Jesaja 52, 13-53,12 Der leidende Gottesknecht (Karfreitag)

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg ,
Norbert Giebel, Karfreitag 30.03.2018

Jesaja 52,13 – 53,12                  Der leidende Gottesknecht

Unser Predigttext heute ist ein Lied, ein prophetisches Lied. Das Volk Israel ist gefangen, verschleppt, fern der Heimat, als ein Prophet in Babylon dieses Lied singt. Wir befinden uns im 6. Jhdt. vor Christi. Politisch ist viel los. Der Perserkönig Kyros hat die Babylonier besiegt. Ein Weltreich löst gerade das andere ab. Ist Kyros vielleicht ein Werkzeug Gottes? Wird das Volk wieder nach Israel zurückkommen? Wie geht es weiter in dieser Welt? Wo will Gott hin mit dieser Welt? In dieser Zeit schenkt Gott einem Mann eine große Prophetie. Sie geht weit über die aktuelle Situation des 6. Jhdt. hinaus. Wir finden das Lied im Buch Jesaja ab Kapitel 52 Vers 13 und es fängt so an:

13 Siehe, meinem Knecht wird's gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. 14 Wie sich viele über ihn entsetzten – so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch und seine Gestalt nicht wie die der Menschenkinder –, 15 so wird er viele Völker in Staunen versetzen, dass auch Könige ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn was ihnen nie erzählt wurde, das werden sie nun sehen, und was sie nie gehört haben, nun erfahren.
1 Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und an wem ist der Arm des HERRN offenbart? 2 Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. 3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.

Gott selbst spricht in diesem Lied. Er redet von einem Knecht. Über 500 Jahre vor Jesu Geburt.   Ein Knecht muss kein niedriger Diener sein. Gott redet von einem, der in seinem Namen handelt, den er bevollmächtigt, und der es schafft, dass Gottes Ziele erreicht werden. Ihm wird gelingen, was noch keinem gelungen ist. Selbst Gott ist es vorher nicht gelungen. Dieser Knecht ist es, mit dem Gottes Plan ans Ziel kommt. Er wird erhöht werden, über alles wird er erhaben sein. Alle werden sehen dass er der Sieger Gottes ist, dass Gott in ihm zu seinem Sieg kommt.

Aber er wird hässlich sein. Er wird keine königliche Statur haben. Es wird kein Glanz von ihm ausgehen. Aus dürrem Erdreich wird er hervorgehen. Aus armen Verhältnissen. Und er wird verachtet werden. Leid wird ihn auszeichnen. Für wertlos wird er geachtet. So etwas wie ihn will keiner sehen. Das will keiner aushalten. Würde das einmal verfilmt werden, was dieser Knecht leidet, niemand wollte es sehen. Niemand könnte es aushalten. So schrecklich wird es diesem Knecht ergehen.

Und keiner weiß, wen der Prophet damals in Babylon gemeint hat. An wen hat er gedacht? Wen hat er besungen? Wie hat er sich diesen Knecht Gottes vorgestellt? Sollte er den Perserkönig Kyros gemeint haben? Oder einen neuen König Israels? Einen großen Propheten? Vielleicht sich selbst? Oder einen großen Soldaten, einen Feldherrn, der sein Leben gibt für das Volk? Wer ist dieser leidende Gottesknecht? Oder war mit dem Knecht das Volk Israel gemeint? Ein Volk das leidet für die Schuld der ganzen Welt? – Aber der Prophet singt doch von einer Person, von einem Knecht, von einem Mann, dem es gelingen wird oder gelang, dass Gottes Plan in Erfüllung geht!

Menschen, die es noch nie vorher gehört haben, denen es noch nie einer erzählt hat, – ich übersetze: Menschen, die Gott nicht kannten, die keine Ahnung von ihm hatten – , sie werden es erkennen, sie werden es hören, sie werden es erleben! Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Prophet in Babylon schon daran dachte, dass Heiden, Nichtjuden, andere Völker diesen Knecht erkennen und erleben werden. Aber es heißt eindeutig, dass die, die noch nie davon gehört haben, es dann sehen und erleben werden. Was ist das für eine Prophetie!!

Das Stichwort Glauben kommt auch vor. Wer wird ihm glauben? Wer wird in diesem Knecht den starken Arm Gottes, den Retter-Arm Gottes erkennen? Wer wird ihm vertrauen? Das scheint nicht selbstverständlich zu sein: Es wird viele geben, die ihn nicht erkennen. Menschen, die sich einen von Gott Bevollmächtigten anders vorgestellt haben. Wie geht es weiter in dem Lied? (53, 4-7)

4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. 6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. 7 Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.

Man hat den Eindruck, dieser Jesaja in Babylon aus dem 6. Jhdt. war dabei, als Jesus gekreuzigt wurde. Als hätte er Jesus gekannt. Unsere Krankheit, unsere Dummheit, unsere Gottesferne, unseren Egoismus hat er getragen. Unsere Schmerzen hat er ertragen, das, was wir verdient hätten, was zu unserer Krankheit gehört, hat er auf sich genommen. Und zwar freiwillig. Ohne zu Murren. Er wusste, was er tut, und er wusste, wie er leiden würde.

Maximilian Kolbe war ein unbekannter katholischer Priester. Er hat in Ausschwitz freiwillig sein Leben gegeben, damit ein anderer leben kann. Häftlinge im KZ Ausschwitz sollten sterben, weil andere Häftlinge geflohen waren. Es wurde abgezählt. Zehn sollten sterben. Neben Maximilian Kobe muss ein Familienvater vortreten. Er zittert und bettelt. Er hat Frau und Kinder. Maximilian Kolbe bietet sich selbst an, als Tausch. Der Vater darf leben, er überlebt Ausschwitz! Der Priester Kolbe aber geht mit neun anderen in den Hungerbunker. Zwei Wochen später ist er tot. Elend gestorben. – So einer wird der Knecht sein, den Gott den Propheten sehen lässt. Nicht nur für einen, sondern für die Vielen, das ist eine hebräische Redeweise und meint für alle, für alle wird er sein Leben geben. Stellvertretend. Er weiß, was er tut, warum er das tut, und er weiß, was auf ihn zukommt.

Wir haben ihn nicht erkannt, sagt der Prophet. Wir hielten ihn von Gott gemartert, von Gott gestraft, singt er. Wir gingen alle in die Irre, jeder sah nur auf seinen Weg, auf den eigenen Vorteil, aber der HERR, Gott selbst, er warf unsere Sünde auf ihn.           Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten.

Was Jesaja, der Prophet in Babylon, noch nicht gesehen hat, ist, dass Gott selbst in diesem Knecht leidet. Gott lässt in Jesus nicht einen anderen leiden, um unsere Schuld zu sühnen.
Gott lässt nicht seinen Sohn martern, um an sein Ziel zu kommen. Gott selbst leidet am Kreuz. Er und der Sohn sind eins. Gott selbst tritt in Jesus einen Schritt nach vorne und sagt: „Nicht der soll sterben und die und der und die und die vielen. Ich werde sterben, elend sterben, damit sie leben können!“

„Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (V5)

Durch das Leiden dieses Knechtes erkennen viele erst, wie verkehrt sie sind, wie ichbezogen sie leben, wie weit sie von Gott weg sind. „Wir gingen alle in Irre!“ Ich las von einem Journalisten oder Verleger den Satz: „Für mich ist Jesus Christus nicht gestorben! Ich habe nichts getan, wofür ein Mensch sterben müsste!“ Am Kreuz aber erkennt man nicht nur Gottes Liebe, seine Gnade für uns, sondern auch seinen Ernst, seine Heiligkeit. Gott ist absolut Liebe, Gerechtigkeit, Licht. Alles, was nur einen Funken Lieblosigkeit, Ungerechtigkeit, Dunkel in sich hat, muss vor ihm vergehen. Das kann Gott auch nicht abstellen. Das ist sein Wesen. Wie alles Dunkel vernichtet wird, kein Bestehen im Licht hat, so vergeht alles Böse, alle Lüge, alles Geizige, alles Egoistische vor Gott. Kein Mensch könnte zu Gott kommen, weil in jedem die Sünde wohnt.

Bei Sünde denken manche an Mord und Totschlag, Lügen und Betrügen, an Ehebruch, an Gotteslästerung. Aber Sünde ist mehr als ein gebrochenes Gebot. Sünde ist „Zielverfehlung“. Der Mensch ist durch die Sünde nicht das, was Gott sich eigentlich gedacht hat. Im ersten Buch Mose (1,26) wird uns berichtet, dass Gott den Menschen ursprünglich als sein „Ebenbild“ geschaffen hat. Das bedeutet, dass der Mensch wie ein Spiegel das Wesen Gottes reflektieren sollte. Nur ein kurzer Blick in die Geschichte und auch nur ein kurzer Blick in mein eigenes Leben reichen aus, zu beweisen, dass der Mensch das nicht tut. Wir reflektieren nicht die Liebe Gottes. Wir leben nicht als seine Ebenbilder, in denen er sich zeigen kann. Wir haben als Menschheit und als einzelne Menschen unser Ziel verfehlt.

Paulus Worte aus dem Römerbrief sind weltberühmt: „Alle Menschen sind Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.“ (Römer 3,23) „Und sie werden gerecht vor Gott ohne Verdienst allein aus Gnade!“ (V24) – Fast 600 Jahre vorher hat ein Prophet ein ganz ähnliches Lied gesungen: „Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Jesus hat dieses Lied auf sich bezogen: „Ich gebe mein Leben als Lösegeld für die Vielen!“ hat er gesagt (Mark 10,45) Matthäus schreibt in seinem Evangelium: „Er trieb böse Geister aus und machte alle gesund, damit erfüllt würde, was der Prophet Jesaja gesagt hat: Er hat unsere Schwachheit auf sich genommen und unsere Krankheit hat er ertragen!“ (Matth 8, 16-17)

Vgl. auch 1. Petrus 2, 21-24: „Dazu seid ihr berufen worden; denn auch Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt.  Er hat keine Sünde begangen, und in seinem Mund war kein trügerisches Wort.  Er wurde geschmäht, schmähte aber nicht; er litt, drohte aber nicht, sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter. Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für die Sünden und für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt.“

Wir lesen den letzten Teil des Liedes: (53, 8- 12)

8 Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wen aber kümmert sein Geschick? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat seines Volks geplagt war. 9 Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist. 10 Aber der HERR wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und lange leben, und des HERRN Plan wird durch ihn gelingen. 11 Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. 12 Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben dafür, dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.

Das Buch Jesaja gehört zu den Heiligen Schriften des Judentums. Auch Muslime anerkennen Jesaja als einen Propheten Gottes. Es ist mir ein Rätsel, wie man in diesem alten Text keine Prophetie auf Jesus erkennen kann. Er wird aus dem Land der Lebendigen gerissen. Er wird begraben, obwohl er kein Unrecht getan hat und in seinem Mund keine Lüge war. Wenn er sein Leben als Schuldopfer gegeben hat, wird er viele Nachkommen haben, viele Nachfolger, und er wird lange leben! Wie soll das gehen, wo er doch gestorben ist? Er wurde unter die Übeltäter gezählt und er hat für die Übeltäter gebetet: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Das war das Gebet Jesu. Das ist sein gebet bis heute.

Knapp 600 Jahre nach dem Lied Jesajas ist ein anderer Knecht unterwegs. Auch ein hoher, einflussreicher Knecht. Er kommt aus Äthiopien und war in Jerusalem. Er hat sich dort eine Jesaja-Rolle gekauft und liest gerade das alte Lied als Jesaja 53. „Wer ist dieser Knecht? Wen meint der Prophet?“ fragt er sich. Da nimmt er einen Anhalter mit. Der Christ Philippus erzählt dem reichen Beamten aus Äthiopien von Jesus. Jesus von Nazareth, er ist der Knecht, von dem hier die Rede ist.

  • Jesus, der Gekreuzigte, er war der Bevollmächtigte Gottes.
  • Von ihm haben sie gedacht, Gott selbst habe ihn gestraft.
  • Er hat so Schreckliches erlebt, was niemand mit ansehen kann.
  • Ihm ist es gelungen, was Gott von Anfang an gewollt hat: Dass alle Menschen zu ihm kommen können!
  • Aber wer wird im glauben? Wer wird Gottes starken Arm darin erkennen?

Der Anhalter Philippus erklärt es dem Schatzmeister aus Äthiopien. Und er kommt auch auf die Taufe zu sprechen. Sie kommen an einem kleinen See vorbei. „Hier ist Wasser, spricht etwas dagegen, dass ich getauft werde?“ fragt der Afrikaner. „Wenn du von Herzen an Jesus glaubst, kannst du getauft werden!“ sagt Philippus. „Ich glaube!“ sagt der Äthiopier. Dann steigen sie aus und er wird getauft. Und wieder ist einer gewonnen, wieder gibt es einen Nachfolger mehr, wieder hat einer in dem leidenden Gottesknecht Gotts starken Arm erkannt und hat zugegriffen. – Umkehren und sich taufen lassen, das ist die beste Reaktion auf das, was der Knecht Gottes getan hat.

Amen.

 
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