Jesaja 58, 1-11 Brich dem Hungrigen dein Brot (Erntedank)

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg, Erntedank
Pastor Norbert Giebel, 01.10.2017

Jesaja 58, 1-10 "Brich dem Hungrigen Dein Brot"

Liebe Gemeinde,
Erntedank ist ein lustiges Fest. Keiner von uns erntet sein eigenes Korn oder seinen Kohl. Einige von uns haben noch Möhren und Tomaten im Garten. Aber Saat und Ernte spielen in unserem Leben nicht wirklich eine Rol-le. Ich las von einem Pfarrer, wie er als Kind Erntedank erlebt hat: (Vgl. Reiner Kalmbach, Göttinger Predig-ten im Internet) In dem Dorf in dem er lebte, war das Erntedankfest jedes Jahr ein Höhepunkt. Ge-schmückte Erntewagen fuhren durchs Dorf. Geschmückte Pferde und Kühe. Auch geschmückte Menschen. Das ganze Dorf versammelte sich vor der Kirche, um die Erntewagen zu empfangen. Bei schönem Wetter wurde der Gottesdienst draußen gefeiert. Fast nahtlos ging es dann in ein großes Dorffest über. Jedes Kind wusste, dass die Milch von der Kuh kommt und wie sie gemol-ken wird. Jeder hat gesehen, wie Kartoffeln und Korn eingeholt wurden. Im gemeinschaftli-chen Backhaus wurde das Brot gebacken. Jedes Kind wusste, dass Erntedank das Symbol war für ein ganzes Jahr voller Mühe und dass dazu auch so manches Gebet gehörte, wenn Unwetter aufkamen oder der Regen ausblieb. Man hat selber gearbeitet und Gott hat seinen Segen dazu gegeben. Wer sät und erntet, der weiß um seine Grenzen. Erntedank feiern, heißt anerkennen, dass letztendlich alles von Gott kommt, dem Schöpfer der Himmel und der Erde. Das wissen aber auch wir heute noch. Dass wir gesund sind, das wir Arbeit haben, wenn wir Erfolg haben, wenn wir Menschen haben, die uns lieben, dass wir unsere fünf Sinne noch gebrauchen können, dass wir singen können. Ver-mutlich haben wir auch etwas dazu beigetragen. Letztendlich aber kommt es von Gott. „Wenn der Herr das Haus nicht segnet an, dem wir bauen, dann bauen wir vergeblich.“ Erntedank will uns lehren, Gott zu erkennen in dem vielen Guten, was wir haben. Ich weiß nicht, wofür sie dankbar sind. Ich danke Gott für diese Gemeinde, für die Gemeindelei-tung, für die Musik in dieser Gemeinde, für so viele Menschen, die Jesus gerettet hat, die mit Jesus leben. Ich danke Gott für meine Frau, Tochter und Sohn. Ich danke Gott dafür, dass er mich und uns immer wieder versorgt. Auch das weiß ich nicht von ihnen: Ich bin für so vieles dankbar, aber oft vergesse ich zu dan-ken, Gottes Liebe und Treue darin zu sehen. Gott deckt mir jeden Tag den Tisch, ganz frisch, und ich setze mich hin und sehe seine Liebe gar nicht dahinter. Um dem entgegenzuwirken nehme ich mir nicht selten Zeit, um Gott ganz lange zu danken. Bei einem Spaziergang, dass ich bewusst hinsehe und wahrnehme, was alles schön ist, und ihm dafür danke. Aber auch so beim Beten mache ich das gerne, dass ich mir ganz viel bewusst mache, wofür ich Gott danken kann. Danken gehört zu Erntedank und Teilen! In Gottes Sinn mit dem umzugehen, was er mir gibt. Das sollen wir durch das Danken lernen. Teilen, weitergeben, was er mit anvertraut hat. Wir sind nicht Eigentümer, sondern Haushalter der guten Gaben, die Gott uns gegeben hat. Als Predigttext lese ich uns aus Jesaja 58 einen Text, in dem es sehr deutlich darum geht, dass wir teilen, was wir haben: (Übersetzung „Gute Nachricht“) 1 Der Herr sagt: »Rufe, so laut du kannst! Lass deine Stimme erschallen wie eine Posaune! Halte mei-nem Volk, den Nachkommen Jakobs, ihr Unrecht und ihre Vergehen vor! 2 Sie fragen mich Tag für Tag, warum ich sie solche Wege führe. Wie ein Volk, das sich an das Recht hält und meine Gebote befolgt, fordern sie von mir, dass ich zu ihrer Rettung eingreife, und wünschen sich, dass ich ihnen nahe bin. 3 ›Was für einen Sinn hat es‹, jammern sie, ›dass wir Fasttage abhalten und deinetwegen Entbehrungen auf uns nehmen? Du beachtest es ja gar nicht!‹ Darauf sage ich, der Herr: Seht doch, was ihr an euren Fasttagen tut! Ihr geht euren Geschäften nach und beutet eure Arbeiter aus. 4 Ihr fastet zwar, aber ihr seid zugleich streitsüchtig und schlagt sofort mit der Faust drein. Darum kann euer Gebet nicht zu mir gelangen. 5 Ist das vielleicht ein Fasttag, wie ich ihn liebe, wenn ihr auf Essen und Trinken verzichtet, euren Kopf hängen lasst und euch im Sack in die Asche setzt? Nennt ihr das ein Fasten, das mir gefällt? 6 Nein, ein Fasten, wie ich es haben will, sieht anders aus! Löst die Fesseln der Gefangenen, nehmt das drückende Joch von ihrem Hals, gebt den Misshandelten die Freiheit und macht jeder Unterdrückung ein Ende! 7 Ladet die Hungernden an euren Tisch, nehmt die Obdachlosen in euer Haus auf, gebt de-nen, die in Lumpen herumlaufen,3 etwas zum Anziehen und helft allen in eurem Volk, die Hilfe brau-chen! 8 Dann strahlt euer Glück auf wie die Sonne am Morgen und eure Wunden heilen schnell; eure guten Taten gehen euch voran und meine Herrlichkeit folgt euch als starker Schutz. 9 Dann werdet ihr zu mir rufen und ich werde euch antworten; wenn ihr um Hilfe schreit, werde ich sagen: ›Hier bin ich!‹ Wenn ihr aufhört, andere zu unterdrücken, mit dem Finger spöttisch auf sie zu zeigen und schlecht über sie zu reden, 10 wenn ihr den Hungernden zu essen gebt und euch den Notleidenden zuwendet, dann wird eure Dunkelheit hell werden, rings um euch her wird das Licht strahlen wie am Mittag. 11 Ich, der Herr, werde euch immer und überall führen, auch im dürren Land werde ich euch satt machen und euch mei-ne Kraft geben. Ihr werdet wie ein Garten sein, der immer genug Wasser hat, und wie eine Quelle, die niemals versiegt. Was ist die Situation, in die Jesaja diese Worte schreibt? Das Volk leidet und es betet. Israel geht es nicht gut. Fünfzig Jahre waren sie gefangen. Fünfzig Jahre waren sie verschleppt. 586 bis 537 vor Christus waren sie in Babylonien gefangen. Jetzt sind sie heimgekehrt und sie finden ihr Land völlig zerstört. Sie stecken mitten im Wiederaufbau nach einem Krieg. Sie sind heimgekehrt nach langer Gefangenschaft. Mit leeren Händen stehen sie vor den Trümmern und fangen an, Steine zu schleppen, die Mauern Jerusalems wieder aufzubauen. Sie haben nichts und das Volk muss sich wieder finden. Die Vertriebenen und die im Land Ge-bliebenen müssen wieder eine Einheit werden. Die meisten Heimkehrer haben ihr Land vorher noch nie gesehen. Das Essen ist knapp, es gibt wenig zum Anziehen, die Arbeit ist hart, es gibt Spannungen zwischen Heimkehrern und Hiesigen. Die einen schmeißen Essen weg, die anderen hungern. Die einen leben in Häusern, die anderen auf der Straße. Es sind harte Zeiten: Aber sie beten. Sie beten, wie sie lange nicht gebetet haben. Sie beten und fasten. Täglich sind sie vor Gott und oft essen sie den ganzen Tag nichts. Gott aber hilft nicht! Sie bekommen keine „neue Kraft, dass sie auffahren wie Adler“. Es geht gar nichts wie von selbst. Die Arbeit ist hart, der Hunger ist groß und Gott hilft nicht. Es sind leidende Menschen, mit denen Gott hier so hart spricht. Menschen, die schwach sind, die das Gefühl haben, schon lange auf der Schattenseite des Lebens zu leben. Sie sehnen sich nach Heilung. Sie wissen, dass Gott helfen kann! Sie haben Gott erfahren. Er hat sie aus Babylon befreit! Er hat sie in ihre Heimat zurückgeführt. Sie wissen, dass er ihre Gebete hört. Aber er tut nichts. Es ändert sich gar nichts. „Warum hörst Du nicht, Gott?“ „Was ist los mit Dir, Gott? Ist dein Arm zu kurz, um uns zu hel-fen? Ist deine Güte am Ende? Siehst du unser Elend nicht?“ Gott reagiert nicht immer so, wie hier bei Jesaja. Das ist wichtig. Man darf das nicht verallge-meinern. Aber hier fragt Gott laut zurück: „Ihr fragt, was mit mir los ist? Was ist mit Euch los möchte ich wissen! Ihr seid unecht! Ohne Liebe! Unbarmherzig. Zeigt mit Fingern auf andere und zerreißt euch das Maul über sie. „Ihr sucht mich täglich und wollt meine Wege wissen, als wärt ihr ein Volk, das die Gerechtigkeit getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hät-te!“ (V2) (Lutherübersetzung) Gott will nicht mehr „funktionieren“ für sein Volk. Sie halten das zurück, was sie haben, aber er soll alles geben. Sie beten und fasten, um ihn „herumzubekommen“. Er soll tun, was sie wollen. Gott will nicht mehr hören! „Rede laut!“ ermutigt Gott Jesaja. „Erhebe deine Stimme wie eine Posaune. Ich lass sie nicht durchkommen mit ihrer Sünde!“ – Könnte ICH das auch sein? Könn-ten WIR das auch sein? Menschen, die beten, die Gott suchen, die aber ihren Nächsten verges-sen haben, die nicht Teilen, die ungerecht leben. Das Volk soll die Gerechtigkeit tun! Die einen bringen es schon wieder zu einem gewissen Wohlstand, andere leben unter einfachs-ten Umständen. Die einen lassen sich Kleider aus Babylon kommen, andere haben nichts zum Anziehen. Die einen essen und werfen weg, was ihnen nicht schmeckt, die anderen hungern. Darum hört Gott nicht mehr. Darum wendet er sich ab. Sie suchen seine Liebe, sein Heil, seinen Segen, aber alles versickert in ihnen! Sie sind wie ein Schwamm, der nichts abgibt. Das Volk leidet und betet. Und Gott reagiert so gar nicht zärtlich und barmherzig. Das aktuelle Leid ist nicht ihr Problem. Sie sind an der Wurzel faul! Da aber wollen sie nicht heilen. „Dieses Volk ist krank! Ich will sie heilen, aber die Medizin wird ihnen nicht schmecken, denn sie müs-sen sich ändern! Das ist die einzige Medizin, die ich ihnen verordnen kann.“ Ich sage es noch einmal: Wir dürfen diese Worte nicht verallgemeinern. Es ist nicht immer so, wenn Gott scheinbar Gebete nicht erhört. Aber offensichtlich kann es so sein. Und hier ist es so. Menschen beten, sie beten in ihrer Not, Gott soll hören. Er soll gefälligst hören. Und aus seiner Sicht haben sie ihre eigentliche Not noch gar nicht erkannt: Sie sind wie eine Sackgasse für alles Gute, das er in ihr Leben gelegt hat. – Was er ihnen ganz zuerst geben will, seine Liebe und sein liebendes Herz, dass sie selber ein liebendes Herz bekommen, das wollen sie nicht. Jakobus schreibt in seinem Brief 600 Jahre später an Christen, die gebetet haben: „Ihr bittet und bekommt nichts, weil ihr um eurer selbst willen bittet!“ Gott sucht Gerechtigkeit bei uns. Eine Gerechtigkeit, die wir tun. „Wie kannst du sagen, dass du Gott liebst, wenn du deinen Nächsten hasst?“ Das ist der Beitrag von Johannes zu diesem Thema. „Glaube ohne Liebe ist tot!“ das ist der Beitrag von Paulus zu diesem Thema. „Eigentum verpflichtet!“ heißt es im Grundgesetz. Das ist gut biblisch. Das, was wir haben, ge-hört immer auch der Gemeinschaft. Eigentum soll dem Gemeinwohl dienen heißt es. Wir sind nicht Eigentümer, sondern Haushalter der guten Gaben, die Gott uns gegeben hat. Lass die Hungrigen dein Herz finden! Das Wort, das Luther mit Herz übersetzt hat, wird meistes mit Seele übersetzt oder mit Leben: Näphäsch. Wer nur ein Stück Brot gibt, kann es auch tun, um sich den anderen vom Hals zu schaffen. Wer sich sein Herz gibt, sein Inneres, der schenkt sich selbst. Der ist bereit eine Be-ziehung einzugehen. Der sieht den Hungrigen nicht nur als Hungrigen, den Nackten nicht nur als Nackten, den Bettlägerigen nicht nur als Kranken. Er sieht ihn als Menschen, als sein Fleisch und Blut wie es hier in dem Text heißt. Viele Menschen in Not leiden doppelt: Sie hungern, können nicht mehr laufen, haben Schmer-zen, aber die andere Not kann ebenso groß sein: Sie verlieren ihre Würde. Sie werden zum Ob-jekt. Menschen geben ihnen etwas. Etwas Zeit, etwas zum Essen, ein kleines Mitbringsel. Aber keiner gibt mehr sich selbst. Keiner lässt sich ganz auf den anderen als Menschen ein. Andere Menschen machen etwas mit ihnen: Ärzte, Therapeuten, Seelsorger, aber niemand achtet sie als das was sie sind: Einzigartige Geschöpfe Gottes! Gottes geliebte Kinder. Menschen mit ihren Interessen, Meinungen, Bedürfnissen, ihren Gaben. Mit einem Beispiel vom Geben schließe ich die Predigt. Es ist eine Geschichte aus der Nachkriegszeit, aus der Zeit des Wiederaufbaus in Deutschland. Da wird von einem 10-jährigen Jungen berichtet, der barfuß vor dem Schaufenster eines Schuhla-dens stand. Er kam aus einer Familie, die zu arm war, um sich Schuhe für dieses Kind zu leisten. Es war Winter, und er zitterte. Eine Frau, die vorbeiging, sah seinen Zustand und fragte ihn, was er da machen würde. Er antwortete: „Ich hatte Gott gebeten, mir ein paar Schuhe zu geben.“ Die Frau griff ihn an der Hand und führte ihn in das Geschäft. Sie bat einen Verkäufer, sechs Paare Strümpfe für den Jungen zu holen. Außerdem wollte sie eine Schüssel Wasser und ein Handtuch. Als die Frau diese Dinge bekam, nahm sie den Jungen in einen hinteren Teil des Ladens, kniete nieder, wusch dem jungen die Füße und trocknete sie ab. Dann kam der Verkäufer mit den Strümpfen. Sie zog ein paar über seine Füße. Danach kaufte sie ihm ein paar Schuhe und gab ihm die übrigen Strümpfe. Sie streichelte seinen Kopf und sagte: „Es soll dir doch gut gehen, oder?“ Als sie weggehen wollte, griff der Junge nach ihrer Hand und frag-te: „Sind Sie Gottes Frau?“ Auf die letzten Worte kommt es mir an. „Sind sie Gottes Frau?“ Das wäre ein schöner Ernte-dank in unserem Leben, wenn Menschen uns das fragen würden: „Sind sie Gottes Frau?“ „Sind sie ein Kind Gottes?“ „Sie hat mir der liebe Gott geschickt!“ Amen.

 
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