Epheser 3, 14-21 Gott stärkt den inneren Menschen

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Kassel-Möncheberg 08.10.2017
Pastor Norbert Giebel

Epheser 3, 14-21      
Gott will unseren inneren Menschen stärken!

Zur Predigt lese ich einen Text, den Paulus aus dem Gefängnis an Gemeinden der heutigen Türkei geschrieben hat. Ich lese nach der Übersetzung „Gute Nachricht“.

14 Deshalb knie ich vor Gott nieder und bete zu ihm. Er ist der Vater, 15 der alle Wesen in der himmlischen und in der irdischen Welt beim Namen gerufen hat und am Leben erhält. 16 Ich bitte ihn, dass er euch aus dem Reichtum seiner Herrlichkeit beschenkt und euch durch seinen Geist innerlich stark macht. 17 Ich bitte ihn, dass Christus durch den Glauben in euch lebt und ihr fest in seiner Liebe wurzelt und auf sie gegründet seid. 18 Ich bitte ihn, dass ihr zusammen mit der ganzen Gemeinschaft der Glaubenden begreifen lernt, wie unermesslich reich euch Gott beschenkt. 19 Ihr sollt die Liebe erkennen, die Christus zu uns hat und die alle Erkenntnis übersteigt. So werdet ihr immer umfassender Anteil bekommen an der ganzen Fülle des Lebens mit Gott. 20 Gott kann unendlich viel mehr an uns tun, als wir jemals von ihm erbitten oder uns ausdenken können. So mächtig ist die Kraft, mit der er in uns wirkt. 21 Ihm gehört die Ehre in der Gemeinde und durch Jesus Christus in allen Generationen, für Zeit und Ewigkeit! Amen.

Paulus betet und kniet!

Paulus betet und geht dabei auf die Knie. Das ist evangelischen Christen eher fremd und freievangelischen (Baptisten) vielleicht noch fremder. In der katholischen Kirche kniet man noch an bestimmten Stellen im Gottesdienst, in orthodoxen Kirchen noch viel mehr. – Wann haben sie zuletzt gekniet beim Beten? Nach der Taufe vielleicht oder bei der Hochzeit? Vor einiger Zeit haben sich auch hier im Gottesdienst nach einer Predigt einige hingekniet als Zeichen dafür, dass sie sich Jesus ganz unterstellen wollen.

Sich vor jemandem oder beim Beten hinzuknien ist ein Zeichen, dass man in allen Kulturen versteht. Wer sich hinkniet verringert seine Größe. Er nimmt sich zurück. Er unterstellt sich dem, vor dem er kniet. Er will und kann nicht mehr weglaufen. Wer sich hinkniet, zeigt Demut und gibt dem anderen Ehre. Letzten Endes kommt es beim Beten aber auf die innere Haltung an. Aber man kann auch eine innere Haltung einnehmen, indem man eine äußere Haltung annimmt und sich hinkniet. – Vielleicht würde es uns guttun, uns auch zum Beten einmal hinzuknien.

Paulus beginnt und endet mit einem Lobpreis!

Auf die Knie gehen, das ist die Haltung der Anbetung. Paulus beginnt, in dem er Gott als den Vater ehrt, der alles geschaffen hat und bei seinem Namen gerufen hat. Alles in der sichtbaren und in der unsichtbaren Welt. Gott ist der Herr und will der gute Vater über alles sein. So betet Paulus zu ihm. Und er schließt sein Gebet mit einem Lobpreis: „Ihm gehört die Ehre in der Gemeinde und durch Jesus Christus in allen Generationen, für Zeit und Ewigkeit! Amen.“ Paulus unterstellt sich Gott, er lobt und preist ihn. So betet Paulus.

Paulus betet für mehrere Gemeinden in der heutigen Türkei.

Der Epheserbrief war eine Art Rundschreiben an mehrere Gemeinden. In den ältesten Abschriften des Briefes steht ganz am Anfang nur „an die Heiligen“, nicht „an die Heiligen in Ephesus“. „In Ephesus“ fehlte und da wurde eine Lücke gelassen, sodass man die Namen der anderen Gemeinden eintragen könnte. Marcion, ein Theologe des 2. Jahrhunderts, er nennt unseren Brief den Brief an die Gemeinde in Laodicea. Vermutlich hatte er eine Abschrift, in der oben Laodicea und nicht Ephesus eingefügt war. Dass Paulus hier nicht nur an eine Gemeinde geschrieben hat, unterstreicht noch einmal, dass das was er hier schreibt, allgemeinen Charakter hat. Das gilt für alle Christen, für alle Gemeinden. ... Also auch für uns heute.

Paulus betet für die Stärkung des inneren Menschen.

Das ist sein Hauptanliegen hier. Das Ziel seines Gebetes. Dass der innere Mensch durch Christus stark wird, das ist das Wichtigste für jeden Christen. Dass er Kraft hat. Frieden mit Gott und sich selbst. Dass er mit sich selber klar kommt und mit seinen Mitmenschen. Dass er kein Getriebener ist, sondern bewusst und klar leben kann. Dass er eine tiefe tragende Freude an Christus hat. Dass er Jesus wirklich in seinem Leben vertrauen kann.

Dass der Heilige Geist uns innerlich stark macht, das ist nicht alles! Aber es ist die Voraussetzung dafür, dass wir uns auch äußerlich ändern, dass wir neu werden in unsrem Tun, dass wir frei sind zu lieben, vergeben können, Geduld und Demut haben. Dass wir innerlich geduldig und demütig sind und vertrauen können, ohne es machen zu müssen.

Wie schnell beten wir nur für das Äußere. Dass wir gesund sind, dass irgendeine Aktion gelingt, dass wir gutes Wetter haben, dass wir Arbeit bekommen, dass unsere Kinder gute Noten in der Schule haben. Manche äußeren Dinge können eine echte, eine schwere Not sein. Wir dürfen darum bitten. ... Aber das Entscheidende ist wirklich, dass unser innerer Mensch froh und fest und frei ist.

Paulus schreibt den Korinthern von schweren Zeiten, Anfechtungen, von seiner eigenen Krankheit und schreibt dann: „Darum werden wir nicht verzagt; nein, wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, so empfängt doch unser innerer Mensch Tag für Tag neue Kraft!“ (2. Kor 4,16) Martin Luther hat übersetzt: „So wird doch unser innerer Mensch von Tag zu Tag erneuert!“

Wir haben eine Schwester, ein Mitglied unserer Gemeinde, die seit vielen Jahren Schmerzpatientin ist. Ständig Therapien. Starke Medikamente. Immer wieder noch ein neuer Arzt. Immer wieder mal im Krankenhaus. Zuletzt konnte sie monatelang nur liegen. Einmal besuchte ich sie und sie war sehr verzagt, wollte nur schlafen, am liebsten sterben. Was sollte so ein Leben noch für einen Sinn machen? Sie wollte sterben und konnte auch nicht mehr beten. Wenige Wochen drauf wurde mir bestellt, dass sie sich wieder einen Besuch wünscht: Sie lag immer noch im Bett. Aber sie war aufgerichtet. Sie strahlte. „Ich kann wieder beten!“ sagte sie. „Ich weiß Jesus wieder bei mir! Ich kann mich wieder freuen an ihm!“ Ja, sie war an dem Tag auch schon wieder mit Hilfe ein ganzes Stück auf dem Flur mit am Rollator gelaufen und morgen wollten sie mal ein paar Treppenstufen probieren. Aber das Entscheidende war: Ihr innerer Mensch war wieder gestärkt worden!

An den inneren Menschen kommt man gar nicht so leicht ran. Selbst an den eigenen inneren Menschen oft nicht. Wir können es auch unser Herz nennen oder unsere Seele. Es ist unsere Sicht, unser Gefühl unser Denken über uns selbst und unser Leben. Manchmal kommt man da selber nicht ran. Wir brauchen es, dass Gottes Geist uns da berührt. Jeder Mensch ist in sich drin eine Welt für sich. Auch als Seelsorger oder Freund oder Ehepartner oder Vater kommt man da nicht rein in die innere Welt des anderen. Eintritt verboten. Eintritt verwehrt. Das Innere eines Menschen ist meistens sehr konservativ, unbeweglich, fest. Da hat man Bilder von sich selbst und seinem Leben, man kann sie selbst nicht auflösen oder wenigstens bewegen. Und andere können es auch nicht! Da kann man sagen was man will: Was der andere über sich und sein Leben denkt, das ist richtig.

Paulus geht auf die Knie und er betet Gott an und er bittet ihn, unseren inneren Menschen zu stärken. Jeder von uns kennt Menschen, deren innerer Mensch am Boden liegt, die innerlich hinken, die aus ihren heillosen oder ungeheilten Bildern über sich selbst nicht herausfinden. Menschen kurz vorm Burnout. Menschen, deren Liebe oder Hoffnung wie aufgezehrt ist. Lasst uns für sie beten. Lasst uns für sie auf die Knie gehen. Die äußeren Dinge, die geklärt werden müssen, sind nicht unwichtig. Aber dass Gott sie und jeden von uns durch seinen Geist stärkt an unserem inneren Menschen, das ist das Wichtigste. Paulus sagt auch, wie wir innerlich stark werden:

Christus soll in uns wohnen.

Das soll Gottes Geist wirken! Jesus soll nicht unser Gast sein, den wir ab und zu einlassen. Er soll nicht unser Freund sein oder unser Arzt oder unser Trost, den wir ab und zu aufsuchen. Er soll in uns zuhause sein. Hausrecht haben. Bleibend in uns sein. Dann sind wir fest. Dann haben wir Anteil an ihm. An seiner Kraft, seinem Trost, an seinem Reich. Dann wissen wir uns nicht nur theoretisch geliebt. Wir leben aus seiner Liebe.

Wir sollen in seiner Liebe verwurzelt sein.

Paulus zählt hier nicht Forderungen an uns auf. Er bittet Gott darum, den Vater. Wir können das wollen, mit ihm erbitten, uns dahin bewegen. Aber letzten Endes ist es ein Geschenk Gottes. Wurzeln halten fest. Die Liebe Christi soll uns Halt geben. Wurzeln ziehen Nährstoffe aus dem Boden. Die Liebe Christi soll uns ernähren, wachsen lassen. Wurzeln sieht man gar nicht. Sie sind verborgen. Andere Menschen wollen vielleicht nur unsere Früchte haben. dass wir etwas leisten können, dass wir zuverlässig sind, dass wir die Geduld nicht verlieren. Aber wir wissen, woher unser innerer Mensch seine Kraft bezieht. Wurzeln sind lebenswichtig. Keiner sieht sie. Wenn ich sie aber verliere, dann verliere ich alles. Verliere ich die Wurzel, dann bin ich abgeschnitten, wie eine Blume in der Vase, die nur eine begrenzte Zeit noch zum Leben hat.

Paulus betet auf Knien, dass unser innerer Mensch stark wird. Und das wird er, wenn Christus in uns wohnt und wenn wir in seiner Liebe unsere Wurzeln haben. Wir können auch wurzeln in unserem Selbstmitleid. Wie schwer es das Leben mit mir gemeint hat. Wie ungerecht Menschen zu mir waren. Aber davon wird unser innerer Mensch nicht fest werden und er wird nicht froh werden.

Wir können auch wurzeln in unserer Sucht nach Anerkennung. Was andere über mich denken wird dann für meine innere Sicht, für meine Gefühle, mein Maßstab. Nur nichts tun, was andere enttäuschen könnte. Alles tun, wofür ich gelobt und anerkannt werde. Darauf liegt kein Segen. Das kann krank machen. Abhängig von Menschen. Das macht den inneren Menschen nicht stark und lässt ihn auch nicht froh werden. Ich kann mein ganzes Leben wurzeln in Geltungsdrang, in der großen Angst, nicht abgesichert zu sein. Ich kann mein ganzes Leben wurzeln in dem Wunsch, Karriere zu machen, aufzusteigen. Aber: „Wer nicht in sich selbst zuhause ist, der ist nirgends zuhause.“ (Margot Käsmann)

Wir dürfen Gott bitten, uns umzutopfen.

Wir haben in unsrem Garten Sträucher umgesetzt. Samt Wurzeln an einen anderen Ort gesetzt. Ganz viel gute Erde um sie herum getan, bevor wir sie eingepflanzt haben. Jetzt wachsen sie wieder gut. Gott kann das auch. Gott kann uns umtopfen in anderen Boden setzen. Heraus aus dem Selbstmitleid in die Liebe Christi, damit wir gesund werden. Heraus aus unserem Geltungsdrang, hinein in die Liebe Christi, sodass wir lernen, bei ihm allein unsre Ehre zu suchen. Wir wollen gleich während des Abendmahles Segnungen anbieten. Wer möchte kann kommen und für sich beten lassen. Vielleicht, dass Gott ihren inneren Menschen stärken möge. Vielleicht, dass Christus in dir wohnen soll, dass er in dir und du in ihm bleibst. Vielleicht, dass Gottes Geist dich umtopft, die Wurzeln aus dem schlechten Boden zieht und du in der Liebe Jesu wurzeln kannst.

Um noch ein Drittes aber bittet Paulus den Vater, der alles geschaffen hat:

Wir sollen mit allen Christen zusammen Gottes Gaben loben.

Paulus sagt es so: „Ich bitte ihn, dass ihr zusammen mit der ganzen Gemeinschaft der Glaubenden begreifen lernt, wie unermesslich reich euch Gott beschenkt.“ Der innerlich starke Christ braucht die Gemeinschaft der anderen Christen. Und Paulus betont „aller“ anderen Glaubenden. Auch die, die anders sind als ich, die in manchem anders denken und anders leben als ich.

Ein Grundproblem damals war die Spannung bis hin zur Spaltung zwischen Judenchristen und Heidenchristen.  Die Heidenchristen mussten sich nicht an das jüdische Gesetz halten. Das fing schon damit an, dass sie nicht beschnitten wurden. Es gab Speisevorschriften und Festtage, die die Christen aus dem Judentum hielten, auch für wichtig hielten, und die Christen aus heidnischen Völkern hielten sich nicht daran. Gesund ist und deinen inneren Menschen wird es stärken, wenn du auch mit denen eins vor Christus bist, mit denen Gott anbetest und ihm dienst und auch mit denen im gegenseitigen Dienst aneinander verbunden bist, die anders als du sind, denken oder leben, die aber auch Christus gehören.

Die Einheit der Gemeinde ist ein großes Thema im Epheserbrief. Die zu meiden, die anders sind, die etwas anderes wollen, sich abzugrenzen, sie womöglich zu Gegnern zu machen, das ist unreif im Glauben, das entspricht nicht der Liebe Gottes. Der innere Mensch wird nicht dadurch stark, dass er sich separiert. Solche Christen gibt es immer wieder. Am Ende ist keine Gemeinde gut genug für sie. Oder sie denken in Parteien in der Gemeinde. Der innere Mensch wird nicht stark dadurch und Freude an Christus werden sie so auch nicht finden.

Gott kann mehr durch uns wirken als wir denken.

Paulus schließt sein Gebet mit einem ganz großen Satz. Einer Verheißung. Einer ganz großen Erinnerung an unseren inneren Menschen, der so leicht so verzagt sein kann: „Gott kann unendlich viel mehr an uns tun, als wir jemals von ihm erbitten oder uns ausdenken können. So mächtig ist die Kraft, mit der er in uns wirkt!“ (V20)

Die Kraft, die in uns wirkt, ist Gottes Geist. Sein Geist ist mächtig in uns und er kann viel mehr in und durch uns wirken, als wir uns denken können. Wir haben gerade einen Taufkurs laufen. An einer Stelle heißt es da: „Aus der Taufe zu leben bedeutet aus dem Heiligen Geist zu leben!“ Wer als Christ leben will, der lebt in der immer neuen Erneuerung durch den Heiligen Geist. Die Bitte um den Heiligen Geist gehört daher in unser Gebet. Täglich dürfen wir darum bitten und Gott wird ihn uns schenken. Gottes Geist lässt Christus in uns wohnen. Gottes Geist lässt uns in seiner unbegreiflichen Liebe wurzeln. Gottes Geist verbindet uns mit anderen Christen und lässt uns zusammen mit ihnen erkennen, wie unermesslich reich Gott uns mit Christus beschenkt hat.

„Gott kann unendlich viel mehr an uns tun, als wir jemals von ihm erbitten oder uns ausdenken können. So mächtig ist die Kraft, mit der er in uns wirkt!“ Ob Menschen äußerlich stark sind, ist vermutlich viel weniger wichtig als dass sie innerlich stark sind. Menschen, die innerlich stark sind, weil Christus in ihnen wohnt und sie in seiner Liebe wurzeln und zusammen mit anderen Christen ihren Reichtum erkennen, die können viel bewegen. So mächtig ist die Kraft, die in ihnen wirkt.
                                                                                                                                                                                                Amen.

Sag Gott nicht, wie groß deine Sorgen sind.
Sag deinen Sorgen, wie groß dein Gott ist!

 
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