Amos 5, 21-24 Gottesdienst ersetzt keinen Gehorsam

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Evangelisch-Freikirchliche-Gemeinde (Baptisten) Kassel-Mönchebergstraße

Norbert Giebel 11.2.2018

Amos 5, 21-24         Gottesdienst ersetzt keinen Gehorsam

Herzlich willkommen also zum Gottesdienst, liebe Gemeinde.

Wir werden auch in 2018 viele Gottesdienste feiern. Jeden Sontag, manchmal abends, Musikgottesdienste, Lobpreisgottesdienste. Worauf kommt es eigentlich an, bei einem Gottesdienst?
Na ja, dass Jesus in der Mitte ist, oder? Dass wir wirklich in eine Haltung der Anbetung finden, oder? Es muss nicht alles schön sein, aber es sollte alles heilig sein: Gott gefallen, ihm die Ehre geben. Oder? Stimmt. Alles richtig. Der Predigttext heute aber geht noch eine Schicht tiefer   und er wird uns – vielleicht schmerzlich – unser Denken über unsere Gottesdienste weiten. Was ist ein Gottesdienst, der Gott gefällt? Das ist die Frage. Und der alte Prophet Amos, aus dem 8. Jhdt. vor Christus, gibt uns eine Antwort: Ich lese Amos 5, 21-24:

21 Der Herr sagt: »Ich hasse eure Feste und kann eure Feiern nicht ausstehen. 22 Eure Brandopfer und Speiseopfer sind mir zuwider; das gemästete Vieh, das ihr für das Opfermahl schlachtet, kann ich nicht mehr sehen. 23 Hört auf mit dem Geplärr eurer Lieder!11 Euer Harfengeklimper ist mir lästig! 24 Sorgt lieber dafür, dass jeder zu seinem Recht kommt! Recht und Gerechtigkeit sollen das Land erfüllen wie ein Strom, der nie austrocknet.

Um das gleich klar zu machen. Amos redet hier nicht von irgendwelchen Partys oder Volksfesten, die Gott nicht gefallen. Es geht um ihre Gottesdienste, um religiöse Feiern und Feste. Gott kann sie nicht mehr ausstehen, er kann sie nicht mehr riechen, es stinkt zum Himmel, was Gott in Israel erleben muss.

Nun könnten wir ja sagen, wir haben gar keine Opfer mehr. Wir haben ja Jesus. Wir spielen auch keine Harfen mehr. Bei uns erklingen Orgel, Gitarre und Schlagzeug. Uns trifft diese Kritik ja gar nicht. Doch! Dieser Zorn Gottes kann auch uns treffen. Gott kritisiert nicht die Opfer an sich. Es geht ihm auch nicht um einen Musikgeschmack, dass er einfach diese ständigen Harfenklänge mal über ist. Es geht gar hier nicht darum, wie die Gottesdienste gefeiert werden, sondern um die Menschen, die sie feiern. Sie sind faul. Sie sind nicht mehr zum Aushalten. Darum hasst Gott ihre Gottesdienste. Das sagt der Prophet Amos.

Wenn wir es nur ernst meinen und ihm gehören, dann freut sich Gott über Harfen, Flöten-, Blas- und Streichmusik. Aber wenn unsere Gottesdienste fromme Inseln werden, die mit dem Festland, die mit unserem Alltag nichts mehr zu tun haben, dann will Gott sie nicht mehr mitfeiern. Dann wird Gott zornig. Dann weiß er sich betrogen. „Du bist der Höchste, du bist der Höchste“ singen sie. Und dann geht wieder eine Woche ins Land, in der es den Menschen nur um sich selbst geht.

Wir gingen alle in die Irre. Jeder sah nur auf seinen eigenen Weg!“ sagt Jesaja (vgl. 53,6). Es ist dieselbe Botschaft, es ist dieselbe Enttäuschung Gottes, dieselbe Kritik, die wir bei Jesaja finden: „Sie suchten mich täglich“ sagt Gott durch Jesaja. „Sie kommen täglich zu mir und wollen meine Wege wissen, als wären die ein Volk, dass die Gerechtigkeit schon getan hätte und das Recht Gottes nicht verlassen hätte!“ „Soll das ein Fasten sein (soll das ein Beten sein!), an dem ich Gefallen habe?“ fragt Gott durch Jesaja. „Brich dem Hungrigen dein Brot und die im Elend sind, ohne Obdach, führe in dein Haus! Wenn du einen nackt siehst, kleide ihn. Entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ (Jes. 58, 2+6+7)

Und Jesus hat die gleiche Botschaft. In seiner Rede vom Weltgericht sagt er: „Ich war nackt, ihr habt mich nicht gekleidet! Ich war hungrig, ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich war krank, ihr habt mich nicht besucht. Ich war im Gefängnis – vielleicht im Gefängnis meiner Sucht, des Selbstmitleids, meiner Depression – ihr habt euch meiner nicht angenommen! Was ihr einem dieser Armen angetan habt, das habt ihr mir angetan!“ sagt Jesus. (vgl. Matth. 25,31-46).

Egal, ob du an der Orgel oder am Schlagzeug sitzt, egal, ob du im Stehen mit erhobenen Händen betest oder auf den Knien, egal, ob du gut predigen kannst oder schweigend deine Gottesdienste genießt: „Wenn ich keine Liebe bei dir finde, wenn du im Alltag die Gerechtigkeit nicht tust, dann lass es. Sei ehrlich und bleib gleich zuhause. Ich höre dich nicht mehr. Ich halte mir die Ohren zu. Ich mag das Geplärr deiner Lieder nicht mehr hören.“

Gott schaltet ab bei unseren frommen Reden, wenn ihnen keine Taten folgen. Ob dein Gottesdienst eine oberflächliche Frömmelei ist oder Anbetung, das zeigt sich im Alltag. „Gottesdienste ersetzen keinen Gehorsam!“ Sie sollen unsere Hingabe, unsere Freiheit von uns selbst, Gottes Recht in unserem Leben fördern, darum geht es.

Und Opfer gibt es auch im neuen Bund. Paulus schreibt den Römern: „Das sei euer vernünftiger Gottesdienst, dass ihr eure Leiber, eure Leben, euch selbst hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist.“ (Römer 12,1b) Ein bekannter Theologieprofessor unserer Tage, Christian Möller, schreibt: „Der Gottesdienst am Sonntag ist ein Spezialfall des Gottesdienstes im Alltag!“ Oder es ist kein Gottesdienst!

Buße, Umkehr, Bekehrung, eine wirklich das Leben umfassende Entscheidung und Wende, das ist im Verständnis vieler Christen eine Forderung, ein Angebot an Menschen, die Gott nicht kennen. Amos redet zu Menschen, die Gott kennen, die in und für ihre Gottesdienste Gott Opfer bringen. „Kehrt um. So geht es nicht weiter!“ Johannes der Täufer hat zu Menschen gesprochen, die Gott kennen. Es waren religiöse, offene Menschen, die zu ihm an den Jordan kamen. Und Johannes predigt ihnen: Kehrt um! Tut Buße! Der Herr ist nahe! Jesus hat zu seinen Jüngern gesagt: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. (...) Wer sein Leben auf dieser Welt lieb hat, der wird es verlieren!“ (vgl. Joh. 12, 24f)

„Ihr wollt wissen, was das höchste Gebot ist?“ Ein Schriftgelehrter hatte Jesus gefragt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Matth. 22, 37-39) Gott lieben und seinen Nächsten. Beides gehört zusammen. Beides kann man nicht trennen. „Wer bei Gott eintaucht, der taucht bei Menschen auf, die ihn brauchen“.

„Sorgt dafür, dass jeder Mensch zu seinem Recht kommt! Zu dem Recht, das Gott ihm zugewiesen hat!“ Menschenrechte sind Rechte, die Gott den Menschen verliehen hat. Dazu gehört das körperliche, leibliche, soziale Wohl aller Menschen! Wer Menschen verspottet, indem ihm ihre Rechte egal sind, der verspottet ihren Schöpfer.

„Den Armen verkaufen sie für ein Paar Schuhe!“ sagt Amos (2,6) Die Reichen, die Landbesitzer, sie nahmen hohe Abgaben von den Armen. Die werden kaum satt. Sie leben in den einfachsten Hütten. Die schicken ihre Kinder zum Arbeiten auf den Weinberg. „Aber sie, die Reichen, sie wohnen in Häusern mit Quadersteinen erbaut und trinken den Wein ihrer Weinberge!“ sagt Amos (5,11) Wer nichts besitzt in Israel, nichts geerbt hat, wer nur seiner Hände Arbeit hat, wird ausgebeutet. „Ihr richtet die Elenden im Lande zugrunde!“ sagt Amos (8,4) „Wehe den Sorglosen in Zion,“ ruft er den Reichen zu. (6,1) „Ihr schlaft auf elfenbeingeschmückten Lagern. Ihr legt euch auf eure Ruhebetten? Ihr spielt auf der Harfe und dichtet euch Lieder wie David? Ihr salbt euch mit dem besten Öl und kümmert euch nicht um den Schaden des Landes?“ (6,4-5)

»Ich hasse eure Feste und kann eure Feiern nicht mehr ausstehen. Eure Brandopfer und Speiseopfer sind mir zuwider; Hört auf mit dem Geplärr eurer Lieder! Sorgt lieber dafür, dass jeder zu seinem Recht kommt! Recht und Gerechtigkeit sollen fließen wie ein Strom, der nie austrocknet.“ Nicht tröpfeln, fließen. Fließen sollen Recht und Gerechtigkeit aus dem Leben derer, die meine Gottesdienste feiern.

Amos provoziert. Er verletzt die gute Form. Ich habe ein sehr provozierendes Zitat von Tony Campolo gefunden, einem Pastor und Soziologen aus den USA. Ein Zitat aus einer Predigt von Tony Campolo: "Drei Dinge möchte ich heute gerne sagen. Erstens: Während Sie heute Nacht geschlafen haben, sind 30.000 Kinder verhungert oder an den Folgen von Unterernährung gestorben. Zweitens: Die meisten von Ihnen interessiert das einen Scheißdreck. Und das Schlimm-ste ist drittens, dass Sie sich mehr daran stören, dass ich 'Scheißdreck' gesagt habe, als daran, das heute Nacht 30.000 Kinder gestorben sind."

Jesus hat auch provoziert. Er hat auch den Gottesdienst gestört. Er hat die Händler aus dem Tempel vertrieben. Amos vertreibt die Beter, die Prediger, Predigthörer, Sänger und Musiker. Gott hasst „Beruhigungsgottesdienste“, in denen man ihn versucht zu beruhigen, in denen Menschen sich selbst beruhigen und nach Hause gehen in ein Leben, das sich der Verantwortung in dieser Welt entzieht.

Eine harte Botschaft heute. Wir haben Gott ins Herz gesehen. Man kann nicht sagen „Ich liebe Gott“ und seinen Nächsten nicht lieben. Wo ist das Evangelium in diesem Predigttext? Wo ist die gute Botschaft, der Segen Gottes? Das Evangelium ist bei den Armen und Kranken und Ausgebeuteten, die endlich wieder ihr Recht bekommen! Für sie ist die harte Rede von Amos Evangelium!

Was sollen wir also tun? Was bedeutet das für dich, wenn Gott Dir heute sein Herz gezeigt hat: seine Liebe für alle Menschen? Was kannst du anders tun? Was heißt das, Gerechtigkeit zu tun? Der gesetzliche Weg wäre jetzt ein langer Gebotskatalog:

  • Jede Familie unterstützt ein Kind in Indien oder Afrika. Warum nicht? Das ist billiger als jeder Flötenunterricht für eines unserer Kinder!
  • Jeder sucht sich eine Aufgabe, wo er andere Menschen unterstützt. Im Stadtteil, einer diakonischen Arbeit, im Gefängnis, bei den Grünen Damen im Krankenhaus, bei Amnesty International. Das könnte auch eine Regel sein.
  • Oder: Wir kaufen nicht mehr den besten Fernseher, die beste Kaffeemaschine, das stärkste Auto, das schnellste Handy; ... und die Differenz, wenn wir unseren Luxus ein wenig zurückschrauben, geben wir immer an ein Missionswerk.

Der gesetzliche Weg wäre es, lauter gute Regeln aufzustellen.

  • Wir kaufen nur noch Fair Trade Kaffee, mindestens zum Kirchenkaffee, Kaffee, bei dem auch die Erntearbeiter etwas verdienen und nicht nur die Konzerne.
  • Wir könnten einen „Eine-Welt-Tisch“ in der Gemeinde haben, mit Fair-Trade-Produkten.
  • Eine Open-Doors-Gruppe in der Gemeinde wäre auch eine Idee.

Man könnte noch so viel aufzählen. Gute Ideen, finde ich. Das könnten wir wirklich alles machen. Aber der gesetzliche Weg, für jeden und alles Regeln aufzustellen, der greift zu kurz. Das ist nicht der Weg Jesu, lauter Einzelgebote für alle zu bestimmen.

Wenn wir Regeln finden, könnte jemand sagen: „Ich halte mich an die Regeln, also bin ich in Ordnung. Mehr kann man nicht von mir erwarten.“ Aber was weiß ich, was Gott von jedem einzelnen erwartet? Liebe kann man nicht in einzelne Regeln fassen. Gott will seine Gerechtigkeit und Liebe durch uns fließen lassen. Und das wird bei jedem anders aussehen. Es wird nicht gehen ohne Buße und es wird nicht gehen ohne einzelne klare Entscheidungen.

Die Versuchung ist groß, nach Hause zu gehen und zu sagen: „Wirklich Gerechtigkeit zu leben, das schafft keiner! Ich kann mich nicht um Millionen Hungernder in dieser Welt kümmern!“ und dann gar nichts zu tun. Wir sind Kinder dieses Gottes, der ein Gott der Waisen und der Witwen und der Armen und der Fremdlinge ist.

Einige kennen diesen Satz: „Genauso wenig wie man ein Auto wird, wenn man regelmäßig in eine Garage geht, wird man ein Christ, wenn man in die Kirche geht.“ Ein Christ ist jemand, der eine Beziehung zu Christus hat, der ihn zum Herrn in seinem Leben hat, der sich ihm unterordnet, der seine Gnade annimmt. Und die Beziehung zu Jesus will sich in unserer Beziehung zu unseren Mitmenschen auswirken. Das ist das höchste Gebot: Gott zu lieben und unseren Nächsten wir uns selbst.

Ich wünschte mir das, dass Gott unsere Gottesdienste riechen kann, weil wir uns nicht um uns selber drehen, sondern er in unseren Reihen das Parfüm der Gerechtigkeit riechen kann.

Dann wird er sagen:
Eure Opfer gefallen mir.
Und Eure Lieder erfreuen mein Herz!

Amen

Ich habe für die Predigt profitiert von der Predigt zum gleichen Text von Björn Büchert, 2012, Ev. Kirchengemeinde Ebhausen.

 
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