gott erschrecken werden?

  1. 2.Menschen sollen gesund werden.

Das ist Gottes Vision, mit er uns anstecken will! Taube werden hören, Blinde werden sehen, die im Elend leben werden sich wieder freuen, die Ärmsten der Ärmsten werden fröhlich sein. Gott sehnt sich nach geheilten, heilen, fröhlichen, satten Menschen. Mit dieser Sehnsucht will er uns anstecken.

Es kann sein, dass Jesaja gar nicht zuerst physisch also körperlich Blinde und Taube vor Augen hatte. Jesus hat 700 Jahre später Blinde sehend gemacht und Taube hörend. Johannes der Täufer hatte seine Jünger zu Jesus geschickt. Sie sollten ihn fragen: „Bist du es, der von Gott kommen sollte? Bist du der Messias, der Erlöser, der Retter?“. Jesus antwortete den Boten: „Geht zurück zu Johannes und berichtet ihm, was ihr hört und seht: Blinde sehen, Gelähmte gehen, Aussätzige werden gesund, taube hören, Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet!“ (Matth. 11,5)

Jesus hat Menschen geheilt. Ihre Körper und ihr Inneres. Er hat Blinde sehen lassen, Taube hören und Gelähmte gehen. In ihm war das Reich Gottes nahe und zum Reich Gottes gehört auch das Ende von Krankheit und Tod. Das hat Jesus in seinen Wundern gezeigt. Seine Wunder waren und sind Hoffnungszeichen für das, was kommen wird. Heilungen als Zeichen seiner Macht gibt es auch heute noch. Aber sie bleiben Zeichen. Wie Lichtzeichen aus der Ewigkeit, wo es einmal nur noch das Licht geben wird.

Jesus hat auch körperlich geheilt. Jesaja hat das sicher nicht ausgeschlossen, aber ihm ging es besonders darum, dass Menschen zu Gott hin geheilt werden. Jesaja sagt, dass die Tauben wieder die Worte des Buches hören werden. Die Bibel wird kein Buch mit sieben Siegeln mehr für sie sein. Sie werden wieder Gottes Wort hören und verstehen können. Die Blinden werden wieder aus ihrem Dunkel heraussehen. Sie werden wieder Licht sehen. Gottes Licht. Seine Herrlichkeit. Es gibt Menschen, die immer nur eine Wand vor sich sehen. Sie sind eingeschlossen, gefangen dahinter. Da kann die Sonne scheinen, es gibt viel Schönes zu sehen, es gäbe Grund zur Freude für sie, sie aber sehen nur gegen ihre Wand, in ihr Dunkel, ihre Angst, ihre Verletzung. Kein Licht vermag es, ihren Blick zu erhellen, sie aufzuheben, sie stark zu machen, ein neues Feuer in ihnen anzuzünden. Die Wand gibt es wirklich. Es gibt eine Not, eine Last, eine Wunde in ihrem Leben. Aber sie ist gar nicht so hoch. Sie könnten drüber sehen. Sie ist gar nicht so lang. Sie könnten drum herum gehen. Ihr Blick aber ist gebannt auf die Wand. Sie schaffen es nicht, den Kopf zu heben. Sonst würden sie Gott dahinter oder darüber sehen.

Jesaja sagt, „die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn und die Ärmsten unter ihnen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels“, sie werden sich neu in Gott freuen. Das ist eine geistliche Erneuerung. Eine innere neue Geburt. Befreiung aus der Angst und aus jeder fremden Macht. Eine Freude, die man nicht machen muss, zu der man sich nicht entscheiden muss, die von innen kommt. Eine Freude, die einen überwältigt. Der gesunde Mensch wird erleben, wozu Gott ihn gedacht hat. Er wird als Ebenbild Gottes leben. Gott gegenüber. Mit ihm, von ihm. Er wird frei sein. Er wird „staunend durch Gottes Garten gehen“. Vielleicht wird er hüpfen, tanzen. Es kommt einfach so aus ihm heraus.

Das ist Gottes Vision. Menschen, die taub für sein Wort sind, werden wieder hören. Menschen, die blind sind für seine Güte, sie werden sich freuen an ihm. Menschen, deren Leben elend ist, die Ärmsten unter ihnen, sie werden satt werden. Bei Gott dürfen sie aufatmen. Das soll auch unsere Vision sein für Menschen, die wir kennen oder die zu uns kommen. Das soll unsere Sehnsucht sein für Elende und Arme auf dieser Welt. Und wenn wir beten „Dein Reich komme dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden,“ dann denken wir nicht nur an die Ewigkeit, an das Ende dieser Welt, dann denken wir an uns! Dass doch auch durch uns sein Reich komme und sein Wille geschehe!“ Dass Jesus nicht einmal zu uns sagen muss: „Ich war hungrig, ihr habt mir nichts zu essen gegeben.“ „Ich war nackt, ihr habt mich nicht gekleidet!“ „Ich war gefangen, ihr habt mich nicht besucht!“ Dass Gott selbst am Ende eine neue Welt schaffen wird, dass Gott selbst dann seinen Willen aller Welt zeigen wird, das enthebt uns nicht der Pflicht, seinen Willen schon heute zu tun.

„Ein hörendes Ohr und ein sehendes Auge, die macht beide der Herr!“ Auch das ist eine alte Weisheit Israels, die wir im Buch der Sprüche finden. (20,12). Jesus Christus, der Blinde sehen ließ und Taube hören, er will auch unsere Augen und Ohren öffnen, das wir ihn hören und sehen. Glaubst du das? Was ist deine Vision für dich? Ein Mensch ohne Vision geht ein. Ich und du, wir sind Teil der Vision Gottes. Er will auch uns sehend machen, wo wir blind sind. Er will uns „die unsichtbare Wand nehmen“, gegen die wir ständig anlaufen, die uns so unfrei und unfroh macht. Gott will auch mich und dich erlösen, wo wir gefangen sind. Die Berge des Libanons waren zur Steppe geworden. Kein Baum mehr. Nur noch trockener Boden. Irreversibel. Unumkehrbar. In Gottes Wortschatz gibt es das Wort „irreversibel“ nicht. Wo er ins Leben tritt, ist neues Leben möglich. Er ist gar nicht weit weg von dir. „Eine kleine Weile noch!“ sagt Jesaja. Gott steht schon um die nächste Ecke. Er steht schon hinterm Zaun. Er ist schon bei dir.

  1. 3.Es gibt ein gesundes Miteinander

Am Ende kurz ein letzter Punkt aus Gottes Vision: Der neue Mensch von Gott geschaffen lebt in einem neuen Miteinander mit anderen Menschen. „Die sich irren, werden Verstand annehmen, und die, die murren, werden sich belehren lassen!“ endet unser Predigttext. Ich glaube, dann wäre die Welt schon fast gerettet, wenn alle Dummen klug würden und alle, die stur sind und dickköpfig  sich belehren lassen würden. Dietrich Bonhoeffer hat gesagt, dass das größte Übel, die größte Gefahr für diese Welt nicht die Bosheit sei, denn Bosheit könne man bestrafen. Die eigentliche Gefahr ist die Dummheit, denn der Dumme weiß nicht einmal, dass er böse handelt. Darum kann er nichts einsehen und nichts ändern. Er hält sich ja für klug. Er hat ja alles Recht der Welt, seine dumme Meinung absolut zu setzen.

Gottes Sehnsucht ist ein neues Miteinander. Dass sich die Elenden freuen. Dass die Dummen Verstand annehmen. Dass die, die murren, sich belehren lassen. Dass alle Ungerechten und Unterdrücker entmachtet werden. Tyrannen entstehen aus Dummheit und Größenwahn. Tyrannen sind immer stur. Sonst könnten sie nie Tyrannen werden. Egal, ob in der Welt oder in der Gemeinde oder in einer Familie. Es mag auch wirklich böse Menschen geben unter den Diktatoren dieser Welt. Sie sind machtbesessen. Sie ändern die Verfassungen ihrer Länder, um ihre Macht zu sichern. Sich sperren Andersdenkende ein. Wer in Opposition zu ihnen steht, wird kriminalisiert. Journalisten werden als Terroristen diffamiert und eingesperrt. Das ist böse. Die größere Gefahr aber ist die Dummheit der Tyrannen. Sie halten sich in allem noch für klug und für gerecht. Sie erkennen gar nicht, wie dumm und böse sie agieren.

Das alles wird ein Ende haben, wenn Gott sein Reich aufbaut. Alle Tyrannen dieser Welt werden sich vor Gott verantworten müssen. Die kleinen und die großen. Und wer sich heute einsetzt für Menschenrechte, für Religionsfreiheit, wer heute schon seine Stimme erhebt für die Elenden dieser Welt, wer sich engagiert bei Amnesty International oder Open Doors, wer Opfer bringt für Flüchtlinge, wer nach Peru ausreist, um Ärmsten der Armen zur Freude zu helfen, (wie Deborah Centner, die wir heute verabschieden), der ist jetzt schon auf dem einen Weg mit Gott.

Jesus hat in seiner Antrittspredigt Jesaja 61 zitiert: „Der Herr hat mich mit seinem Geist erfüllt!“ sagt er da. „Der Geist des Herrn hat von mir Besitz ergriffen und mich bevollmächtigt. Wozu denn? Woran erkennt man die Fülle des Geistes Gottes? Das sagt Jesus sofort danach. Er zitiert Jesaja und überträgt es auf sich selbst: „Er hat mich gesandt, den Armen gute Nachricht zu bringen, den Verzweifelten neuen Mut zu machen,  den Gefangenen Freiheit zu bringen.“ (Vgl. Luk 4, 18) Das sind die ersten öffentlichen Sätze Jesu. So sieht das aus, wenn das Reich Gottes nahe kommt.

Jesus hat uns nicht nur gelehrt zu beten „Dein Reich komme!“ Sondern er hat uns auch gelehrt:

„Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes!“ (Matth 6,33) Setzt euch ein, tut etwas, sehnt euch danach, zuerst, vorrangig, dass Gottes Vision heute schon Gestalt annimmt. Wir werden diese Welt nicht retten. Das wird Gott tun. Wir werden nicht alle Tränen aller Menschen abwischen. Das wird Gott tun. Wir werden die Schöpfung, die Menschen und das Miteinander der Menschen nicht heilen können. Davon aber bin ich tief überzeugt: Wenn Jesus wiederkommt, dann möchte er uns an der Arbeit finden für seine Vision.

Amen

Dein Einstieg dieser Predigt habe ich in großen Teilen einer Predigt vom 23.8.2015 aus der Marktkirche in Hannover übernommen.

 
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