2. Korinther 12, 1-10 Seine Kraft in meiner Schwachheit

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Kassel-Mönchebergstraße (Baptisten)
Norbert Giebel, 04.02.2018

2. Kor. 12, 1-10 Seine Kraft in meiner Schwachheit

Ich lese den Predigttext in der Übersetzung der Basisbibel. Lesen sie die Lutherübersetzung auf den Sonntagsblättern mit, wenn sie mögen.

12,1 Man muss wohl angeben, auch wenn es nichts bringt. Dann will ich jetzt auf Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn zu sprechen kommen.   2 Ich weiß von einem Menschen, der zu Christus gehört. – Der wurde vor vierzehn Jahren bis in den dritten Himmel emporgehoben. Ich weiß nicht, ob er sich dabei in seinem Körper befand. Genauso wenig weiß ich, ob er außerhalb seines Körpers war. Gott allein weiß es!  3 Ich weiß, was mit diesem Menschen geschah. Wie gesagt: Ob es mitsamt seinem Körper geschah oder ohne seinen Körper, weiß ich nicht. Das weiß nur Gott allein.  
4 Ich weiß aber, dass er in das Paradies emporgehoben wurde. Dort hörte er unsagbare Worte, die kein Mensch aussprechen darf.  5 Im Hinblick auf diesen Menschen will ich angeben. Aber im Hinblick auf mich selbst kann ich nur mit meiner Schwäche angeben.  
6 Wenn ich allerdings tatsächlich angeben wollte, würde ich mich damit noch nicht einmal zum Narren machen. Ich würde einfach nur die Wahrheit sagen.   Ich verzichte aber darauf. Denn man soll mich nur nach dem beurteilen, was man direkt von mir sieht oder hört – 7 auch wenn diese Offenbarungen wirklich außergewöhnlich sind.   Aber damit ich mir nichts darauf einbilde, ließ Gott meinen Körper mit einem Stachel durchbohren. Ein Engel des Satans darf mich mit Fäusten schlagen, damit ich wirklich nicht überheblich werde.  
8 Dreimal habe ich deswegen zum Herrn gebetet, ihn wegzunehmen.  9 Aber der Herr hat zu mir gesagt: "Du brauchst nicht mehr als meine Gnade. Denn meine Kraft kommt gerade in der Schwäche voll zur Geltung." Ich gebe also gerne mit meiner Schwäche an. Denn dann kann die Kraft von Christus bei mir einziehen.  10 Deshalb freue ich mich über meine Schwäche – über Misshandlung, Not, Verfolgung und Verzweiflung. Ich erleide das alles für diese Kraft von Christus. Denn nur wenn ich schwach bin, bin ich wirklich stark.  

Ich kenne jemand, der steht mitten im Beruf. Verantwortlich. Er arbeitet sehr gut und leidenschaftlich in seinem Beruf. Auch in einer Gemeinde ist er sehr aktiv, bringt sich ein, wo er kann. Und er hat Familie. Und plötzlich wird er herausgenommen. Er kann nicht mehr arbeiten. Bei dem einen, den ich vor Augen habe, ist es ein schlimmes Burnout. Seit drei Monaten schon ist er krankgeschrieben. Bei dem anderen ist es eine Berufskrankheit. Beide sind plötzlich schwach, nicht mehr die Starken, die sie waren. Bei beiden wirkt sich diese Schwäche, ihre Krankheit, auf alle Lebensbereiche aus. Plötzlich gehören sie nicht mehr zu den Machern. Sie sind kein „Hans-Dampf in allen Gassen“ mehr. Plötzlich sitzen sie auf der Couch. Auch wenn es gut wird, wird es nie mehr so sein wie vorher. – Seine Kraft ist in unserer Schwachheit mächtig!“ schreibt Paulus. Ist das wirklich so einfach?

Ich denke an Jakob. Aus der Bibel den. Ich habe seine Geschichte in dieser Woche gelesen. Jakob, der Betrüger. Er war lange von Zuhause weg. Jetzt ist er auf dem Weg zurück in seine Heimat. Engste Verwandte hatte er belogen und betrogen. Jetzt – kurz bevor er wieder zuhause ist, am Grenzfluss Jabbok! – kämpft im Dunkeln ein Mann mit ihm. Seine Vergangenheit holt ihn ein. Ein Engel kämpft mit ihm. Es geht um Leben und Tod. Der ihn da angreift, der will ihm an die Gurgel. Er will sein Leben zerstören. Der will ihm alles nehmen. Es ist ein Kampf um das eigene Leben. Am Ende siegt Jakob. Die Sonne geht auf. Ein Bild für Gottes Güte. Aber Jakob behält etwas zurück. Es wird nie wieder sein wie vorher.  „Jakob hinkt in die Sonne!“ heißt es in der Bibel. – Die Sonne geht wieder auf, aber richtig laufen, ohne Schmerzen, ohne für alle sichtbar zu humpeln, das kann er nie wieder.

Ich kenne einen Mann. 80 Jahre alt. Vor drei Monaten wäre er noch in den Bergen gewandert.
Jetzt schafft er kaum noch ein paar Stufen seiner Treppe. Drei Mal die Woche muss er zum Arzt. Nicht nur für 5 Minuten. Er war immer aktiv, agil in Beruf, Familie und Gemeinde. Jetzt gehört er zu den Schwachen! „Gottes Kraft ist gerade dann stark in uns, durch uns, wenn wir schwach sind“, sagt Paulus. Ist das so einfach? Wie geht das? Warum hat Paulus das so erlebt?

Ich kenne einen Jungen. Keine 18 Jahre alt. Seit mehr als einem Jahr ist er krank. Es geht von einem Arzt zum anderen. Es gibt Hoffnung. Verschiedene Diagnosen. Dann bricht er wieder ein. Kann nicht zur Schule, muss wieder ins Krankenhaus. Und niemand weiß, wie es weitergeht! Wird er auch am Ende in die Sonne hinken? Wird er unter Gottes Segen, in Gottes Kraft leben, aber wird etwas zurückbleiben, was ihn sein Leben lang schwer beeinträchtigen wird? Gott kann heilen, und wir hoffen es, aber es wird nicht immer alles heil in unserem Leben.

Wie kann Paulus sagen, dass Gottes Kraft gerade dann mächtig wird, wenn wir schwach sind? Eine einfache Formel ist das nicht. Auf keinen Fall darf man das einem anderen einfach sagen, der leidet, bei dem etwas kaputt gegangen ist, der schwach ist. Wenn man überhaupt dahin kommt, zu erleben, was Paulus erlebt, dann ist es das gute Ende eines Weges,  vielleicht eines Kampfes, wie Jakob ihn im Dunkeln am Grenzfluss des Jabbok, an der Grenze zu seinem neuen Leben führen musste.

Paulus selbst ist doch eher ein Held. Dreizehn seiner Briefe sind im Neuen Testament aufbewahrt. Er war ein Supermissionar. Er hat sich selbst in Zucht genommen, auf alles verzichtet, um Gott zu dienen. Er hat wochenlange Reisen gemacht, ohne Straßenkarte, ohne Navi, ohne Wanderschuhe. Paulus war ein Abenteurer Gottes. Ein Held. Ein starker Mann. Paulus war eine Mischung aus Old Shatterhand und Billy Graham, würde ich sagen: Stark und fromm und auf dem Weg mit Jesus.

Aber das ist nur die eine Seite. Paulus ist kein Vorzeigeprediger, kein Vorzeigeleiter. Paulus hat keine Ausstrahlung. Er ist kein Leitertyp, wie man sich ihn vorstellt. Denn er war klein von Statur. Unmännlich vielleicht. Zart, zerbrechlich. Single: Das ist sehr merkwürdig in damaliger Zeit. Er hatte keinen starken Auftritt. Eher war er ein Gelehrter, den viele nicht leicht verstanden. Er hat schlecht gepredigt. Er sagt das selbst. Auf Griechisch nennt er sich einen „idiotes tou logou“, wörtlich einen Laien in der Rede, einen Nichtkönner, einen im Reden Unbegabten. (2. Kor 10,10) Bei einer seiner Predigten ist ein junger Mann namens Eutychus eingeschlafen und aus dem Fenster gefallen (Apg 20,9). Lukas schreibt davon. Auch nicht gerade ein Ausweis für mitreißende Rede.

Und Paulus war krank. Er hatte eine Krankheit, die ihn Tag und Nacht begleitete und seinen Dienst außerordentlich beschwerte. Wir wissen aus dem Galaterbrief, dass er nicht mehr schreiben konnte (Gal 6,11). Er konnte seine Hände nicht ruhig halten. Old Shatterhand hatte eine Schüttelhand, vermutlich eine Schüttellähmung. Mit den Augen hatte er Probleme. Vielleicht konnte er auch deshalb nicht mehr schreiben. Irgendetwas Schmerzhaftes. Vielleicht Migräneanfälle, oder eine schmerzliche Augenentzündung. Und er war noch nicht alt.

Für Paulus, wie wohl für jeden Christen, wenn er ernstlich krank wird, war seine Krankheit auch eine geistliche Frage. „Wo bist du jetzt, Gott, wo ich krank bin? Warum hast du das zugelassen? Warum heilst du mich nicht einfach? Warum soll ich dieses Leben aushalten?“ „Nimm mir dich einfach meine Rückenschmerzen!“ würden wir vielleicht beten. „Nimm mir doch einfach meine Schwermut! Warum kann ich nicht so fröhlich sein wie andere?“ Auch Paulus redet bei der Aufzählung seiner Leiden nicht nur von körperlichen Leiden, er erwähnt auch die Verzweiflung, Verzagtheit, Mutlosigkeit. „Was soll das, Gott? Ich will dir doch dienen! Du sieht doch selbst, was dabei herumkommt, wenn du mir nicht hilfst!“ Für Paulus war das auch eine geistliche Frage.

Drei Mal habe ich zu Gott geschrien, schreibt er den Korinthern oder gerufen. Wie wird das gewesen sein? Hat er drei Mal gefastet, hat er sich drei Mal zu langen Gebetszeiten zurückgezogen, hat er sich drei Mal weinend, schreiend, verzweifelt an Gott gewandt? Gott hat ihn nicht erhört, nicht so, wie Paulus es sich gewünscht hat. Aber Gott hat ihm eine Offenbarung geschenkt, ein Wort von Gott, das ihm geholfen hat, mit seinem Leben wieder klar zu kommen: „Lass dir an meiner Gnade genügen. Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“

Das ist ein Satz, der in der Not geboren wurde, der aus dem Leiden kommt. Keine theoretische Richtigkeit. Diese Erkenntnis ist Paulus unter Schmerzen geboren. Und Paulus hat das angenommen. Er hat aufgehört dafür zu beten. Was sein Leben so schwer machte, musste nicht mehr unbedingt weg. Er hat Frieden darüber gefunden. Er hat keine Befreiung erlebt aus seinen Leiden, keine Heilung, kein äußeres sichtbares Wunder. Paulus musste akzeptieren, dass er mit dieser Situation weiter leben muss.

Paulus deutet sein Leiden als einen Stachel im Fleisch, den Gott in ihm gelassen hat. Ein scherzender Dorn. Old Shatterhand hat sozusagen noch eine Pfeilspitze von seinen Feinden unter seiner Haut, die ihm weh tut. Und Paulus schreibt, dass sein Leiden, seine Schmerzen, seine Verzweiflung, die ihn manchmal packt, ihm dazu dienen, dass er sich nicht überhebt, dass er sich auf seine geistlichen Erfahrungen nichts einbildet, dass er nicht auf seine Kraft, auf sich baut, sondern allein auf Christus. Das ist sein Geheimnis. Natürlich wird Gott nicht in unserer Schwäche automatisch stark! Paulus hat ganz auf Christus gesehen, er hat seine Lebensumstände angenommen, er hat sich Jesus untergeordnet, er hat sein eingeschränktes Leben bejaht, er hat nicht mehr auf sich vertraut sondern allein auf Christus. Darum konnte Christus in ihm stark werden. Nichts hab ich zu bringen, alles, Herr bist du!“ Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“

Den Korinthern schreibt Paulus das alles, weil er angezählt wurde, angegriffen, ausgebuht: So einen Leiter, so einen Missionar, wollten viele nicht mehr. Nach ihm waren andere Missionare oder Apostel nach Korinth gekommen. Sie hatten große spirituelle Erlebnisse, von denen sie erzählen konnten. Sie konnten reden.             Sie hatten ein Charisma, das Paulus nicht hatte! Sie waren Menschen, zu denen man aufschauen konnte! „Wie kann jemand trösten, der selber Trost braucht?“ haben sie vielleicht über Paulus gesagt. „Wie kann jemand andere ermutigen, der manchmal seine ganze Kraft für seinen einen Tag braucht?“ Wie kann man jemandem folgen, der hinkt, körperlich und seelisch hinkt? Die „Superapostel“, wie Paulus sie in seinem Brief einmal nennt (2. Kor 11,5), sie rühmen sich selbst. Sie erzählen große Dinge von Gott und immer kommen sie selbst als große Helden heraus. Wo sie überall dem Herrn gedient haben. ie wunderbar er sie gebraucht hat. „Glaubt doch nicht, dass Gott so einen gebrauchen will, der weder gut reden noch gut sehen kann und selber unansehnlich ist, weil er ständig mit seinen Händen herumrührt!“ sagen die anderen Missionare vielleicht über Paulus. „Wollte Gott ihn gebrauchen, dann hätte er ihn stark gemacht! Hat er aber nicht! Glaubt ihr, dass Gott so jemanden gebrauchen kann?“Wir brauchen Älteste, Mitarbeiter, Pastoren, Missionare, die etwas darstellen; nicht Leute, die mit ihrem eigenen Leben zu tun haben!“

Paulus findet jede geistliche Angeberei dumm. Unnütz. Okay, schreibt er jetzt. Ich mache mal ein bisschen mit, obwohl ich mich damit zum Narren mache. Und dann schreibt er in dritter Person von sich und erzählt auch von besonderen geistlichen Erlebnissen. Gleich fängt er sich aber wieder ein und sagt: „Ich könnte große Dinge erzählen und würde auch nicht lügen dabei.“ Aber es reicht mir, es ist in Ordnung, wenn ihr einfach das seht, was ich tue und das hört, was ich sage, wenn ich unter euch bin. Auch wenn ich dabei selbst nicht gut aussehe. Seine Kraft ist mächtig, wenn ich zu meiner Schwäche stehe. Darum will ich sie nicht verstecken, darum will ich dazu stehen. Ich würde meine Kraft verlieren, wenn ich so täte, als wäre ich selber stark.

Okay. So weit Paulus . Was hat das zu tun mit dem 50-jährigen und seiner Krise, mit dem 80-Jährigen, mit dem 18-Jährigen und seinem Leben? Was hat Paulus mit mir zu tun? Wir können sagen: „Wie schön, was Paulus erlebt hat. Wir freuen uns mit ihm.“ Aber kann ich das auch erleben, wo ich schwach bin, wo in meinem Leben etwas zerbricht, wo ich an meine Grenzen komme?

Ja, ich glaube, dass Paulus hier nicht nur von sich erzählen will. Ich glaube, für ihn ist das eine Erkenntnis, die auch andere in ihrer Schwäche erfahren dürfen. Nicht billig, sondern am Ende eines Weges. „Seht doch mal, ob es bei euch nicht auch so ist.“ sagt Paulus vielleicht. Sind die Starken, bei denen alles glatt läuft, sind sie wirklich die Starken auch im Reich Gottes? Kann Gott am besten durch solche Menschen wirken? Ihr könnt das auch erleben in euren Schmerzen, in eurer Trauer, wo ihr verletzt seid, wie stark Jesus sein kann, wenn ihr es annehmt, euch nicht mehr dagegen auflehnt, ihm euch selber ganz übergebt.     „Nichts hab ich zu bringen, alles Herr bist du!“ Das ist nicht leicht. Das geht nicht ohne Demut! Und es kostet dich dein starkes Bild nach außen. Aber Jesus wird stark in deiner Demut.

Prunk, Protz und Heldentum sind nicht Gottes Sache. Er selbst ist auch den untersten Weg gegangen. Er ist Mensch geworden. Gott hat sich zu den Schwachen gezählt. Jesus war gerade da am stärksten, Gottes Macht ist gerade da am stärkten zum Zug gekommen, als Jesus am schwächsten war, als er missachtet wurde, von Menschen abgelehnt, nicht gewollt, verspottet und gekreuzigt wurde.

Paulus ist auch ein Held, finde ich. Er würde wohl sagen: „So eine Formulierung hilft doch keinem.“ Aber Paulus ist ein Vorbild. Und er hätte vielleicht gesagt: „Ohne meine Schwäche hätte ich das nie geschafft!“ „Gerade, was ich als Schwäche und Schweres erlebe, das hat Gott gebraucht, dass er durch mich stark war.“ „Ich bin dadurch klein geworden, aber er ist dadurch groß geworden in mir und durch mich und in meinem Dienst.“

Was ist mit mir? Was bedeutet das, was Paulus sagt, für mich, für meine Schwäche, für meine Lebenssituation, für meine Einschränkungen? Ich kann die Antwort nicht für alle geben. Ich selbst möchte in diese Richtung suchen, wo ich schwach bin, wo mein Leben schwer ist, und ich rechne damit, dass Gott seine Kraft gibt: „Lass dir an meiner Gnade genügen. Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!„Wenn ich mein Schwäche, das Schwere in meinem Leben, meine Grenzen, annehme und ihm vertraue, wird er stark in mir.
                                                                                                                                            Amen

Zitat von Anselm Grün: „Wir haben die Wahl ... ob wir uns dafür entscheiden zu jammern, dass es uns so schlecht geht und es alle besser haben – oder ob wir uns entscheiden, Ja zu sagen zu unserem Leben und für die Möglichkeiten entscheiden, die Gott uns geschenkt hat. (Anselm Grün, Zum Glück gibt es Wege, S. 46)

 
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