Matthäus 6, 7-13 Beten: Lieber kurz als garnicht.

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Mönchebergstraße
Norbert Giebel, 21.1.2017

Matthäus 6, 7-13 „Beten – Lieber kurz als gar nicht!“

Liebe Gemeinde,

Beten ist für mich seit vielen Jahren starkes Thema. Ich habe meine Geschichte mit dem Beten. Ich habe verschiedene Phasen in meinem Gebetsleben erlebt. Ich habe neue Formen kennen und schätzen gelernt. Ich habe in einem evangelischen Kloster eine einjährige Fortbildung in Spiritualität genossen. Bücher von Johannes Hartl haben mich fasziniert. Er ist Gründer und Leiter des Gebetshauses in Augsburg. Jeden Tag wird dort 24 Stunden gebetet. Sein Buch „Im Herzen Feuer“ habe ich letztes Jahr hier vorgestellt. Eins ist noch am Büchertisch vorrätig.

Ende letzten Jahres habe ich dann ein Buch von Ulrich Wendel gelesen. Uli ist ein Freund aus alten Zeiten. Wir haben zusammen studiert. Heute arbeitet er als Lektor. Sein Buch heißt „Alltagsbeter“! Es ist ein über Strecken sehr persönliches Buch. Ich habe noch nie so sehr ein Buch als Anregung zu einer Predigt genommen, wie ich es heute tun will. Aber ich glaube, es ist wichtig und für viele heilsam, was ich da gelernt habe.

Als biblische Textgrundlage lese ich uns Matth 6, 7-13:

7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 11 Unser tägliches Brot gib uns heute. 12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]

Die Jünger kennen Jesus als Beter. Er hat regelmäßige Gebetszeiten. Er zieht sich zurück. Morgens finden sie ihn nicht auf seinem Lager, weil er schon früh hinausgegangen ist, um zu beten. Jesus betet lange. Er braucht diese Zeit mit seinem Vater. Es gab Situationen, da haben sie ihn gesucht, weil Wichtiges zu tun war. Viele Kranke warteten auf ihn. Viele wollten seine Reden hören. Er aber war nicht da. Er war dann mal weg zum Beten. Das Gebet, seine Zeit mit Gott, hatte Priorität für ihn.

Mitten in der Bergpredigt sagt er nun seinen Jünger, was für ihr Beten ist. Dass Erste was er sagt ist: Betet nicht wie die Heuchler, die dabei gesehen werden wollen, die eine Show daraus machen, die aus dem Gebet eine Kurzpredigt machen und die Menschen um sich herum viel mehr im Blick haben als Gott. Macht nicht mit bei diesen Wettkampf, wer am schönsten beten kann.  Darum geht es nicht!

Dass Zweite, was er sagt ist: Geh in dein Kämmerlein, schließ die Tür zu und bete für dich allein. Es geht um deine Beziehung zu Gott. Das ist das Erste beim Beten. So hat auch Jesus gebetet, wenn sein „Kämmerlein“ auch gerne mal ein Berg war, auf den er sich zurückzog.

Das Dritte haben wir gerade gehört: Plappert nicht wie die Heiden! Was ist das, Plappern im Gebet? Jesus selbst gibt die Antwort: Plappern ist viele Worte machen. Die Heiden meinen, sie werden nur gehört oder besser gehört, wenn sie lange beten. Sie hören nicht auf, zu beten. Sie wiederholen sich ständig. Sie meinen, ihre Endlosgebete würden Gott beeindrucken. Sie beten zu Göttern, die nicht beim ersten Mal hören können. Sie beten zu Göttern, die nicht wissen, was sie wollen. Ihre Anliegen scheinen die Wichtigsten auf der Welt zu sein. Sie hören nicht beim Beten. Sie wollen Gott nur zum Diener ihrer Anliegen machen. Sie beten nicht nach dem Herzen Gottes, das, was ihnen wichtig ist, wollen sie durchdrücken. Ihre Götter wollen nicht. Sie wollen sich nicht bewegen. Sie wollen nichts Gutes tun. Man muss sie zwingen. Plappern ist alles andere als ein Zeichen für Vertrauen! – „So sollt ihr nicht beten!“ sagt Jesus.

Die Jünger Jesu und wir dürfen wissen, dass Gott hört. Beim ersten Mal schon. Wir dürfen wissen, dass er gerne Gutes tut, dass wir ihm am Herzen liegen und ihm immer willkommen sind. Wir ihn nicht erst wecken und für uns interessieren. Wir dürfen uns kurz fassen. Das ist die Hauptaussage! Darin sollen wir anders als die Heiden beten!

Wir brauchen Gott auch nicht informieren. Wir alle kennen Gebete, in denen Gott informiert wird, in denen Gott auf den Neuesten Stand gebracht wird, in denen dann argumentiert wird, warum er was darum tun soll. Ich glaube, dass Gott uns zuhört. Wenn wir es brauchen hört er auch gerne zu. Aber er braucht unsere Informationen nicht. Eine Mutter erzählte mir einmal, sie habe versehentlich beim Abendgebet ihrer Kinder zugehört. Die Namen habe ich geändert: „Lieber Gott, Klaus boxt mich immer!“ „Glaub ihr nicht!“ unterbricht ihr Bruder und betet: „Sie hat immer angefangen!“

Also: Wir dürfen oder sollen sogar kurz beten. Das kurze Gebet zeigt Vertrauen: Ich habe geredet, Gott hat gehört, meine Bitte ist bei ihm gut aufgehoben. Und dann lehrt Jesus seinen Jüngern das Vaterunser. „Lehre uns beten!“ sagen die Jünger. Und Jesus lehrt sie ein auffallend kurzes Gebet! In wenigen Worten ist alles Notwendige gesagt. Wer so betet, der betet nach dem Herzen Gottes. Wir müssen das Vaterunser nicht immer wortwörtlich beten. Aber es gibt die Richtung an. Es zeigt Grundlinien für unser Beten. Und es ist kurz! Die einzelnen Bereiche werden Gott genannt.

Im Judentum gibt es ein ähnliches Gebet, das Achtzehnbittengebet. Es wurde in jedem Gottesdienst gebetet, so wie das Vaterunser heute in vielen Kirchen jeden Gottesdienst gebetet wird. Ein frommer Jude betete es bis zu drei Mal täglich. Das Achtzehnbittengebet besteht aus über 1000 Worten, das Vaterunser aus 35 Worten. Wenn alles gesagt ist, warum sollte es dann länger sein? Das Vaterunser ist ganz einfach, schnörkellos, ohne Poesie, ohne den damals so bekannten Rhythmus, den Parallelismus, in dem Psalmen gebetet wurden. Eine Bitte nach der anderen. Ganz kurz und knapp. Fertig.

Jesus hatte sicher nichts gegen lange Gebete. Auch das Achtzehnbittengebet wird er zum Beispiel in der Synagoge selbst gebetet haben. Er selbst hat ja auch viel Zeit im Gebet verbracht. Aber was man von seiner Einführung in das Vaterunser und diesem Gebet selbst sagen kann, ist: Bete kurz. Du darfst kurz beten. Gott hört. Sag Amen, wenn das Wichtige gesagt ist. Jesus verlangt keine langen und gut formulierten Gebete. Sei echt beim Beten. Sei innerlich wirklich dabei und bringe ihm keine Schönreden und auch keine Floskeln.

Lieber Kurz und oft beten als lange und selten, oder gar nicht. Der entscheidende Unterschied ist nicht, ob du lange oder kurz betest, sondern ob du betest oder nicht betest. Alles andere ist nur ein gradueller Unterschied. Brich die Kommunikation mit Gott nicht ab! Das ist das Wichtigste. Wenn du gerade nur kurz beten kannst, dann bete kurz. Und wenn du alles gesagt hast, sage Amen oder genieße noch einen Moment seine Nähe und dass er alles gehört hat und sage dann Amen.

Im Alten Testament gibt es eine Situation, in der Menschen beten wie in einem Wettkampf: Jeder will zeigen, was sein Gott kann. Elia und die Baalspriester beten auf dem Berg Karmel (1. Könige 18). Ich kann die ganze Geschichte jetzt nicht erzählen. Opfer und Opferholz sind auf dem Berg Karmel aufgeschichtet. Die Baalspriester fangen laut an zu beten. Gott soll Feuer vom Himmel schicken. Sie werden immer lauter, sie fügen sich selbst Wunden zu, fallen in einen Rausch beim Beten. Aber es kommt kein Feuer. Elia betet ein kurzes Gebet des Glaubens, ohne Schreien, ohne Kampf, ohne schöne Reden. Ein kurzes Gebet und das Holz fängt Feuer. Wir dürfen kurz beten.

Das Gebet des Jabez , ebenfalls aus dem Alten Testament, ist sehr bekannt. Es gibt etliche Bücher dazu. Jabez betet: „Segne mich und erweitere mein Gebiet! Sei bei mir in allem, was ich tue, und bewahre mich vor allem Kummer und Schmerz!“ Das Gebet ist auf keinen Fall dem Vaterunser gleichzustellen! Selbst wenn man es geistlich auslegt, ist es doch sehr ichbezogen. Es muss ja auch nicht das Einzige sein, was man betet. Aber was man mit Sicherheit sagen kann: Es ist kurz! Vier kurze Bitten nacheinander. „Segne mich und erweitere mein Gebiet! Sei bei mir in allem, was ich tue, und bewahre mich vor allem Kummer und Schmerz!“

Wenn jemand kurz betet, ist das kein Zeichen von Unreife oder von Oberflächlichkeit. Es ist absolut in Ordnung, seine Bitten auf einen kurzen Nenner zu bringen. Wer wenig Zeit hat oder sich gerade in einer längeren Gebetszeit nicht konzentrieren kann, der soll kurz beten. Besser kurz und oft beten als seltener oder dann gar nicht mehr. Wer in einem oder zwei Sätzen sagen kann, was ihm gerade auf dem Herzen liegt, wo er Gottes Kraft und Weisheit braucht, der soll es tun.  Einen oder zwei Sätze beten.  Gott weiß die Details.

Paulus schreibt in seinen Briefen wiederholt, dass er bestimmte Gemeinden oder Personen immer wieder in seinen Gebeten erwähnt. Ulrich Wendel schreibt dazu: „Das klingt nicht gerade nach einer ausgedehnten Gebetszeit für jeden Einzelnen von ihnen. Ich stelle mir das so vor, dass Paulus betete und ihm dabei der ein oder andere einfiel. Dann nannte er deren Namen vor Gott und weiter ging das Gebet!“ (ebd. S. 57) Jemanden bewusst zu Gott zu bringen, das ist viel! Gott ist über alles informiert und sein Geist betet in mir und bringt den anderen im Gebet zu Gott.

Martin Luther wurde von seinem Freund Peter Balbier um Unterweisung für sein Gebet gebeten. Luther schreibt u.a.: „Sie zu, dass du nicht alles (auf einmal) oder (dir) zu viel vornehmest, damit der Geist nicht müde werde. Ebenso soll ein gutes gebet nicht lang sein, auch nicht lange aufgeschoben werden, sondern oft und brennend sein!“ Lieber oft und brennend beten! Lieber sofort als es aufzuschieben! Nicht zu viele Anliegen, dafür aber wach und von Herzen. So könnte man Luthers Rat übersetzen.

Unsere Sehnsucht nach langen Gebetszeiten ist absolut gesund und richtig. Aber es gibt Momente, da ist das kurze Gebet geradezu Pflicht! Vielleicht bevor man einen Kranken besucht.
Oder wenn mir gerade jemand sein Leid erzählt hat. Oder wenn man etwas Wunderbares erlebt hat und Gott loben und danken möchte. Zuhause vergesse ich es oder es ist mir nicht mehr so nahe.

Lange unbedachte, nicht zentrierte Gebete kannte man schon im Alten Testament. Im Buch des Predigers lesen wir: (Prediger 5,1) „Lass dir keine unbedachten Worte entschlüpfen, rede nicht unbedacht im Überschwang deiner Gefühle, wenn du mit Gott betest; denn Gott ist im Himmel und du hier auf der Erde. Deshalb geh sparsam mit deinen Worten um!

Ulrich Wendel schreibt in seinem Buch sehr ehrlich, dass er es oft nicht schafft, sich viel Zeit zum Beten zu nehmen. Er hat für sich viele Wege gefunden, mitten am Tag zu beten. Das liest sich zum Teil lustig, zum Schmunzeln. Aber es regt an, sich seinen eigenen Alltag einmal anzusehen und so auch vielleicht ein „Alltagsbeter“ zu werden:

Uli fährt jeden Morgen mit dem Fahrrad zur Arbeit und er hat sich seine Radstrecke in Gebetsstrecken eingeteilt. Während er die eine Straße radelt betet er immer für die Gemeinde. In einer besonderen Kurve betet er immer für einen jungen Mann, der ihn um sein Gebet gebeten hat. U.s.w. Uli berichtet von Heiner Christian Rust, Pastor in Braunschweig. Der Kollege Rust geht jede Woche ins Fitnesscenter und hat jedem Gerät dort einen Namen oder einen Bereich für sein Gebet zugeordnet. Das ist einer seiner Wege um treu in der Fürbitte zu sein.

Uli schlägt vor, dass man oder frau bei bestimmten Hausarbeiten für bestimmte Personen oder Lebensbereiche betet. Beim Kochen für die Familie, beim Bodenaufwischen für die Gemeindeleitung, bei der Fahrt zum Einkaufen an die Kranken der Gemeinde. Jede Frühstückspause im Verlag beginnt für Uli mit dem Teeaufsetzen. Mit einem natürlich wasserlöslichen Stift hat er an eine Kachel die Initialen einiger Personen geschrieben, die er in der kurzen Wartezeit zu Gott bringt. Klassisch ist das Gebet beim Glockengeläut. Immer wenn man die Glocke hört, sollen die Gläubigen kurz beten. Uli beschreibt noch ein paar andere Situationen, die er dazu nutzt. Zum Beispiel wenn ein Krankenwagen vorbeifährt.

Es gibt sehr viele andere praktische Hilfen, im Alltag zu beten, mit festen Psalmen, mit einem Gebetstagebuchbuch, mit einem Herzensgebet, dass man immer wieder betet. Ich habe und ich glaube auch Ulrich Wendel hat in seinem Buch die Fürbitte besonders betont. Auch die biblischen Beispiele gehen ja in diese Richtung. Aber natürlich kann man genauso oft oder öfter Gott loben, ihm danken, ihm seine Freude ausdrücken.

„Alles gut kommt von oben“, sagt der Volksmund. „Alles Gutes kommt von Gott“, sagt die Bibel. Warum also nicht Gott danken, wenn man den Bus doch bekommt, wenn man beim Einkauf gut beraten wurde, wenn man zufällig einen lieben Menschen in der Stadt trifft. „Du kannst Gott in allem finden“, sagte Ignatius, der Gründer der Jesuiten. Auch er war ein „Alltagsbeter“, der versuchte den ganzen Tag mit Gott im Gespräch zu bleiben. Franz von Sales, ebenfalls ein alter Lehrer und Beter der Kirche, nannte Stoßgebete „Erhebungen des Herzens zu Gott“: Einmal innerlich zu Gott hinaufsehen. Ihm kurz mein Herz öffnen. Für einen Moment Gott ins Gesicht sehen, sich an seinem Blick für freuen, denn sein Angesicht leuchtet freundlich über uns.

Jesus wird auch kurze Gebete gepflegt haben. Aber er damit nicht ausgekommen. Dennoch hat er seine Jünger nicht gelehrt, möglichst lange zu beten, sondern ehrlich und im Glauben. Ich möchte gerne Zeiten haben, in denen ich lange bei Jesus bin, mein Herz ausschütte, mich in seinem Thronsaal aufhalte, hinhöre, ihm viele Menschen und Anliegen bringe. Aber das habe ich von meinem alten Freund Uli gelernt: Liebe öfter kurz beten als selten lang und vielleicht am Ende gar nicht mehr.

Amen

 
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