Jesaja 5, 1-7 Gottes unfruchtbarer Weinberg

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg
Letzter Gottesdienst mit Gemischtem Chor,
Pastor Norbert Giebel, 25.2.2018

Jesaja 5, 1-7 „Das Lied vom unfruchtbaren Weinberg“

Liebe Sänger im Gemischten Chor,
liebe Gemeinde,

zum heutigen Anlass hören wir eine Liedpredigt. Ich werde ein altes Lied auslegen. Jesaja hat es gesungen, Mitte des 8 Jhdt. vor Christis Geburt. Im Hebräischen, also in der Sprache, in der Jesaja es gesungen und aufgeschrieben hat, hat es ganz klar erkennbare drei Strophen und eine etwas kürzere Schlussstrophe. Es ist ein besonderes Lied. Jede Strophe hat eine sehr überraschende Wendung. Das Lied selbst ist schon eine Predigt. Raffiniert aufgebaut. Vermutlich hat Jesaja es auf dem Erntefest, auf dem Laubhüttenfest gesungen. Erntezeit ist Freudezeit. Da wird gefeiert. Man sieht auf viel Arbeit zurück. Das war nicht immer leicht. Aber jetzt ist die Ernte eingefahren. Jetzt wird gefeiert, Gott gedankt und gesungen. Wo in großer Runde gefeiert wird, gibt es auch Grußworte, verschiedenste Beiträge, die die Menschen erfreuen sollen. – Jetzt steht Jesaja auf und bitte um Ruhe. Er hat ein Lied vorzutragen.

Wir hören die erste Strophe:

1. Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Weinberg und seinem Freund. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. 2. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; er aber brachte schlechte.

Das hört sich gut an. Die anwesende Feiergesellschaft weiß, was jetzt kommt: Gerade zur Erntezeit gab es etliche Lieder, in denen der Weinberg mit einer Braut verglichen wurde. Das wird ein Liebeslied werden. Arbeiten am Weinberg standen wir das liebevolle, beharrliche Werben um eine Frau. Auch Im Hohelied in der Bibel spricht der Bräutigam: „Mein Weinberg gehört mir“ und meint seine Braut damit. (Hohelied 8,12).

Jesaja singt von einem Freund: „Mein Freund hatte einen Weinberg auf fetter Höhe!“ Fett heißt so viel wie sehr gut, satt, super stark. Wenn es um eine Frau geht, dann hat er sie ganz schön hoch gehoben, beschenkt, verwöhnt. Er hat ihr alles gegeben, was sich eine Frau wünschen kann. Der Boden war fett und der Weinberg weit oben: Der Sonne nah, in bester Lage. Das musste ein guter Wein werden. Jesaja singt in der ersten Strophe, was sein Freund alles getan hat für diesen Weinberg: Den ganzen Boden umgegraben. Alle Steine abgesucht und weggetragen. Rebstöcke gepflanzt und begossen. Einen Turm gebaut: Gemeint ist eine höher gelegene Hütte für die Nacht. Und eine Kelter gegraben. Hier sollten die Trauben gepresst werden. Alles hat Jesajas Freund gerne getan, mit Freude auf sich genommen. Er wollte doch die Früchte genießen. Er hatte die Süße des Weines oder der Braut, die er gewinnen wollte, vor Augen.

Was für ein schönes Lied. Direkt aus dem Leben der Winzer. Ganz glatt geht es wohl nicht, merken sie: Der Weinberg brachte schlechte Früchte singt Jesaja zum Ende der ersten Strophe. Ein gutes Liebeslied kommt nicht ohne Liebeskummer aus. Herz und Schmerz geht immer. Mal sehen, wie es in der zweiten Strophe weitergeht:

3. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! 4. Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?

Die Person wechselt. Jetzt kommt der Freund selbst zu Wort und wird zum Ankläger. Er fordert sein Recht. Er erinnert daran, dass er wirklich alles getan hat. Man kann ihm nichts vorwerfen. Die Feiergesellschaft soll urteilen. Sie werden zu Geschworenen. „Sagt es selbst, ihr seid doch vom Fach: Habe ich irgendetwas vergessen? Habe ich irgendetwas falsch gemacht? Der Boden war fett, meine Mühe enorm, ich habe meinen Weinberg geschützt.“ Da muss es doch nach allen Gesetzen des Weinbaus gute Trauben geben! Aber mein Weinberg bringt nur faule Früchte. „Stinktrauben“ kann man das hebräische Wort übersetzen. Nun richtet ihr, Bürger Jerusalems und Männer Judas. Ihr seid jetzt die Ältesten im Tor. Sprecht den Weinberg schuldig!
Richtet meine Braut! Alle meine Liebesmüh war umsonst. Alle Blumen, Schmuck, Treue, Opfer, alles hat sie den Wind geschlagen. Bitter hat sie es mir heimgezahlt.

Singt er noch von einem Weinberg oder von einer Geliebten? Kann man einen Weinberg schuldig sprechen? Nein, es muss ein Bild sein, eine andere Geschichte, die hier besungen wird. Wir hören die dritte Strophe:

5. Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. 6. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.

Der Freund spricht weiter. Der Kläger wir selbst zum Richter. Das Einverständnis der Geschworenen setzt er voraus. Man kann gar nicht anders urteilen. Er hat alles Recht, zornig zu sein. Er selbst muss seinen Weinberg gar nicht verwüsten. Er muss die Rebstöcke nicht selbst herausreißen. Er muss dem Weinberg nur seinen Schutz entziehen. Er wird ihn nicht mehr umgraben und hacken. Er wird die Disteln wachsen lassen. Er wird die schützenden Hecken und Mauern wegnehmen. Das reicht. Der Weinberg wird sich selbst vernichten. Er wird sich nicht mehr schützen können vor dem Unkraut, das in ihm selber wächst, und  vor den Tieren, die von außen kommen, und ihn zertrampeln werden.

Spätestens jetzt werden es viele schon geahnt haben: Hier geht es nicht um irgendeinen Weinbergbesitzer. Hier geht es nicht nur um ein Liebeslied. – Gott ist es, den Jesaja hier seinen Freund nennt. Wer sonst sollte den Wolken gebieten, dass sie es über diesem berg nicht mehr regnen lassen? Und wenn Gott der Freund ist, dann ist Israel der Weinberg, dann sind sie gemeint. Gott hat Israel erwählt. Gott hat Israel fettes Land gegeben. Gott hat sein Volk aus allen Völkern hochgehoben. Gott hat ihnen Steine aus dem Weg geräumt. Gott alles in sie investiert. Und sie haben ihm nur faule Früchte gebracht.

Was die Besucher des Erntefestes jetzt wohl schon ahnen, wird ihnen in der vierten Strophe bestätigt. Was ist das für ein Lied! Was ist das für eine Predigt! Ein Protestlied.

7. Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, (er wartete) auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Israel ist der Weinberg, in den Gott viel Mühe investiert hat. Israel und Juda sind die Geliebte, an der Gottes Herz hing. Das ist Vergangenheitsform. Gott wird Israel seinen Schutz entziehen und sie werden zertrampelt werden: Eine Generation später, im Jahre 722 wird das Nordreich Israels von den Assyrern besieht und verschleppt. Noch einmal 130 Jahre später fällt Jerusalem und der Süden, die Judäer werden nach Babylon ins Exil verschleppt.

Was für Früchte hat Gott denn in Israel gesucht? Jesaja lässt seine Hörer und uns nicht im Unklaren. Zweierlei hat Gott vergeblich gesucht: Recht und Gerechtigkeit! Das hebräische Wort für Recht meint „das, was einem anderen zusteht“. Wenn Menschen das nicht bekommen, was ihnen zusteht, ihnen von Gott her zusteht, was sie zu einem würdigen Leben brauchen, dann wird das Recht gebrochen. Dann wir Gottesrecht gebrochen.

Was die Reichen und die Gesunden und die mit dem heilen Familien damals getan haben, das hat kein Gericht verurteilt. Es sind nicht menschlichen Richter, die das Urteil sprechen. Es ist Gott selbst. Was legal ist, muss noch lange nicht gerecht sein. Gott ist nicht damit zufrieden, dass man weltliche Regeln einhält, dass man sich weltlichen Gesetzten gegenüber nichts zu Schulden kommen lässt. Sein Recht steht höher. Das Recht, das er allen Menschen zugesteht, ist größer.

Die deutsche Übersetzung versucht den Reim und das Versmaß des alten Liedes nachzuahmen: Statt Rechtsspruch findet Gott Rechtsbruch. Statt Gerechtigkeit Geschrei über Schlechtigkeit. Das zweite Wort, Gerechtigkeit, übersetzen Theologen gerne mit Gemeinschaftstreue: Was man hat, was Gott einem anvertraut hat, zum Wohle aller in der Gemeinschaft einzusetzen.

Gerade die Schwachen, die Einsamen, in der damalige Kultur Benachteiligten, sie sollen durch diese Gemeinschaftstreue zu ihrem Recht kommen. Statt Gerechtigkeit aber muss Gott Klagerufe von Menschen hören, die am Boden gehalten werden, die soziale Gewalt erfahren, unterdrückt werden, misshandelt und missbraucht. Sie werden zu Sklaven der anderen. Arme, Witwen, Waisen, Ausländer im Land, Flüchtlinge, waren damals Gruppen, die die Propheten immer wieder beispielhaft genannt haben. Diesen Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen, das waren die Früchte, die Gott bei seinem Volk gesucht hat.

Vor zwei Wochen haben wir hier im Gottesdienst die Worte des Propheten Amos (5, 21-24) gehört, eines Zeitgenossen Jesajas:

21 Der Herr sagt: »Ich hasse eure Feste und kann eure Feiern nicht ausstehen. 22 Eure Brandopfer und Speiseopfer sind mir zuwider; (...) . 23 Hört auf mit dem Geplärr eurer Lieder! 11 Euer Harfengeklimper ist mir lästig! 24 Sorgt lieber dafür, dass jeder zu seinem Recht kommt! Recht und Gerechtigkeit sollen das Land erfüllen wie ein Strom, der nie austrocknet.“

Die Festgesellschaft um Jesaja herum hat sich selbst das Urteil gesprochen. Nach dem Lied vom faulen verdorbenen Weinberg finden wir im Jesajabuch Weheworte.

  • „Weh denen, die ein Haus zum anderen bringen und einen Acker an den anderen rücken, bis kein Raum mehr da ist und sie allein das Land besitzen.“ lautet der erste Weheruf in Vers 8.
  • Aber auch die Säufer, die „morgens früh aufstehen um dem Saufen nachzugehen“, werden angeprangert. (V11)
  • Menschen, die sich bestechen lassen, die „Geschenke für das Recht annehmen“, wie Jesaja sagt, und sich selber für Helden halten, sie werden Gottes Gericht erleben. (V23)
  • Wehe denen, die sich selbst für klug halten, „die weise sind in ihren eigenen Augen“, Gottes Gerechtigkeit aber mit Füßen treten. (V21)
  • Wehe denen, die das Unrecht herbeiziehen mit den Stricken ihrer Lügen (V18)

Recht und Gerechtigkeit waren auch Thema in dem von der Predigtordnung vorgesehenen Text vor zwei Wochen aus Amos 5. Vielleicht liegt es Gott viel mehr am Herzen als wir denken. Vielleicht kann man gar nicht deutlich genug hervorheben, wie sehr Gott verletzt ist, zornig, wenn er alles für uns tut  und wir alles für uns behalten.

Auch Jesu Worte über die Reichen sind deutlich. Er identifiziert sich mit den Schwachen, den Gefangenen, denen, die Hunger und Durst nach Leben haben. „Was ihr einem dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan!“ sagt er. (vgl. Matth. 25,31-46).

Die Predigt heute ist eine Liedpredigt. Es ist wirklich ein sehr besonderes Lied. Gott hat es Jesaja singen lassen. Und bis heute gilt:

1. Gott liebt und umwirbt seine Menschen. Alles Gute, was wir haben, kommt von ihm.

2. Gott sucht Früchte bei uns.

„Wir gehören dem, der von den Toten auferweckt wurde, damit wir Gott Frucht bringen!“ schreibt Paulus (Römer 7,4). Den Ephesern schreibt Paulus „Die Frucht des Lichtes ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit!“ (Epheser 5,9) Den Philippern schreibt er, dass wir am Tag Christi, wenn er wiederkommt, erfüllt sein sollen mit der „Frucht der Gerechtigkeit, die wir in Jesus Christus haben, zur Ehre und zum Lobe Gottes.“ (Phil 1,11) „Bringt rechtschaffene Frucht“, predigt Johannes der Täufer, „denn jeder Baum, der keine Frucht bringt, wird abgehauen!“ (Mat 3, 8+19; vgl. 7,20)

3. Es gibt noch eine Chance

Bei Lukas finden wir das Gleichnis vom Feigenbaum. (Lukas 13, 6 – 9) Lukas erzählt von einem Feigenbaum in einem Weinberg, der schon das dritte Jahr keine Früchte trug. Jetzt, wollte ihn der Besitzer des Weinbergs vom Weingärtner abhauen lassen. Doch der Weingärtner bittet um ein weiteres Jahr, ein Gnadenjahr, eine weitere Chance, dass der Baum noch Früchte bringt. "Herr, lass ihn noch dies Jahr, bis ich um ihn grabe und ihn dünge; vielleicht bringt er noch Frucht; wenn aber nicht, so hau ihn ab." (Lukas 13, 8 + 9) Jesus bewahrt uns. Er gräbt uns um. Er begießt und düngt uns, in der Hoffnung, dass wir Früchte bringen. Gottes Gnade nimmt nicht weg von Gottes Willen an uns.

Ist denn Gottes Güte nicht viel größer? Wird wer uns nicht doch gnädig zu sich holen, auch wenn wir keine Früchte gebracht haben? Ich vermute mal, Ja. Gott allein weiß es. Gott weiß, dass wir Sünder sind. Er kennt unsere harten Herzen. Aber wir werden nicht billig davon kommen, es wird uns noch wehtun, das glaube ich auch, wenn wir Recht und Gerechtigkeit mit Füßen treten. Was wir getan und gelassen haben, wird noch einmal angesehen. (vgl. 1. Kor 3, 9-17)

4. Gott lässt diese Früchte bei uns wachsen.

Es ist Gottes Geist, der uns wandeln will, dass wir Früchte bringen. „Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Keuschheit.“ schreibt Paulus den Galatern (5,22) Wer diese Früchte hat, der lebt Gottes Gerechtigkeit.

Der Heilige tut es nicht ohne uns und nicht an unserer Stelle. Wir müssen es wollen und wir müssen es tun. Gottes Geist aber bringt uns an das Herz Gottes und er befreit uns, zu handeln, wie es Gottes Herz entspricht.

Amen.

 
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