2. Könige 5, 1-19a Naeman: Erfolgreich aber krank.

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg 28.1.2018
Predigt Pastor Norbert Giebel

2. Könige 5, 1-19a „Naeman: Erfolgreich aber todkrank.“

Lesung Verse 1-3

Liebe Gemeinde,

die Geschichte Naemans beginnt. Naeman (oder Naaman) ist Feldherr in Syrien! Der höchste Soldat des feindlichen Nachbarlandes von Israels. Ein sehr angesehener Mann. Sein Name heißt übersetzt „der Angenehme“ oder „der Faire“. Selbst Gott war auf seiner Seite. Wir haben gerade gelesen: Der Herr, Jahwe, der Gott Israels, hat ihm den Sieg gegeben. Selbst in Israel spricht man mit Achtung von Naeman.

Aber Naeman hatte Aussatz. Eine schleichende aber sichtbare Krankheit zeichnete seinen Körper. Viele Hautkrankheiten nannte man damals Aussatz. Es war ein Sammelbegriff. Es muss nicht Lepra gewesen sein. Aber jeder kann sehen: Der große Held wird schwächer. Seine Haut kostet ihn Kraft. Er leidet darunter. Er kann nicht schlafen, hält den juckenden Schmerz nicht aus. Vielleicht sind ihm schon Finger oder Zehen abgefallen, wenn es doch Lepra war. Was nützt einem aller Erfolg im Leben, alles Ansehen, wenn man so krank ist, wenn Tag und Nacht davon geprägt sind, wenn man den Tod vor Augen hat?

Bestimmt hat Naeman alle Spezialisten befragt. Aber der entscheidende Tipp kommt von einem Mädchen, einer Sklavin seiner Frau, eine kleine Jüdin, die seine Soldaten auf irgendeinem Streifzug gefangen und mitgebracht hatten. Vielleicht haben sie ihre Eltern getötet. Vielleicht haben sie viele Kinder entführt. Wer weiß. Eine von ihnen war das Mädchen im Hause Naemans. Sie hätte allen Grund, ihn zu hassen. Sie ist verschleppt worden. Naeman hatte viele Juden auf dem Gewissen.

Hätte sie sich nicht freuen sollen, ihren Feind leiden zu sehen? Hätte sie ihm nicht alles Böse an den Hals wünschen müssen? Wo kriegt dieses Mädchen ihren Halt her? Wo nimmt sie ihren Glauben her? Woher dieses Mitgefühl zum Feind? Sie leidet und will trotzdem diesem Mann zur Heilung helfen.

Dieses Mädchen lässt mich an Jesus denken. Als wäre sie ein Hinweis auf ihn, der gelitten hat, der fern seiner Heimat war, weg von seinem Vater, klein gemacht, erniedrigt, damit wir leben können. Mit einem Unterschied: Jesus ist freiwillig diesen Weg gegangen. Das Mädchen ist gegen ihren Willen zur Sklavin geworden. Auch sie aber liebt ihren Feind, einen Heiden, und sie sucht sein Bestes. „Würde mein Herr doch nach Israel gehen zu dem Propheten in Samaria, der könnte ihn von seinem Aussatz befreien!“

Lesung Verse 4-7

Ein diplomatischer Eklat. Ein großes Missverständnis. Eine neue Spitze im alten Konflikt der Nachbarn. Eine neue Eskalation. Mitten im Krieg seinen Feind zu brauchen, das ist schwer. Das muss man teuer bezahlen. Eine halbe Tonne Silber, 500 kg!, sechstausend Goldmünzen und kostbarste Festkleider lässt der syrische König Naeman mitgeben. Der Begleitbrief bestätigt die hohe Bedeutung des Mannes: „Ich schicke dir meinen Knecht“. Knecht war ein Ehrentitel, vielleicht wie heute Minister, was ja auch nur Diener heißt. Die Formulierung „mein Knecht“ zeigt die besondere Verbundenheit des Königs.

„Ich schicke dir meinen Knecht, damit du ihn vom Aussatz heilst!“ Der König Syriens dachte, dass auch in Israel der König Herr über die Propheten ist. Der Prophet würde tun, was der König ihm sagt. Er wollte nur den diplomatischen Weg einhalten. König Jehu aber in Samaria trifft der Blitz. Er glaubt nicht, was er da liest. Was für eine Provokation! Hält der König Arams ihn für Gott? Das kann nur Spott sein! Was führt dieser Idiot im Schilde? Merkt ihr, wie er mit mir spielt, wie er neuen Streit sucht?“

Das ist traurig, tragisch, wenn Konfliktparteien so festgefahren sind. Man unterstellt dem anderen sofort wieder Schlechtes. Man hört gar nicht mehr zu. Das schlechte Bild vom anderen ist wie in Stein gemeißelt. „Von diesen arabischen Nachbarn kann nur Böses kommen!“ Wie immer sind Feindbilder viel böser als der Feind selbst ist! Keinem Menschen, keinem Volk, keiner Gruppe werden Feindbilder gerecht.

Lesung Verse 8

Der Prophet Elisa hört von den Vorgängen am Hof des Königs. Er bietet Hilfe an. Ungefragt. Die Initiative geht von ihm aus. Er wusste nicht, dass Naeman eigentlich ihn, den Propheten, gesucht hat. Elisa stört es nicht, dass Naeman Ausländer ist, ein feindlicher Soldat. Es stört ihn nicht, dass er unrein ist, andere Götter anbetet, dass dieser Mann in Not nicht nach dem Gesetz lebt. „Ich kann helfen!“ bietet der Prophet an. „Wenn ich helfen kann, helfe ich! Egal wem und egal, was er daraus macht. Das ist Diakonie. Menschen helfen Menschen, einfach, weil sie in Not sind, egal, was sie für einen Glauben haben.

Auch bei Elisa könnte man denken, er hätte das Gebot Jesu, seine Feinde zu lieben, schon gekannt und verinnerlicht. An seinen Taten soll Naeman erkennen, dass es in Samaria einen Propheten des lebendigen Gottes gibt!

Lesung Verse 9-12

Jetzt fühlt sich Naeman provoziert. Er zieht mit seinem ganzen Konvoi vor das Haus des Propheten: Rosse und Wagen. Säcke voller Silber. Goldmünzen in unvorstellbarem Ausmaß. Kostbarste Kleider als Geschenk. Das war ein Staatsbesuch ersten Ranges! Sie sind weit gereist!   Was für eine Ehre für den Propheten! Und Elisa schickt einen Boten zu ihm raus. Der hat vielleicht noch die Schürze um, war vielleicht gerade beim Hausputz oder er hat das Essen zubereitet. Naeman platzt vor Zorn. Das ist gegen jedes Protokoll. Er soll zum Jordan gehen, das sind 35 km, und sich dort sieben Mal untertauchen. Und da steht dann die „versteckte Kamera“, damit ganz Israel über ihn lachen kann, oder was? – Das Wort für untertauchen in der griechischen Übersetzung ist übrigens dasselbe Wort, mit dem später die Taufe bezeichnet wird: Baptizein – untertauchen.

Naeman ist stinksauer. „Ich meinte, er würde selbst kommen,“ sagt er, „den Namen seines Gottes laut anrufen, seine Hand Richtung Heiligtum erheben und mich so von meinem Aussatz befreien! Flüsse haben wir auch in Syrien! Was soll das?“ Naeman hat eine Chefarztbehandlung erwartet und Elisa schickt seinen Assistenten. „So heilt man doch nicht! Ohne anständige Diagnose und aufwendige Zeremonie, ohne Rauch und Beschwörungen. Ohne Öl und Salbung. Wie soll das denn gehen? Was soll das Wasser denn bewirken?!“

Naeman hat eine genaue Vorstellung, wie eine richtige Gottesbegegnung auszusehen hat, wie man Gott bittet und wie Gott heilt. Zornig kehrt Naeman um. So hat er sich das Wirken Gottes nicht vorgestellt. „Ich gehe nach Hause. Da bleibe ich lieber krank, bevor ich mich hier zum Affen mache.“ „Ich werde mich nicht, ich werde mich nie untertauchen!“

Lesung Verse 13-14

Wieder sind es seine Diener, die Naeman auf den richtigen Weg bringen. Wie zuhause diese Sklavin aus Israel. Gut, wenn man Menschen hat, die einen herunterholen, wenn man vor Enttäuschung und Zorn, gedemütigt, nicht mehr richtig denken kann. Gut wenn man jemanden hat, der einem über sich selbst die Augen öffnet und zu angemessenen Schritten hilft. Gut, wenn man wie Naeman zuhören kann, Rat annimmt, sich nicht nur von seinen Gefühlen lenken lässt.

„Wenn der Prophet Großes, Schweres von Dir verlangt hätte, dann hättest du es auch getan.“ sagen die Diener. „Jetzt wehre dich nicht, das Einfache zu tun. Wo ist deine Logik? Wo ist deine Hoffnung? Vielleicht ist das Untertauchen im Jordan ein Zeichen, ein Zeichen, dass du diesem Gott vertraust, dass du an ihn glaubst, ein Zeichen deines Gehorsams. Das Wasser wird es nicht machen, das ist klar. Und dennoch kann etwas passieren mit dir, wenn du diesen Weg gehst! Geh und tauch dich im Jordan.“

Naeman macht sich auf den Weg. 35 km trockene Piste. 800 Jahre später wird hier am Jordan ein gewisser Johannes zur Umkehr zu Gott aufrufen und zum Untergetauchtwerden im Jordan. Naeman hört auf seine Diener. Er steigt ab von seinem hohen Ross. Er rüstet ab. Er macht sich nackig, zieht sich aus, zeigt öffentlich seine über und über wunde Haut. Naeman geht ins Wasser, vor aller Augen, ohne zu wissen, was das soll. Er taucht sieben Mal unter. Sieben Mal. Und am Ende ist er wie neu geboren. Seine Haut ist gesund, rosa und zart wie bei einem Neugeborenen. Eine neue Geburt aus dem Wasser.

Lesung Verse 15-16

Der oberste Soldat des verhassten Nachbarlandes kommt zum Glauben an den einen Gott: „Jetzt weiß ich, dass es nirgends auf der Erde einen Gott gibt, außer in Israel!“ bekennt Naeman. Erstaunlich, wie schnell er das erste der zehn Gebote begriffen hat: Es gibt nur einen Gott! Und wir sollen nur diesem einen Gott dienen, ihn anbeten und ihn ehren. Naeman ist äußerlich und innerlich ein neuer Mensch geworden.

Ein Heide kommt zum Glauben. Und jetzt lässt er die Geschenke abpacken. „Nimm, Prophet des einen Gottes. Es ist mein Dankgeschenk an dich und an Gott!“ „So wahr der Her lebt, ich nehme nichts an!“ erwidert Elisa. Was der Feldherr Naeman hier geschenkt bekommen hat, das kann und soll er nicht bezahlen. Das gibt es nur umsonst. Aus lauter Güte Gottes. Aus Gnade würden wir heute sagen. „Das kannst und sollst du nicht bezahlen; das kannst du nur annehmen.“ Naeman soll nicht denken, er hätte es verdient, gekauft, er hätte eine angemessene Gegenleistung geliefert. Der Geschenkcharakter dieser Heilung soll Naeman im Gedächtnis bleiben.

Lesung Verse 17-19a

Erstens: Naeman will etwas mitnehmen aus Israel. Und zweitens: Er sieht ein Problem, wenn er nach Hause kommt. Er will Land mitnehmen, israelitische Erde. Er will diesen einen lebendigen Gott anbeten, er will sich ihm nahe fühlen. Wenn er auf Erde knien könnte, die er aus Samaria mitgebracht hat, das würde ihm helfen. Warum nicht? Uns scheint das vielleicht fremd. Gott braucht das nicht, aber wenn es Naeman hilft, warum nicht? Warum soll man sich nicht etwas überlegen, was einem hilft, vor Gott zu sein? Eine Kerze anzünden, ein Kreuz aufstellen, ein Bild betrachten, das einem hilft, zu beten.

Das mit dem Kompromiss ist schon schwerer: „Wenn ich wieder in Aram bin, wird von mir erwartet werden, dass ich mit dem König in den Tempel Rimmons gehe und ihn stütze, während er betet. Wird Gott mir das vergeben? Wird er mich dennoch segnen? Kann ich ihm auch dann gehören?“

Was soll man dazu sagen? Können Menschen Gott gehören, die einen solchen Kompromiss eingehen? Naeman selbst erkennt, dass das eigentlich nicht geht, dass er schuldig dabei wird. Was soll er tun? Wird Gott ihnen vergeben? Wird Gott ihn weiter segnen? Wer will das entscheiden?! – Elisa will es nicht entscheiden. Elisa sagt nicht Ja oder Nein. Er kann sich offensichtlich kein Urteil bilden oder er tut es jedenfalls nicht. Aber er sagt dem an Gott glaubenden Heiden zu: „Gott wird mit dir sein! Gehe hin in Frieden!“ Gott wird seinen Weg mit Naeman finden!

AMEN – könnten wir nun sagen. Die Geschichte von Naeman ist zu Ende. Ich möchte aber anders schließen. Ich möchte fragen: „Wer bist du heute in dieser Geschichte?“ Diese Frage muss noch beantwortet werden. Wo stehst du und was hast du heute von Gott gehört und wie wirst du ihm darauf antworten? Das sind die entscheidenden Fragen!!

  1. Bist Du Naeman? Erfolgreich aber krank, am Ende deiner Kraft? Was hat Gott dir dann heute zu sagen? Was hast du gehört? Wärst du bereit auf Menschen zu hören, die dir etwas raten? Auf eine kleine Sklavin, auf eine zarte Stimme und zu tun, was sie dir sagt? – Gibt es Menschen, auf die du hören könntest?

  2. Oder bist du das verschleppte Mädchen? Ist dir Unrecht geschehen? Fühlst du dich gefangen, einsam, ? Wem sagst du deinen Schmerz, wenn es so um dich steht? Und: Hast du einen solchen Glauben, eine solche Liebe, dass du vergeben kannst und das Beste auch für den willst, der dir wehgetan hat?

  3. Vielleicht ist auch jemand hier, dem es geht wie König Jehu von Israel? Vielleicht ist jemand hier, der ein oder mehrere Feindbilder pflegt? Vielleicht ist der, den du innerlich lange abgehakt hast, gar nicht so schlecht wie dein Bild von ihm? Wer ist es, von dem du Negativbilder pflegst? Niemand wird irgendeinem Menschen mit einem Feindbild oder einem fertigen Urteil gerecht.

  4. Oder bist du der Naeman, der aufgebrochen ist, der nach Hilfe sucht, der mitten auf dem Weg ist? Willst du dann weitergehen oder auf halbem Wege stehen bleiben? Gib deine innere oder äußere Distanz auf. Geh hin und höre und tu dann, was Gott dir sagt.

  5. Oder bist du sauer wie Naeman, weil deine Erwartungen nicht erfüllt werden? Läuft etwas nicht so, wie du es für richtig hältst? Muss Gott genau so handeln wie du es dir denkst?

  6. Oder bist du wie Elisa, der eine Not sieht, und der hilft. Egal, was für ein Mensch das ist. Hat Gott dir vielleicht die Not eines dir vielleicht schon bekannten Menschen aufs Herz gelegt? Bist du bereit, deine Hilfe anzubieten?

  7. Oder bist du ein Diener, der dem sturen, verletzten Naeman aus seinem Stolz, seiner Wut und seinen Verletzungen herausholt? Gibt es jemanden, der dein nüchternes Wort braucht? Deine Ermutigung? Wer braucht vielleicht gerade dein Wort?

  8. Oder bist du der gehorsame Naeman? Dann tu, was du gehörst hast. Wir haben jemanden, der sich taufen lassen will. Vielleicht bis du dabei. Den Jordan haben wir dann direkt hier in unserem Haus.

  9. Vielleicht bis du der fröhliche, gesunde und glaubende Naeman, der Gott lobt und seinen Namen bekennt. Dann lobe ihn, danke ihm, finde deinen Platz, an dem du ihn anbetest.

Wer bist du heute? Was hast du von Gott gehört? Geh nicht nach Hause ohne das zu wissen. Ich lade ein zu einer Stille, in der jeder seinen Platz in dieser Geschichte für sich einnehmen kann. Erkenne, wer du bist und nutze die Stille, um zu beten.

Amen.

 
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