2. Mose 33, 17b-23 "Ich möchte deine Herrlichkeit sehen."

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Evangelisch-Freikirchliche-Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg

Norbert Giebel 05.11.2017

2. Mose 33, 17b-23    Mose möchte Gottes Herrlichkeit sehen

Und der Herr sprach zu Mose: (...) Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen. Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des Herrn: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. Und der Herr sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.

Wer hat diesen Wunsch noch nicht gehabt? „Herr, ich möchte deine Herrlichkeit sehen!“?

Wir glauben, ohne zu sehen. An den zu glauben, den man nicht sieht, ist geradezu ein Kennzeichen unseres Glaubens. Im Hebräerbrief lesen wir: „Der Glaube ist eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht!“ (Hebr. 11,1) Dem Jünger Thomas sagt Jesus, der Auferstandene: „Selig – also glücklich, von Gott gesegnet, selig – sind die, die nicht sehen und doch glauben!“ (Joh. 20,29) Paulus schreibt den Römern: „Eine Hoffnung, die man sieht, ist keine Hoffnung. Wir hoffen aber geduldig (!) auf das, was man nicht sehen kann!“ (Römer 8, 24f)

Glauben heißt, dem vertrauen, den man nicht sieht, aber das ist nicht immer einfach! Besonders dann nicht, wenn es einem schlecht geht: Dann sehnt man sich nach einem Zeichen von Gott. Wenn man krank ist. Wenn einen das Unglück überfällt. Wenn die Seele weh tut. Wenn man keine Perspektive hat, nicht weiß wie es weitergehen soll. Wenn Aufgaben im Leben zu schwer werden. Wenn Zweifel hochkommen, wenn man Gott nicht versteht, wenn der Mut einen verlassen hat.

Wir würden es vielleicht anders ausdrücken, aber welcher Christ kennt solche Zeiten nicht, in denen man so gerne etwas Greifbares, Sichtbares von Gott erleben möchte. Psalm 63 ist so ein Gebet, wo jemand, der Gott kennt, der an ihn glaubt, der mit ihm lebt, sich sehnlichst wünscht, Gott jetzt in seiner Lebenssituation zu finden, seine Hilfe zu sehen, ihn ganz hautnah zu erleben:

Gott, du bist mein Gott, den ich suche!

Es dürstet meine Seele nach dir,

mein ganzer Mensch verlangt nach dir

aus trockenem dürrem Land, wo kein Wasser ist.

So schaue ich aus nach dir in deinem Heiligtum,

wollte gerne sehen deine Macht und Herrlichkeit.

Denn deine Güte ist besser als Leben.

Wenn er nur Gott sehen könnte, dann könnte er alles ertragen, dann wäre ihm alles im Leben zweitrangig. Das ist kein Gedankenspiel, kein theoretischer Wunsch. „Gott zu sehen, das wäre ja auch mal schön .... oder so. Das ist eine seelische Not, ein Gebet in Anfechtung, wo das Leben einfach zu schwer geworden ist.

Bei Mose war es nicht anders. Mose hatte das Volk aus Ägypten geführt. Das waren wunderbare große Momente. Dann machen sie Halt am Sinai. 40 Tage lang ist Mose auf dem Berg Horeb und er kommt nicht zurück. Mose empfängt die 10 Gebote auf dem Berg. Das Volk unten am Berg aber zweifelt, es bekommt Angst. Das Volk will einen Gott wie die anderen Völker. Einen Gott, den man sehen und anfassen und vorzeigen kann. Ihr Gott soll wirklich kostbar sein. Sie sammeln allen Schmuck, den sie haben, schmelzen ihn ein und  gießen sich ein goldenes Kalb. Das sollte immer noch derselbe Gott sein der sie befreit hat, aber sie wollten ein Bild von ihm.

Mose betet und ringt mit Gott, dass er dem Volk vergibt. „Was sollen die anderen Völker von dir denken, wenn du dein Volk in der Wüste umkommen lässt?“ argumentiert Mose mit Gott. Die große Krise scheint gut auszugehen. Das ganze Volk ist am Packen. Es soll weitergehen. Aber jetzt ist es Mose, der eine Bestätigung braucht. Wieder durch die Wüste. Wieder mit diesem Volk. Was wird die nächste Krise sein?

„Immer bin ich verantwortlich. Für alles bin ich verantwortlich. Alles fragen sie mich. Ich tu ja alles für dieses Volk. Aber lass mich nach all dem Schwerem, was ich erlebt habe und für all das Schwere, was sicher noch kommen wird, lass mich ein Mal deine Herrlichkeit sehen.“ Mose reicht es nicht mehr, mit Gott reden zu können, wie mit einem Freund. Seine Stimme zu hören. Ein Mal soll Gott den Vorhang lüften. Er will Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Seine Augen sehen. Sein Gesicht. Vielleicht hat Mose sich Gott ähnlich einem Menschen vorgestellt. Mose will ein Selfie mit Gott. Dann würde er mutig weitergehen. Das würde sein Leben und sein Leiden verändern. Ich finde das so verständlich. Nachvollziehbar. Alle, jeder von uns, der Not hat, Zweifel, alle, die am Leben oder an ihren Aufgaben verzagen möchten, sie können sich mit Mose in eine Reihe stellen: „Wir wollen deine Herrlichkeit sehen!“

„Nein,“ sagt Gott „das geht nicht. Das würdet ihr nicht überleben.“ Niemand würde es überleben, den heiligen Gott direkt zu sehen. Schon bei einer Sonnenfinsternis wird man gewarnt: „Nicht ohne Sonnenschutz!“ Du machst dir deine Augen kaputt! Du würdest vergehen, zu Staub zerfallen, wenn die mit deiner Lieblosigkeit, deiner Ungeduld, ungerecht wie du bist, der Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes begegnen würdest. Der Prophet Jesaja hat in einer Vision nur das Gewand Gottes gesehen und selbst er ruft aus „Wehe mir, ich vergehe, ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen!“ (Jes. 6,5)

Gott sagt nicht „Du kannst mich nicht sehen, weil ich unsichtbar bin!“ Sondern wer sagt „Das ist zu gefährlich für dich. Du würdest dich verbrennen. Du kommst darin um!“ Wir alle kennen solche Verbote, die uns schützen sollen: „Fass die heiße Platte nicht an!“ sagen wir einem Kind. „Messer, Gabel, Schere, Licht sind für kleine Kinder nicht!“ Gott schützt seine Kinder davor, ihn direkt zu sehen, ihn direkt zu berühren. Wir haben ja keine Ahnung, wie heiß er ist und wie gleißend hell sein Licht strahlt.

Gott schüttelt nicht den Kopf über Moses Anliegen. Ja, das ist die Sehnsucht aller Menschen! Gott sehen zu können! Seine Herrlichkeit, seine ganze Ehre, seine Pracht und Macht sehen zu können. – Einmal wird das auch geschehen! „Wir werden ihn sehen wie er ist!“ schreibt Johannes (1. Joh. 3,2). „Alle Augen werden ihn dann sehen!“ sieht Johannes in einer Vision, in der er in den Himmel hinein sehen kann. (Off. 1,7)

Aber jetzt noch muss Gott Mose schützen und uns alle mit ihm. Die Bitte ist nicht verwerflich, aber: Es ist noch nicht so weit. „Der Glaube ist eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht!“ (Hebr. 11,1) „Mein Gott, du bist der Gott, den ich suche.“ (Ps 63) „Leib und Seele dürsten nach dir wie aus trockenem Land, wo kein Wasser ist.“ „Ich möchte deine Herrlichkeit sehen!“ (Ex 33)

„Nein!“ sagt Gott, um Mose zu schützen. Aber dann gibt er ihm etwas anderes! Aber mit dem gleichen Ziel: Mose zu trösten! Ihm neuen Mut zu machen! Dem Nein folgt ein doppeltes Ja.  Zweierlei tut Gott, um sich Mose in seiner Not zu zeigen: Erstens: Er bietet Mose einen sicheren Ort an. Einen Raum bei Gott. Auf sicherem Felsen. Eine Felsspalte. Da hinein will Gott ihn stellen. Und Gott hält dort seine schützende Hand vor ihn. Dann geht Gott an ihm vorbei und lässt ihn alle seine Güte sehen.

Gott zeigt sich nicht selbst, aber Mose soll alles vor Augen geführt bekommen, was Gott Gutes getan hat. Vielleicht lief das Leben von Mose vor seinem inneren Auge ab. Vielleicht hat er Gottes Güte an der Schöpfung und anderen Menschen sehen können. Vielleicht durfte Mose auch das schon sehen, was Gott zum Heil der Menschen noch alles tun wird!

Wie wird Mose gestaunt haben! Wie wird ihn das berührt habe, beruhigt, innerlich zutiefst aufgewühlt, aber vor Freude, vor Staunen, vor Dankbarkeit! Im Bibelgespräch sprachen wir letzte Woche über das Gebet des Paulus für die Christen in Ephesus. Paulus bittet Gott, dass er ihnen „erleuchtete Augen des Herzens“ schenke, „damit sie erkennen, zu welcher Hoffnung sie berufen sind, wie reich das Erbe ist, das sie in ihm haben, wie übergroß die Macht und die Kraft ist, mit der er an ihnen wirkt!“ (Vgl. Eph. 1, 18-19)

Ich stelle mir vor: Mose hatte erleuchtete Augen des Herzens. So sehr von Gott erleuchtet, wie Herzen nur von Gott erleuchtet sein können. Was für ein Trost! Was für ein Blickwechsel! An seinem inneren Auge geht die ganze Güte Gottes vorbei. Er kann dem lebendigen Gott hinterhersehen. Erleuchtete Augen des Herzens, das ist es, was auch wir brauchen. Wem Gott diesen Blick schenkt, wer in seinem tiefsten Inneren Gottes Güte sieht, seine Liebe und seine Macht, mit er an uns wirkt, .der kann wirklich getrost leben.

Meine Herrlichkeit kannst du nicht sehen, aber ich schenke dir einen sicheren Ort, da kannst du meine ganze Güte sehen. Und, das ist das Zweite Ja Gottes auf Moses Gebet hin, ich sage dir meinen Namen. Mein Name ist: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich!“

Ein langer Name. „Ich bin der ich bin!“ So hat Gott sich Mose schon einmal vorgestellt. Jetzt zeigt Gott noch mehr von seinem Wesen, denn der Name steht für das, was ihn ausmacht, auf was man sich verlassen kann. Das soll Mose von Gott wissen. So darf er ihn ansprechen. „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich!“

Das heißt zuerst einmal: Gott ist frei. Er sucht aus, wem er gnädig ist. Es gibt keinen Anspruch auf seine Liebe und Güte. Er ist nicht verpflichtet, zu vergeben, geduldig zu sein, sich ansprechen zu lassen. Gott muss nicht „lieb“ sein. Wenn bei der Deutschen Bahn ein Zug ausfällt, kann man die Karte zurückgeben und bekommt das Geld zurück! Regressansprüche. Bei Gott kann man nichts einfordern. Keiner kann gegen ihn antreten. Keiner kann sich beschweren. Gott ist absolut frei. Aber in dieser Freiheit hat er sich entschieden, Mose und Israel zu erwählen und zu lieben. „Ich kenne dich mit Namen und du hast Gnade vor meinen Augen gefunden!“ sagt Gott zu Mose. (V17)

Gott allein entscheidet, wem er gnädig ist! Und am Ende hat er entschieden, allen gnädig zu sein, allen Menschen seine Gnade anzubieten. Und der Trost für Mose liegt darin. Wenn Gott sich entschieden hat, dann bleibt es auch so. Darauf kann er sich verlassen. Gott steht ewig zu seine Entscheidungen. In Jesus hat er sich entschieden, allen gnädig zu sein, sich über Sünder zu erbarmen, Sünder zu lieben, die ihm vertrauen. In alle Ewigkeit.

Wer seinen Namen hinterlässt, der macht sich anrufbar, erreichbar. Der verpflichtet sich. Stell dir vor, da hilft jemand einem Obdachlosen auf der Straße oder stell dir vor, da kommt einer mit einem Asylbewerber ins Gespräch, dem es nicht gut geht, und dann gibt er ihm seine Karte: Name, Adresse, Telefonnummer. Der macht sich erreichbar. Der geht damit ein Versprechen ein: „Ich bin für dich da auch über diesen Moment hinaus!“ – Gott gibt Mose seine Visitenkarte: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich!“ Da kannst du mich immer erreichen!

„Ich möchte deine Herrlichkeit sehen.“ Das ist das Thema heute. Wer hat sich das noch nie gewünscht?! Gott hat uns einen Ort geschaffen, an dem wir sicher sind, wo er uns schützt, an dem wir alle seine Güte erkennen können: Das ist Jesus. Das ist im Besonderen das Kreuz.

Als Jesus geboren war, sah ihn ein alter Mann namens Simeon und sagte: „Meine Augen haben meinen Heiland gesehen!“ (Luk 2,30) Und Johannes schreibt am Anfang seines Evangeliums, Gottes Sohn, Gotte Wort ist Mensch geworden und „Wir sahen seine Herrlichkeit!“ (Joh. 1,14) „Wer mich sieht, der sieht den Vater!“ hat Jesus gesagt. (Joh. 12,45) Das Alte Testament sieht Gott hinterher, in den Rücken! Das Neue Testament hat sein Gesicht gesehen!

Gott hat sich in Jesus Christus anschaubar gemacht. Jesus ist der Ort, an wir Gottes Güte sehen, und Jesus ist der Name, der über allen Namen ist: „Gott rettet“ heißt Jesus übersetzt. Das ist sein Name, darauf hat Gott sich festgelegt. Wer ihn anruft, der wird gerettet. „Es gibt in keinem anderen das Heil, es ist auch kein anderer Namen unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir gerettet werden.“ (Apg 4,12) bekennt Petrus vor dem Hohen Rat

Sind uns damit alle Zweifel genommen? Nein! Gott zeigt sich und er bleibt doch ein Geheimnis. Wir haben keinen Gott zu Anfassen, keinen Gott, den wir stolz in der Welt präsentieren könnten. Wir können seine Herrlichkeit nicht sehen. Aber Gott erhört auch unser Gebet. Er gibt uns einen sicheren Ort, einen Raum, in dem er uns schützt und uns alle seine Güte zeigt. Und er hat uns seinen Namen gegeben: Jesus, Gott rettet! Das ist der Name, der über alle Namen steht.

Amen.

Danke. Ich habe für diese Predigt besonders profitiert von der Predigt der Gemeinde Greifbar in Greifswald vom
16. Januar 2011.
www.greifbar.net/Predigtdatenbank

 
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