Markus 3, 31-35 Jesu wahre Verwandte

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg

Pastor Norbert Giebel; 10.09.2017

Markus 3, 31-35 „Jesu wahre Verwandte!“

31 Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. 32 Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. 33 Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? 34 Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! 35 Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

Ihr Lieben, die ihr euch Christen nennt, das muss ich euch sagen:

1. Zu Gottes Familie zu gehören, das kann trennen!

Der Bibeltext beginnt draußen vor der Tür. Drinnen sitzt Jesus und das Haus ist voll. Jesu Familie steht draußen. Sie kommen nicht mehr heran an Jesus. Nicht nur räumlich nicht. Maria, die Mutter, steht draußen vor. Vielleicht ist sie besorgt um ihn. Ständig sind tausend Leute um ihn herum. Er kommt ja nicht einmal zum Essen, mein lieber Sohn. So geht das nicht. Ich muss auf ihn achten. Vielleicht sehnt sich Maria nach ihm. Sie will ihn sehen, will ihn sprechen, will Zeit mit ihm haben. Welche Mutter will das nicht? Das hat sie nicht verdient, dass sie so außen vor steht.

Familie stand im Judentum und im gesamten Orient an erster Stelle. Familienpflichten sind Ehrensache. Familie kommt immer zuerst. Josef war vermutlich schon gestorben. Man nimmt an, dass er früh gestorben ist. Da ist es Pflicht des Ältesten, sich um die Familie zu kümmern. Jesus ist 30 Jahre alt, er ist kein Kind mehr. Er soll sich um die Familie kümmern.

Maria versteht ihren Ältesten nicht mehr. Keiner versteht Jesus. Seine ganze Familie nicht. „Der muss verrückt geworden sein!“ sagen sie, als sie über ihn sprechen. „Der spinnt doch. Unser Jesus hat den Boden der Realität verloren!“ Direkt vor unserem Text schreibt Markus, was die Familie in dieser Zeit von Jesus dachte.

Er reist mit zwölf Männern durch die Gegend. Er hat seinen Beruf an den Nagel gehängt. Manchmal hat er nachts kein Dach über dem Kopf. Lebt wie ein Obdachloser, obwohl er in Kapernaum ein Haus hat. Er lebt von der Hand in den Mund. Er sorgt nicht vor. Er hat fragwürdige Gestalten im Gefolge: Zöllner, Sünder, eine Prostituierte, Fischer, die auch alles verlassen haben. Normal ist das nicht!

Die Schriftgelehrten sehen ihn sehr kritisch. Sie überlegen, ob er mit dem Teufel im Pakt steht. Jesus hat das Gesetz gebrochen. Und andere dazu verleitet. Er hat am Sabbat geheilt. Seine Jünger haben am Sabbat Ähren gerauft. Er hat mit einem Aussätzigen und anderen Unreinen am Tisch gesessen. Er hält die Fastentage nicht ein, die das Gesetz vorschreibt. Ungeheuerlich. Alles Provokationen. Das Gesetz, sagt Jesus, das Gesetz sei für die Menschen da, nicht die Menschen für das Gesetz. Das Gesetz soll den Menschen dienen, helfen, leben helfen. Und sie nicht umbringen. Die Liebe sei des Gesetzes Erfüllung. Was soll das heißen? Was ist das für eine neue Lehre?

„Der ist vom Beelzebub besessen!“ sagen die oberen Juden. „Böse Geister geben ihm die Kraft zu heilen. Wer so gegen das Gesetz verstößt, der kann nicht von Gott kommen.“ „So kann man doch nicht leben!“ sagen auch seine Brüder. Auch sie glauben ihm nicht (Joh 7,5). „Wir müssen ihn aufhalten,“ sagt Maria, „um seinetwillen und um unsertwillen.“ Maria und ihre Kinder machen sich auf den Weg.Sie müssen Jesus wieder zu Verstand bringen!

Jesus hat eine Freiheit gelebt, die Menschen Angst machen konnte. Die Bürgerlichen und Gelehrten hat das erschrocken. Jesus hat sich nur an eins gebunden: An Gott, den er seinen Vater nannte, und an den Auftrag, den er von ihm bekommen hatte. Das machte ihn von allem anderen frei, auch von seiner Familie und ihren Erwartungen. Fromm zu sein wurde hoch geachtet.    Seinen religiösen Pflichten nachzukommen, das wurde erwartet. Er kann ja predigen, er soll sich gerne mehr um die Armen kümmern, aber diese Bindungslosigkeit an das, was sich gehört, was üblich ist, das macht Angst. Jesus lebt anders als alle anderen Menschen. Und andere folgen ihm darin.

Jesus ist auch aus einer Familie gekommen. In jeder Familie gibt es Regeln, Erwartungen, Werte: Du musst schön Danke sagen, du musst die Beste sein in der Schule, sei anständig gekleidet, schreib Oma und Opa einen Gruß zum Geburtstag, spiel nicht mit den Schmuddelkindern. Nicht wenige Eltern planen die Karriere ihres Kindes schon bevor es in die Schule geht. „Aus dir wird mal etwas!“ Was aus ihm wird, entscheiden die Eltern. „Du machst jetzt Abi: In diesem Jahr muss alles andere hintenanstehen.“ – Eltern wissen, was gut für ihre Kinder ist. Zuhause lernst du, was wirklich wichtig ist fürs Leben.

Maria, die jüngeren Brüder Jesu, Jakobus, Josef, Judas und Simon, und seine Schwestern stehen vor dem Haus, draußen, während Jesus Drinnen das Reich Gottes predigt. Schade, dass sie nicht selbst hineingehen zu Jesus. Sie haben ihr Urteil draußen gefällt. Die Familie schickt einen Boten zu ihm. Kein gutes Zeichen. Der Sohn soll mal herkommen. Er soll sich dem Urteil der Familie stellen. Mutter und Brüder gehen nicht selbst zu ihm, der Bote kommt aber auch nicht hinein. Die Leute sagen es weiter bis zu Jesus: „Draußen sind deine Mutter und deine Geschwister!“ ruft zuerst der eine und dann alle im Chor. Mehr braucht man nicht zu sagen. „Sie wollen dich sprechen.“

Nach dem 4. Gebot („Du sollst Vater und Mutter ehren“) hatte Jesus dem Ruf seiner Mutter zu folgen. Wie ein Theaterchor unterstreichen es alle: „Deine Mutter ruft. Du musst hingehen!“ Jesus aber antwortet: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er sah auf die, die um ihn im Kreise saßen und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes tut, siehe, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

Eine unverschämte Antwort. Eine öffentliche Brüskierung. Martin Luther hat in seiner Predigt zu diesem Text in seiner drastischen Art gefragt, warum Jesus „seiner lieben Mutter“ hier wohl so „über die Schnauze schlägt“. Der jüdische Theologe Schalom Ben-Chorin stellt dazu fest, Jesus habe mit der Abweisung seiner Familie „den starken Familiensinn der Juden förmlich beleidigt“. Das ginge uns doch auch so. Wenn wir als Eltern einen Wunsch an unser Kind tragen oder einmal ernst mit ihm reden wollen, und die Tochter oder der Sohn sagen dann: „Ihr seid nicht mehr meine Familie! Oder ihr seid zumindest nicht mehr meine erste Familie. Meine erste Loyalität gehört nicht mehr euch!“ Das haut einen doch um!

Warum reagiert Jesus so abweisend? Es geht ihm nicht darum, Familie grundsätzlich aufzulösen! Im Judentum gab es die Pflicht, für seine Eltern zu sorgen. Man konnte aber auch anstelle der Fürsorge für die Eltern ein besonderes Opfer im Tempel darbringen. Jesus kritisierte diese Regel scharf. (Siehe Markus 7,11-13) Damit wird der Wille Gottes ausgehebelt. Man kann nicht ersatzweise im Tempel dienen und seine Eltern vernachlässigen.

Jesus hebt die Verantwortung Eltern gegenüber nicht auf. Aber Jesus fordert sehr scharf, ihn an die erste Stelle zu setzen. Keine Familie, keine Freundschaft, keine gesellschaftlichen Erwartungen, auch keine religiösen Erwartungen deiner Kirche oder Gemeinde, nichts soll über Jesus stehen. Ihm zu gehören, das kann und wird auch trennen. Zu seiner Familie zu gehören kann auch bedeuten, die Erwartungen anderer zu enttäuschen. Anders zu leben, als sie es für richtig halten.

Im Matthäusevangelium (10,37) ist zu lesen: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.“ Schärfer noch liest es sich bei Lukas (14,25): „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern, der kann nicht mein Jünger sein.“ Hassen meint nicht hassen in unserem Sinn, sondern sie entschieden hintenan zu stellen, wenn Gott es verlangt, wenn es nötig ist, um Jesus zu gehorchen.

.Muss man diese Worte Jesu wirklich wörtlich nehmen? Steht die Familie nicht doch über allem? Unsere Versorgung, unsere Zeit, unser Urlaub, unser Haus und Garten. Unseren Kindern soll es doch mal gut gehen! – Genau so konnten Maria und Jesu Geschwister argumentieren!

Vielleicht kann man die Worte Jesu weichspülen; aber ich will das nicht. Was Jesus damals sagte, war damals und ist heute eine Provokation, und ich will sie nicht wegnehmen.

Sicher ist, dass in der Praxis, im Leben, dann oft eine Frage der Abwägung: Wo bringe ich mich ein in der Gemeinde, für das Reich Gottes, für Menschen, die mich brauchen. Wo braucht mich die Familie? Die Verantwortung in der Familie soll ja nicht aufgehoben werden. Aber Jesu Wort bleibt stehen: „Wer Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern, seine Mitschüler oder seine Mitstudenten oder seine Kollegen mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert!“ Wer sein Leben nach Menschen ausrichtet und nicht nach mir, der ist mein nicht wert.

1. Zur Familie Gottes zu gehören, das kann trennen!

2. Zu Gottes Familie zu gehören, das will verbinden!

Was geschieht da eigentlich im Haus? Jesus fügt einander fremde Menschen zusammen als Schwestern und Brüder. Das werden sie nicht erwartet haben. Sie sind gekommen, um Jesus zu sehen, Heil für ihr eigenes Leben zu bekommen. Jetzt verbindet Jesus sie miteinander! Er bindet sie zu einer neuen Familie zusammen. Offensichtlich einer Familie mit sehr hohem Stellenwert. Sie hätten es verstanden, wenn Jesus zu seiner Mutter gegangen wäre. Was für ein besondere Moment: Mutter und alle Geschwister warten auf ihn.

Und Jesus sagt: „Nicht sie, sondern ihr seid meine Familie!“ Ihr seid mit am Wichtigsten. Mit euch bin ich verbunden! Im Hebräerbrief lesen wir später: „Er schämte sich nicht, sie Brüder zu nennen!“ (vgl. Hebr. 2,11f) Der, zu dem Gott gesagt hat „Du bist mein geliebter Sohn!“ der sagt zu uns „Ihr seid meine Mutter, meine Brüder, meine Schwestern!“

Jesus zeigt seinen Zuhörern, wie eng er sie miteinander verbinden will. Sie werden sein Leib sein, sagt Paulus später. (1. Kor 12) Sie werden wie viele einzelne Steine sein, aus denen Jesus ein Haus baut. (1. Petr 2) An ihrer Liebe zueinander wird die Welt sie als Jünger Jesu erkennen. (Joh. 13) Wir sollen uns auch so wie Jesus umsehen. Wir sollen auch die ansehen, die sich um Jesus versammeln, die zu ihm gehören, und wir sollen auch sagen: „Ihr seid meine Mutter, meine Brüder und Schwestern!“ Jesus gründet eine neue Familie. – Hast du das gewusst?

Seine alte Familie schickt er nicht weg. Er lädt sie ein, zu ihm zu kommen. Er fordert von ihnen, dass sie auf ihn hören und tun, was er sagt. Um zu ihm zu gehören, reicht keine Blutsverwandtschaft. Jesus will, dass die die draußen sind, hereinkommen, dass die, die sich ein „äußeres“ Urteil bilden, aus der Distanz, ihn kennenlernen, ihn hören und als ihren Herrn annehmen.

Die „heilige Familie“, das sind nicht Maria und Josef. Die „heilige Familie“, das sin nicht die da um die Krippe herum stehen oder die hier draußen vor der Tür stehen. Die heilige Familie, das sind die, die Gottes Willen tun. Das ist die Familie, zu der Jesus uns zusammenschließt. Zu Gottes Familie zu gehören, das verbindet uns mit miteinander. Da bekommt man Schwestern und Brüder. Da wird man eine Familie.

3. Zu Gottes Familie zu gehören, verpflichtet uns.

„Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter!“ sagt Jesus denen, die ihn predigen hören. Der Ton liegt auf dem Tun. Immer wieder liegt der Ton auf dem Tun bei Jesus. Am Ende der Bergpredigt, in der Jesus viel darüber gesagt hat, wie das Leben von Menschen aussieht, die ihm nachfolgen, am Ende der Bergpredigt schließt Jesus seine Rede mit einem Bild ab: „Wer meine Worte hört und sie tut, der ist ein Mensch, der sein Haus auf Felsen gebaut hat.“ Alle anderen, die ihn wohl hören aber ihr Leben nicht ändern, von ihnen sagt er, sie haben ihr Lebenshaus auf Sand gebaut: Sie schwimmen weg, wenn der Regen kommt. Sie fallen zusammen wie Kartenhäuser, wenn der Sturm kommt. Wer tut, was er von Jesus gehört hat, der hat ein neues Fundament für sein Leben.

Ein Glaube, der sich nicht trennt von Erwartungen von Menschen, und ein Glaube, der sich nicht verbindet, der nicht verbunden mit anderen Christen lebt, das ist nur ein „gespielter Glaube“. Zu Gottes Familie zu gehören, das verpflichtet. – Das zeigt Jesus seiner Familie, die draußen steht, und seinen Hörern drinnen: Es keine formale Zugehörigkeit zur Familie Gottes. Es gibt nur eine aktive, tätige Mitgliedschaft in der Familie, zu der Jesus gehört.

Was ist denn der Wille Jesu? Das Allererste ist das, zu ihm hineinzugehen, ihm zuzuhören, sich selber mitbringen und sich ihm anvertrauen. Jesus selbst nennt das Umkehr, Buße tun, sich bekehren, das heißt ihn unangefochten und konsequent an die erste Stelle in sein Leben zu setzen. Ihn den Herrn sein lassen. Und von diesem Text her und vielen Texten der Apostel her lässt sich sagen: Jesus will, dass uns ganz in seine Familie einbinden lassen.

Die Familie draußen und die Hörer drinnen müssen sich entscheiden. Wer Jesus zähmen will, ins normale Leben einordnen, begrenzen, der gehört nicht zu seiner Familie. Jesus sucht Menschen, denen er dienen kann, die sich ihm aber dann stellen und sagen: „Hier bin ich Herr. Was soll ich tun?“

Amen.

 

Mit Gewinn gelesen habe ich zu meiner Predigt besonders die Predigten vom 18.9.2011 von Dr. Ulrich Kappes (predigten.evangelisch.de) und Britta Taddiken (Thomaskirche Leipzig).

 
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