Apg 9, 1-9 (und 10-19) Fanatiker wird Christusverkündiger

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Evangelisch-Freikirchliche-Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg, Norbert Giebel, 11.03.2018

Apg 9, 1-9 (und 10-19)   
Fanatiker wird Christusverkündiger

1 Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester 2 und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, dass er Anhänger dieses Weges, Männer und Frauen, wenn er sie fände, gefesselt nach Jerusalem führe. 3 Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; 4 und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich? 5 Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst.6 Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst. 7 Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemanden. 8 Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus; 9 und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht.

Wie sehr können Menschen hassen! Wie fanatisch können Menschen werden! Wie wütend können sie auf andere sein, nur, weil sie anders denken, nur weil sie etwas anderes glauben! Saulus war ein Fanatiker. Ein religiöser Fanatiker. Und das war nicht nur eine Sache des Verstandes. Er war wütend auf die Christen, auf die Häretiker. Er fühlte es wie einen persönlichen Angriff, dass Menschen so einen Unsinn glauben konnten. Er musste Gott verteidigen. In Gottes Namen hat er die Christen verfolgt.

„Die des neuen Weges“ nannten sie sich. Wenn sie diesen Jesus nur für einen Rabbi gehalten hätten mit neuen Ansichten. Das hätte das Judentum vertragen. Das hätte Paulus nicht schnauben lassen. Aber sie haben behauptet, Jesus sei auferstanden, und sie haben zu ihm gebetet! Sie haben ihren Rabbi mit Gott auf eine Stufe gestellt. Das musste man verhindern. Mit aller Gewalt. Schon bei der Steinigung des Stephanus, eines der Diakone von Jerusalem, war er dabei (Apg 7,58). Kurz darauf fing Saulus an, Männer und auch Frauen dieser Irrlehre zu verhaften, einzusperren. Er wollte die Gemeinde Jesu zerstören, ausradieren, das war sein Ziel (8,3). Mit Drohen und Morden zieht er durch Land, schreibt Lukas. Bei wie vielen Folterungen, Steinigungen, Hinrichtungen war Paulus inzwischen dabei gewesen?

Wie sehr können Menschen hassen, scheinbar fromme Motive anführen, um andere zu verfolgen, zu verurteilen. Denken wir nur an die Kreuzzüge, dann merken wir, dass auch Christen von dieser Gefahr nicht frei sind. Auch zwischen Kirchen gab es Verurteilungen und Verfolgungen. Parteiungen, die sich verfeindet gegenüber standen, bis in einzelne Kirchen und Gemeinden hinein.

Saulus war kein harmloser Mensch. Als Inquisitor kam er nach Damaskus. Alle Vollmachten hat er sich ausstellen lassen, um die christlichen Nester im Norden des Landes auszuheben. Es sind nicht die Christen, die ihn von diesem Irrweg zurückholen. Und Paulus selbst war absolut außer Stande, das, was Christen erlebt haben und bezeugen, wovon sie reden, anzuhören und womöglich umzudenken. Gott selbst hat sich ihm in den Weg gestellt. Gott hat an ihm gehandelt. Ein helles Licht hat die unglaubliche Wende in seinem Leben bewirkt. Jesus selbst hat zu ihm gesprochen in diesem Licht.

Das ist wohl immer so, wenn Menschen zum Glauben an Jesus finden: Gott selbst hat an ihnen gehandelt. Gott hat in ihr Leben eingegriffen oder sie haben plötzlich seine Stimme gehört, sein Wort glauben können.

„Saul, Saul, was verfolgst du mich?“ „Wer bist du?“ fragt Saulus. „Ich bin Jesus, den du verfolgst!“ Jesus identifiziert sich mit seinen Menschen, mit denen, die ihn als ihren Herrn bekennen. Wer sie verfolgt, der verfolgt ihn. Das ist heute noch so, wo auf der Welt Christen verfolgt werden. Noch nie in der Geschichte gab es eine Verfolgung von Christen wie in unserer Zeit.

Die Bekehrung des Saulus zum Paulus war äußerst schmerzhaft für ihn. Das Licht Gottes hat ihn im wahrsten Sinn des Wortes aus dem Sattel geworfen. Oder in einem anderen Bild: Sein ganzes Leben liegt in Scherben mit ihm auf dem Boden. Wie sehr hat er sich verirrt! Wie sehr hat er sich verrannt! Wie dumm hat er sein Leben investiert! Wie verblendet war er für Gott, für das Angebot Gottes an ihn und an alle Menschen! Der Tiefpunkt seines Lebens wird für ihn zu einem neuen Anfang. – Das ist ja auch nicht selten, dass Menschen, deren Träume zerplatzen, deren Leben ins Wanken gerät, die scheinbar ganz zerbrochen am Boden liegen, plötzlich Neues hören können, Neues sehen können, für ein ganz neues Leben offen werden.

Manche haben erst über Scherben in ihrem Leben zu dem lebendigen Gott gefunden. Das ist nichts Schönes, aber ich kenne Menschen, die in einer Ehekrise oder nach dem Tod eines Elternteils oder Ehepartners ganz neu nach Jesus gefragt haben. In einem Fall ist ein Sohn in eine Sekte geraten und die Eltern haben neu durchgestartet, sind wieder zur Gemeinde gekommen, haben einen Ort gefunden, an dem sie sich öffnen und reden konnte, und sind engagierte Mitarbeiter geworden.

Das ist nicht die Regel, das muss nicht so sein, aber Saulus musste erste von seinem hohen Ross geholt werden. Manchmal sieht man erst vom Boden aus sein Leben mit anderen Augen. Alleine konnte Saulus nicht wieder aufstehen. Er öffnete die Augen und war blind. Der große Mann der Tat musste sich aufhelfen und führen lassen. Ich will nicht zu viel in diesen Moment hineinlegen. Aber wieder habe ich Menschen vor Augen, Leistungsträger, Manager, die nach einem Burnout Menschen brauchten, die ihnen beim Weitergehen in ihr Leben helfen mussten.

Saulus aber sollte nicht nur wieder gehen und sehen lernen. Er sollte ein neues Leben anfangen. Er sollte Jesus kennenlernen. Dafür braucht er Christen. Menschen des neuen Weges, die mit ihm reden, Zeit für ihn haben. „Steh auf und geh in die Stadt. Da sollst du erfahren, was du tun sollst!“ sagt Jesus. Seine Kumpel, seine Begleiter, die Männer, die bei ihm waren, verstehen es nicht. Auch das muss man erst mal aushalten. Saulus kriegt keinen Beifall. Niemand sagt ihm, dass es richtig ist. Aber er will in Damaskus bleiben. Er sucht einen neuen Weg für sein Leben. Jesus hat ihm gesagt, dass er dort erfahren wird, was er tun soll. Darum bleibt er, sucht, hört, und hält es aus.

Drei Tage ist er blind, weiß nicht, wie es weitergeht. Drei Tage fasstet er, isst und trinkt nichts. Drei Tage betet er. Drei Tage sitzt er vor den Scherben seines Lebens und weiß nicht, wie das wieder geflickt werden soll. – Ich stelle mir vor, viele Christen würden das machen, sich drei Tage zurückziehen, drei Tage beten, drei Tage Gott das eigene Leben hinhalten und endlich auch hören können. Ihr Leben zur Disposition stellen. Vielleicht würden viele verändert heraus kommen. – Drei Tage war Jona im Bauch eines Fisches. Drei Tage lag Jesus in seinem Grab.

Wann kommt man schon einmal dazu, das eigene Leben wirklich auf den Prüfstand zu stellen. Wann hat man schon mal den Mut und die Kraft, etwas ganz anders im Leben zu machen!

Ich lese weiter in Apg. 9, die Verse 10-20:

10 Es war aber ein Jünger in Damaskus mit Namen Hananias; dem erschien der Herr und sprach: Hananias! Und er sprach: Hier bin ich, Herr. 11 Der Herr sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Straße, die die Gerade heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet 12 und hat in einer Erscheinung einen Mann gesehen mit Namen Hananias, der zu ihm hereinkam und ihm die Hände auflegte, dass er wieder sehend werde. 13 Hananias aber antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört über diesen Mann, wie viel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat; 14 und hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle gefangen zu nehmen, die deinen Namen anrufen. 15 Doch der Herr sprach zu ihm: Geh nur hin; denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, dass er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel. 16 Ich will ihm zeigen, wie viel er leiden muss um meines Namens willen. 17 Und Hananias ging hin und kam in das Haus und legte die Hände auf ihn und sprach: Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Wege hierher erschienen ist, dass du wieder sehend und mit dem Heiligen Geist erfüllt werdest. 18 Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen, und er wurde wieder sehend; und er stand auf, ließ sich taufen 19 und nahm Speise zu sich und stärkte sich. Saulus blieb aber einige Tage bei den Jüngern in Damaskus.

Saulus braucht einen Geburtshelfer. Er braucht einen, der ihm von Jesus erzählt, der mit Jesus lebt. Er braucht auch einen, der ihm vertraut, der ihm glaubt, dass sich in ihm etwas verändert hat. Hananias ist ein Christ, den Gott bewegen kann, der ihn hört, der bereit ist zu gehen. Jesus braucht Geburtshelfer für Menschen, an denen Gott gehandelt hat. Zuerst einmal aber erhebt Hananias Einspruch. So geht das nicht, wie Jesus sich das vorstellt, meint er. Dass so jemand wie Saulus zuhört, sich ansprechen lässt, womöglich zum Glauben kommt, das widerspricht aller Erfahrung.

Der Auftrag ist klar. Jesus nennt ihn den Namen und wo er ihn finden kann. „Steh auf, geh in die Straße, die man die Gerade nennt, und frage nach dem Haus des Judas und nach dem Mann namens Saulus aus Tarsus!“ Klarer geht es nicht. Das ist so, als würde Jesus uns sagen, klingele bei deinem Nachbarn Maier, lade deinen Kollegen Müller zum Alphakurs ein, gib deinem Freund Schmidt eine Einladung zu ProChrist. So klar war der Auftrag an Hananias.

Er aber antwortet: „Herr, ich habe viel über diesen Mann gehört. Den Christen in Jerusalem hat er Schreckliches angetan. Das ist ein Unmensch, ein Fanatiker. Er ist nur in Damaskus, um auch hier Christen zu verhaften!“

Ich glaube, es gibt viele Menschen, die nicht sehend werden, die Jesus nicht kennenlernen, weil der Herr keinen Hananias findet. Das Risiko ist zu groß, sich im Namen Jesu lächerlich zu machen, an Ansehen zu verlieren. Mehr würden wir heute in Deutschland ja nicht verlieren. Wer hat schon Lust, sich auf den Weg zu machen und es kommt nichts dabei heraus. Der Kollege, der Verwandte, der Freund ist bestimmt nicht offen für den Glauben, wissen wir. "Saulus, das ist der Mann, der die Christen verfolgt!“ klärt Hananias den Herrn auf.  „Ich will ihn aber zu meinem Werkzeug machen!“ antwortet Jesus. Dann geht Hananias.

Wir treffen uns ja ein bis zwei Mal im Monat reihum bei jemandem aus der Gemeinde zuhause zum Beten. Beim letzten Mal hat jemand für Terroristen gebetet, für die Fanatiker unserer Tage, und sie hat gebetet, dass Gott doch auch heute dort Menschen die Augen öffnen möge, dass er Fanatiker bekehrt und zu Verkündigern des Evangeliums macht. Das fand ich mutig. Und mir war es fremd. Aber darf man nicht so beten wenn man an Saulus denkt? Ich habe mich in der Gebetsgemeinschaft angeschlossen und für dasselbe noch einmal gebetet.

Wie schnell geben wir Menschen auf und denken: Die oder der wird nie zum Glauben an Jesus kommen. Die oder der sind ja so weit weg. Viel zu reich, viel zu beschäftigt, viel zu viel unterwegs, viel zu stolz und von sich selbst überzeugt. Saulus ist ein Beispiel dafür, was Gott möglich ist. Hananias ist ein Beispiel dafür, was er durch Menschen tun kann, die sich von ihm senden lassen.

Als Hananias vor Saulus steht spricht er ihn an und sagt: „Mein lieber Bruder!“ Eine Woche vorher hätte der ihn noch verhaftet, ausgepeitscht vielleicht, dem Richter übergeben. Hananias und viele andere Christen werden ihre Vorbehalte gegenüber Paulus gehabt haben. Aber sie überwinden ihre Vorbehalte im Namen Jesu. Bei Jesus und bei ihnen hat jeder noch mal und noch mal eine Chance, neu anzufangen. „Mein lieber Bruder“! Das ist die volle Anerkennung. Annahme. Du bist einer von uns. Das ist Absolution. Es ist vergeben, was du uns angetan hast. Das ist Gnade. Da wird einer voll angenommen, der das Schlimmste getan hat.

Die Gemeinde Jesu ist eine Gemeinschaft, in der Sünder selig werden, in der Menschen, die aus Gnade zu Gott gehören, gnädig mit anderen Menschen sind. Es reicht, wenn Jesus sagt „Ich will ihn zu meinem Werkzeug machen“. „Siehe er betet!“ sagt Jesus. Jesus führt nicht nur die einfachsten Menschen in seine Gemeinde. Vielleicht sollten wir die viel mehr im Blick haben, die uns nicht so attraktiv erscheinen, zu denen man einen Weg braucht, die Begleitung brauchen. Wo sonst sollten Menschen hin, die vor den Scherben ihres Lebens stehen, die Brüche erlebt haben, vielleicht selber gebrochen sind, wenn nicht zu Christus und zu seiner Gemeinde! Die Gemeinde Jesu ist eine Gemeinschaft von Menschen, denen Gott gnädig ist. Darum sind sie auch zu anderen gnädig.

Hananias legt Saulus von Tarsus die Hände auf. Er betet für ihn und segnet ihn. (Wir hoffen, dass wir das für viele Menschen auch in der nächsten Woche bei ProChrist tun dürfen.) Und Hananias spricht ihm die Verheißungen Jesu zu: „Jesus, dem du auf dem Weg nach Damaskus begegnet bist, er will, dass du wieder sehend wirst und dass du mit seinem Heiligen Geist erfüllt wirst.“ Saulus empfängt den Heiligen Geist und sofort wird er sehnend. Er steht auf und lässt sich taufen.

Hier hat die Taufe ihren Platz: Wenn jemand zum Glauben an Jesus Christus findet und ihm gehören will. Fertig ist Saulus darum noch lange nicht! Die Taufe ist nicht die Krönung eines Prozesses im Glauben und im Leben, sondern der Anfang. Wer glaubt, kann getauft werden, soll getauft werden. Fertig werden wir nie.

Es dauert noch viele Jahre, bis Saulus zum großen Heidenmissionar Paulus wird. Paulus muss lernen, verstehen, die heiligen Schriften neu studieren, er muss noch einige Scherben seines Lebens aufräumen. Erst Jahre später wird er von der Gemeinde in Antiochia als Missionar zusammen mit Barnabas ausgesendet.

Pfingsten, im Mai, haben wir die nächste Taufe hier. Wer sich taufen lassen möchte, kann sich gleich nach dem Gottesdienst bei mir melden. – Lukas schreibt: „Saulus stand auf und ließ sich taufen!“ Saulus hat nicht gewartet. Wenn ich heute ja sagen kann, warum sollte ich bis morgen warten? Es gibt Christen, die ihr Damaskuserlebnis schon lange hinter sich haben. Bei ihnen müsste es heißen: „Sie haben den Glauben und den Heiligen Geist empfangen, dann warteten sie eine ganze Zeit“ ... Und dann müsste es weitergehen: „Dann standen sie auf und ließen sich taufen.“

Ich könnte noch weiterlesen in der Apostelgeschichte. Paulus ist noch nicht fertig. Er wird sich noch weiterentwickeln. Aber er fängt sofort an nach der Taufe Jesus, den Christus, als den Auferstanden zu verkündigen.

Was Gott damals möglich war, tut er auch noch heute.

  • Lass dir von Menschen aufhelfen.
  • Geh dahin, wo Jesus zu dir sprechen kann.
  • Halte es aus, wenn du dein Leben neu sortieren musst.
  • Sei ein Hananias, den der Herr senden kann.
  • Lass dir die Hände auflegen und für dich beten.
  • Steh auf und lass dich taufen.

Ich gehe nach dem Gottesdienst in den kleinen Gebetsraum.
Wer möchte, kann zu mir kommen, reden und beten.

Amen.

 
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