2. Mose 13, 20-22 Gott ist dabei und geht voraus. (Jahreswechsel / Silvester)

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Mönchebergstraße
Norbert Giebel,
Silvester, 31.12.2017

2. Mose 13, 20-22    „Gott ist dabei und er geht voraus!“


Silvester, das ist schon ein besonderer Tag. Auf der ganzen Erde werden heute Menschen um Mitternacht auf die Uhr sehen, um die eine Sekunde bewusst zu erleben, in der ein neues Jahr anfängt. Wir sind immer unterwegs, von Tag zu Tag, von einem Gestern in ein neues Heute. Die Zeit vergeht immer gleich, kontinuierlich. Wir lassen etwas zurück, unwiederholbar, und erleben etwas Neues. Aber Silvester wird es uns besonders bewusst, dass die Zeit vergeht. Der 31. Dezember ist für alle Menschen ein besonderer Einschnitt. An keinem Tag sehen so viele Menschen zurück und nach vorne.

Jedes Jahr ist ein besonderer Abschnitt im Leben. Jeder weiß, in welchem Jahr er geboren wurde, in welchem Jahr er zur Schule kam, in welchem Jahr er getauft wurde, in welchem Jahr er geheiratet hat. Was wird das kommende Jahr bringen? Was wird das kommende Jahr ausmachen? Werde ich vielleicht neu geboren? Werde ich etwas Besonderes lernen? Werde ich heiraten? Getauft werden?

Silvester geht man über eine Schwelle. Man verlässt Altes, egal ob es gut oder schlecht war, und man betritt etwas völlig Neues, etwas völlig Offenes, Ungewisses. Das Volk Israel hat auch solche Schwellentage erlebt. Zeiten, in denen das Volk Altes verlassen hat und in eine neue Zukunft gegangen ist. Einen Text aus einer solchen Zeit lese ich uns vor:

„So zogen die Israeliten aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen  zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.“ (2. Mose 13,20-22)

Der Weg Israels ist unserem Weg mit Gott sehr ähnlich: Gott hatte sein Volk aus der Sklaverei in Ägypten befreit. Sie sind noch nicht weit weg. Noch können sie zurücksehen. Noch kann der Pharao sie erreichen. Noch lässt Ramses sie aber ziehen. Der berühmte Durchzug durchs Schilfmeer steht ihnen noch bevor.

Gott hat ihnen ein neues Land versprochen. Sie sollen ihm folgen. Er will sie dorthin führen. Die Israeliten folgen dem Ruf Gottes und verlassen die Stadt des Pharaos Ramses. Zunächst haben sie sich an einem Ort namens Sukkot versammelt. Dann sind sie nach Etam gezogen. Am Rande der Wüste. Das Volk Gottes ist auf dem Weg Gottes, aber dieser Weg führt nicht direkt ins verheißene Land. Zuerst einmal geht es in die Wüste.

Etam, das ist ihr Grenzort. Hier verlassen sie das Land das sie kennen, in dem es ihnen aber nicht gut ging, und hier betreten sie Neues, ein ungewisses Land auf einem ungewissen Weg. Hier, an ihrem Schwellenort, wo ihr Uhrzeiger auf Null Uhr geht, hier bekommen sie die Verheißung Gottes: Gott ist da! Gott geht ihnen voraus! Gott geht ihnen sichtbar voraus! Tag und Nacht, wenn die Sonne scheint und auch dann, wenn es dunkel ist. Dann will er ihnen Licht geben. Am Tag in einer Wolkensäule, um sie zu führen. In der Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten. Warum? – Damit sie immer weiter gehen können! Damit sie auf dem Weg bleiben.

Die Geschichte Israels könnte unsere eigene Geschichte sein.

Gott hat uns befreit!
Auch wir haben die Erfahrung gemacht, dass Gott befreit, dass er erlöst. Wie Israel so will er auch uns leiten, bewahren und uns auf Kurs halten, dass wir unterwegs bleiben, auf seinem Weg bleiben.

Gott hat uns gerufen!
Wie Israel so hat er auch uns gerufen und uns zu einem verheißenen Land aufbrechen lassen. – Er ist uns vorausgegangen. Er geht uns voraus.   Er ist schon da, wo er uns noch hinführen will.

Wir sind noch nicht am Ziel!
Noch sind wir nicht im verheißenen Land! Wir sind noch nicht angekommen! Aber er hat uns auf den Weg dahin gerufen.

Gott wird uns leuchten!
Auch uns will er leuchten in unseren Tagzeiten, wo wir aktiv sind, aber auch in unseren Nachtzeiten, wo es dunkel ist und wir keine Sonne mehr sehen.

Gott ist seinen Menschen nahe!
Gott ist nicht der allmächtige Gott, der im Himmel bleibt und uns von oben führt. Der lebendige Gott kommt uns nahe. Er wird unser Wegbegleiter, unser Weggenosse. Er sieht Israel und er sieht uns und er sucht die Menschen auf in ihrer Not. Gott sucht die Not der Menschen, er geht mit, er leidet mit. Seit Weihnachten kennen wir Christen diesen Gott, „der nicht von oben leitet“, der die Not der Menschen sucht, noch viel klarer.

„Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“ hat Jesus seinen Jüngern zugesagt (Matth 28,20) „Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die er uns mit Jesus geschenkt hat!“ (Römer 8) Wir haben Gottes Zusage wie Israel sie bekommen hatte: Gott geht vor uns her! Gott führt uns! Gott ist unser Licht auch wenn es dunkel wird. Aber diese Zusage gibt es am Rande der Wüste!

Wer aufbricht, hat meistens eine Wüste vor sich!
Wer Gottes Ruf folgt, dass er aufbrechen soll, hat mit großer Wahrscheinlichkeit eine Wüste vor sich. Es gibt andere Berichte, in den Evangelien zum Beispiel. Da kommt ein Kranker zu Jesus, er glaubt ihm, wird geheilt und geht fröhlich nach Hause. Ein Finanzmann aus Ägypten kommt zum Glauben an Jesus, lässt sich taufen und zieht seine Straße fröhlich. So ist es nun auch nicht, das wir sagen müssten: „Folge Gottes Ruf und die Wüste ist dir sicher!“ Jesus hat auch gesagt: „Ihr sollt das Leben in seiner Fülle haben!“ Aber er hat auch gesagt: „Wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt, der ist mein nicht wert!“

Gott führt sein Volk nicht auf dem schnellsten Weg ins verheißene Land. Er erspart ihnen die Wüste nicht: Sie müssen durch den Sand laufen. Sie müssen laufen, wo es noch keine Wege gibt. Sie müssen die Sandstürme aushalten. Sie werden Sand in ihren Zähnen haben. Sie werden Durst und Hunger kennenlernen.


So geht es auch uns Christen oft, im Großen und im Kleinen, dass wir das Gefühl haben, Gott führt uns Umwege. Warum hilft und führt er nicht viel schneller? Und manche sagen dann in der Wüste: „Ach wären wir doch in Ägypten geblieben.“ Sie sehnen sich nach den „Fleischtöpfen Ägyptens.“ Die Vergangenheit wird verklärt. „Wären wir doch gar nicht aufgebrochen!“ „Wenn es Gottes Ziel ist, wenn es Gottes Weg ist, warum führt er uns durch die Wüste?“ Und manche wollen hinschmeißen. Leichte Wege wollen sie gerne mit Gott gehen. Aber in der Wüste durchhalten, das Ziel nicht sehen, keinen Fortschritt sehen, das halten sie nicht aus. Da streiken sie und werfen Gott seine Sachen vor die Füße.

Gott ist auch in der Wüste da!
Das ist der Trost. Manchmal führt er Umwege in unserem Leben. Keine schönen Umwege. Er geht selten den schnellsten Weg mit uns. Manchmal können wir es nachher verstehen, sehen, dass wir etwas gelernt haben, dass wir gereift sind, dass unser Glaube gewachsen ist. Manchmal können wir es gar nicht verstehen. Bis zuletzt nicht.

Was wir aber wissen dürfen:
Deine Wüste ist kein Zeichen, dass Gott nicht nahe wäre!
Auch die Nachtzeiten unsers Lebens sind ist kein Zeichen, dass Gott nicht ganz nahe wäre. Wenn es uns rundum gut geht, muss das kein Zeichen sein, dass Gott uns besonders segnet oder er uns besonders leitet. Es kann auch sein, dass wir in Ägypten geblieben sind. Wir haben uns gewöhnt an unsere Gefangenheit. Wir sind zufrieden in einem Leben ohne Gott. Wir wagen uns nicht weg von unseren Fleischtöpfen. Und geht es äußerlich gut, es ist alles so schön ruhig und friedlich: Warum sollten wir aufbrechen? Warum sollten wir etwas riskieren?

Wenn es und rundum gut geht, haben wir vielleicht die Wüste gescheut und sitzen immer noch in Etam. Kann doch sein. Dankbar sehen wir auf unsere Befreiung zurück, aber durch die Wüste ins verheißene Land, das ist nicht unser Weg. – Ich denke, Glauben heißt, mit Gott aufbrechen, immer wieder mit Gott aufbrechen, und mit Gott auf dem Weg bleiben. Wer Gottes ruf hört, verlässt Ägypten und auch den scheinbar sicheren Ort an der Grenze zur Wüste.

Christen sind „die des Weges“.
Bei Lukas lesen wir in der Apostelgeschichte, dass die Christen sich am Anfang so genannt haben. Sie sind „die des Weges“ oder „des neuen Weges“ (vgl. Apg 9,2; 24,14). Vielleicht haben sie dabei an das Wort Jesu gedacht, der gesagt hat, „Ich bin der Weg“!
(Joh. 14,6) Christen sind „Menschen auf dem Weg“, Menschen unterwegs. Auf Gottes Weg natürlich. Nicht einfach irgendwohin auf irgendeinem Weg.

Der Kirchenvater Augustin nennt die Christen im 4. Jhdt. erstmals „das wandernde Gottesvolk“. Auf dem Weg zu sein, hier nicht zuhause zu sein, das kennzeichnet die Christen. Augustin hat sehr viel für seinen Glauben   gegeben. Reichtum und ein ausschweifendes Leben hat er verlassen. Das war sein Ägypten.

Im Hebräerbrief werden die Christen „Fremdlinge“ genannt. Wir haben hier keine Heimat, sondern sind unterwegs zu unserer himmlischen Heimat. Christen sind die, die in Zelten leben, die hier keine festen Häuser bauen. Christen sind Menschen, die nicht klammern, sondern immer wieder aufbrechen. Aufzubrechen gehört für sie zu ihrem Glauben. Nicht nur an Silvester.

Gott segnet nicht alle unsere Wege!
Das wäre ein Missverständnis. „Gott mit uns“ stand auf dem Koppelschloss der Soldaten. Sie suchten das Ziel aus, sie suchten den Weg aus, sie fragten nicht nach Gottes Willen, aber auf ihren Gürteln stand „Gott mit uns.“ Das ist ein sehr steiles Beispiel, aber es müssen nicht Soldaten sein, die ihre Ziele selbst bestimmen, die nach Gottes Zielen für ihr Leben gar nicht fragen, aber es dann erwarten: „Gott sei mit uns!“ Israel ist hier nicht auf irgendeinem Weg, sondern auf dem, zu dem Gott sein Volk gerufen hat. Darum gilt ihnen diese Verheißung.

Wir sehen zurück, wo es uns hilft, nach vorne zu gehen!
Silvester sieht man auch zurück. Jesus hat einmal gesagt: „Wer seine Hand an den Pflug legt und zurücksieht, ist nicht geeignet für das Reich Gottes!“ (Luk 9,62) Jesus meint damit: „Wer an der Vergangenheit klebt, wer nicht loslassen kann, wer sich nicht von Gestern verabschiedet hat, der ist nicht geeignet, unter Gottes Herrschaft zu leben.“

Man darf zurücksehen, um besser nach vorne zu gehen. So wie man in einen Rückspiegel schaut, um sicherer nach vorne zu fahren. Man darf zurücksehen, um Gottes Spuren zu erkennen. Man darf zurücksehen, um Glauben zu schöpfen, Gott neu zu vertrauen, weil man den Weg sieht, den er schon geführt hat. Wo habe ich ihn erlebt? Wo hat er mich bewahrt vor Bösem, das ich tun wollte? Wo hat er mich im vergangenen Jahr auf einen neuen Weg gesetzt, den ich jetzt weiter gehen soll? Wo habe ich begonnen, falsche Wege zu gehen, die ich jetzt wieder verlassen werde?

POWER: Unsere Feuersäule ist Jesus selbst.

Wenn so vieles in der Geschichte wie ein Vorzeichen auch für unser Leben ist: Was ist unsere Wolkensäule am Tag und unsere Feuersäule in der Nacht? Es gibt verschiedene Antworten: Die einen weisen auf das Abendmahl hin. Da zeigt Jesus greifbar seine Nähe.

Viel Sinn macht es auch, in der Wolkensäule ein Zeichen für den Heiligen Geist zu erkennen. Jesus hat gesagt, er wolle uns nicht als Waisen zurücklassen, sondern er werde uns den Tröster schicken, den Beistand, Gottes Geist nämlich. (Joh. 14) Er wird uns in alle Wahrheit leiten. Er wird uns an das erinnern, was Jesus gelehrt hat. In ihm ist Jesus gegenwärtig, um uns am Tag zu leiten und uns in der Nacht zu leuchten.

Ich würde sagen, unsere Wolkensäule, in der Gott uns begleitet, ist das Mahl des Herrn, das Wort des Herrn und der Geist des Herrn. Letztlich ist es Jesus selbst, der bei uns ist bis an der Welt Ende. (vgl. Matth 28,20)

Silvester ist ein besonderer Tag. Auf der ganzen Erde werden heute Menschen um Mitternacht auf die Uhr sehen, um die eine Sekunde bewusst zu erleben, in der ein neues Jahr anfängt.

Was für eine Schwelle ist dieser Tag heute für uns? Nur ein neues Datum? Nur eine neue Jahreszahl? Ich denke, ein neues Jahr ist für uns ein neuer Raum Gottes, den er uns schenkt, neues ungewisses Land, das wir bewusst mit ihm betreten.

Der Herr geht uns voraus.
Er leitet uns am Tag und
er leuchtet uns in der Nacht.
Das wird auch 2018 so bleiben!

Amen.

Ich habe für diese Predigt mit Gewinn die Predigt von Titus Reinmuth von 2011 zum selben Text gelesen.

 
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