1. Johannes 3, 1-6 Wir sind Gottes Kinder ( Weihnachten)

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Mönchebergstraße

Norbert Giebel, Weihnachten 25.12.2017

1. Johannes 3, 1-6   „Wir sind Gottes Kinder!“

1 Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt. 2 Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. 3 Und jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist. 4 Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht. 5 Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und in ihm ist keine Sünde. 6 Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen noch erkannt.

Liebe Weihnachtsgemeinde,

„Seht, was für eine Liebe Gott uns gezeigt hat!“ So könnte man eine Weihnachtsfeier überschreiben, oder ein Oratorium. „Seht hin, seht euch das mal an, auf was für eine wunderbare Weise uns Gott seine Liebe gezeigt hat!“ So könnte man auch einen Gottesdienst zu Karfreitag nennen oder zu Ostern oder zu Pfingsten: „Seht nur, wie groß Gottes Liebe zu uns ist!“

Im heutigen Predigttext am Geburtstag Jesu kommt keine Krippe vor, keine Hirten und auch keine Weisen aus dem Osten. Es geht darum warum Gott so handelt und was es bei uns bewirkt! Gottes Liebe ist sein Motiv, sein Antrieb. Und worauf sein ganzes Handeln abzielt ist, dass wir seine Kinder werden. „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn dahingab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen sondern gerettet werden!“ schreibt Johannes in seinem Evangelium (vgl. Joh. 3,16)

Dass er seinen Sohn dahingibt, das fängt Weihnachten an. Gott gibt sich in unsere Hände. Er macht sich verletzlich, wie ein Kind. Er kommt ohne Macht, ohne Gewalt. Aber Weihnachten ohne das Leben Jesu, ohne das Kreuz und seine Auferweckung, das wäre noch ein sehr eingeschränkter Grund zum Feiern. Woher dieses Kind kommt, dass es Gott selbst ist, der in seinem Sohn hier auf die Welt kommt, und was er tun wird, das erst macht die Freude vollkommen.

Gottes Liebe ist sein Antrieb. Dass wir gerettet werden, dass wir zu ihm gehören, seine Kinder werden, das ist sein Ziel. „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!“ schreibt Johannes. Das schreibt er an Christen, an Menschen, die diesen Mann, der dort in Bethlehem geboren wurde, als ihren Herrn angenommen haben. Die ihm vertrauen. Die in ihm den König Gottes erkennen.

Gott hat uns adoptiert. Er „nennt uns seine Kinder“, schreibt Johannes. Wir sind es nicht von Geburt aus, nicht natürlicherweise. Von Geburt aus sind wir Gott fern. Von unserer Natur aus wollen wir selbst unser Leben in die Hand nehmen, wollen selbst bestimmen.  Von Natur aus sind wir selbst unser Mittelpunkt.

Es ist die Sünde, die uns von Gott trennt. Auch die Sünde gehört zu Weihnachten! Wären wir keine Sünder, bräuchte es kein Weihnachten geben und kein Karfreitag und kein Ostern. Es ist aber so, dass wir Menschen von Geburt an eigentlich lieber ohne Gott leben, nicht gerecht sind, sehr mangelhaft lieben können. Schon gar nicht wollen wir jemand anderen in unserem Leben Herr sein lassen. Der natürliche Mensch will und Kann Gott nicht anbeten und ihm die Ehre geben.

Wären wir Engel, wären wir Heilige, wären wir Menschen nach dem Willen Gottes, dann gehörten wir schon auf seine Seite. „Des Menschen Herz ist böse von Jugend auf!“ lesen wir schon bei Mose (vgl. 1. Mose 8, 21). Und doch sehnt sich Gott nach uns! Und doch liebt er uns mit einer Liebe, die wir uns gar nicht vorstellen können. Es verzehrt ihn nach uns. Wir gehören doch zu ihm! Und wir sind so weit weg. Darum ist er zu uns gekommen. Er hat sich zu uns gekehrt. Er will uns adoptieren.

Ich habe zwei Cousins. Lars und Sven. Meine Tante und Onkel konnten kein Kind bekommen. Nach vielen Versuchen haben sie einen Jungen adoptiert. Das war jetzt ihr Sohn. Aber als der noch gar nicht richtig laufen konnte, wurde meine Tante schwanger. Und sie bekam noch einen Sohn. Mein Onkel erzählte etwas, was ihn regelmäßig ärgerte. Wenn sie alte Bekannte, Kollegen oder Verwandte trafen, wurden sie oft gefragt, wer von beiden nun ihr eigener Sohn sei, ihr richtiger Sohn. Das machte ihn wütend. „Beide sind unsere richtigen Söhne!“ hat er dann gesagt. Er hat sich geweigert, zu sagen, wen er gezeugt und wen er adoptiert hatte. „Beide gehören ganz zu uns!“

Genau so macht Gott keinen Unterschied. Wir sind nicht natürlicherweise seine Kinder, aber er hat uns adoptiert als wären wir von Geburt an seine Kinder. Mit allen Rechten. Ganz zu Gott gehörig. Ohne Unterschied.

Ich kannte eine andere Familie, die ein Kind adoptiert hat. Wenn ich mich recht erinnere, hatten sie schon zwei Kinder. Sie waren bereit, einem dritten Kind ein Zuhause, einer Familie zu bieten. Es gab Gespräche mit dem Jugendamt und Adoptionsstellen. Schließlich haben sie einen Jungen adoptiert. Er hatte eine Hasencharte. Oberlippe, Oberkiefer und Gaumen waren teilweise von einem Spalt durchzogen. Und: Er hatte einen schweren Hörschaden. Aber ihn haben sie lieb gewonnen. Ihn haben sie sich zugetraut, ihn zu begleiten. Das war mehr Aufwand, ihn zu begleiten, und die Therapien haben viel gekostet, aber sie haben sich entschieden, ihn zu lieben, ihn zu adoptieren.

So hat Gott uns adoptiert. Nicht weil wir ihm viel zu bieten hätten, sondern weil er uns viel zu bieten hat! Seht euch nur diese Liebe an, die er uns gezeigt hat! „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!“ Wir können uns darauf verlassen! Das ist unumkehrbar!

Die Welt erkennt es nicht, sagt Johannes, denn die Welt erkennt ihn nicht. „Die Welt“, diesen Begriff verwendet Johannes öfter für die Menschen ohne Gott. Die Welt aberkennt es nicht, dass ihr Kinder Gottes seid, denn sie anerkennt seinen Sohn nicht, den Christus, der im Stall von Bethlehem zur Welt gekommen ist. „Er kam in sein Eigentum, aber die seinen nahmen ihn nicht auf!“ schreibt Johannes am Anfang seines Evangeliums. (vgl. Joh. 1,11)

„Sie sehen nicht, was wir sein werden!“ Wir sind sozusagen Gottes Kinder inkognito. Unsere Tochter Sarah hat vor einigen Tagen einen Film gesehen von einer Prinzessin, die aber als solche nicht zu erkennen war. Sie ging zur Schule, machte Sport, aber wer nicht wusste, wer sie war, konnte keinen Unterschied erkennen. Eine Prinzessin inkognito. Wir sind auch Prinzessinnen inkognito. Wir sind viel mehr, als man an uns sehen kann.

Beim letzten Lobpreisabend haben wir ein Lied gesungen, in dem es immer wieder hieß, dass Gott schön sei. Nichts sei schöner als er. Ich unterhielt mich danach mit einer Studentin aus der SMD. Sie sagte mir, dass ihr das ein ganz wichtiger Gedanke sei, eine ganz wichtige Wahrheit: „Gott ist schön. Und weil er schön ist und etwas von ihm in mir ist, darum bin ich auch schön. – Und du bist auch schön, Norbert, weil von Gott etwas in dir ist!“ – Also die hat auch etwas an mir gesehen, was ich selbst nicht sehe. Gott ist schön, Gott ist Liebe, Gott ist heilig, gerecht, Gott ist ewig! Und weil etwas von ihm in mir ist, darum bin ich auch schön und Liebe ist in mir und ich bin auch heilig und Gerechtigkeit ist in mir und ich bin ewig, ich habe etwas Ewiges in mir, weil Gott in mir ist.

Der Gedanke ist mir immer noch nicht so vertraut, denn ich weiß auch, dass ich hässlich sein kann, ungerecht, lieblos. Aber Johannes schreibt es hier: „Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ (Vers 2) – Dann werden wir ihm gleich sein! Dann werden wie sein wie Gott! – Also ich hätte solche Sätze nicht sagen können, wenn sie nicht hier bei Johannes ständen.

Einmal werden wir ganz eins sein mit ihm. Dennoch werden wir ganz ich und ganz du bleiben.  Wir verschmelzen nicht mit ihm. Wir bleiben ich und du und werden ganz mit Gott gleich sein. Das stelle ich mir wirklich herrlich vor! Das macht Freude auf den Himmel! Freude auf die Ewigkeit! Gottes Wesen, Liebe, Gerechtigkeit, Heiligkeit, greift über zu mir, fließt ganz in mich hinein. Etwas Herrlicheres kann ich mir nicht vorstellen.

Der Ewigkeitssonntag gehört auch zu Weihnachten, finde ich. Weihnachten kommt Gott auf die Welt, damit ich in seine Welt kommen kann! Weihnachten wird Gottes das Kind eines Menschen, damit ich ein Kind Gottes werden kann. Weihnachten beginnt ein großer Tausch und Gott trägt alle Kosten! Er wird geboren im Stall, damit ich neu geboren werden kann.

„Es sei denn, dass jemand aus Wasser und Geist neu geboren werde, anders kann er nicht in das Reich Gottes kommen!“ schreibt Johannes in seinem Evangelium. (vgl. Joh. 3,5) Jesus wurde im Stall geboren. Wir werden neu geboren durch den Heiligen Geist und durch das Wasser, durch die Taufe als das Zeichen der Gotteskindschaft. Gott adoptiert nicht gegen unseren Willen. Er bringt sich für uns um, könnte man sagen. Und trotzdem müssen wir Ja sagen und die Adoptionsurkunde sozusagen auch unterschreiben.

Die Adoption hat keine Bedingung. Aber dann sollen wir auch leben als seine Kinder. Johannes fährt so fort: „3 Und jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist. 4 Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht. 5 Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und in ihm ist keine Sünde. 6 Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen noch erkannt.“

Johannes geht nicht davon aus, dass Christen sündlos werden, ohne alle Fehler. Am Anfang dieses 1. Johannesbriefes schreibt er: „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, dann betrügen wir uns selbst und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, dann ist Gott treu und gerecht, dass er unsere Sünden vergibt und reinigt uns von aller unserer Ungerechtigkeit!“ (1. Joh. 1, 8-9)

Johannes geht nicht davon aus, dass Christen gar nicht mehr sündigen. Aber sie wissen um die Macht der Sünde. Sie verharmlosen sie nicht. Sie entschuldigen nicht sich selbst. Sie gehen zu Gott damit. Sie wollen davon frei werden. Sie wollen sich reinigen für ihn. „Jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist!“ (V3) „Wer weiter sündigt, wer mit der Sünde spielt, wem die eigene Ungerechtigkeit egal ist, der hat Gott noch nicht erkannt.“ (vgl. V6)

Gott ist unsere Sünde so ernst, dass er seinen Sohn dafür dahingab! Gott ist unsere Sünde und Verlorenheit so ernst, dass er auf die Welt kam und am Kreuz für uns gestorben ist. – Wie könnten wir dann unsere Sünde verharmlosen? „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!“ (V1) „Jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch Jesus Christus rein ist. Ohne Sünde!“ (vgl. V3)

In Stuttgart hatte ich meine erste Pastorenstelle. Die Gemeinde war ähnlich groß und alt wie diese. Aber wir hatten noch mehr Studenten. Sie kamen „von der Alp ra“, also von der Alp runter. Schwaben aus den umliegenden Kleinstädten und Dörfern. Zwei Brüder waren dabei. Bertram lernte ich zuerst kennen. Zwei Jahre später seinen Bruder Karl-Herrmann. Beide haben mich beeindruckt. Sie waren verschieden. Sie dachten nicht in allem gleich. Sie hatten nicht die gleiche Haarfarbe. Beide aber waren groß, hatten recht tiefe Stimmen, schlank. Beide waren sofort in der Gemeinde drin, engagiert, absolut treu, redeten mit, suchten sich ihre Aufgaben. Ich weiß nicht sicher, ob ich es den beiden gesagt habe, aber gedacht habe ich es sicher: „Von den beiden würde ich gerne einmal den Vater kennenlernen. Irgendwoher mussten sie das doch haben!“

Darüber glaube ich würde Gott sich freuen. Das ist seine Idee. Wir können verschieden sein, müssen nicht in allem das Gleiche denken. Aber dass seine Kinder sich so verhielten, dass die Leute sagen: Von denen würde ich gerne einmal den Vater kennenlernen! Dann leben wir was wir sind: Kinder Gottes!

Amen.

 
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