Johannes 14, 1-6 Euer Herz erschrecke nicht

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg

Pastor Norbert Giebel, 04.03.2018

Johannes 14, 1-6 Euer Herz erschrecke nicht

1 Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!
2 In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? 3 Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin. 4 Und wo ich hingehe, den Weg wisst ihr. 5 Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen? 6 Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Ihr Lieben,

was könnte euch im Leben schrecken? Was müsste passieren, dass ihr zutiefst erschrocken seid, verunsichert, dass ihr Angst bekommt, dass ihr nicht mehr weiter wisst? Wären es eher die großen, weltweiten Zusammenhänge, politische Umbrüche, Kriege, Terrorangriffe in Deutschland, oder denkt ihr zuerst einmal an ganz persönliche Schicksalsschläge? Eine schwere Krankheit, einen Todesfall, vielleicht dass ihr euren Glauben verliert?

Die Jünger, das weiß Jesus, sie werden schrecklich erschrecken. Sie haben alles für Jesus aufgegeben, haben sich mit ihm auf den Weg gemacht, haben ihr Zuhause verlassen, sie haben ihm vertraut, und jetzt sagt er ihnen, dass er sie verlassen wird. Wie soll es dann weitergehen in ihrem Leben? Sollen sie nach Hause gehen, ganz normale Menschen werden, heiraten, Kinder bekommen, arbeiten, irgendwie durchs Leben kommen, ohne ihn? Sollen sie Menschen werden ohne Auftrag, ohne Sendung, ohne seine Kraft und seinen Trost? .Wird alle Hoffnung mit ihm weggehen? Wie wird es weitergehen, wenn er tot ist? – Und sie haben noch keine Ahnung, wie elend er sterben wird, was man ihm antun wird, ihrem Herrn. Wie sollen sie damit weiter leben können?

Unser Predigttext ist ein Teil der Abschiedsreden Jesu und das Erste, was er ihnen hier sagt ist „Euer Herz erschrecke nicht!“ Jesus weiß, dass sein Weg schwer wird und dass auch ihr Weg schwer wird. Aber das Erste, was er sagt ist „Euer Herz erschrecke nicht!“ Das Herz, das bin ich. Meine Mitte. Mein Vertrauen, mein Glauben. Das Herz ist mein Lebensantrieb. Gründe zu erschrecken gibt es genug in dieser Welt und im ganz persönlichen Leben.

„Wir sind nicht zum Spaß hier!“ heißt das Buch von Deniz Yücel, der ein Jahr und einen Tag in der Türkei im Gefängnis saß. „Wir sind nicht zum Spaß hier!“ Das stimmt auch für uns Christen. Wir haben einen Auftrag. Unser Leben hat einen Sinn, der weit über die Jahre hinausgreift, die wir hier leben werden. „Ihr seid nicht zum Spaß hier!“ hätte Jesus an anderer Stelle vielleicht auch gesagt. Es wird Schrecken geben auch in eurem Leben! Aber ich sage euch: „Euer Herz erschrecke nicht!“

Warum nicht? Was ist die Alternative zum Erschrecken? Glauben ist die Alternative. „Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ sagt Jesus. Vertraut mir. Haltet euch an mir fest. Ich leite euch, ich führe euch, ich bewahre euch. Es gibt keinen Grund zu erschrecken, weil ich da bin. Ihr erschreckt nicht alleine und ich trage euch da durch! Hört nicht auf, zu glauben, was auch kommt!

Immer, wenn Gott Menschen aussendet, wenn er sie in ein neues Land führt oder sie beauftragt, immer nimmt er ihnen zuerst die Angst. Seine Liebe und seine Treue vertreiben die Angst. „Fürchte dich nicht!“ Das haben die Väter Israels gehört, Abraham, als er aufgebrochen ist. „Fürchte dich nicht!“ hat er Mose und Aaron gesagt, als sie nach Ägypten aufgebrochen sind. „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ (Jes 43,1) ruft er auch uns heute durch Jesaja zu. „Fürchte dich nicht!“ sagt der Engel Maria, als sie erfährt, dass sie schwanger ist. Die Hirten auf dem Feld hören es auch und die Frauen am leeren Grab Jesu auch: „Fürchtet euch nicht! Er ist nicht hier. Er ist auferstanden!“

Wovor fürchtest du dich in deinem Leben? Was erschreckt dich? Egal, was für Einsamkeiten, welche Trauer, welche Einschränkungen in deinem Leben noch kommen werden: „Glaubt an Gott du glaubt an mich!“ sagt Jesus. Damit ist nicht alles Schwere weg und es bleibt auch vieles schwer, aber wir haben einen Halt, wir haben Hoffnung, wir sind nie alleine, der auferstandene Herr, er wird uns leiten, trösten, unser Leben sinnvoll und lebenswert machen.

Unser Erschrecken soll nie größer, nie stärker sein, als unser Vertrauen. Nach manchen Heilungen sagt Jesus zu dem Geheilten: „Dein Glaube hat dir geholfen!“ Unterschätzen wir unseren Glauben nicht. Bei Jesus zu bleiben. Uns selber ihm zuzumuten auch wenn unser Glaube ganz klein ist, wenn wir Angst haben und unsere Kraft uns aufgebraucht scheint. Das muss kein großer Glaube sein, aber ein Glaube, der bei Jesus bleibt.

„Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ Das ist nicht die einzige Provokation für jüdische Ohren in diesen Versen. Jesus stellt sich mit Gott auf eine Stufe. Noch deutlicher ist es am Ende des Textes, wo er sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater, außer durch mich!“ „Binitarisch“ nennt man solche Formulierungen. Vom Heiligen Geist redet Jesus an dieser Stelle nicht. Dann wäre es trinitarisch. Dann würde er sagen „Vater, Sohn und Geist sind eins.“ „Binitarisch“ nennt man solche Sätze, in denen Jesus sich mit Gott auf eine Stufe stellt. Vom Heiligen Geist redet er dann erste nach unserem Text im gleichen Kapitel. Vater und Sohn sind im Heiligen Geist gegenwärtig.

„Glaubt an Gott und glaubt an mich! In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen!“ sagt Jesus hier. Und dass er hingeht, um unsere Wohnungen vorzubereiten. Das ist wirklich ein schöner Gedanke! Ich habe ein Zuhause! Und Gottes Haus ist kein Plattenbau. Da gibt es keine Einheitswohnungen. Alle mit denselben Räumen, denselben Bildern, denselben Möbeln.

Stellt euch ein Ehepaar vor, das ein Kind erwartet. Liebevoll richten sie das Kinderzimmer ein. Lange haben sie die Tapete ausgesucht, die Bilder, die sie aufhängen, ein Mobile hängt von der Decke, sie haben die beste Wickelkommode aufgestellt, Windeln und Wäsche gekauft, Plüschtiere ins Regal gestellt und eine Rassel liegt auch schein bereit. Könnte ihr kleines Baby schon denken, würde es sofort erkennen: „Ich bin hier willkommen! Das ist alles für mich! Und die anderen Zimmer sehen ganz anders aus! Das passt ja alles genau für mich hier!“

Jesus geht voran, unsere Wohnungen vorzubereiten. Eine Wickelkommode brauchen wir nicht mehr, aber es wird ganz genau so sein, dass wir sehen: Hier sind wir willkommen! Das hat er alles nur für mich getan! In seines Vaters Haus sind viele Wohnungen und so unterschiedlich wir sind, so verschieden sind unsere Wohnungen.

Einmal musste ich ein kleines Schulkind beerdigen. Die Ansprache hielt ein Kollege aus der Evangelischen Landeskirche. Und er sagte: „Jetzt hat“ – ich weiß den Namen des Kindes nicht mehr, aber Gott hat auch dieses Kind mit Namen gerufen – „jetzt hat er die schönsten Spielzeugautos, die er sich gewünscht hat, Fußballschuhe in seiner Größe und einen eigenen Computer!“ „Darf man das so sagen“, habe ich mich damals gefragt. Ja, das darf man. Das ist natürlich ein Bild. Aber was hätte ein sechsjähriger Junge davon, wenn man sagt, er dürfe jetzt durch die goldenen Gassen Jerusalems laufen und an der Quelle des Lebendigen Wassers sitzen? Das sind ja auch Bilder.

Jesus lügt nicht. Kann er gar nicht. Er selbst ist ja die Wahrheit. Und er geht hin um uns die Wohnungen im Hause des Vaters zu bereiten. Da werden uns freuen, sage ich euch. Alles, was wir da sehen hat die eine Botschaft: Hier bin ich willkommen! Hier bin ich Zuhause! Jesus kommt uns entgegen und holt uns ab, wenn wir sterben. Er kommt auch denen entgegen, die wir lieben, für die er der Weg war in ihrem Leben, die ihm vertraut haben, und holt sie ab in ihre im wahrsten Sinne himmlische Wohnung. Er will, dass wir sind, wo er ist. Darum ist er Mensch geworden. Darum ist er einer von uns geworden. Jesus will, dass wir sind, wo er ist. Beim Vater. In der Herrlichkeit.

Wir wissen den Weg nicht!“ sagt Thomas. Er macht sich um Sprecher der Jünger. Das war nicht nur seine Frage. „Wir können uns nicht vorstellen, (a) wo du hingehst, und (b) wir können uns nicht vorstellen, wie es für uns weitergeht!“ Und jetzt kommt wieder so eine Aussage, die Jesus noch das Leben kosten wird: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich!

Solche „Ich-bin-Worte“ Jesu gibt es einige: Ich bin der gute Hirte. Ich bin die Tür. Ich bin das Brot des Lebens. Ich bin die Auferstehung und das Leben. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Ich bin das Licht des Lebens. Interessant ist, dass der Name Gottes im Alten Testament mit „ich bin“ übersetzt werden kann. „Jahwe“, das heißt, „ich bin“. „Ich bin da“. „Ich bin der ich bin“. „Ich bin unveränderlich.“ Und jetzt sagt Jesus „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“ Ausschließlich er. Nur er ist der Weg zum Vater.

Eine Selbstbezeichnung der ersten Christen ist „die auf dem Weg(Apg 9,2; 19,32; 24,14). Sie sind die, die auf den Spuren Jesu gehen, die mit ihm unterwegs sind. Sie sind die, für die Jesus selbst der Weg durch ihr Leben ist.

Donnerstagabend gab es auf Arte eine Dokumentation. Ein Korrespondent in Russland macht sich auf den Weg in den äußersten Osten des Landes, in den Ort, der am Weitesten im Osten liegt. Fast nur Rentierzüchter leben dort. 5000 km östlich von Moskau. Etwa 2000 km fährt er in einem PKW mit. Über weite Strecken ist die Straße so schlecht wie bei uns Feldwege sind. Der Fahrer fährt mit 30 km/h über die tiefen Schlaglöcher. Sie kommen an einem verunglückten LKW vorbei. Der Fahrer ist unverletzt. Der LKW ist an der Böschung fast umgekippt. Die nächste Werkstatt ist 1000 km weit weg. Sie kommen an einen Fluss, der die einzige Brücke weit und breit eingerissen hat. Straßenbauarbeiter sind schon dabei sie wieder zu richten. Sie müssen zwei Tage warten, bis der Fluss überquert werden kann.

Im letzten Ort, den man noch als Stadt bezeichnen kann, müssen sie in einen offenen Lastwagen umsteigen. Mit PKW kommt man nicht weiter. Auf der offenen Ladefläche fährt man hier mit. Neben ihnen zwölf weitere Personen. Kinder, Erwachsene, eine Studentin, die ihre Eltern besucht, ältere Menschen. Die Fahrt kann drei Tage oder drei Wochen dauern, je nachdem, was man unterwegs vorfindet. Übernachtet wird in mitgebrachten Zelten. Wenn es regnet halten sie sich eine Plane über den Kopf. Unterwegs wird ein Elch geschossen, auch der kommt abgezogen und zerkleinert mit auf die Ladefläche.

Als sie nach etlichen Abenteuern nach acht Tagen ankommen, werden der Reporter und sein Kameramann sehr freundlich begrüßt. Auch die Familie, die sie besuchen, wohnt in Zelten. Rentierzüchter. Nomaden. Sie ziehen weiter, wenn die Tiere kein Futter mehr haben. Vor acht Jahren war der Russlandkorrespondent schon einmal hier.

Der Reporter hatte einen Weg und er hatte ein Ziel. Es gab schwere Etappen und leichtere Wege. Er war nicht allein unterwegs, aber nicht alle sprachen russisch. Sie konnten sich nicht einfach verständigen. Er hat gefroren, Angst gehabt, dass der LKLW umkippt. Aber er hat auch Spaß gehabt. Er hat dem Fahrer vertraut. So ist Jesus der Weg für uns. Er ist unser Weg und unsrer Ziel. Er ist unser PKW und unser LKW, unser Fahrer, und er ist unsere Heimat, unser Zuhause. Unser Lebensweg ist keine Autobahn. Wir sind keine Überflieger ohne Bodenberührung. Streckenweise kommen wir mit dem Sportwagen durchs Leben. Aber es gibt auch die anderen Abschnitte, wo eine Brücke zusammengebrochen ist, wo die reißenden Ströme uns Angst machen und man nur sehr vorsichtig einen Fluss durchfahren kann. Aber er ist der Weg durch unser Leben und hin zum Vater. Einen anderen gibt es nicht. Wer zum Vater will, muss diesen Weg nehmen. Und am Ende werden wir freundlich erwartet.

Jesus lässt und teilhaben an dem, was er ist: Der Weg, die Wahrheit und das Leben. Er und der Vater sind eins. In Vers 7 nach den gelesenen Versen sagt Jesus: „Wenn ihr mich erkannt habt, so werdet ihr auch den Vater erkennen. Und von nun an kennt ihr ihn, denn ihr habt ihn gesehen.“

Gott ist unsichtbar. Gott ist mit unseren Mitteln nicht sichtbar, hörbar, fühlbar zu machen. Aber in seinem Pass, in seinem Ausweis, da finden wir das Bild, das Angesicht Jesu. Wenn du wissen willst, wie Gott aussieht, dann musst du Jesus ansehen. So sieht der Vater aus. „Wer mich sieht, der sieht den Vater“ sagt Jesus in Vers 9.

Er ist die Wahrheit, er sagt uns nicht dies und das, was wahr ist. Er selber garantiert die Treue Gottes, die Liebe Gottes. Alles, was in Gott wahr ist, das ist Jesus. Alles, was Gott bedeutet, haben wir in Jesus. Wahr ist da, was hält. Der Retter, Jesus, hat uns seine Hand entgegengestreckt und wir haben sie ergriffen. Er zieht uns zu sich! Wir könnten die Hand des Retters loslassen, aber er lässt uns niemals los.

Es gibt wirklich Schreckliches im Leben; Schweres, wir können Dinge erleben, nach denen wir das Gefühl haben unsere Seele wird erwürgt, unser Herz hört auf zu schlagen.

Jesus aber sagt:
1 Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!
2 In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? 3 Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin. 4 Und wo ich hingehe, den Weg wisst ihr. 5 Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen? 6 Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Amen.

 
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